Ein Joint geht immer

Die USA geben sich im Krieg gegen die Drogen geschlagen

(Frankfurter Rundschau)

Irgendwann kommt bei fast jeder Party in New York der Moment, an dem irgendjemand einen Joint auspackt und das nicht nur unter Studenten oder Szenegängern. Auch unter Financiers oder Anwältin wird das Kraut weder verhohlen noch heimlich geraucht sondern offen, meist begleitet von der Frage ob jemand mit auf die Feuerleiter oder Dachterrasse kommen möchte um einen Zug zu nehmen.

 

Der Gebrauch von Cannabis sowie den verschiedensten Kokainprodukten ist, wiewohl illegal, in US Städten wie New York alltäglich. Offizielle Schätzungen, dass in New York ein Prozent der Bevölkerung, also etwa 80,000 Menschen, 200 Dollar pro Woche für Drogen ausgeben, dürften als eher konservativ gelten. Dennoch ergibt diese Zahl ein atemberaubendes Konsumvolumen: Alleine in New York werden wöchentlich 16 Millionen Dollar für Drogen ausgegeben oder 832 Millionen pro Jahr.

New York ist zwar der größte Drogenmarkt des Landes aber beileibe nicht der einzige. Die USA sind mit Abstand weltweit der größte Drogenkonsument. Laut einer Regierungsstudie benutzen 22 Millionen Amerikaner im Alter von über 12 Jahren illegale Drogen. Das sind rund 9 Prozent der Bevölkerung, Zusammen geben sie geschätzte 60 Milliarden Dollar im Jahr für die Berauschung aus.

Die überwiegende Mehrheit des Geldes fließt in den Marihuana-Konsum – die Freizeitdroge Nummer Eins. 17 der 22 Millionen amerikanischen Drogennutzer sind Cannabis-Raucher, gefolgt von Nutzern psychoaktiver Medikamente wie Amphetaminen, Stimulanzien oder Schmerzmitteln mit etwa 7 Millionen. Etwa anderthalb Millionen benutzen Kokain, die Anzahl der Methamphetamin-Nutzer immerhin ist um die Hälfte zurück gegangen seit die Vorstoffe Ephedrin und Pseudoephedrin stärker reguliert werden.

Dass die USA Weltmeister in der Selbstberauschung sind erstaunt angesichts der Tatsache, dass das Land die größte und reichste Industrienation ist zunächst nicht. Betrachtet man den Aufwand, mit dem die amerikanische Regierung seit nunmehr 40 Jahren versucht, dem Drogenproblem im Land Herr zu werden, sind die Rekordzahlen jedoch frappierend.

Zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar pro Jahr geben die USA aus, um die Drogenzufuhr auf den US-Markt abzuschneiden und die Händler so wie die Nutzer von der Straße zu holen. Mehr als eine Billion, schätzt man, hat das Land schon bezahltn, um seine Bürger auszunüchtern, seit Präsident Nixon im Jahr 1971 martialisch den Rauschmitteln den Krieg erklärt hat. Ob auch nur einer dieser Dollars tatsächlich sinnvoll investiert wurde, wird jedoch gerade in den letzten zwei Jahren immer stärker angezweifelt. Selbst innerhalb der USA setzt sich langsam die Erkenntnis durch, die 2011 von der UN Kommission für Drogenpolitik artikuliert wurde, dass nämlich der sogenannte „Krieg gegen die Drogen" weltweit ein Fehlschlag war.

„Man muss nur eine Zahl kennen, wenn man das unlösbare Problem des illegalen Drogenhandels in den USA beschreiben will", schrieb im Sommer des vergangenen Jahres Eduardo Porter in der New York Times. „177,26. Das ist der durchschnittliche Preis, den ein Gramm reines Kokain auf der Straße einbringt. Das sind 74 Prozent weniger, als noch vor 30 Jahren." Die Versorgungswege ins Land , so der klare Schluss aus der Statistik, funktionieren bestens, das Angebot kann mit der überwältigenden Nachfrage problemlos mithalten. Alle Versuche der USA mit militärischen und paramilitärischen Mitteln die Zufuhr zu unterbinden, sind gescheitert. Stets haben sich die Produzenten und Vertreiber als flexibler heraus gestellt.

