Recht zur Selbstbestimmung

Amerikaner und ihre Feuerwaffen

(Frankfurter Runschau)

Als in der Grundschule von Newtown am vergangenen Freitag die ersten Schüsse fielen, horchten die meisten Anwohner des pittoresken Neu England Örtchens, das jeder dort als „zutiefst friedlich“ beschreibt, nicht einmal auf.  Man dachte sich nichts dabei, das Bellen von Schusswaffen gehörte in dieser Stadt zum Alltag. 

 Das beängstigende Arsenal, das die brave Hausfrau und Mutter Nancy Lanza in ihrem Wohnzimmer aufbewahrte, ist nichts Außergewöhnliches in dieser ländlichen Ecke von Connecticut. Das gute Dutzend Schießbahnen, in der unmittelbaren Umgebung des 20,000 Einwohner Ortes, hat zum Teil monatelange Wartelisten. Als der Polizeichef von Newtown im vergangenen Jahr versuchte, den Schusswaffengebrauch  wenigstens aus den Wohngebieten zu verbannen, handelte er sich einen Feuersturm der Entrüstung ein. „Waffen sind der Grund dafür, dass dies ein freies Land ist“, protestierte ein stolzer Waffenbesitzer.

Newtown ist typisch für das ländliche Amerika. Außerhalb der großen urbanen Regionen sind die USA bis an die Zähne bewaffnet. Und wenn man nach der Begründung für die Aufrüstung der privaten Haushalte fragt, wird man meist etwas Ähnliches hören, wie von dem guten Mann aus Newtown, der nicht wollte, das man ihm verbietet direkt vor seinem Wohnhaus herum zu ballern.

Das Recht des Individuums Waffen zu tragen ist im Diskurs der politischen Rechten in den USA eng mit der individuellen Freiheit verzahnt. Die konservativen Ideologen haben es in den vergangenen 30 Jahren geschafft, ihr Kernprogramm, die Befugnisse   der Bundesregierung so weit als möglich einzuschränken, eng an den Waffenbesitz zu knüpfen. „In case the government comes for my shit“, ist die lapidare aber ganz ernst gemeinte Begründung vieler Amerikaner dafür, sich wie Nancy Lanza einen Waffenschrank zu halten.

Die Argumentation geht in diesen Diskussionen stets auf die vermeintlich ursprüngliche Intention des zweiten Verfassungszusatzes zurück.  Das Recht auf Waffenbesitz, das 1781 in die Verfassung aufgenommen wurde, war ein Zugeständnis an die Vorläufer der heutigen Konservativen, die Anti-Föderalisten. Es sollte den Bundesstaaten die Möglichkeit geben Bürgermilizen aufzustellen und somit die Übermacht einer starken Bundesregierung zu verhindern. Man wollte im neuen Amerika unter allen Umständen verhindern, dass die Kolonialmacht durch eine neue Tyrannenherrschaft ersetzt wird.

In den Händen der heutigen konservativen Ideologen wurde dieses Recht zu einer Metapher für „Self reliance“, jene Selbstbestimmtheit, die der amerikanische Romantiker Ralph Waldo Emerson 1841 in seinem berühmten Essay zum Kern der amerikanischen Identität ernannte. Mit dem Gewehr in der Hand kann der Amerikaner sich auch heute noch so fühlen, wie seine Vorfahren, die ganz auf sich alleine gestellt dieses weite Land erobert haben. Auch wenn der moderne Waffenbesitzer in einem Reihenhaus in Connecticut lebt und Versicherungen verkauft.

Wenn man heute die Vehemenz dieses Glaubens daran, dass die Knarre die Freiheit und Selbstbestimmtheit des Einzelnen garantiert, betrachtet,  dann könnte man glauben, es handele sich um eine amerikanische Urüberzeugung. Erstaunlicherweise ist der Zusammenhang zwischen der Waffe und der Freiheit des Einzelnen jedoch eine vergleichweise neue Entwicklung. Bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hielten es auch konservative Amerikaner nicht für nötig, sich mit einer Schusswaffe ihrer individuellen Freiheiten zu versichern.

