Generation 9/11

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Seit den Terroranschlägen lebt die US-Jugend ohne Gewissheiten. Der Tag, an dem Osama bin Laden getötet wurde, war das Coming Out dieser Generation

(Frankfurter Rundschau)

Helaina Hovitz erfuhr es per SMS, als sie Bin Laden endlich erwischt hatten, ein Schulkamerad aus ihrer Kindheit in Downtown Manhattan teilte es ihr sofort mit, als er es in den Nachrichten hörte.

Zunächst war die Meldung für sie so, als dürfe sie nach zehn Jahren endlich ein paar viel zu enge, drückende Schuhe ausziehen. Für eine kurze Zeit zumindest. Doch dann setzten sofort wieder die Beklemmungen ein, jene Beklemmungen, die ihr so vertraut waren.

„Ich dachte nur – verdammt nochmal, wir haben ihn hingerichtet und ins Meer geschmissen. Das lassen die nicht auf sich sitzen", sagt die heute 22 Jährige. Wir sitzen in einem Diner in der Nassau Street keine 200 Meter vom Ground Zero entfernt und keine 400 Meter von der Wohnung, in der Helaina aufgewachsen ist.

Helaina hat die Anschläge des 11. September direkt vor ihrer Haustür erlebt, 12 Jahre alt war sie damals. Und jetzt war sie wieder da, die Angst, dass das jeden Moment wieder passieren kann, dass die wieder angreifen, diese Angst, die sie Tag und Nacht mit sich herum trug, bis sie 19 war. „Bei mir haben immer die Alarmglocken geläutet, 24 Stunden lang, meine ganze Jugend über", sagt sie. Erst seit drei Jahren lerne sie langsam, gemeinsam mit einem Therapeuten „ab und zu den Finger vom Alarmknopf zu nehmen."

Der Alptraum, den Helaina an jenem Tag erlitt, blieb Lilly O'Donnell erspart. Sie war weit genug weg von der Stadt, in der sie geboren wurde und in die sie bald wieder zurückziehen würde. Sie lebte damals in Kalifornien, saß um fünf Uhr morgens gemeinsam mit ihrer Mutter vor dem Fernseher und schaute still und betreten zu, wie die Türme zusammen sackten. 13 war sie damals, ein Jahr älter als Helaina, und sie erinnert sich nur daran, dass sie damals gedacht hat, „Mann - das kommt mal in die Geschichtsbücher."

Lilly war sich darüber im klaren, dass sich die Welt an diesem Tag veränderte. Doch der Schock hielt nicht lange. „Ich war schon am nächsten Tag wieder der gleiche zynische, entfremdete kleine Punk, der ich meine ganze Jugend über war", sagt die heutige Journalismus-Studentin bei einem Treffen zwischen zwei Seminaren an der Columbia University.

9/11 war für Lilly ein weit weniger kompliziertes Erlebnis. als für Helaina. Und so konnte sie auch den Tod Bin Ladens im Mai dieses Jahres mit größerer Klarheit sehen. Obwohl Lilly von der politischen Grundeinstellung her links ist und sie dem sogenannten „Krieg gegen den Terror" überaus skeptisch gegenüber steht, empfand sie den Tag als uneingeschränkt kathartisch. „Seine Ermordung ist eine Befreiung für unsere gesamte Generation", schrieb sie in einem Editorial für ihre Studentenzeitung. „Er war unser ganzes Leben lang nicht nur ein Symbol des Terrorismus, sondern des Terrors selbst. Sein Tod ermöglicht es uns mit diesen verwirrenden, schwierigen Jahren ein Stück weit abzuschließen." Der 11. September hatte ihr ganzes erwachsenes Leben bestimmt. Mit dem Tod Bin Ladens konnte sie ein wenig Abstand gewinnen.

Lilly und Helaina gehören dem an, was in den USA immer häufiger die „Generation 9/11" genannt wird. Damit gemeint sind alle diejenigen, die 2001 so jung waren, dass der 11. September sie auf eine grundsätzliche Art und Weise geprägt hat. Es ist eine Generation, die sich kaum bewusst an eine Welt vor dem 11. September erinnern kann, eine Welt in der man sich nicht am Flughafen ausziehen und betatschen lassen musste, eine Welt, in der die USA keine endlosen Guerillakriege in Nahost führte, eine Welt vor allem, die nicht von Paranoia und Angst beherrscht wird.

Der Tag, an dem Osama Bin Laden ermordet wurde, war das Coming Out dieser Generation. Auf den Universitätscampi der USA und auf den Straßen der jungen Viertel in den Großstädten wurde zum Befremden vieler älterer, von den 60er Jahren geprägten, Amerikaner hemmungslos gefeiert. Sie schwenkten Fahnen, tröteten in Vuvuzuelas und sangen „Born in the USA."

