Leslies Albtraum

  • Subprime
An voderster Front der Subprime-Krise: Wie eine Harlemer Frau in Not geriet, einen schlechten Kredit aufnahm und alles verlor

Leslie Day war schon seit Monaten nicht mehr in der 138ten Straße. Die schwarze Frau, deren meistens verquollene Augen trotz allem, was sie durch gemacht hat, noch immer bezaubernd funkeln können, wohnt zwar heute nur sechs Häuserblocks entfernt von ihrer einstigen Heimat. Keine zehn Fußminuten sind es von der eleganten, dreistöckigen Doppelhaushälfte , in der sie 13 Jahre lang gelebt hat. Doch sie meidet jenen idyllischen, Linden-gesäumten Straßenzug in der vornehmsten Wohngegend von Harlem, als wäre es der übelste Slum. Nicht einmal die Freunde aus alten Tagen dort mag sie besuchen.

Zu frisch ist das noch alles, als dass die 44-Jährige einfach mal in der 138ten vorbei schauen könnte. Es würde ihr das Herz zerreißen, wenn sie an jenem großen „For Sale"- Schild vorbei laufen müsste, das jetzt am Gatter der Nummer 246, ihrem einstigen Grundstück, prangt. Noch könnte sie es nicht verkraften, durch die verschmierten Scheiben in ihr einstiges Wohnzimmer zu blicken oder ihre mittlerweile verdorrte Topfpflanze sehen zu müssen, die immer noch verwaist auf der Feuerleiter im ersten Stock steht.

Am ersten Juni-Wochenende des vergangenen Jahres, präzise zum Sommerbeginn, hat Leslie Day die Schlüssel zu ihrem früheren Leben abgeben müssen. Es war das Ende eines langen und zähen Ringens. Monatelang hatte Leslie vor Gericht mit ihren Gläubigern darum gekämpft, dass sie nicht aus der Nummer 246 ausziehen muss. Bis zum Schluss hat sie sich dagegen gewehrt, dass auch sie ein Opfern der „Subprime-Krise" in den USA wird, eine von Millionen von Hausbesitzern, die aus Not einen faulen Kredit aufgenommen und dann alles verloren haben. Vergeblich.

Das hübsche Town House von 1890, dass Leslie Day Mitte der 90er Jahre mit ihrem Mann gekauft hatte, war eigentlich schon komplett abbezahlt. 175,000 Dollar hatte das Paar damals für das Schmuckstück mit den hohen Decken und dem Stuck und dem restaurierten Parkett hingelegt – ein Schnäppchen. „Harlem war noch herunter gekommen und gefährlich", erklärt Leslie, „damals wollte noch niemand hierher ziehen." Bis 2001 hatte sich der Wert der Immobilien in der Gegend jedoch verzehnfacht. Der St.Nicholas-Distrikt von Harlem gehörte mittlerweile zu den begehrtesten Karrees in ganz Manhattan gehörte. Leslie und ihr Mann hatten anscheinend alles richtig gemacht.

Alles schien perfekt – bis Leslies Ehe zerbröselte. Anwälte wurden eingeschaltet, die Scheidung ging vor Gericht und Leslies Mann bekam die Hälfte des Verkehrswertes des Hauses zugesprochen. Von ihrem moderaten Einkommen als Schneiderin konnte Leslie aber unmöglich eine Dreiviertel-Million aufbringen. Also nahm sie ihre erste Hypothek auf.

Die damalige Hypothek war noch halbwegs finanzierbar. Es war noch die Zeit, bevor das Hypotheken-Geschäft vollends ins Abstrakte und Abstruse abglitt. Leslie kam mit den Zahlungen nach und konnte mithilfe eines Zweitjobs als Verkäuferin sogar etwas Geld beiseite legen, um das Haus umzubauen. So würde sie bald ein Stockwerk vermieten können und leicht die Schulden abbezahlen.

