"Die Leute wollen nicht in Zelte ziehen. Sie wollen ihre Häuser wieder haben"

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Todd Gitlin war einer der Anführer der Studentenbewegung in den 60er Jahren. Jetzt beobachtet er gespannt Occupy Wall Street

(Berliner Zeitung)

Der New Yorker Soziologe und Medienwissenschaftler Todd Gitlin war einer der Protagonisten der linken Studentenbewegung in den 60er Jahren in den USA. Er war Präsident des Studentenbundes SDS und hat 1965 die erste nationale Demonstration gegen den Vietnam-Krieg organisiert. Im selben Jahr hat er eine Blockade gegen New Yorker Banken geleitet, die das Apartheidsregime in Südafrika unterstützten. In dieser Woche hat Gitlin sich den Demonstrationen an der Wall Street angeschlossen

Herr Gitlin, wie sind Ihre Eindrücke von den Demonstrationen an der Wall Street?

Die große Demo in dieser Woche war ein großer Tag für die amerikanische Linke. Das ursprüngliche Lager im Zuccotti Park hat sich mit konventionellen politischen Organisationen zusammen getan. Die kleine anarchistische Subkultur, die das ganze gestartet hat, hat so viel Sympathien gewonnen, dass der Protest nun die Möglichkeit hat, zu etwas Größerem zu werden.

Die ursprünglichen Initiatoren waren Anarchisten?

Ja, es gibt diese Anarchos ja schon lange. Aber ihre Forderungen nach einer horizontalen Demokratie finden gewöhnlich nicht viel Gehör. Dadurch, dass es auf der Linken in Amerika derzeit so viel Zorn gibt, ist aber plötzlich eine Allianz mit konventionell organisierten politischen Gruppen wie den Gewerkschaften möglich geworden. Jetzt sehen wir an der Wall Street plötzlich konkrete politische Forderungen, wie Steuererhöhungen, anstatt nur wie bisher pauschale Wutbekundungen und utopistische Angriffe auf das Establishment. Das kann nur gut sein. Wie erfolgreich diese Bewegung langfristig sein wird hängt allerdings davon ab, ob diese schwierige Allianz hält

Die Anarchisten und die Gewerkschaften brauchen sich also gegenseitig?

Ja genau. Die Gewerkschaften finden alleine kein Gehör für ihre Forderungen. Und die Anarchisten gewinnen durch die traditionellen Organisationen an Legitimität.

Was ist jetzt der nächste Schritt für diese Bewegung?

Es kommt jetzt darauf an, wie die Politik auf sie reagiert. Das haben sie immerhin schon geschafft, dass in Washington jeder Politiker nach ihnen gefragt wird. Man kommt an ihnen nicht mehr vorbei. Bislang hat man den Eindruck, dass man dort noch nicht so recht weiß, was man mit ihnen anfangen soll. Obama hat sehr ausweichend geantwortet, als man ihn angesprochen hat. Ben Bernanke war erstaunlich positiv. Wenn Obama schlau ist, dann macht er sich diese Energie zunutze.

Wie kann das aussehen?

Im nächsten Jahr wird das Motto der Demonstranten,„Wir sind die 99 Prozent", das Motto sein, mit dem man Wahlen gewinnt. Obama muss schauen, ob er sich mit diesem Statement identifizieren kann.

Warum passiert es gerade in diesem Augenblick, dass die amerikanische Linke sich formiert und sichtbar wird?

Es hat zwei Jahre gedauert, bis man die Enttäuschung mit Obama verarbeitet hatte. Wenn McCain die Wahl gewonnen hätte, wären die Leute damals schon auf die Straße gegangen.

Was sind für Sie die Parallelen und die Unterschiede zu den 60er Jahren?

Jede politische Bewegung besteht aus Elementen von „Außen" und von „Innen". Bei der Bürgerrechtsbewegung hatten wir etwa die Radikalen, die Black Panthers und die etablierte schwarze Kirche. Bei den Vietnam-Protesten gab es meine Organisation, die SDS, die konventionell organisiert war und auf der anderen Seite die Weathermen und die Hippies. Ich glaube in beiden Fällen, damals und heute, kam der ursprüngliche Impuls von der radikalen, anarchischen Seite. Der breite Erfolg kam aber dann, als sie sich mit konventionellen Organisationen zusammengeschlossen haben.

Inwiefern hat das Internet denn den politischen Aktivismus seit damals verändert?

Wir hatten schon 1966 ein gut funktionierendes Kommunikations-Netzwerk, eine richtige Untergrund-Presse. Das Internet hat das natürlich viel einfacher gemacht. Und ich denke die jungen Leute heute sind weniger von der Aufmerksamkeit der Mainstream-Medien abhängig um Wirkung zu entfalten.

Aber die Proteste an der Wall Street sind doch auch erst gewachsen, nachdem die TV-Kameras dorthin gegangen sind.

In der Tat haben sie erst Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nachdem es Übergriffe durch die Polizei gab. Die New Yorker Polizei hat die beste PR für die Bewegung gemacht. Man muss aber auch sagen, dass die Demonstranten sich sehr geschickt dabei angestellt haben, die Polizei zu provozieren und sich als Opfer zu positionieren.

Brauchen die Demonstranten denn jetzt auch weiterhin solche Konfliktsituationen um die Öffentlichkeit wach zu halten?

Nein, ich glaube das Interesse ist jetzt auch ohne weitere Zwischenfälle da.

Die Demonstranten werden als die Teepartei von links bezeichnet. Stimmt diese Parallele?

Nein, die Teepartei ist ja mittlerweile der rechte Flügel der republikanischen Partei. So weit sind diese Demonstranten noch nicht, dass sie die Politik der Demokraten bestimmt, auch wenn das vielleicht wünschenswert wäre. Gleichzeitig sind diese Demonstranten wesentlich bunter als die Teepartei. Die Teepartei ist in der Hauptsache weiß, männlich, gut verdienend und religiös. Was ich an der Wall Street gesehen habe, sind alle möglichen Bevölkerungsschichten. Mittlerweile ist zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung dafür die oberen Einkommen zu besteuern, inklusive denen, die das betrifft. Diese Demonstranten haben eine sehr breite Basis.

Welchen konkreten politischen Erfolg wünschen Sie im besten Fall dieser Bewegung?

Die demokratische Partei ist nicht in dem Maße nach links gerückt, wie die republikanische Partei in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt ist. Ich hoffe Obama greift die Forderungen der Demonstranten auf und stellt sich klar gegen die Plutokratie, die dieses Land regiert. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt 40% des Wohlstandes in Amerika. Wenn die Demokraten sich nicht dagegen stellen, dann sind sie hoffnungslos verloren.

Viele der Demonstranten an der Wall Street reden von Revolution. Ist das realistisch?

Nein, die Leute in Amerika wollen nicht in Zelte ziehen, sie wollen ihre überschuldeten Häuser wieder haben. Eine Bewegung, die sich radikal gegen das bürgerliche Leben stellt hat in Amerika keine Chance.

Wie sehr freuen Sie sich als Alt-68er über das, was da passiert?

Natürlich sehr. Die Demonstration am Mittwoch hat mich sehr glücklich gemacht.

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