Auf den ersten Blick sah das so aus, als habe die Terrorbedrohung eine patriotische und militaristische neue Generation hervor gebracht. Doch bei genauem Hinsehen wurde klar, dass das Bild komplexer ist. So erklärte ein feiernder Student in Oregon einem Reporter: „Unsere Identität als Amerikaner ist durch diese Tragödie geformt worden. Auch diese Feiern zum Tod von Bin Laden heute – wir haben nur durch diese schrecklichen Dinge gelernt zu begreifen, wer wir sind."

Eine islamisch-amerikanische Studentin, die an den Feiern mit Kopftuch teilnahm, schlug in dieselbe Kerbe. „Für uns war von Anfang an alles kompliziert. Unabhängig von der Religion war für uns immer unklar, was es, bedeutet, Amerikaner zu sein. Wir waren nicht mehr eindeutig die Guten, wir sind nicht mehr die Größten in der Welt." Als Amerikaner in der Post 9/11-Welt aufzuwachsen, war und ist schwierig.

Der Tod von Bin Laden verschaffte diesen jungen Amerikanern für einen Augenblick Erleichterung von einem Alpdruck, der sie ein Leben lang begleitet hatte. Doch niemand machte sich wirklich Illusionen darüber, dass die Welt dadurch einfacher geworden ist. Es tat gut, eine Nacht lang zu singen und Fahnen zu schwenken. Am nächsten Tag war jedoch alles beim alten.

„Obamas Leiche in die nordarabische See zu werfen hat Amerikas meist gehassten Bösewicht für immer zum Schweigen gebracht", schrieb Lilly in ihrem Editorial. „Doch die Auswirkungen des Terrorismus auf unsere Gesellschaft bestehen weiter." Das Klima der Bedrohung ist geblieben. Die Kultur der Überwachung ist geblieben. Eine Rückkehr zur vermeintlichen Unschuld ihrer Kindheit vor dem 11. September würde es nicht geben.

Für Helaina Hovitz schon sowieso nicht. Die Bilder in ihrem Kopf, die Schweißausbrüche in U-Bahntunnels, die Panikattacken, wenn ein Flugzeug über Manhattan donnert, die wird sie wohl nie ganz los werden.

Helaina war am 11. September 2001 wie an jedem Morgen in ihrer Schule, der IS 89, die nur durch eine vierspurige Stadtautobahn vom World Trade Center getrennt war. Als der erste Turm getroffen wurde, schickte der Schuldirektor die Kinder in die Schulkantine doch als das Gebäude kurz danach in Flammen aufging, hatte er für die Kinder nur noch einen Rat: Rennt um Euer Leben.

Und Helaina rannte. Über die Straße in Richtung Osten, wo sie einen Kilometer geradeaus in der Fulton Street mit ihren Eltern und Großeltern wohnte. Sie sah, wie die Menschen aus den Türmen sprangen, sie hörte, wie sie links und rechts neben ihr auf Autodächern aufschlugen. Und sie rannte weiter. Als der erste Turm einstürzte, wurde sie von einem Handwerker in ein Gebäude gezogen, wo sie mit schreienden, heulenden Erwachsenen in der grauen Finsternis der Staubwolke stand. „Ich war mir sicher, dass wir alle sterben", sagt sie heute. Doch als sich dann die Staubwolke lichtete und sie immer noch lebte, rannte sie weiter. An Straßensperren vorbei immer in Richtung East River, wo ihre Großeltern alleine in der Wohnung saßen. Den fliehenden Menschenmengen entgegen, die alle aus der Gegend heraus strömten, in die sie hinein wollte.

Als der zweite Turm fiel, stand sie am East River neben einem hustenden, schluchzenden Mann, der über und über mit Staub bedeckt war. „In diesem Moment war mir klar, dass das hier niemand mehr unter Kontrolle hat." Die Welt der 12-Jährigen war aus den Fugen geraten. Für immer.

Die nächsten Jahre waren für sie ein Alptraum, aus dem sie nicht mehr aufwachen konnte. Sie war depressiv und zornig und wusste nicht warum. Sie konnte manchmal wochenlang nicht in die Schule gehen und warf ihren Eltern unvermittelt beliebige Gegenstände an den Kopf. Als sie 14 war, fing sie an, sich jeden Tag zu betrinken. Sie ließ sich mit Jungs ein, die ihr vermeintlich Sicherheit gaben, die sich jedoch als gewalttätig und gefährlich heraus stellten. Sie flog so oft von der Schule, dass es für ihre Eltern immer schwieriger wurde, für sie in New York überhaupt noch eine Schule zu finden. Und niemand konnte ihr helfen. Erst mit 19 fand sie einen Therapeuten, der die richtige Diagnose stellte: Post-traumatisches Stress-Syndrom. Helaina rang mit den gleichen Problemen, wie die Soldaten, die aus Afghanistan und dem Irak zurück kamen.

Seit sie richtig behandelt wird, geht es Helaina besser. Sie hat „gelernt mit den extremen Gefühlszuständen umzugehen", wie sie sagt. Sie hat sie als Teil ihres Lebens akzeptiert, die Selbstmordgedanken sind weg, mit denen sie sich jahrelang gequält hat. „Ich führe beinahe so etwas wie ein normales Leben."

