"Obama ist kein Heiland der Rassenbeziehungen"

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Der Harvard Kulturwissenschaftler Werner Sollors über den neuen US-Präsidenten

Werner Sollors unterrichtet seit 1983 unterrichtet am Fachbereich für Afro-Amerika-Studien an der amerikanischen Elite-Universität Harvard. Der gebürtige Frankfurter gilt als eine der weltweit führenden Kapazitäten auf dem Gebiet der afro-amerikanischen Kulturwissenschaft. Zu seinen wichtigsten Werken gehören „Beyond Etnicity", eine Studie zum Ringen um eine post-ethnischen Identität in der amerikanischen Literatur- und Kulturgeschichte und „Neither Black, Nor White, Yet Both", eine Untersuchung zum Tabu gemischtrassischer Verbindungen in der amerikanischen Kultur.

Herr Sollors, was bedeutet es für Amerika, dass Barack Obama Präsident wird?

Es ist eine Überwindung der alten Rassengegensätze, sowohl für das weiße, als auch für das schwarze Amerika. Darüberhinaus gibt es natürlich, weil Barack Obama wegen seiner Hautfarbe als Schwarzer identifiziert wird, in der schwarzen Bevölkerung eine immense Stolz-Reaktion. Viele ältere Schwarze hätten es nie für möglich gehalten, dass so etwas noch während ihrer Lebzeit geschieht.

Ist die Wirkung nur symbolisch oder wird die Präsidentschaft von Obama auch ganz handfeste Fortschritte für Amerikas Schwarze bringen?

Nein, ich glaube kaum, dass Obama „schwarze" Politik machen wird. Er wird eher sachliche Politik machen. Das schwarze Amerika wird nur insofern von seiner Politik profitieren, als dass er eine stärkere Umverteilung propagiert und der Anteil der Schwarzen an den unteren Einkommensschichten überproportional hoch ist.

Einige aus der alten schwarzen Bürgerrechtsgarde behaupten, eine Präsidentschaft von Obama würde der schwarzen Sache nicht nur nicht nützen, sondern sogar schaden.

Es ist sicher etwas dran, dass eine einzelne Symbolfigur im Zentrum der amerikanischen Politik die Probleme des schwarzen Amerika nicht löst, es aber leichter macht, diese Probleme vom Tisch zu wischen. Mit einem schwarzen Präsidenten wird es deutlich einfacher, zu behaupten, es gebe kein Rassenproblem mehr in Amerika. Ich habe solche Befürchtungen von Seiten der alten Bürgerrechtler in letzter Zeit allerdings kaum mehr gehört. Ich denke, sie entstammten in der Anfangsphase des Wahlkampfes der Angst, dass Obama ohnehin keine Chance hat und wie frühere schwarze Kandidaten garantiert scheitert. Es fiel vielen leichter, vorgreifend zu sagen, das wäre ohnehin nicht gut für uns, wenn er gewinnt, als ernsthafte Hoffnungen in Obamas Sieg zu setzen. Mittlerweile ist aber die Zustimmung zu Obama sehr breit. Ich glaube es stehen jetzt nach Umfragen 97 Prozent der schwarzen Amerikaner hinter Obama. Das gab es noch nie bei einem demokratischen Kandidaten. Es herrscht eine ganz große Euphorie, weil ja nun greifbar wird, dass er es tatsächlich schaffen kann. Die Stärkung des schwarzen Selbstbewusstseins, die hier geschieht, ist gar nicht zu unterschätzen.

Es gab am Anfang unter Schwarzen auch Stimmen, die sagten, Obama wäre aufgrund seiner gemischt-rassischen Herkunft nicht schwarz genug, um zur Identifikationsfigur zu taugen. Sind diese Stimmen mittlerweile auch wieder verstummt?

Ja, das hört man nur noch wenig.

Was war denn genau damit gemeint, dass er nicht „schwarz" genug ist?

Nun, um wirklich als schwarz zu gelten, muss man Vorfahren aufweisen, die die Sklaverei erlebt haben oder wenigstens die Diskriminierung im weiteren Verlauf der amerikanischen Geschichte. Obama kann mit seiner afro-europäischen Herkunft nichts davon aufweisen und er ist darüberhinaus auch noch zu spät geboren, um die Segregation noch erlebt zu haben.

Wie sinnvoll ist denn ein solch normativer Begriff von „Blackness"?