Das flächendeckende Besprühen von Kokafeldern in Kolumbien und Honduras etwa hat lediglich dazu geführt, dass sich der Anbau tiefer nach Lateinamerika verlagert. So ist in den vergangenen Jahren Peru zum weltweit größten Exporteur von Kokain aufgestiegen, der Anbau in Guatemala und El Salvador blüht ebenfalls. Die Bemühungen der US Regierung in Kolumbien leiden zudem an einem politischen Interessenkonflikt. Die einseitige Unterstützung der USA des Kampfes gegen die FARC hat das Tor für den Drogenhandel durch paramilitärische rechte Organisationen weit offen gelassen.

Der gemeinsame Kampf mit der mexikanischen Regierung gegen die dortigen Kartelle, die für 95 Prozent der amerikanischen Kokain-Importe verantwortlich sind, zeitigt zwar punktuelle Erfolge. So konnte erst im Juli mit Hilfe amerikanischer Informanden Miguel Angel Trevino Morales, der gefürchtete Chef des Zeta Kartells, verhaftet werden. Auch scheint die Gewalt in Städten wie Ciudad Juarez seit dem Regierungswechsel in Mexiko zurückgegangen zu sein. Doch die Vetriebswege sind nach wie vor intakt.

Ein Hauptproblem bei der Unterbrechung der Nachschubwege ist, dass sich die Lieferanten bei den extremen Profitmargen erhebliche Einbußen durch Grenz- und Sondertruppen leisten können. So haben US-Behörden in den vergangenen drei Jahren an der mexikanischen Grenze zwar 31 Prozent mehr Drogen beschlagnahmt. Bei Gewinnen von bis zu 500 Prozent können es sich die Kartelle jedoch erlauben, bis zu 90 Prozent ihrer Ware zu verlieren, ohne Verluste zu machen. Die 6,1 Milliarden Dollar, welche die US Regierung seit 2005 für Überwachungsmaßnahmen der Luft- und Seewege zwischen Mexiko und den USA ausgegeben haben, hatten deshalb praktisch keinen Effekt auf den Drogenhandel.

Im Dokumentarfilm „Drug Inc." von National Geographic beschreibt ein Drogenschmuggler namens „Eddie", wie leicht es ist, die verschärften Grenzkontrollen der US Behörden zu umgehen. Eddie empfängt Koka-Lieferungen per kleinen Sportbooten aus Kolumbien in Baja California nahe der US Grenze. Er übernimmt die Boote und trifft sich damit in der Nacht auf offener See mit amerikanischen Fischern, die am Ende ihres Arbeitstages dann unauffällig die Ladung in San Diego mit an Land nehmen. Dort wird sie verarbeitet und von Kurieren in PKWs im ganzen Land verteilt.

Manche dieser Verteiler in Kalifornien operieren sogar als legale Unternehmer. So flog jüngst in San Bernadino eine Spedition auf, die Methamphetamin neben legitimer Fracht von Kalifornien nach Colorado transportierte. Der legale Mantel diente dabei in erster Linie als Geldwäsche. Die Profite flossen nach China, vermutlich, um dort Ephedrin einzukaufen, das dann wiederrum an Methamphetamin Küchen in Mexiko versandt wurde. Firmen wie die kalifornische Spedition, die das mexikanische Meth in den USA verteilen, glauben die Behörden, gibt es zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden.

Die Ineffizienz des sogenannten „Krieges gegen die Drogen" in den USA beschränkt sich allerdings nicht alleine auf die Bekämpfung der Angebots-Seite. Die Kriminalisierung des Drogen-Gebrauchs in den vergangenen 40 Jahren hat zu einer beispiellosen Explosion von Verhaftungen und Verurteilungen geführt. So stiegen bereits in den 80er Jahren die Inhaftierungen für Drogendelikte um 126 Prozent während die Anzahl Verhaftung für andere Verbrechen lediglich um 28 Prozent wuchs. Zwischen 1984 und 2010 wuchs der Anteil der US Bevölkerung, der in Gefängnissen sitzt, von 0,3 auf 0,8 Prozent an. Mehr als 2,2 Millionen erwachsene Amerikaner sitzen heute im Gefängnis, beinahe 50 Prozent davon wegen Drogen-verwandten Delikten. Die Anzahl von Häftlingen mit Drogenstrafen hat sich seit den 80er Jahren verzwölffacht, mittlerweile wurden insgesamt schockierende 31 Millionen Amerikaner wegen Drogen eingesperrt.