Helaina hat ihren Bachelor gemacht, sie arbeitet als freie Journalistin, und sie schreibt ein Buch über sich und ihre Klassenkameraden, die 9/11-Kinder aus der IS 89. Sie lebt bei ihrer Familie, mit der sie sich nach einer extrem schwierigen Zeit ausgesöhnt hat. Sie kümmert sich um ihre Großmutter, die 95 Jahre alt ist und die für sie „alles bedeutet", wie sie sagt. Irgendwann will sie selbst Familie haben. „In ein paar Jahren, wenn ich vielleicht nicht mehr ganz so neurotisch bin."

In ihrem Beruf als Journalistin will Helaina alles tun, nur nicht über Politik berichten. „Die Politik", sagt sie, „ist so vermurkst." Lieber will sie über soziale Themen schreiben. Über konkrete Dinge, bei denen sie etwas verändern kann. So wie das Altersheim in ihrer Nachbarschaft, das die Stadt schließen will und über das sie für die Stadtteilzeitung eine Artikelserie verfasst hat.

Für den Soziologen Neil Howe ist Helaina, von ihrem Trauma abgesehen, in vielerlei Hinsicht typisch für ihre Generation. Die „Millenials", wie er die zwischen 1982 und 2000 geborenen nennt, sind für ihn familienorientiert. Sie sind weniger egoistisch als ihre Eltern, die Baby-Boomer. Es ist ihnen wichtiger, etwas Soziales zu tun, als eine großartige Karriere hinzulegen und viel Geld zu verdienen. Sie legen Wert auf Gemeinschaft, sind permanent vernetzt. Es sei kein Zufall, so Howe, dass ein Millenial Facebook erfunden habe.

Politisch sind sie moderat, sie haben die ideologischen Kämpfe ihrer Eltern, den Kulturkrieg der 60er und 70er Jahre, die Polarisierung der Gesellschaft satt. In der komplizierten Welt, in der sie aufgewachsen sind, gibt es kaum mehr Eindeutigkeiten.

So hat etwa der arabische Frühling Lilly O'Donnell ins Grübeln gebracht. „Natürlich fand ich es richtig, dass wir den libyschen Rebellen geholfen haben", sagt sie. Gleichzeitig erinnerte es sie aber doch allzu sehr an die Invasion des Irak. „Warum ist es in dem einen Fall richtig, einen Diktator zu stürzen und im anderen Fall nicht?" Eine Frage auf die sie keine rechte Antwort zu finden vermag.

Diese Grundverunsicherung, das Misstrauen gegenüber vermeintlichen Gewissheiten, ist für Neil Howe einer von vielen Gründen, große Hoffnungen in die „Millenial"-Generation zu setzen. Die Millennials, glaubt Howe, werden die jetzige Lähmung in der Politik überwinden. Sie werden die alten Fronten aufbrechen und miteinander reden. Sie sind keine Revoluzzer wie ihre Eltern, die Baby Boomer und keine Apathiker, wie die Generation X, die vor ihr kamen. Sie wollen etwas zur Gesellschaft beitragen, sie wollen Amerika besser machen. Und sie verstehen, nac hdem 11. September, dass das nicht ohne den Rest der Welt geht, „Das wird nach der Weltkriegsgeneration die nächste „great generation" von Amerika", sagt Howe, jene Generation die Amerika zum Wohlstand geführt und die Welt von Hitler befreit hat.

Allerdings glaubt Howe, dass es nicht alleine der 11. September war, der die Millenials zu dem gemacht hat, was sie im Werden begriffen sind. „Der 11. September hat lediglich gewisse Dinge verstärkt, die in dieser Generation schon angelegt waren." Die soziale Ader dieser Generation, der Wunsch, Gräben zu überbrücken und zum Allgemeinwohl beizutragen, das sei vorwiegend Resultat der Erziehung durch die Boomer, die von den 60er Jahren beeinflussten Alt- und Ex-Hippies. Sie waren fürsorglich, anti-autoritär, idealistisch. Und das schlage nun durch.

Für Howes These spricht, dass die Millenials den 11. September lieber früher als später vergessen wollen. So findet Lilly O'Donnell, dass Amerika 10 Jahre nach dem 11. September ganz andere Probleme hat, als den Terrorismus. Die extreme soziale Ungleichheit, die Lähmung in Washington, die Wirtschaftskrise, von all dem lenke die Rückschau auf damals doch nur ab.

Helaina Hovitz möchte auch nach vorne schauen. Der 11. September hat lange genug ihr Leben bestimmt. Wenn sie heute durch ihr Viertel läuft und sieht, wie das neue World Trade Center täglich um ein paar Stockwerke wächst, dann ist das Balsam für ihre Seele. Bald, denkt sie sich dann, gibt es hier keinen Ground Zero mehr. Und das ist gut so.

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