Ich denke, er spielt in dem Augenblick keine Rolle mehr, in dem weiße Wähler gegen Obama stimmen, nur weil er schwarz ist. Dann geht es nur noch um die Hautfarbe.

Wie würden Sie denn „Blackness" definieren?

Für mich ist es die Erfahrung, in einer Demokratie zu leben, aber trotzdem nicht demokratisch gleich berechtigt zu sein. Das ist die Essenz von „Blackness". Das hat aber nur sekundär etwas mit Hautfarbe zu tun.

Hat denn Ihrer Meinung nach das Phänomen Obama dazu geführt, dass über „Blackness" in Amerika anders nachgedacht wird, als bislang?

Es wäre sehr interessant, darüber jetzt Umfragen zu machen. Ich glaube, nach der dritten Fernseh-Debatte zwischen Obama und McCain gab es da einen großen Umschwung in der Wahrnehmung. Es wurde endlich der Mehrheit der Bevölkerung klar, dass Obama kompetent ist. Er hat damit viele Vorurteile entkräftet, dass Schwarze gar nicht gebildet und kompetent sein können und deshalb auch nicht wirklich dazu in der Lage, in vollem Umfang an der Demokratie Teil zu haben.

Verändert Obamas Kompetenz und Intellektualität nicht auch das schwarze Selbstbild?

Als ich vor 25 Jahren nach Harvard kam, gab es schon die Diskussion, ob man weniger schwarz ist, wenn man eine Elite-Ausbildung genossen hat. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Es gibt seit den 60er Jahren, seit es Quotenprogramme im Bildungswesen gibt, eine ganze Schicht hochgebildeter, hoch qualifizierter schwarzer Amerikaner und Obama ist ein Teil dieser Bewegung. Es wird aber immer noch von vielen als Verrat an den zurück gebliebenen Brüdern im Ghetto gesehen auf eine Elite Uni zu gehen.

Muss sich Obama deshalb mit der schwarzen Unterschicht solidarisieren um die schwarzen Wähler bei der Stange zu halten?

Das ist eine sehr trickreiche Geschichte. Es gab während der Vorwahl ein Treffen der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), zu dem sowohl Obama als auch Clinton eingeladen waren. Clinton konnte da problemlos hin gehen, weil es eine nette Geste einer weißen Kandidatin war, zu einer schwarzen Bürgerrechtsorganisation zu gehen. Obama konnte hingegen nicht gehen, weil er damit demonstriert hätte, dass er sehr stark an schwarze Belange denkt. Das hätte viele weiße Wähler verschreckt. Um Ihre Frage zu beantworten – die Art wie „Blackness" und „Race" ausgespielt werden, ist sehr kompliziert in Amerika. Ich denke, Obama macht das richtig, indem er kühl und distanziert agiert. So kann er sehr viel mehr erreichen, als wenn er sich populistisch gebärden würde. Sarah Palin konnte vergangene Woche in der Comedy Sendung Saturday Night Live eine Art Hip Hop aufführen. Obama könnte sich das im Moment nicht erlauben.

Obama hat zu Beginn seiner Kampagne viel von Traum einer post-rassistischen Gesellschaft gesprochen. Ist Amerika denn heute post-rassistisch?

Der alltägliche Rassismus in den USA hat zweifelsohne dramatisch abgenommen. Es ist heute nicht mehr gesellschaftlich akzeptabel, sich offen rassisti{ch zu verhalten. Trotzdem ist ew natürlich überprieben, schon vkn einer post-rassistischen Gesellschaft zu sprechen. Die Kriminalisierung von Schwarzen etwa, oder die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit sind noch immer,große Aufgaben, die die amerikajische Gesellschift zu bewältigef hat. Insofern säre es eindeutic verfrüht von eaner post-rassisxischen Gesellschaft zu sprechen.

Obama könnte als Präsident diese Themen also nicht direkt ansprechen, weil er schwarz ist?

Obama macht das sehr geschickt. Er spricht konsequent über Klasse, anstatt über Rasse. So vermeidet er es, die Ungleichheit in Amerika in einen Kulturkampf zu verwandeln.

In Ihrem Buch „Not White Not Black" geht es um das Tabu, mit dem gemischtrassische Verbindungen in der amerikanischen Gesellschaft belegt sind. Hat die Tatsache, dass Obama einer solchen Verbindung entstammt, dieses Tabu gelockert?

