Gute Gründe zum Morden

Warum werden Frauen gewalttätig? Bei der Suche nach Motiven stehen sich die Frager selbst im Weg. Sie tun Mörderinnen allzuschnell als Wahnsinnige ab, als könnten Frauen nicht kaltblütig sein.

(Frankfurter Rundschau)

Amy Bishop war völlig klar und ruhig am Nachmittag des 12. Februar, nichts an ihrem Verhalten deutete auf Erregung oder Verwirrung hin. Wie an jedem Freitag unterrichtete die Biologie-Professorin an der Universität von Alabama ihren anderthalb Stunden währenden Kurs in Neurophysiologie. Dann ging sie in den Konferenzraum der Fakultät für Wissenschaft und Technologie auf dem Campus in Huntsville, um an der wöchentlichen Sitzung der Belegschaft teilzunehmen.

40 Minuten saß Bishop in der Konferenz und hörte still den Diskussionen und Vorträgen zu. Dann zog sie einen 9 Millimeter Revolver aus ihrer Handtasche und schoss sechs Kollegen nieder. Erst als die Pistole nicht mehr nachlud, hörte sie auf abzudrücken, dann verließ sie den Raum, warf die Waffe weg und stellte sich vor dem Gebäude der Polizei.

Der Mehrfachmord durch die Professorin kann kaum als Amoklauf bezeichnet werden. Amy Bishop handelte eindeutig nicht im Affekt, jedenfalls nicht im unmittelbaren. Ihren Zorn darüber, dass sie von ihren Kollegen nicht zur vollen Professorin ernannt wurde und eine Anstellung auf Lebenszeit erhielt, trug Amy Bishop schon seit einem Jahr mit sich herum. Ihr Ehemann James Bishop berichtete später den Behörden, dass seine Frau schon seit Wochen auf einer Schießanlage den Umgang mit der Waffe geübt hatte. Und so können die Morde von Alabama, die seit drei Wochen Amerika umtreiben, nur als eines bezeichnet werden: Als kaltblütig.

Dennoch konzentrierte sich die Berichterstattung über Amy Bishop sehr schnell auf ihren vermeintlichen Wahnsinn. Am 20. Februar erschien in der New York Times ein langer Report, in dem sich allerlei Zeugen über den lebenslangen Kampf der Wissenschaftlerin mit ihrem Temperament ausließen. Übertriebene Reaktionen von Bishop der Vergangenheit wurden zitiert, wie ein angebliches Handgemenge mit einer anderen Mutter in einem Fast Food Restaurant um den einzig freien Kinderstuhl. Der Boston Globe veröffentlichte eine ausführliche Meditation über die sprichwörtliche Nähe von Genie und Irrsinn, die sich bei der Harvard-promovierten Amy Bishop wieder einmal mustergültig zeige.

An diesen Deutungen mag durchaus etwas dran sein. Vermutlich werden die Gerichtspsychologen bei Amy Bishop eine akute oder auch eine schon lange anhaltende Pathologie feststellen können. Die fragwürdigen Umstände unter denen sie vor 20 Jahren ihren Bruder angeblich fahrlässig tötete, sprechen durchaus dafür. Dennoch ist es bemerkenswert, wie schnell die Berichterstattung Bishops Bluttat als Wahnsinn deutet und dabei das Offensichtliche ausblendet: Dass eine hochintelligente, hoch gebildete Frau bei völlig klarem Verstand und mit eindeutigem Vorsatz gemordet hat.

Wäre Professor Bishop ein Mann gewesen, so jedenfalls die Theorie eines Essays von Sam Tanenhaus in der letzten Wochenendeausgabe der New York Times, dann wäre man mit der Pathologisierung der Tat nicht so schnell bei der Hand gewesen. Die amerikanische Kultur, so Tanenhaus, bringt eine grenzenlose Faszination für männliche Mörder und deren Antriebe auf. Schriftsteller wie Truman Capote und Norman Mailer haben der Ergründung ihrer Motive und ihrer Psychologie Jahre ihres Lebens gewidmet. Bei Frauen hingegen ist die Sache schnell klar: Sie sind entweder böse, wie die die Femmes Fatales des Film Noir Barbara Stanwyck oder Lana Turner; oder sie sind verrückt, unzurechnungsfähig, wie Glenn Close in Fatal Attraction und eben auch Amy Bishop.

Beide Konstruktionen weiblicher Gewalttätigkeit – mad oder bad – dienen demselben Ziel. Indem man Gewalt durch Frauen als entweder unmenschlich oder als irrsinnig abtut, muss man sich nicht weiter damit beschäftigen. So wird das Phänomen der Gewalt durch Frauen bequem marginalisiert und ist deshalb weit weniger monströs oder bedrohlich. Die Frage warum Frauen morden wird geschickt vermieden.

