Der amerikanische Südwesten trocknet aus

Umweltschützer sprechen von der größten Öko-Katastrophe der menschlichen Zivilisation

(Frankurter Rundschau)

Die Nachrichten von der schweren Dürre, die seit Wochen Südkalifornien plagt und die den Gouverneur Jerry Brown dazu gebracht hat, den Ausnahmezustand auszurufen, ist gewiss für niemanden eine Freude. In Los Angeles wird das Wasser stark rationiert, die grünen Gärten von Malibu dürften spätestens im Frühjahr braun sein. Im Central Valley von Kalifornien und in Arizona bangen viele Farmer bereits um ihre Existenz.

Ein Mann dürfte die bedrohliche Lage jedoch zumindestens mit einem lachenden Auge sehen: Der Hedge-Fond Milliardär John Dickerson. Dickerson ist, wenn man das so nennen darf, ein Visionär. Bereits Ende der 90er Jahre begann er entlang des Colorado River, der großen Lebensader des gesamten amerikanischen Südwestens, Wasserrechte aufzukaufen. 400 Millionen Dollar gab Dickerson aus, eine langfristig bombensichere Investition, wie er glaubte.

In einer Zeit, in der Washington noch immer darüber stritt, ob es überhaupt einen Klimawandel gibt, wettete Dickerson ein Vermögen darauf, dass der Südwesten austrocknen wird und dass Wasser einmal ein heute noch unfassbar kostbares Gut wird. So, wie es derzeit aussieht, dürfte Dickerson recht behalten.

Die derzeitige Dürre, darüber sind sich Experten einig, ist mit größter Wahrscheinlichkeit keine vorübergehende Dürre. Vielmehr ist die Wasserverknappung in den sechs Südwest-Staaten  - Utah, Nevada, Colorado, New Mexico, Arizona und Kalifornien - nur ein weiterer Meilenstein eines langfristigen Prozesses, an dessen Ende die Region, in der 40 Millionen Menschen leben, ihre Lebensgrundlage verlieren könnte. „Wir sehen der schlimmsten Wasser-Krise in der Geschichte der menschlichen Zivilisation entgegen“, so der Umwelt-Journalist und Buchautor William DeBuys.

DeBuys’ Diagnose stammt aus dem Jahr 2011, als Kalifornien in einer ähnlichen Lage war wie heute. Die Waldbrände hatten den gesamten Winter über nicht aufgehört und hatten in ihrer Größe und im Volumen des angerichteten Schadens neue Rekorde erzielt. In der gesamten Region wurden historische Höchsttemperaturen erzielt, die Landwirtschaft hatte bittere Einbußen hinnehmen müssen.

Damals verhinderte im letzten Augenblick ein Wetterumschwung das Schlimmste.  Heftige Schneefälle im Februar und März bedeckten die Sierra Nevada mit kostbarem Weiß. Die Schmelze brachte für Südkalifornien das nötige Wasser, um den Sommer zu überstehen. Doch schon damals warnten Leute wie  DeBuys, dass diese Situation in den kommenden Jahren immer wieder eintreten werde.

In diesem Winter ist es besonders schlimm. Ein Hochdruck-Gebiet hängt seit Monaten über den gesamten Rocky Mountains, von Kanada bis nach Mexiko. Es wirkt wie eine Wand, die keinen Niederschlag durchlässt. Auf den Gipfeln der Sierra liegt weniger als 30 Zentimeter Schnee, in guten Jahren hatte es in den Skigebieten dort 90 bis 120 Zentimeter. „So schlimm“, sagte der Manager des Donner Skigebiets in der Nähe von Lake Tahoe der New York Times, „war es seit den 70er Jahren nicht mehr.

Die Abhängigkeit vom Schnee in der Sierra Nevada ist umso dramatischer, weil die andere große Wasserader der Gegend, der Colorado River, dabei ist auszutrocknen. Die vergangenen 14 Jahre waren entlang des Colorado River so trocken wie seit mehr als 1250 Jahren nicht mehr. Das Resultat: Die großen Reservoirs am Colorado haben historische Tiefststände. So haben die Behörden zum ersten Mal in der Geschichte angeordnet, dass weniger Wasser vom Lake Powell in den Lake Mead, der die Stadt Las Vegas versorgt, flussabwärts geleitet wird,.

Derzeit steht der Lake Mead bei 1106 Fuß, weit unter dem Höchststand von 1230, den der Stausee noch Ende der 90er Jahre aufwies. Im Jahr 2014 soll der Pegel um weitere 20 Fuß sinken. Ab einem Pegel von 1050 müssen drastische Wasserverknappungsmaßnahmen entlang der 1450 Meilen des Colorado eingeleitet werden, bei einem Pegel von 1000 Fuß ist die Stadt Las Vegas nicht mehr überlebensfähig.

Noch bevor es so weit ist, werden jedoch weitreichende Dürre-Erscheinungen die Region erfassen, die schon jetzt begonnen haben. Südkalifornien ist zuletzt betroffen, weil der reiche Staat sich in einem Abkommen von 1960 den ersten Zugriff auf das Wasser des unteren Colorado-Beckens gesichert hat. Doch bevor Los Angeles ernsthaft in Bedrängnis gerät, wird in Zentral-Arizona die Landwirtschaft sterben, die den gesamten Staat ernährt.

Doch das wäre laut William DeBuys nur der erste Akt der öko-politischen Katastrophe, die den amerikanischen Südwesten bedroht. Sollte der Temperatur-Anstieg in der Region im Tempo der vergangenen 15 Jahre weiter gehen, könnte schon um das Jahr 2030 herum die Wasserversorgung von Südkalifornien gefährdet sein. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts, so der Journalist, der sich unter anderem auf Daten des ozeanographischen Instituts des Staates  Kalifornien sowie Studien der Universität von Colorado beruft, ist die Region unbewohnbar, falls nichts Dramatisches passiert.

 

Die gute Nachricht ist, dass die Menschen entlang des Colorado schon jetzt gelernt haben, extrem konservativ mit ihrem Wasser umzugehen. So wird das gesamte Wasser, dass die Casinos und Hotels von Las Vegas gebrauchen, gereinigt und wieder in den Lake Mead geleitet. In Südkalifornien wird Klärwasser recyclet und die Farmer in Arizona haben durch klugen Bewässerungsbau den Wasserverlust durch Abfluss dramatisch reduziert. San Diego ist dabei, große Entsalzungs-Anlagen für Meerwasser zu bauen.

William De Buys glaubt allerdings nicht, dass diese Maßnahmen ausreichen. „Der Südwesten wird schrumpfen“, glaubt er. „Die Frage  ist nur, wie viel, in welchem Tempo und um welchen Preis.“ Man darf sich auf ein Drama gefasst machen, wie es die westliche Zivilisation noch nicht erlebt hat.

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