Mit den Waffen der Mutter

  • sandy
Das Massaker von Sandy Hook

(Stuttgarter Zeitung, 16.12.2012)

Es ist still entlang der Main Street von Sandy Hook, als sich am Freitag die Dunkelheit  über das Neu-England Städtchen legt, unheimlich still. Kein Auto fährt die Hauptstraße entlang, die Polizei hat das Dorf schon seit Stunden abgeriegelt. Die Menschen, die durch den Ort huschen flüstern, wenn sie überhaupt sprechen. Die Geschäfte und Restaurants haben schon am Nachmittag geschlossen.

Nur in der Kirche am Ortseingang brennt Licht. Der Pfarrer Mel Kawakami hat seine Pforten geöffnet, damit die Leute seiner Gemeinde einen Ort haben, an die sie gehen können an diesem Abend, um zusammen zu sein, sich gegenseitig Trost und Halt zu spenden. Sie halten sich die Hände, beten und singen gedämpfte Hymnen. Für eine Ansprache oder gar eine Predigt fehlen dem Pfarrer die Worte.

Es gibt keine angemessenen Worte für das, was an diesem Freitag in Sandy Hook geschehen ist, auch drei Tage später noch nicht. Selbst Präsident Obama verschlägt es die Sprache, als er im Weißen Haus darum ringt, seiner Nation Trost zu spenden. Immer wieder muss er seine Ansprache unterbrechen um mit seinen Tränen zu ringen. „Unsere Herzen sind gebrochen“, sagt er  und spricht damit seinem Volk und der ganzen Welt aus der Seele.

Das Grauen hat an diesem Tag Sandy Hook Heim gesucht, in Gestalt eines 20 Jahre alten Mannes mit drei automatischen Handfeuerwaffen. Gegen neun Uhr früh drang Adam Lanza in die Grundschule des Örtchens, rund 400 Meter vom Dorfkern entfernt ein und begann sein blutiges Werk. Zwei Stunden später lagen 26 Leichen auf den Gängen der Schule. 20 davon waren Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren.

Justin Cherry war gerade selbst in der Schule, als die Tragödie ihren Lauf nahm. Justin ist 17, er macht im kommenden Frühjahr seinen Abschluss an der High School von Sandy Hook, die keinen halben Kilometer von der Grundschule entfernt liegt. Am Tag danach steht er mit einem guten Dutzend  anderer Anwohner vor der Sandy Hook Elementary School, einer schlichten Holzbarracke an einer ruhigen Wohnstraße. Innen liegen noch immer Leichen, die Polizei ist mit ihrer Spurensicherung noch nicht fertig.  Das Grundstück ist mit gelben Bändern abgesperrt.

Die Menschen sind gekommen, weil sie versuchen wollen zu begreifen, was hier passiert ist und was sich doch nicht begreifen lässt. Und um  ein Ventil für ihre Gefühle zu finden, mit denen sie alleine in ihren Heimen nicht zurecht kommen. Justin etwa wird vom Zorn gepackt, wenn er anfängt über den Tag nachzudenken. „Es ist nicht fair“, sagt er mit Tränen in den Augen, „dass dieser Typ sich selbst erschossen hat. Das war feige.“

Justins Schule wurde sofort abgeriegelt, als  die ersten Meldungen über Schüsse an der elementary school nach Außen drangen, so, wie es seit den Massakern von Colombine und Virginia Tech im ganzen Land Protokoll ist. Trotzdem nahmen Justin und seine Freunde die Sache anfangs alles nicht besonders ernst. „Es hieß erst, es habe einen Schuss gegeben und wir dachten, da hat sich irgendeiner in den Fuß geschossen oder so.“ Erst als in den quälenden Stunden des Eingesperrt-Seins immer mehr Meldungen über Todesopfer auf den Smartphones der Jungs eintrafen, bekamen sie es mit der Angst zu tun. „Plötzlich dachten wir, der kommt vielleicht auch noch zu uns.“

Die ersten Details dessen, was sich in der Zwischenzeit in der Sandy Hook Elementary School zugetragen hatte, wurden allerdings erst am Samstagnachmittag bekannt. Gegen 15 Uhr trat mit aschfahlem Gesicht Wayne Carver, der oberste Gerichtsmediziner des Staates Connecticut, am Sportplatz von Sandy Hook vor die mittlerweile in Hundertschafts-Stärke angerückte Presse und erzählte stockend, was er in den vorangegangenen Stunden heraus gefunden hatte.

