Unfreiwilliger Befreier

  • Elmer
Peter Elmer liebte das Skifahren und die Berge. Durch seine Leidenschaft kam der Wiener Jude zu der legendären amerikanischen Gebirgsjägereinheit 10th Mountain Division und überquete mit ihnen 1945 den Apenin

(Spiegel Online)

Peter Elmer ist in einer bewundernswert guten Verfassung. Der 85-Jährige Mann ist schlank und muskulös, er flitzt so flink durch seine Wohnung wie ein 50-Jähriger, hat hellwache Augen und einen ungetrübt scharfen Verstand. Dennoch ist Peter Elmer unzufrieden mit sich: „Ich bin so langsam geworden, dass im Tennis keiner mehr mein Doppelpartner sein möchte", klagt er, während er sich auf dem Sofa seines Apartments an der New Yorker Upper West Side nieder lässt. Am meisten stört ihn allerdings, dass er nicht mehr Skifahren kann: „Das Herz - ich vertrage die Höhe nicht mehr", sagt er und greift sich an die Brust.

Es ist verständlich, dass Elmer die Berge vermisst, denn das Skifahren hat im Leben des gebürtigen Wiener Juden eine zentrale Rolle gespielt. Nachdem seine Familie 1938 die Flucht vor den Nazis nach Amerika gelungen war, wurde Elmer Soldat in der 10. US Gebirgs-Division – eine der berühmtesten amerikanischen Einheiten des II. Weltkrieges. Zusammen mit der 10. brach Elmer im Januar 1945 auf Skiern im Apennin in einer legendären Gebirgsschlacht gegen die Deutschen in die Po-Ebene durch. Die Schlacht machte die Männer der 10. zu amerikanischen Nationalhelden. Und weil die Kletterer und Skijäger der 10., zu der Dutzende geflüchteter österreichischer, deutscher sowie skandinavischer Skifahrer und Bergsteiger gehörten, so populär waren, wurden sie zu Pionieren des Ski- und Bergsports in den USA.

1939, zu der Zeit, in der Peter Elmer mit seinen Eltern und Großeltern über die Schweiz in die USA einwanderte, war der Skisport in Amerika ein exzentrisches Vergnügen einer wohlhabenden Elite an der Ostküste. Einer davon war Charles, genannt „Minnie" Dole, der mit seinen Freunden vom New Yorker Skiclub an den Wochenenden die Hänge der Green Mountains von Vermont unsicher machte. Dole war von Beginn des Zweiten Weltkriegs an der Meinung, dass das Land eine Gebirgsjäger-Einheit brauche, ähnlich der finnischen Skitruppen, die sich 1939 so erfolgreich gegen die Rote Armee gewehrt hatten. Sollten die Deutschen in die USA einmarschieren, so das Argument von Dole, brauche die US-Armee Verteidigungslinien in den Bergen von Neu England, wo er zu Hause war und die erste amerikanische Bergwacht leitete.

Dole bedrängte mehrmals das amerikanische Verteidigungsministerium, bis er 1941 endlich den Auftrag erhielt, ein Berg-Batallion auszubilden. Doch als er endlich grünes Licht bekam, hatte Dole ein Problem: Es war in den USA ausgesprochen schwierig, genügend Leute mit Bergerfahrung zu finden, um ein solche Truppe aufzustellen. Die besten Leute, die er bekommen konnte, waren aus Europa geflohene Alpinisten, die er sich im ganzen Land zusammen suchte: Leute wie den österreichischen Skiweltmeister Friedl Pfeifer und seine Landsleute Hannes Schneider und Toni Matt, den Dresdner Kletterer Fritz Wiessner, der in New York lebte oder den norwegischen Skisprungweltmeister Torger Torkel.

Dole bekam seine Truppe schließlich zusammen und die Gebirgsjäger - ein Soldatentyp, den es in Amerika noch nie gegeben hatte - wurden über Nacht zu Pop-Stars. Ihre Manöver in Alaska und später im Ausbildungslager Camp Hale in den Rocky Mountains waren für die Zeitschriften-Reporter und die Wochenschauen ein gefundenes Fressen. Diese verwegenen Burschen und ihr scheinbar freies Leben in der Nature übten auf ganz Amerika eine unwiderstehliche Faszination aus.