Die ersten, die das Thema auf die nationale Agenda brachten, auch das ist erstaunlich, war nicht etwa die Waffenlobby. Vielmehr war es der radikale Flügel der Bürgerrechtsbewegung, der den zweiten Verfassungszusatz als Recht der individuellen Aufrüstung gedeutet sehen wollte. Es war Malcolm X, der 1964 als erstes in einer Rede behauptete, dass der zweite Verfassungszusatz „Dir und mir das Recht gibt, ein Gewehr oder eine Pistole zu kaufen.“

Die mächtige National Rifle Association, die heute mit ihren Lobby Milliarden jegliche Waffenregulierung verhindert, war damals noch auf der anderen Seite. Als nach den Ermordungen der Kennedys und Martin Luther King 1968 die Waffengesetze verschärft wurden, unterstützte die NRA noch die Rechtsprechung.

Doch genau in dieser Zeit wurde die politisch-ideologische Landschaft in den USA neu sortiert. Die konservative Bewegung organisierte sich als Reaktion auf die Gegenkultur der 60er Jahre. Die amerikanische Öffentlichkeit begann sich zu Polarisieren. Politik wurde zum Kulturkampf und die NRA schlug sich, unter ihrem neu gewählten Anführer Harlon Bronson Carter, auf die Seite der Konservativen.

Carter brachte die NRA nach Washington und begann die berüchtigte Lobbyarbeit seiner Organisation, die es heute schafft beinahe jeden Politiker in der Hauptstadt als Geisel zu nehmen. Ohne die NRA wird kein Senator in den USA gewählt und schon gar kein Präsident. Gleichzeitig finanzierte die NRA eine Serie an „Studien“ von Rechtswissenschaftlern, die den zweiten Verfassungszusatz nicht als des Recht eines Staates, eine Bürgermiliz zu halten auslegt, sondern als Recht des Individuums auf Waffenbesitz. Ein „gigantischer Betrug“, wie der oberste Bundesrichter Wrren Burger sagte.

Es war ein immenser Akt der historischen Revision. Die Pistole gewann mythischen Status, reflektiert nicht zuletzt in der Popkultur der 70er Jahre. Dirty Harry wurde ebenso geboren wie der Italo-Western. Der Wilde Westen wurde, wie Adam Winkler jüngst in seinem Buch „Gunfight“ aufzeigte, viel wilder gemacht, als er das je war. In Wirklichkeit, schreibt Winkler, mussten nämlich in den meisten Städten des Westens jeder Besucher seine Pistole beim Sherriff abgeben. Die Waffenkontrolle war wesentlich effektiver als im heutigen Amerika.

Der Preis dieser Ideologisierung des Waffenbesitzes ist, wie wir heute wissen, immens. Newtown ist nicht einmal die Spitze eines Eisberges, bestenfalls eine Schneeflocke auf einer solchen Spitze. 30000 Menschen kommen in den USA heute jährlich durch Schusswaffen um.

Die Tatsache, dass es diesmal weiße Kinder in einer mustergültigen Kleinstadt erwischt hat, hat es nun zumindest möglich gemacht, die Debatte neu zu eröffnen. In den vergangenen Tagen hören sogar konservative Senatoren aus ländlichen Gegenden hin, wenn über Waffenregulierung gesprochen wird. Dort, wo jeden Tag durch Schießereien Kinder und Jugendliche umkommen, in den schwarzen und hispanischen Ghettos, nimmt man das mit einigem Zynismus zur Kenntnis. In diesen Gegenden ist die Todesrate durch Handfeuerwaffen um das 150fache höher, als in der Gesamtbevölkerung und das seit Jahrzehnten. Eine nationale Diskussion über schärfere Waffengesetze hat diese Tatsache jedoch nicht ausgelöst.

 

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