Pocahontas wußte es besser

  • Pocahontas
Ein Gespräch mit Klaus Theweleit, Professor an der Akademie der Künste in Karlsruhe, über die 400-Jahr-Feier von Jamestown und die Gründungsmythen der USA

(taz)

Klaus Theweleit ist Professor für Kunst und Theorie an der Akademie der Künste in Karlsruhe. 1999 veröffentlichte er den „Pocahontas-Komplex" eine Studie zur Legende um das Indianermädchen Pocahontas und den englischen Siedler John Smith. Das Buch demontiert die Legende, die zum Gründungsmythos von Amerika geworden ist und schreibt die amerikanische Geschichte neu, indem es Amerika als koloniale Projektion Europas konstruiert. Pocahontas und Smith lebten in Jamestown, der ersten dauerhaften britischen Kolonie in Amerika, die an diesem Wochenende 400 Jahre alt wird.

Herr Theweleit, am 11. Mai feiern die USA mit großem Tamtam den 400.ten Jahrestag der Gründung von Jamestown in Virginia. Was feiern die Amerikaner da eigentlich?

Nun, zunächst einmal feiern sie die Tatsache, dass 1607 drei britische Schiffe an jenem Fluss landeten, den sie später nach ihrem König James River nannten. Die Besatzungen gründeten die erste dauerhafte englische Siedlung auf amerikanischem Boden. Es war die Gründung der englischsprachigen USA, wie wir sie heute kennen.

Und was bedeutet das Ereignis heute für die Amerikaner?

In der populären Imagination dominiert bis heute vor allem die Pocahontas Legende. Pocahontas war die Tochter des Algonkin-Häuptlings Powahatan. Powahatan wollte nach dieser Legende dem gefangen genommenen Engländer John Smith den Schädel zer-trümmern, doch seine Tochter rettete Smith das Leben. Daraus entspinnt sich eine gemischtrassige Liebesgeschichte, die später zum amerikanischen Gründungsmythos erwächst. Es ist allerdings höchst zweifelhaft, ob sich diese Ereignisse auch zugetragen haben. Der Lebensrettungsakt durch Pocahontas taucht in John Smiths Aufzeichnungen erst 1624 auf, in den ersten Berichten der Mission fehlt er vollständig. Zur großen Romanze wird die vermeintliche Verbindung von Pocahontas und Smith erst durch die Romane von John Davis aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Welches Selbstbild entwirft Amerika durch den Pocahontas-Mythos?

Nun, die Tatsache, dass Pocahontas aus Liebe zu den Siedlern überläuft, wird als Berechtigung der Kolonialisten zur Landnahme gedeutet. Pocahontas wird zu einer zen-tralen Figur der Kolonialisierung. Ihre Geschichte wurde allerdings historisch immer wieder zur Untermauerung des jeweils aktueslten Diskurs umgedeutet.. So gab es in den Siebziger Jahren einen großen Streit unter Feministinnen, ob Pocahontas eine Verräterin war, oder ob der freie Liebesakt nicht vor allem eine Emanzipation von der Vaterkultur war. Neil Young gesteht in der Hippie-Zeit in seinem Pocahontas-Song den Indianern ihr eigenes Land zu, schwelgt jedoch gleichzeitig in Fantasien davon, wie es sich wohl anfühlen würde, mit Pocahontas zu schlafen. Im Disney-Film Pocahontas von 1995, der Ära der Political Correctness, ist Pocahontas eine Figur, die für die Versöhnung der Rassen und für Gleich-berechtigung steht.

Die Ära der Political Correctness ist ja nun vorbei. Was erwarten Sie anlässlich der diesjährigen Feiern für Neuinterpretationen von Pocahontas?

Ich bin darauf gespannt. Es wird sich sicherlich vor dem Hintergrund von 9/11 und dem Kampf gegen den Terror abspielen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man eine Pocahontas aus dem Iran oder aus Afghanistan erfindet. In Afghanistan ist das ja schon versucht worden, mit den Bildern von Frauen, die sich von der Burka befreien und zur Wahlurne gehen. Wann immer kolonialistische Interessen verfolgt werden, wird das ja gerne durch den Vorwand der Emanzipation verbrämt. Die Rhetorik von Freedom and Democracy wird mit rassistischen Motiven untermauert. Und dafür eignet sich Pocahontas bestens.

Das heißt Pocahontas muss für die Legitimierung des Kolonialisms herhalten. Und das gelingt mittels der Verwandlung der historischen Pocahontas-Geschichte in eine Love-Story.

Ja, da ist zum einen die Love-Story. Der andere zentrale Aspekt ist die Religion. Nachdem John Smith Pocahontas im Stich lässt, heiratet sie den Siedler John Rolfe. Rolfe bringt sie nach England und christianisiert sie. Sie wird dem englischen Hof als Beweis dafür vorgeführt, dass die Wilden gar nicht so schlimm sind. Pocahontas macht Reklame für die Kolonien. Es gab damals in England zwei Fraktionen, die eine, die an die Missionierung glaubte, also daran, dass die Ureinwohner einen guten, christianisierbaren Kern besitzen und die andere Fraktion, die für Landnahme und Ausrottung war. Pocahontas sprach eindeutig für die Missionierung.