Der Schütze, der nun positiv als Adam Lanza identifiziert wurde, war bei seinem Massaker mit unfassbarer Brutalität vor gegangen. Bis zu elf Mal Kugeln pumpte er mit seinem halbautomatischen Gewehr in die kleinen Körper. Eine Stunde lang wütete er, bis er sich schließlich selbst das Leben nahm. „Das ist das Härteste, was ich in den 30 Jahren meiner Amtszeit erleben musste“, sagte Carver.

Auch die Lehrerin Kaitlin Roig war am Samstag von dem Erlebten noch zutiefst verstört. Trotzdem brachte sie die Kraft auf, einer Gruppe von Reportern in knappen, flachen Worten zu erzählen, was sie während der Stunde des Grauens erlebt hatte. „Ich dachte wir werden alle sterben“, sagte sie. Trotzdem versuchte sie die Kinder ihrer Klasse so gut es ging zu beruhigen. Sie schloss sich mit ihren Schülern in einer Toilette ein, stellte ein Regal vor die Tür und sagte: „Da sind böse Leute da draußen. Wir müssen jetzt auf die guten warten.“

Der Polizist Chirs Vadas aus dem Nachbarort Redding hatte eigentlich frei am Freitag, als er zum Einsatz gerufen wurde. Es sollte der schlimmste Tag seiner Polizistenlaufbahn werden.

Vadas wurde abkommandiert, den Sanitätern zu helfen, die an der Feuerwache von Sandy Hook die Opfer in Empfang nahmen. An Details kann er sich einen Tag später, während er den immer dichter werdenden Verkehr auf den wenigen Straßen von Sandy Hook regelt, kaum erinnern. Sein Gedächtnis scheint ihm das vorläufig noch zu ersparen. Nur eines ist bei ihm haften geblieben und mag ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen: Der schwere, schlaffe Körper eines sechs Jahre alten Jungen, den er auf eine Bahre heben musste.

„Dieser Tag war unser elfter September“, sagt Vadas. Vorher habe es hier in Newtown vielleicht alle zehn Jahre einmal ein Gewaltverbrechen gegeben. Das hier sei hingegen genug für die nächsten 100 Jahre. Das Schlimmste daran, sagt Vadas, sei jedoch, dass einfach nicht zu verstehen sei, was da passiert. „Warum nur hat dieser Junge das gemacht?“

Das will zwei Tage nach dem Massaker die ganze Welt wissen. Doch die Informationen fließen nur spärlich.

Was man weiß ist, dass Adam Lanza alleine bei seiner Mutter lebte. Die Ehe der Lanzas war vor zehn Jahren schon zerbrochen, der Vater lebt mit einer neuen Lebensgefährten in Stamford, einer Industriestadt 70 Kilometer von Sandy Hook entfernt. Adams großer Bruder Ryan, der ursprünglich fälschlich als der Täter identifiziert worden war, arbeitet als Financier in Manhattan.

Was man noch weiß, ist das Adam Lanza unter einer Persönlichkeitsstörung litt, nach Angaben verschiedener Leute aus dem Ort, die ihn kannten, unter dem Asperger Syndrom. Asperger ist eine milde Form des Autismus. Menschen, die davon betroffen sind, sind meist hoch intelligent, haben jedoch große Schwierigkeiten, sich mit anderen Menschen ins Benehmen zu setzen. Bei Asperger Patienten sind die sogenannten Spiegelneuronen defekt, jene Schaltungen im Gehirn, die es uns erlauben, mitzufühlen. „Wenn man Adam anschaute, war nie eine Regung abzulesen“, erinnerte sich ein ehemaliger Klassenkamerad.

Andere Anzeichen auf Asperger bei Lanza werden in den Stunden und Tagen nach der Tat bekannt. So war er ausgesprochen Fotoscheu, nicht einmal im Jahrbuch seiner Schule ist er abgebildet. Außerdem lässt sich im ganzen Ort niemand auftreiben, der mit ihm in enger Verbindung stand. Keine Freundin, kein Kumpel, niemand. Er war ein Einzelgänger, zutiefst isoliert, vermutlich einsam.

