Das Gelöbnis

  • Milliardaere
Die Spedenaktion „The Giving Pledge" der Milliardäre Warren Buffett und Bill Gates kann nur verstehen wer die Tradition der Philantropie in Amerika versteht

(VENTURA-Das Magazin der Sparkasse, Nummer 4/2010 )

40 der reichsten Familien der Welt geloben, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Kann es daran irgendetwas Negatives geben? In den meisten Ländern der Erde glaubt man das nicht – die Reaktionen auf den „Giving Pledge", die spektakuläre Initiative, die Warren Buffet und Bill Gates im Sommer diesen Jahres ins Leben gerufen haben, reichten von Wohlwollen bis hin zu ungetrübter Begeisterung. Alleine die Deutschen wurden ihrem Ruf als Miesepeter gerecht und fanden das sprichwörtliche Haar in der Suppe.

In einigen Kommentaren in deutschen Blättern wurde von Ablasshandel im großen Stil gesprochen. Die superreichen Amerikaner, Unternehmer wie Buffet, Gates Michael Bloomberg oder der Ex-Lehmann Chef Peter Peterson wollten sich mit der Aktion von der Schuld freikaufen, die sie durch ihre schändlichen Geschäftspraktiken auf sich geladen hätten, hieß es. Andere unkten, hinter dem vermeintlichen Altruismus stecke die reine Eitelkeit, der Wunsch sich als Gutmensch unsterblich zu machen.

Wer die Spender nicht persönlich kritisierte, der warnte wenigstens vor den gesamtgesellschaftlichen Risiken derartiger Großzügigkeit. Wenn das Beispiel Schule mache und sich Gesellschaften auf die Mildtätigkeit ihrer Wohlhabendsten verließen, würden Staaten sich immer mehr von ihren Verpflichtungen zurück ziehen. Sozialer Ausgleich, schrieb so Die Zeit, müsse jedoch unter allen Umständen demokratischer Kontrolle unterliegen. Das Wohl eines Gemeinwesens dürfe nicht in Abhängigkeit von der Willkür einiger Weniger geraten.

In den USA, der Heimat der Superspender, sieht man das freilich ganz anders. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird gemeinhin dem Staat mehr misstraut als dem Einzelnen, insbesondere dem, der durch wirtschaftlichen Erfolg seine Tüchtigkeit bewiesen hat. Das Wohl des Gemeinwesens, würden die meisten Amerikaner in Umkehrung der europäischen Kritik sagen, darf nicht der Willkür der staatlichen Institutionen überlassen werden. Immer wieder hört man diese Parolen in den vergangenen Monaten von der rasend populären Tea Party-Bewegung. Und selbst Obama sieht seine groß angelegten Interventionsprogramm nur als Notfallhilfe an, als unvermeidliches Übel aber auf keinen Fall als Dauerlösung.

Aus demselben Grund – der prinzipiellen Abneigung gegenüber jedweder Staatlichkeit - hat die Philantropie einen festen Platz und eine lange Tradition in der amerikanischen Kultur. Philantropie übernimmt in den USA schon immer Funktionen, die in Deutschland der Staat niemals komplett aus der Hand geben würde: Die Bildung, die Kulturförderung und die Religion zu forderst aber auch Sozial- und Armenhilfe. All dies sind Bereiche, aus denen Amerikaner den Staat so weit wie möglich heraus halten möchten.

Diese tief sitzende Skepsis gegenüber einem starken Staat in den USA hat ihren Ursprung schon in der Auflehnung gegen die britische Krone. In der langen und zähen Debatte um die Ausgestaltung der amerikanischen Verfassung setzte sie sich fort: Die Fraktion der „Anti-Federalisten" betonte die Rechte der Einzelstaaten gegenüber einer allzu starken Zentralregierung und erwirkte in vielen Bereichen eine starke Autonomie der Staaten von Washington.

Der Staat wird grundsätzlich als eine Bedrohung des höchsten Gutes in der amerikanischen Kultur angesehen – der Freiheit des Individuums. Der „Anti-Federalist" Thomas Jefferson, einer der wichtigsten politischen Denker der revolutionären Epoche, setzte im Zweifel die Freiheit des Einzelnen sogar über das Gesetz. Die einzige Grenze individueller Freiheit war für ihn die Freiheit der anderen. Die Rolle des Staates ist deshalb in den USA schon immer mehr die eines Schlichters, als die eines Richters. Der amerikanische Staat ist vor allem dazu da, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass jeder einzelne sich ungehindert entfalten kann –„opportunity" zu schaffen. Sozialstaatlichkeit ist in der amerikanischen Staatsphilosophie hingegen nicht angelegt.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts spitzte sich der krasse amerikanische Individualismus zur nationalen Ideologie zu. Der Pionier und später der Unternehmer, der Self-Made-Man, wurden zum amerikanischen Idealtypus. In seinem Aufsatz „Self Reliance", einem der zentralen Texte der amerikanischen Literaturgeschichte, formulierte Ralph Waldo Emerson 1841 das Pathos des Individuums zu einer Art Grundsatzprogramm der jungen Nation. Für Emerson war es eine Verpflichtung des Amerikaners alleine dem göttlichen Funken in seinem Herzen zu folgen und ihn zur vollen Entfaltung zu bringen. Nur so, als Gemeinschaft der Auserwählten, könne Amerika auch zu seiner Bestimmung finden und die Menschheit in ein neues Zeitalter führen. Mitgefühl oder Rücksicht auf die Mitmenschen, war für Emerson auf diesem Weg eine Verschwendung von Zeit und Energie.