Aber die Landnahme und die Ausrottung haben sich doch in den USA viel eher durchgesetzt. Es konkurrieren in den USA zwei Gründungsmythen. Da ist Jamestown auf der einen Seite und die puritanische Siedlung Plymouth in Massachussetts auf der anderen Seite. Und obwohl Plymouth erst 14 Jahre nach Jamestown gegründet wurde, ist Plymouth der deutlich erfolgreichere Mythos. Sie werden beim Plymouth-Jubiläum wesentlich ausgiebigere Feierlichkeiten erleben, als jetzt in Jamestown.

Woran liegt das?

Das liegt vor allem am Bürgerkrieg. Plymouth ist der Mythos des Nordens, Jamestown der des Südens. Bis zum Bürgerkrieg beriefen sich die USA auf Jamestown, seit dem Sieg des Nordens eher auf die Mayflower, die in Plymouth gelandet ist. 1848 wurde noch ein Gemälde von Pocahontas' Taufe für das Kapitol in Washington angefertigt. 1864 wurde es wieder getilgt.

Und mit Plymouth hat sich das Paradigma der von Gott gewollten Landnahme durchgesetzt?

Ja, das steckt dem ganzen Bible Belt und den George Bush-Wählern in den USA in den Knochen. Sie haben im Namen des Herren Amerika erobert,und sie werden es nicht so schnell wieder hergeben. Das ist wie die Argumentation der Israelis gegenüber den Palästinensern.

Sie versuchen in Ihrem Buch dem Pocahontas-Mythos die Realität von Jamestown gegenüber zu stellen. Welches Bild müsste sich Amerika von sich selbst machen, wenn es sich nicht auf den Mythos sondern auf die historische Wirklichkeit beriefe?

Pocahontas hat bis zu ihrem Tod zusammen mit John Rolfe in Jamestown als Tabakfarmerin gelebt. Zunächst einmal müsste man eingestehen, dass die wirtschaftliche Grundlage der Kolonie Tabak war – was heutzutage im Zug der Anti-Drogen-Hysterie undenkbar wäre. Im Disney-Film etwa baute Rolfe Mais an. Darüberhinaus müsste die USA ihre Geschichte des gewaltsamen Kolonialismus eingestehen.

Weil die Ehe zwischen Rolfe und Pocahontas eine funktionierende gemischtrassige Verbindung war und somit der Zwangsläufigkeit des Genozids widerspricht

Ganz genau. Bis zum Bürgerkrieg galt Pocahontas als „mother of us all", als Mutter Amerikas. Wer den Mischlingssohn von Pocahontas und Rolfe, Thomas Rolfe, in seinem Stammbaum nachweisen konnte, gehörte zu einer Art amerikanischem Hochadel. Doch stattdessen wurde Rassenmischung in Amerika nach 1864 ausgeschlossen. Wenn sich das Paradigma Jamestown durchgesetzt hätte, wäre die amerikanische Geschichte sicher ganz anders abgelaufen. Die USA wären von der Rassenmischung her eher Mexiko ähnlich geworden. Der Konflikt zwischen Norden und Süden hätte so nicht stattgefunden, das Schwarzenproblem hätte es nicht in dieser Form gegeben. Stattdessen ist heute jedoch der Völkermord gerichtlich anerkannt, und man ist sogar stolz darauf.

Aber es gibt doch in den USA auch schon seit langer Zeit alternative Geschichts-schreibungen und Revisionen. Es gibt doch reichlich Stimmen, die den Genozid zugeben.

Ja, sicher, es gibt ja nicht nur ein Amerika, es gibt 20 Amerikas. Das Land ist in der Mitte gespalten. Die Großstädter an der Ostküste werden sicher ohne zu Zögern den Genozid an den Indianern eingestehen.

Was bedeutet denn das Jamestown-Jubiläum für Europa?

Jamestown hätte Europa viel zu sagen. Anhand von Jamestown könnten Europa und Amerika beide ihre koloniale Vergangenheit reflektieren. Shakespeare hat damals schon, 1610, das zeige ich in meinem Buch, in seinem Stück „Der Sturm" darüber nachgedacht, was die Neue Welt für die alte Welt bedeutet und wie sie sich gewissermassen gegenseitig kolonialisieren. In diesem Sinne könnte man beispielsweise auch über den Kultur-Kolo-nialismus reden, der von Amerika ausgeht. Es gäbe also viel zu sagen, aber leider bedeutet den meisten Menschen hier in Europa Jamestown gar nichts. Das merke ich schmerzlich an der Auflage meines Buches.

Download Zeitungsartikel (648 KB)

Go to top