Ein Paradebeispiel für diese Art der kulturellen Repräsentation weiblicher Gewalt, die sie in handliche, vorgefertigte Erzählmuster packt, ist etwa der Fall der Massenmörderin Aileen Wuornos, für deren Darstellung Charlize Theron 2004 einen Oscar erhielt. In „Monster" ist Theron alias Wuornos ein Opfer, von klein auf zur Prostitution gezwungen und durch zu viele Akte männlicher Erniedrigung in die Gewalttätigkeit trieben. So wird der Fall Wuornos zu einer Fabel mit einer klaren Moral über das Schicksal von Frauen in der Gesellschaft.

Die wahre Geschichte von Aileen Wuornos war hingegen weit komplizierter. Wuornos war viel weniger eindeutig ein Opfer. Sie hatte unübersehbare Symptome paranoider Schizophrenie, angebliche Vergewaltigungen durch ihren Bruder in der Kindheit, die sie auf die gewalttätige Bahn gebracht haben sollen, sind eher fragwürdig. Die wahre Wuornos war deutlich monströser als der Film Monster sie sein lässt.

Die Neigung, Fälle weiblicher Gewalt wie den von Wuornos in Lehrstücke über Unterdrückung zu verwandeln stammt laut Tanenhaus aus dem Feminismus der 60er und 70er Jahre. Für die Gegenwart sind solche Allegorien jedoch nicht mehr angemessen. Wenn man über Amy Bishop spricht, sollte man beispielsweise darüber sprechen, dass sie, wie viele Frauen heutzutage, die Brotverdienerin einer Familie mit vier Kindern war und unter enormem Druck stand. Die Verweigerung der unbefristeten Lehrstelle bedeutete für ihre Familie eine Katastrophe. Mit dieser Situation könnten sich viele berufstätige Mütter identifizieren, schon gar in einer Zeit, in der die Zahl berufstätiger Frauen, die Zahl berufstätiger Männer übersteigt. Eine solche Identifikation ist aber aus offensichtlichen Gründen nicht wünschenswert. Dann lässt man Bishop schon lieber zum irren Genie werden.

Worum Tanenhaus und andere Autoren und Autorinnen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben bitten, ist, dass weibliche Gewalt ernst genommen wird. „Nur, weil Frauen traditionell ihre Gefühle unterdrückt haben, darf das doch nicht bedeuten, dass wir diejenigen, die das nicht tun, pathologisieren", schreibt etwa Helen Birch in ihrem Buch „Moving Targets: Women, Murder, and Representation". Akte weiblicher Gewalt hätten zumindest eine gründliche Motivforschung verdient - selbst, wenn diese im Zweifel zu härteren Strafen führt, weil den Frauen nicht mehr so leicht Unzurechnungsfähigkeit zugestanden wird.

Gewalt durch Frauen, das zeigt der Fall Amy Bishop, wird auch im 21. Jahrhundert noch enteignet. Dabei gibt es durchaus mittlerweile kulturelle Repräsentationen, die Gewalt durch Frauen als Ermächtigungsgesten deuten anstatt als Ausraster. Sam Tanenhaus zitiert sie in seinem Artikel selbst: Jamie Lee Curtis nimmt in „Blue Steel" den Revolver nicht aus einem blinden Racheaffekt zur Hand, sondern um sich zur wehren – pikanterweise gegen die Erotisierung ihrer professionell ausgeübten Gewalt als Polizistin. Uma Thurman arbeitet in Quentin Tarantinos „Kill Bill" zwar durchaus aus Rache ihre Liste von Mordopfern ab. Aber sie tut das auch in kalter Kalkulation. Mehr noch – sie inszeniert die mörderischen Racheakte als ästhetische Spektakel.

Zum Deutungsvorbild für Akte weiblicher Gewalt im wirklichen Leben haben es diese Erzählungen freilich nicht gebracht. Sogar Tanenhaus selbst marginalisiert sie als billigen Pop und folgt dabei der gleichen kulturellen Logik, die er kritisiert. Immerhin auf Joyce Carol Oates hört er jedoch schließlich, deren hochkulturelle und feministische Referenzen über jeden Zweifel erhaben sind. „Sie ist etwas besonderes", hatte Oates, die sich in ihrem essayistischen Werk ausführlich mit Gewalt auseinander gesetzt hat, ihm zum Thema Amy Bishop gesagt. Leider ist Oates mit dieser Meinung bislang ziemlich alleine.

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