So auch auf Peter Elmer. Elmer, dessen Familie sich nach einem Umweg über Kalifornien in New York niedergelassen hatte, besuchte das College in Wisconsin, als er 1942, mit 19 Jahren, zum Wehrdienst eingezogen wurde. „Ich hatte nicht die geringste Lust, in den Krieg zu ziehen", erinnert er sich heute. Doch als er in der Grundausbildung war, fand er einen Artikel über die 10th Mountain Division. „Ich war als Kind mit meinem Vater ständig in den Bergen gewesen, in Kitzbühel und in St. Anton und ich fuhr wahnsinnig gerne Ski", erzählt Elmer. „Und so dachte ich, dass diese Truppe vielleicht der richtige Ort für mich ist, um den Krieg zu überstehen."

Elmers Vorgesetzte waren begeistert, als er ihnen von seinen Skikünsten erzählte und so sich Elmer im Handumdrehen in den Rockies wieder. Die 10th Mountain Division brauchte dringend Leute wie ihn, die anderen das Skifahren beibringen konnten und sich in den rauen Bergen zu Recht fanden. „In den Rockies war damals überhaupt nichts – das war einsamste Natur", erinnert sich Elmer an seine Ankunft in Camp Hale. Bis auf das Barackendorf seiner Einheit in einem entlegenen Hochtal auf 3000 Metern Höhe waren die Rocky Mountains völlig unberührt und unerschlossen. Erst die Leute der 10th Mountain-Division wie Friedl Pfeifer und der deutsch-stämmige Peter Seibert gründeten nach dem Krieg dort die ersten Skigebiete des amerikanischen Westens wie Vail und Aspen – heute die exklusivsten Wintersportorte der USA.

Peter Elmer verbrachte gut ein Jahr in Camp Hale. Mit dem Abstand von 60 Jahren sieht er das, als die schönste Zeit seines Lebens an. „Für jemanden wie mich, der die Berge und das Skifahren liebt war das ein Traum." Allerdings war es trotz allem Spaß und aller Kameradschaft nicht gerade ein Winterurlaub. Die Ausbildung war knallhart: „Wir waren manchmal wochenlang bei eisiger Kälte auf über 4,000 Meter im Biwak", so Elmer. „Die Ausrüstung war teilweise katastrophal, weil es ja in Amerika damals niemanden gab, der so etwas herstellte und der sich damit auskannte." Außerdem, so Elmer sei es etwas anderes gewesen zu lernen, in den Bergen zu kämpfen, als sich dort einfach nur zu vergnügen. „Wir mussten üben, unter scharfem Beschuss bei eisiger Kälte Kameraden aus dem Fels zu bergen – das war kein Spaß." Zumal, wie Peter Elmer gesteht, er zwar ein hervorragender Skifahrer aber ein miserabler Kletterer war.

So war die 10te Ende 1944, als sie zu ihrem ersten Kampfeinsatz in Richtung Neapel eingeschifft wurde, bestens präpariert. Für die brutale Wirklichkeit des Krieges, das musste allerdings auch Peter Elmer erfahren, gibt es keine wirklich Vorbereitung. Als er im Januar 1945 in tiefster Nacht mit einer Erkundungs-Patrouille in der Nähe von Cutigliano per Ski über den ersten Apenninenkamm stieg, gibt Peter Elmer zu, habe er so viel Angst gehabt, wie noch nie in seinem Leben.

Elmers Patrouille gehörte zu denjenigen amerikanischen Gebirgsjägern, die unbemerkt die beste Route über einen Steilhang auskundschaften sollten, über den die Amerikaner nach mehreren vergeblichen Attacken mit Hilfe der 10th Mountain endlich durch die deutschen Linien in den Bergen dringen wollten. Nach zwei Nächten hatten die Amerikaner eine Kletterroute über den 500 Meter hohen Hang zwischen dem Monte Belvedere und dem Monte Torraccia gefunden und den Fels für die angreifende Truppe gesichert. Und so gelang es ihnen am 28. Januar 1945 praktisch ohne Verluste die Deutschen zu überrumpeln und die Höhe zu nehmen.