Angesichts der Kosten von 24,000 Dollar pro Häftling und Jahr, ist der Preis dieser Politik für den Staat beträchtlich, vor allem wenn man den Polizeiaufwand mit kalkuliert. Experten schätzen die Ersparnis für die Volkswirtschaft bei einer Legalisierung von Drogen auf jährlich 41 Milliarden Dollar. Weit schlimmer noch sind jedoch die sozialen Kosten dieser Einkerkerung von enormen Mengen von Bürgern, von denen viele nach ihren Vorstrafen dauerhaft von der Gesellschaft ausgeschlossen bleiben. Der Besitz nur weniger Gramm von Mariuhana kann heute dazu führen, dass man nie mehr eine Wohnung oder einen Job bekommt.

Viele Kritiker sehen angesichts dieser Zahlen im „Krieg gegen die Drogen" nur einen Vorwand für eine breitere Politik der Ausgrenzung unerwünschter sozialer Gruppierungen. Von Anfang an, so behauptet etwa Regisseur Eugene Jarecki in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm über den Krieg gegen die Drogen, „The House I Live In", wurden Drogen als Ausrede dafür benutzt, die Gegenkultur der 60er Jahre zu kriminalisieren, sowie die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung zunichte zu machen, indem man Afro-Amerikaner an der gleichberechtigten Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft hindert.

Mit Erfolg: Der Anteil von Afro-Amerikanern, die wegen Drogendelikten eingesperrt werden, überwiegt bei weitem dem von Nicht-Schwarzen. Rund 50 Prozent der Drogeninsassen sind schwarz, obwohl Afro Amerikaner nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dabei gibt es keine Indizien dafür, dass der Drogengebrauch unter Schwarzen weiter verbreitet ist als unter Weißen. Mittlerweile sitzen rund sieben Prozent aller schwarzen Männer im Gefängnis. Das Gefängnis-System, so die Soziologin Michelle Alexander, habe eine neue Unterkaste von schwarzen Amerikanern geschaffen, die keine Chance zum sozialen Aufstieg haben. Im heutigen Amerika, so Alexander, säßen mehr Schwarze in Gefängnissen, als es vor dem Bürgerkrieg Sklaven gab.

David Simon, Journalist und Drehbuchautor der TV-Serie „The Wire", spricht gar von deutlichen Symptomen eines Holocaust. Spätestens mit Methamphetamin habe sich die Drogenepidemie von der schwarzen auf die weiße Unterschicht ausgeweitet, der „Krieg gegen die Drogen" sei zu einem diktatorischen Krieg des Staates gegen die Armen und Entrechteten Amerikas geworden.

Immerhin zeichnet sich langsam ein Stimmungswandel im Land ab. 50 Prozent der Amerikaner halten mittlerweile den Krieg gegen die Drogen für gescheitert. Die Bundesstaaten Colorado und Washington haben den Freizeitgebrauch von Cannabis legalisiert, Staaten wie Kalifornien, Maine, Alaska und Connecticut haben den Besitz von Marihuana entkriminalisiert. In Kalifornien wird der Anbau und Verkauf großer Mengen von Cannabis unter dem Deckmantel der medizinischen Nutzung weitestgehend toleriert.

Zu Beginn dieser Woche kündigte Justizminister Eric Holder an, die Mindeststrafen für leichte Drogendelikte aufzuheben. Und in New York entschied eine Richterin, dass die wahllose Verhaftungen drogenverdächtiger Personen, die in überwiegender Mehrzahl Schwarze und Latinos trifft, verfassungswidrig ist.

Präsident Obama vermeidet es seit seinem Amtsantritt peinlich weiterhin von einem Krieg gegen die Drogen zu sprechen. In seiner ersten Amtsperiode setzte er, wohl nicht zuletzt aus wahltaktischen Gründen, dennoch die harte Linie seiner Vorgänger fort. Obama gab weiterhin 15 Milliarden Dollar pro Jahr für die Strafverfolgung von Drogenkriminellen im In- und Ausland aus. Zu Beginn seiner zweiten Legislaturperiode legte jedoch sein Drogenbeauftragter Gil Kerlikowske ein Programm vor, das andere Töne anschlägt. Dort ist von einer Konzentration auf Aufklärung, Vorbeugung und medizinischer Versorgung die Rede, sowie von einer Reduktion der Inhaftierungszahlen. „Wir haben verstanden, dass wir uns nicht aus dem Drogenproblem heraus verhaften können", sagte Kerlikowski bei seinem Amtsantritt. Man kann nur hoffen, dass das auch stimmt.

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