"Die Bewegung prägt eine ganze Generation"

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Der Erfinder von „Occupy Wall Street" Kalle Lasn spricht im Interview über seine Sympathien für die Tea Party und den Situationismus.

(Berliner Zeitung)

Der kanadische Filmemacher Kalle Lasn ist der Vater der Occupy Wall Street Bewegung. Im Juni diesen Jahres rief das von ihm heraus gegebene Magazin ADBusters dazu auf, die Wall Street zu besetzen. Am 17. September folgten Aktivisten aus der ganzen Welt ihrem Ruf. Seither hat sich die Occupy Wall Street Bewegung zu einem globalen Phänomen ausgeweitet. Lasn gründete im Jahr 1989 in Vancouver „AdBusters", ein linkes Magazin mit dem Ziel, den Konsumkapitalismus mit der Taktik des „Culture Jamming" zu unterwandern. Darunter verstanden Lasn und sein Partner Bill Schmaltz etwa das Veröffentlichen von Druckanzeigen und Werbefilmen mit einer Anti-Kapitalistischen Botschaft. Occupy Wall Street nennt Lasn unseren „bisher wohl besten culture jam". Für diesen Samstag hat AdBusters dazu aufgerufen, weltweit für eine „Robin Hood Steuer auf alle Finanztransaktionen zu demonstrieren.

Herr Lasn, ihr Magazin AdBusters hat im vergangenen Juni dazu aufgerufen die Wall Street zu besetzen. Haben Sie damit gerechnet, dass sich das zu einer weltweiten Bewegung ausweitet?

Wir haben schon damit gerechnet, dass wir in New York Wellen schlagen. Das ikonische Zentrum des Finanzkapitalismus zu besetzen war eine sehr sexy Idee. Aber als sich das nach Chicago, Los Angeles und San Francisco ausgeweitet hat und dann in der vergangenen Woche nach Europa, war ich schockiert. Das habe ich mir nie träumen lassen.

Aber Sie hatten doch in ihrer Zeitschrift schon mehrmals Szenarien einer globalen Widerstandsbewegung entworfen. Erst im vergangenen Jahr hatte AdBusters zu einer globalen „karnevalesken Rebellion" aufgerufen. Sie können also nicht völlig überrascht sein.

Ich habe1968 als junger Mann etwas ähnliches erlebt. Wir hatten damals auf eine globale Revolution gehofft, die dann natürlich ausgeblieben ist. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass es wieder passieren könnte. Heute leben wir in sehr ernsten Zeiten. Wir haben eine globale ideologische, politische und finanzielle Krise und die jungen Menschen rund um die Welt haben Angst, viel mehr Angst, als wir 1968 hatten. Deshalb glaube ich, dass heute eine globale Bewusstseinsveränderung möglich ist.

Der Aufruf zur „karnevalesken Rebellion" im vergangenen Jahr verpuffte. Warum hat „Occupy Wall Street" gegriffen?

Ich glaube die Entwicklungen in Griechenland, Spanien und Portugal haben dazu bei getragen. Die jungen Menschen sehen sich einer sehr düsteren Zukunft gegenüber. Die politischen Führer haben keine Ahnung, was sie tun, die Ökonomen sind perplex und die jungen Leute sehen auf einmal, dass sie keine Zukunft haben, wenn sie nicht aufstehen und darum kämpfen. Das ist es, glaube ich, was die Bewegung rund um die Erde antreibt.

Sie sind, wie Sie sagen, ein Kind der 60er Jahre. Was sind für Sie die wichtigsten Unterschiede zu den 60er Jahren?

Der größte Unterschied ist, dass wir in viel ernsteren Zeiten leben. Wir wollten in den 60er Jahren nicht so leben, wie unsere Eltern und wollten mehr Freiheit. Es war eine kulturelle Revolution. Die jungen Leute heute werden hingegen von einer existentiellen Krise angetrieben. Außerdem waren wir in den 60er Jahren noch im marxistischen Modell einer Revolution gefangen. Wir haben ein Manifest gebraucht und einen Anführer und konkrete Forderungen. Es war eine sehr vertikale Bewegung. Was heute passiert ist hingegen aus der Kultur des Internet erwachsen, es ist eine egalitäre, horizontale Revolution, mit einer Gandhi-haften Philosophie der Gewaltlosigkeit. Die Bewegung jetzt hat einen ganz neuen Zauber.

Sie glauben also, dass es eine Stärke der Bewegung ist, dass sie kein konkretes Programm haben?

Die Kritik der Programmlosigkeit kommt oft von Altlinken, die seit 30 Jahren nichts Bedeutsames mehr auf die Beine gestellt haben. Wie kann man denn eine Bewegung kritisieren, die in einem Zeitraum von drei oder vier Wochen eine Debatte über die Zukunft Amerikas los getreten hat, ja über die Zukunft des gesamten menschlichen Experiments auf diesem Planeten? Was diese Bewegung innerhalb eines Monats zustande gebracht hat, ist ein Wunder. Man muss Ihnen Zeit geben. Die konkreten Forderungen werden schon kommen. An diesem Wochenende werden die Menschen überall für eine Robin Hood-Steuer auf alle Finanztransaktionen weltweit demonstrieren. Das ist denke ich, ein erster Schritt zu einer neuen Weltordnung.