Als Erklärung für die Tat reicht die Asperger Diagnose freilich nicht aus. Millionen von Menschen leben mit Asperger, haben Familien, Freunde, üben Berufe aus. Eine Neigung zu besonderer Gewalttätigkeit gibt es nicht.  Die Krankheit kann bestenfalls ein Faktor von vielen gewesen sein, der zu jenem fatalen Tag geführt hat.

Vielleicht konnte Adam Lanza die Trennung seiner Eltern schlechter verkraften, als das ein völlig gesunder Junge gekonnt hätte? Vielleicht hat er sich in seine Isolation in eine irre Parallelwelt hineingesteigert? Man weiß es nicht.

Fest steht, dass die Lanzas bis zum vergangenen Freitag ein unauffälliges, braves Leben geführt haben. Ihr Haus liegt in Bennett Farm, einem edlen, ruhigen Wohnviertel in den Hügeln oberhalb von Sandy Hook. An geschwungenen Zufahrten stehen prachtvoll restaurierte Kolonialvillen, die großen Rasenflächen  sind penibel gepflegt. Nicht ein einziges Blatt liegt auf den meisten.

Hier oben in der Yogananda Street Nummer 36, nahm am Freitag früh das Drama seinen Lauf. Bevor Adam Lanza sich ins Auto setzte und mit drei Waffen im Gepäck hinunter ins Dorf fuhr, erschoss er im gemeinsamen Wohnzimmer seine Mutter, die 52 Jahre alte Nancy Lanza.

Die Nachbarn bekamen davon nichts mit. Jim McDade, der drei Häuser weiter wohnt , wusste gar nicht, warum am Freitag plötzlich Polizeiwagen in der Yogananda Street auftauchten. „Ich habe im Fernsehen die Berichte von der Schießerei im Ort gesehen und dachte nur, was wollen die denn hier oben?“

McDade kannte die Lanzas „wie man eben Nachbarn kennt“, sagt er. Nancy Lanza beschreibt er als „zauberhafte, herzliche Frau.“ Adam sei still aber freundlich gewesen. Dass nur Meter von seiner Haustür entfernt eine Zeitbombe tickt hat er nie geahnt. Ebenso wenig, wie er wusste, dass Nancy Lanza offenbar eine beeindruckende Waffensammlung in ihrem Wohnzimmer hatte und zum Freizeitvergnügen in einer der vielen Schießanlagen der Gegend auf Zielscheiben ballerte.

Das „Shooters“ in New Milford, knapp 10 Kilometer von Sandy Hook entfernt, ist so eine Schießbahn. Sie liegt in einem jener gesichtslosen Einkaufszentren,  die sich überall in Amerika an den Zufahrtsstraßen zu Wohnorten entlang ziehen, flankiert von einem Baumarkt und einem McDonald’s.

Der Verkaufsraum sieht aus wie ein Armeearsenal. In den Glasvitrinen rund um den langen Raum sind Hunderte von Pistolen aller Kaliber ausgestellt wie Colliers bei einem Juwelier.  Die Gewehrsammlung an der Wand würde ausreichen, um eine ganze Kompanie Marines auszurüsten.

Aus dem Hinterzimmer hört man ein stetes Pop pop pop, der Parkplatz vor dem Laden ist voll. Ein junges Paar steigt aus seinem SUV aus, die Waffentasche unter dem Arm. Darin ist eine Glock, die gleiche Marke, die Adam Lanza bei sich trug. Ihren Samstagsspaß wollen sich die jungen Leute von der Tragödie in Sandy Hook nicht verderben lassen, „das hat doch mit uns nichts zu tun.“

Der Besitzer des Shooters, John Giannettino, behauptet zumindest Pietät. Jedenfalls, wenn man ihn darauf anspricht, was er von strengeren Waffengesetzen hält. „Heute ist nicht der Tag um zu Politisieren“, meint er. „Heute ist der Tag um zu trauern.“ Giannettino hatte sogar am Freitag seinen Laden geschlossen. Für einen Nachmittag.

Go to top