„Der Überraschungsangriff war das Leichteste" erinnert sich Elmer, „auch wenn darüber heute am meisten geredet wird." Um auf die Höhe zu gelangen mussten Elmer und seine Kameraden nur das tun, was sie am besten konnten: Bergsteigen und Skifahren. Schlimm sei hingegen die fünf Tage lange, darauf folgende Schlacht gewesen, bei der die Amerikaner die Höhe verteidigten. Wenn Peter Elmer davon erzählt, beginnt er hektisch mit dem Fuß zu wippen und seine Augen zucken nervös. „Es war furchtbar blutig", sagt er und wehrt sich dabei offenkundig dagegen, allzu tief in die Erinnerung einzudringen. „Der ganze Berg war voller Leichen, es roch wie in einem Schlachthof. Überall waren weggeschossene Schädel und Leichenteile. Es war grausig", sagt er nur knapp.

Eines hatte Peter Elmer bei all dem Grauen allerdings nicht: Skrupel, gegen Deutsche und gegen seine ehemaligen österreichischen Landsleute zu kämpfen. „Ich war damals schon sehr amerikanisiert", sagt er. „Wissen Sie, alle sechs Geschwister meines Großvaters sind mitsamt ihrer Familien im KZ umgekommen. Mein Großvater selbst war schon in Dachau und ist nur frei gekommen, weil meine Mutter die Chuzpe hatte, direkt nach Berlin zu fahren und mit der Gestapo zu verhandeln." Vor dem Anschluss hatten sich die Elmers, Bankiers und Textil-Industrielle aus Wien, in erster Linie als Österreicher gefühlt und erst in zweiter Linie als Jude. Seit der Emigration empfanden sie sich dann nur noch als Amerikaner. Und das ist bis heute so.

Deshalb war Peter Elmer auch nicht besonders glücklich, als er nach dem Kriegsende ausgerechnet wieder nach Wien abkommandiert wurde. Man hatte ihn wegen seiner deutschen Sprachkenntnisse rekrutiert, um als Assistent bei dem Aufbau eines neuen Gesundheitswesens für Österreich mitzuhelfen. „Es ist mir sehr schwer gefallen in Wien auf der Straße normal mit den Leuten umzugehen. Wir wussten ja, wie viele zu überzeugten Nazis geworden waren. Man hat schließlich 1938 unser Haus in der Innenstadt einfach abgebrannt, weil wir Juden waren."

Dennoch wurde Peter Elmer zu einem Wohltäter der Wiener Bevölkerung. Viele Exil-Wiener aus seinem Familienumkreis in Amerika schickten ihm Hilfspakete, damit er sie an frühere Bekannte in Wien verteilen konnte. „Mein Büro war zu so etwas wie einem Lagerhaus geworden, und ich wurde streng beobachtet, ob ich nicht Schwarzmarktgeschäfte betreibe." Abends nach Dienstschluss fuhr Elmer mit seinem Jeep durch die Stadt und lieferte die Pakete an ehemalige Freunde und Bedienstete von jüdischen Familien aus, die mittlerweile in New York lebten.

Peter Elmer leistete diese Entwicklungshilfe klaglos, doch er war auch erleichtert, als er 1946 wieder in die USA zurückkehren durfte. Der schönste Augenblick, sagt er, sei für ihn gewesen, als für seine Truppe eine Parade in Manhattan abgehalten wurde: „Wir sind mit unseren Skiern auf dem Rücken die Fifth Avenue herunter marschiert. Die Leute haben mit amerikanischen Fahnen gewunken, uns mit Konfetti überschüttet und uns zugejubelt." In diesem Moment hat Peter Elmer sich zuhause gefühlt. Er war endgültig in Amerika angekommen.

Elmer blieb in New York und wurde erfolgreicher Mode-Unternehmer mit einem weltweiten Exportgeschäft. Anders als viele seine Kameraden zog es ihn nicht zurück in die Rockies. Doch bis sein Herz rebellierte trieb es ihn jedes Wochenende, an dem man Skifahren konnte, in die Green Mountains in Vermont oder die White Mountains von New Hampshire. „Ich habe immer gebetet, dass es keinen Schnee gibt", sagt seine Frau Inge, ebenfalls Tochter Wiener Exiljuden, die Peter Elmer bald nach dem Krieg in New York heiratete. „Dann konnten wir endlich mal in der Stadt bleiben und ins Theater oder in die Oper gehen." Ihr Mann schweigt höflich zu diesen Sticheleien. Doch man merkt ihm an, dass er am liebsten heute noch jedes Wochenende nach Vermont fahren und die Hänge hinab sausen würde.

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