Die Occupy Wall Street Leute in New York haben eine Zuwendung von AdBusters abgelehnt, weil sie mit keiner bestimmten Organisation verbunden sein wollen, auch nicht mit Ihrer. Fühlen Sie sich trotzdem noch als Vater der Bewegung?

Absolut nicht, das wollte ich nie sein. Das ist doch das Schöne an dieser Bewegung, dass sie sich von niemandem vereinnahmen lassen, nicht von der demokratischen Partei, nicht von den Gewerkschaften und auch nicht von AdBusters.

Haben Sie an den Protesten teil genommen?

Ich war in Vancouver am ersten Tag dabei. Ich versuche mich aber weitgehend fern zuhalten. Ich möchte, wie gesagt, nicht in eine Führungsrolle gedrängt werden. Die jungen Leute sollen selbst ihren Weg finden.

Viele sagen, dass alleine die langfristige Besetzung von öffentlichem Raum ein großer politischer Erfolg der Bewegung ist. Wie wichtig ist diese Besetzung als revolutionärer Akt?

Es war sehr wichtig, aber es ist nur ein Anfang. Aus dieser Bewegung kann alles Mögliche entstehen, das ist völlig offen. Aber Sie haben natürlich Recht, die Tatsache, dass 100,000 junger Leute auf die Straße gegangen sind, sich politisch organisiert haben, in den „General Assemblies" quasi-religiöse Gemeinschaftserfahrungen gemacht haben ist schon jetzt ein bleibendes Erbe dieser Bewegung. Es wird diese Leute dauerhaft prägen, es wird eine ganze Generation prägen.

Der ursprüngliche Gedanke von AdBusters war eine politische Strategie, die sie „culture jamming" nennen – die kreative Störung der gewohnten Abläufe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ist Occupy noch „culture jamming" oder ist es schon etwas anderes?

Ich denke es hat viele Elemente des culture jamming. Es geht bei Occupy Wall Street letztlich um einen weichen Regimewandel in Amerika und in der ganzen Welt. Culture Jamming ist eine Serie von Techniken, eine Art und Weise, den Mächtigen zu antworten und sich Gehör zu verschaffen. Öffentlichen Raum zu besetzen ist für Sie also eine „culture jamming"-Technik?

Absolut. Genau wie etwa einen Werbespot mit einer revolutionären Botschaft zu schalten, was wir schon mehrmals gemacht haben. Aber Occupy Wall Street ist sicher der beste culture jam, der uns je gelungen ist.

Sie reden von einem weichen Regime-Wechsel. Was meinen Sie damit genau? Einen Regierungswechsel, einen Systemwechsel eine Kulturrevolution?

In Ägypten und Libyen hatten wir einen konkreten Regierungswechsel. In den USA haben wir keinen Diktator, der Oppositionelle foltert. Trotzdem gibt es in Amerika ein Regime. Wir haben eine Plutokratie in Amerika, einen Staat, der von den Konzernen regiert wird. Was Occupy Wall Street will ist einen fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie dieses Land funktioniert. Das gleiche gilt für die Weltwirtschaft, die von den 1,3 Billionen Dollar an täglichen Finanztransaktionen regiert wird. Das will Occupy Wall Street ändern.

Wie viel hat die Bewegung der Tatsache zu verdanken, dass die Menschen von Obama enttäuscht sind?

Sehr viel. Die Leute haben erkannt, dass Obama keinen hoch kriegt, dass er niemals die Dinge tun wird, die er versprochen hat. Man hat einfach keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als auf die Straße zu gehen.

Stört es Sie, dass sich Mitglieder der Teepartei an die Occupy Bewegung dran hängen?

Nein, im Gegenteil, ich finde das toll. Ich habe die Teepartei seit langem bewundert. Nicht so sehr wegen ihrer Ideen, mit denen ich mich nicht immer identifizieren kann. Aber was wir mit ihnen gemein haben ist die Erkenntnis, dass in der amerikanischen Gesellschaft grundsätzlich etwas faul ist. Und wie wir versucht die Teepartei die Mechanismen der Macht zu verändern, das fest gefahrene Gefüge ins Wanken zu bringen. Ich hoffe, dass es in der Zukunft eine Koalition zwischen ihrer und unserer Bewegung geben kann, die vielleicht sogar in die Gründung einer dritten Partei in den USA mündet.

Wie würden Sie denn Ihre politischen Überzeugungen beschrieben?

Ach, ich bin ein komischer Typ, ich passe nirgends richtig hinein. Aber ich denke, dass ich ein anarchistisches Grundempfinden habe. Ich wünsche mir eine utopische Zukunft, in der die totale Freiheit des Menschen verwirklicht ist, in der die Menschen wirklich ihre eigenen Geschicke bestimmen können.

Was waren ihre wichtigsten politischen Einflüsse?

Zweifelsohne Guy Debord und die Situationisten. Ich denke, sie haben sehr früh verstanden, in welche Richtung unsere Konsumgesellschaft läuft und haben sich sehr früh dagegen gewehrt. Ich denke, die Culture Jammer versuchen, das zu Ende zu bringen, was die Situationisten begonnen haben.

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