Doch dann kamen die Schicksalsschläge. Einer nach dem anderen. Zuerst wurde in Leslies Schulter ein bösartiger Tumor festgestellt. Krankenhaus, OP, Chemotherapie – drei Monate lang war Leslie außer Gefecht. Danach hatte sie beinahe eine halbe Million zusätzlicher Schulden. Wie viele Amerikaner hatte sich Leslie über die Jahre die teure Krankenversicherung gespart. Also gab es nur eines – noch eine Hypothek aufzunehmen. Die war diesmal allerdings schon nicht mehr so günstig.

Selbst, als sie wieder voll arbeiten konnte, wuchsen ihr die Zahlungen oft über den Kopf. Die Umbaupläne mussten auf Eis gelegt werden. Leslie wohnte jetzt in einer Baustelle – Wände waren durchbrochen, die Küche herausgerissen. Einmal konnte sie mitten im Winter Strom und Heizung nicht bezahlen und saß wochenlang in einem dunklen, kalten Haus, das sich ohnehin schon lange nicht mehr heimisch anfühlte. Bis dahin, erinnert sich Leslie, hatte sie noch nie getrunken. Doch damals kaufte sie sich eine Flasche Tequilla.

Das war aber noch immer nicht der Tiefpunkt. Der kam 2005. Zuhause in Kentucky hatte Leslies Mutter die gleichen Probleme, wie ihre Tochter in New York. Die Zwangsversteigerung von Leslies Elternhaus war schon anberaumt, die Mutter musste über Nacht 6000 Dollar auf den Tisch legen, um nicht auf die Straße gesetzt zu werden. Leslie wusste nur eine Lösung: Noch einmal ihr Haus zu beleihen.

Vernünftige Konditionen waren nun für Leslie freilich überhaupt nicht mehr zu haben. Der einzige Kredit, den sie nach langem Suchen finden konnte, war ein offenkundiger Betrug. Die 6000 Dollar für die Mutter würde er ihr auf die Hand geben, so der Makler, dafür müsse Leslie das Haus an ihn überschreiben. Sie würde ein Jahr zur Miete wohnen, dann bekäme sie ihr Haus schon zurück, versprach er fadenscheinig.

Leslie wusste, dass das gelogen war. Trotzdem unterschrieb sie und nahm die 6000. „Es ging doch um meine Mutter", erzählt sie und kann dabei die Tränen nicht mehr unterdrücken, die ihr dick das Gesicht herunter kullern. Ihr erster Gang, nachdem sie mit dem Vertrag aus dem Maklerbüro trat, war zum nächsten Liquor Store. Es war die zweite Flasche Tequilla ihres Lebens.

März 2008, der Gang des monumentalen Manhattaner Gerichtsgebäudes direkt am Fuß der Brooklyn Bridge. Leslie steht mit ihrem Anwalt Rehan Nazrali vor dem Saal von Richter Tingling am Fenster zum Innenhof. Nazrali versucht Leslie, die sich für den Termin in Schale geschmissen hat und die sich nervös an ihre Handtasche krallt, ein wenig zu beruhigen.

Der junge, indisch-stämmige Advokat hat sich Leslies Sache aus purem Idealismus angenommen. Viel zu holen, das weiß er, gibt es bei Leslie nicht. „Der Fall ist ein Symptom für alles, was im Moment in unserem Land schief geht", sagt er zu seiner Motivation. Nazralis Argumentation ist, dass es sich bei dem Vertrag zwischen Leslies Vermieter, dem stadtweit bekannten Immobilienhai Yudel Kahan und Leslie nicht um einen Mietvertrag handelt, sondern um eine „verdeckte Hypothek". Bekäme er Recht, würde das Leslie vor den Mietzahlungen von 11,000 Dollar pro Monat bewahren, die Kahan für das mittlerweile auf beinahe zwei Millionen geschätzte Haus verlangt. Und es würde Leslie trotz des unterschriebenen Vertrages wieder zur rechtmäßigen Besitzerin ihres Hauses machen.