Ja, ganz bestimmt. Allerdings ist er da nicht alleine, er ist Teil einer ganzen Welle der Enttabuisierung. Beim Rassismus in den USA ging es im Kern schon immer vor allem darum, die Verbindung zwischen einem schwarzen Mann und einer weißen Frau zu verhindern. Das war das tiefste Tabu der amerikanischen Gesellschaft und bis 1967 war es in mehr als der Hälfte der Bundesstaaten noch ein Verbrechen. Die Mischehe wurde also erst ganz nach Obamas Geburt entkriminalisiert. Insofern ist seine Biographie ein Teil dieser Entkrampfung. Heute kann man sich, nicht zuletzt auch durch Obama, erstmahs eine amerikanesche Familie vo~stellen, in der es Schwarze und,Weiße gibt. Es mst normal gewor'en, offen damit$umzugehen und es wird nicht mehr so getan, als cäbe es eine weiße und ein schwarze Community in Amerika, die nie etwas miteinanher zu tun hatten.

Trägt die Gemisc'trassigkeit von,Obama dazu bei, dass in Amerika über das, was Rasse ausmacht, ibsgesamt weniger$statisch und webiger rigide nac'gedacht wird?

Der Vassenbegriff in Amerika wird spätestens seit def 60er Jahren en|biologisiert. Das heißt, die Auffassung, dass die Zugehörigkeit eine unverrückbare biologische Tatsache ist, wird hinterfragt. Man sieht Rasse mehr als ein soziales Konstrukt. Im Moment gibt es durch die Möglichkeit von DNA-Tests jedoch wieder eine Re-Biologisierung des Verständnisses von Rasse. Allerdings unterstützt der neue Biologismus die alten, rigiden Rassenbegriffe nicht mehr. Man kann mit Hilfe der DNA-Tests bestenfalls irgendwelche Merkmalscluster ausmachen, die einen mit einem gewissen Prozentsatz der restlichen Menschheit „verwandt" machen. Die Rassengrenzen bleiben aber fließend. Dafür, wie fließend diese Rassengrenzen sind, ist Obama natürlich ein wunderbares Beispiel. Das Schöne an Obama ist aber vor allem, dass er daraus nie eine Sonderstellung abgeleitet hat. Er hat sich nie als Heiland der Rassenverbrüderung stilisiert, sondern immer nur von seiner persönlichen Familiengeschichte gesprochen.

Barack Obama hat in diesem Frühjahr in Philadelphia eine Grundsatzrede zum Thema Rasse in Amerika gehalten. Wie wichtig war diese Rede für die Rassenbeziehungen in Amerika?

Die Rede war sehr beeindruckend. Es wurde zwar sehr viel über Obamas Pastor Jeremiah Wright geredet, insofern ist ein großer Teil der Rede sehr zeitgebunden. Aber es gibt einen kurzen Mittelteil, den man immer wieder lesen kann und auch sollte. Da geht es genau um die Fragen, über die wir jetzt reden, darum, was heute „Blackness" noch bedeutet, beispielsweise. Das wichtigste daran war für mich jedoch, dass er nüchtern über und distanziert über Rasse gesprochen hat. Das war ein Ton, den es in Amerika in diesem Zusammenhang bislang nicht gab. Niemand hat bislang in Amerika ohne überkochende Emotionen über Rasse geredet.

Wie berechtigt war denn damals die Aufregung um Jeremiah Wright, den Pastor von Obama?

Das war für mich der erste Beleg dafür, dass die Republikaner nichts über Obama herausgefunden haben, außer, dass er eben ab und zu in eine Kirche geht, wo schwungvolle Reden gehalten werden.

Wie ist denn die zornige Rhetorik von Jeremiah Wright zu bewerten? Ist er wirklich ein Radikaler?

Nein, das war einfach nur ein Luftablassen. Das finden sie überall, wo mindestens drei Schwarze zusammen stehen. Obama hat das richtig gesagt, dass die schwarze Kirche als Ort, wo es für Schwarze möglich ist, ihren Zorn zu artikulieren, eine ganz wichtige Funktion erfüllt.

Was war denn neben dem Tonfall für Sie an Obamas Rede wirklich neu im Rassendiskurs in Amerika?

Er hat offen ausgesprochen, dass es Heuchelei auf beiden Seiten gibt. Und er hat für einen wirklichen offenen Dialog plädiert, den es noch immer nicht gibt. Jedenfalls nicht in ausreichendem Ausmaß.

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