Dem entstehenden Großkapitalismus kam diese Nationalphilosophie des ungebremsten Individualismus als Selbstrechtfertigung gerade Recht. Die Industriebarone des 19. Jahrhunderts- der Öl-Milliardär John D. Rockefeller, der Eisenbahnmagnat Cornelius Vanderbilt, der Stahl Mann Andrew Carnegie - sahen ihre atemberaubenden Vermögen als Zeichen dafür an, dass sie von Gott gesegnet sind. Ihr Erfolg war Vorsehung, Resultat einer sozialdarwinistischen Auslese. Jegliche sozialstaatliche Einschränkung ihrer Akkumulation von Reichtümern hätten sie als Behinderung ihrer Mission angesehen, durch maximale Selbstverwirklichung den Willen Gottes zu erfüllen.

Trotzdem sind die Räuberbarone mitnichten einfach auf ihren Reichtümern sitzen geblieben. So viel Rücksichtslosigkeit sie bei der Ansammlung von Kapital an den Tag gelegt hatten, so großzügig verteilten sie es auch wieder. Carnegie und Rockefeller waren die vielleicht größten Philantropen aller Zeiten. Sie verbrachten ihre zweite Lebenshälfte damit, Stiftungen zu gründen und ihr Vermögen für gemeinnützige Zwecke anzulegen. Sie finanzierten Universitäten und Kirchen, bauten Bibliotheken und förderten die medizinische Forschung.

In seinem Aufsatz von 1889, „Das Evangelium des Wohlstandes" erklärte Andrew Carnegie die Logik hinter seiner Mildtätigkeit, die für Europäer einen scheinbaren Widerspruch darstellt. Für Carnegie war die Philantropie schlicht und einfach die einzige sinnvolle Art und Weise mit seinem Vermögen umzugehen. Geld zu vererben fand er einen undemokratischen, monarchischen Brauch: Er hindere die nachfolgenden Generationen daran, wahrhafte Amerikaner zu sein und aus eigener Kraft die unbegrenzten Möglichkeiten zu nutzen, die Amerika vermeintlich zu bieten hat.

Das Geld nach dem Tod dem Staat zu vermachen oder per Testament für gute Zwecke zu stiften, hielt er ebenfalls nicht für richtig. „Wer reich stirbt, der stirbt in Schande", schrieb er. Für jemanden der glaubt, er sei auserwählt, gab es nur eine Möglichkeit: Selbst zu Lebzeiten dafür zu sorgen, dass das Geld möglichst effektiv für das Gemeinwohl eingesetzt wird. Niemand sei dazu so trefflich in der Lage, wie das gesegnete Kapitalisten-Individuum – insbesondere nicht der Staat.

Seinen Besitz einfach an die Bedürftigen zu vergeben wäre dabei ebenso unamerikanisch gewesen, wie es zu vererben. Der Gedanke der Philantropie war ja gerade nicht die Umverteilung. Vielmehr wollten die Philantrokapitalisten mit ihrem Reichtum und ihren unternehmerischen Talenten Institutionen schaffen, welche die Gesellschaft dauerhaft verbessern – wohlgemerkt ohne das prinzipiell gute System zu verändern, ohne, wie Carnegie schrieb „wie die Kommunisten unsere ganze Zivilisation auf den Kopf zu stellen."

Die heutige Generation von Philantrokapitalisten um Bill Gates, George Soros und Co. knüpft direkt an diese Tradition an. Gates beruft sich sogar explizit auf Carnegie und Rockefeller, die er intensiv studiert hat. Deshalb ist auch der Stil der Gates-Stiftung ist sehr eng an den Stil der Carnegie- und Rockefeller-Stiftungen angelehnt. Ein bestimmtes gesellschaftliches Übel (bei Gates medizinische Unterversorgung in der dritten Welt und öffentliche Bildung in den USA) wird identifiziert und ein Unternehmen gegründet, um dieses Problem so effizient wie möglich zu beheben oder wenigstens zu bekämpfen. Dahinter steht das Selbstverständnis des erfolgreichen Unternehmers als jemandem, der besser als irgendwer sonst dazu geeignet ist, solche Probleme zu lösen. Besser, in jedem Fall, als der Staat oder multinationale Bürokratien wie die UNO.

Dass Gates und Co. sich auf die Gründergeneration der amerikanischen Unternehmer berufen ist nur folgerichtig. Ihre Lage ist denen der Rockefellers und Carnegies verblüffend ähnlich. Seit dem frühen 20. Jahrhundert hat es nicht mehr so große Vermögen und eine so große soziale Ungleichheit in den USA gegeben wie jetzt, ermöglicht durch die Deregulierung, den Sozialabbau und die Steuervorteile für Reiche der vergangenen 30 Jahre.

Deshalb ist Amerika von der Großzügigkeit seiner Reichsten abhängig. Dass der Staat sie maßgeblich entlastet ist auch weiterhin nicht abzusehen. Geradeversucht Obama mühsam eine stärkere Besteuerung der höheren Einkommen durch zu boxen. Sein Ziel – die Steuerlast der Bestverdiener auf das Niveau von 1998 zurück zu bringen, bevor die Bus- Regierung die Reichen massiv entlastete. Die Debatte im Parlament darüber führte zu einem unüberbrückbaren Patt. Das Thema wurde auf nächstes Jahr vertagt.

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