Richter Tingling verschwendet nicht viel Zeit auf Leslies Fall. Nach einer Viertel Stunde kommt Nazrali, der einen billigen und nicht ganz passenden Anzug trägt, mit besorgter Miene wieder aus dem Saal. Hinter ihm das sichtlich zufriedene Anwalts-Team der Gegenseitige, zwei New Yorker Immobilienanwälte wie sie Buche stehen, in Kammgarn gewandet und mit pomadigem Haar. Nur wenn Leslie erst einmal 11,000 Dollar auf den Tisch legt, so das Urteil von Richter Tingling, dann sei er auch dazu bereit, den Fall zu verhandeln.

Nazrali hat sich mit diesem Fall ein ziemliches Päckchen aufgebürdet. Einerseits, sagt er wenig später in seinem winzigen vollgestopften Büro nicht weit vom Gericht, das er sich mit drei anderen Anwälten teilt, wisse er, dass Leslie prinzipiell im Recht sei. Es sei klar, dass Leute wie Kahan mit skrupellosen Methoden die Not anderer ausnutzten, um Geschäfte zu machen. Andererseits habe Leslie eben auch große Fehler gemacht. Letztlich, sagt er, könne er nur darauf hoffen für Leslie einen möglichst guten Vergleich zu erzielen. Das Haus werde sie vermutlich verlieren.

Das will Leslie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht einsehen. Sie bringt die 11,000 Dollar auf. Die Mitglieder ihrer Kirchengemeinde legen zusammen und der Kampf geht in die nächste Runde. An den ersten schönen Tagen in New York – die Bäume auf der 138ten schlagen aus, die Kinder spielen auf der Straße – ist Leslie deshalb guter Dinge. Sie sitzt auf dem Treppenabsatz der Nummer 246 in der Sonne und redet von der Zukunft. Davon, dass sie wieder zwei Jobs annehmen und es so irgendwie schaffen werde, die Hypothek abzubezahlen; davon, dass sie Stück für Stück mit der Renovierung weiter machen will und vielleicht schon im Herbst, zu Thanksgiving, wieder Leute zum Essen in ihrem Wohnzimmer empfangen kann.

Doch dazu kommt es nicht. Zu Thanksgiving wohnt Leslie längst in ihrer Einzimmer-Parterre-Wohnung in der 131ten Straße. Nazrali hat beim Vergleich 50,000 Dollar herausgeschlagen. „Mehr war nicht mehr zu holen." Es hätte Leslie nichts genützt, noch weiter zu kämpfen, davon ist er überzeugt. „Selbst, wenn wir die Umwandlung in einer Hypothek erzielt hätten, wäre sie nie mehr von den Schulden los gekommen."

Gelohnt habe sich das aber alles trotzdem, glaubt er. Er habe zwar an dem Fall keinen Cent verdient. Aber immerhin hätten die Yudel Kahans dieser Welt gemerkt, dass sie mit ihren Methoden nicht so einfach durchkommen. Außerdem - und darauf ist Nazrali besonders stolz - habe sein Beispiel Schule gemacht: „Ich habe bestimmt schon drei andere Fälle in New York gesehen, in denen auf eine verdeckte Hypothek plädiert wurde."

Leslie, die seit dem Sommer nicht mehr mit Rehan gesprochen hat, findet hingegen, dass er sich noch mehr hätte ins Zeug legen können. Trotzdem hat sie sich jetzt mit den Dingen abgefunden, wie sie sind. „Irgendwie ist es auch eine Erleichterung, dass alles vorbei ist", sagt sie. Auch wenn sie sich nie hätte träumen lassen, dass sie mit Mitte 40 da ist, wo sie jetzt ist. Alleinstehend, in einer Einraumwohnung mit einem Aushilfsjob beim Paketdienst UPS. „Als Schneiderin kann ich im Moment nicht überleben. Bei der miesen Wirtschaftslage lässt sich niemand mehr teure Hochzeitskleider machen."

Resigniert hat Leslie allerdings nicht. „Ich habe immer noch Träume und Ziele", sagt sie. Erst einmal die Krise aussitzen, dann wieder ein Schneidergeschäft eröffnen. Und irgendwann will sie auch wieder ein Haus haben. Ein schöneres und besseres als das Letzte soll es dann werden, darauf besteht sie. „Das Haus in der 138ten hatte ja nicht mal einen Garten."

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