"Ich habe zu viel Macht"

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Kenneth Feinberg ist seit Jahrzehnten der Vollstrecker von Milliardenvergleichen für die US Regierung

Jüdische Allgemeine Zeitung vom 7.2.2018

 

Der Mann, den sie mit Gott vergleichen, sitzt im vierten Stock des Willard Hotel und blickt direkt auf das Weiße Haus. Zwischen dem Büro von Kenneth Feinberg und dem Machtzentrum der westlichen Welt liegt alleine die Pennsylvania Avenue, die an diesem bitterkalten Januartag abgesperrt ist. Soldaten patroullieren in kugelscheren Westen unter Feinbergs Bürofenster auf und ab, um den derzeitigen Bewohner der Nummer 1600 kurz vor dem Jubiläum seines Amtsantritts vor Anschlägen zu schützen.

Auf dem Besuchertischchen von Feinbergs Büro im Willard, das er alleine mit einer Assistentin bewohnt, steht eine Galerie von gerahmten Dankeskarten. Eine von Barack Obama ist dabei, eine von George W. Bush, eine von Bill Clinton und eine von dessen Frau Hilary. Und ganz vorne steht ein Schreiben von Senator Edward Kennedy, dem Bruder von JFK, in dessen Büro Feinberg als Stabschef in den 70er Jahren seine Karriere begonnen hat.

Feinberg wirkt einsam hier, alleine mit den Mächtigen der Welt. So, wie auch sie wohl zu ihrer Zeit gegenüber im Oval Office mit der Bürde und der Verantwortung großer Entscheidungen alleine gewesen sein müssen. „Man macht diesen Job nicht, um Freunde zu gewinnen“, sagt der 72-Jährige, dessen Augen müde sind und dessen Gesicht ausgezehrt wirkt.

Der Job, von dem Feinberg spricht, ist ein Job, den es nur einmal gibt. „Special Master“ wurde der gelernte Anwalt in seiner Funktion für die Regierung in der Vergangenheit genannt – ein spezieller Meister. Es ist ein Euphemismus für einen, der den Mächtigen die Drecksarbeit abnimmt.

So, wie nach 9/11. Mehr als 3000 Angehörige der Opfer stellten damals Ansprüche auf Entschädigung. Die Regierung schuf einen Fonds, rund fünf Milliarden Dollar wurden zur Verfügung gestellt, nicht zuletzt, um die großen amerikanischen Fluggesellschaften vor einer Massenklage zu schützen, die das gesamte amerikanische Transportsystem gefährdet hätte.

Ken Feinberg war für den Posten das, was man in den USA einem No-Brainer nennt, eine alternativlose Wahl. Niemand außer Feinberg hatte Erfahrung darin, solche Mittel nach einem möglichst fairen und transparenten Schlüssel zu verteilen. Vor allem aber hatte niemand die Erfahrung darin, den Kopf gegenüber zornigen Opfern und einer aufgebrachten Öffentlichkeit hin zu halten. „Ich glaube, das ist wirklich der eigentlich schwierige Teil meines Jobs“, sagt Feinberg. „Schecks ausstellen kann jeder.“

Seine Sporen als „Spezial-Meister“ hat Feinberg sich Anfang der 70er Jahre verdient. Zehntausende von Vietnam-Veteranen litten damals unter Spätfolgen des Kontakts mit Agent Orange – jener Chemiekeule, mit welcher das US Militär versucht hatte, den Dschungel in Vietnam zu entlauben um den Vietkong den Schutz zu rauben. Die Leiden reichten von Hautausschlägen bis zum Bauchkrebs.

Als Feinberg mit der Schlichtung der Sammelklage beauftragt wurde, steckten die Verhandlungen zwischen den Opfern und der chemischen Industrie bereits im achten Jahr. Eine Einigung war nicht in Sicht. Konzerne, die Agent Orange hergestellt hatten, darunter Dow Chemical und Monsanto, behaupteten, dass ein Zusammenhang zwischen den Leiden und dem Produkt nicht nachweisbar sei. Sie boten weniger als eine Million Dollar an Entschädigung an, die Forderungen beliefen sich auf mehr als einer Milliarde.

Feinberg brachte den Fall innerhalb weniger Wochen zur Schlichtung. Die Opfer bekamen rund 180 Millionen Dollar. Es war nicht das, was sie angestrebt hatten, aber doch genug, um ihnen das Gefühl zu geben, dass man ihr Leid ernst nimmt. „Mehr“, sagt Feinberg, „kann man ohnehin nicht erreichen.“

Der Fall machte Schule. Große Sammelklagen boten fortan zumindest die Aussicht auf eine ordentliche Abfindung. Immer häufiger taten sich Geschädigte zu solchen Klagen zusammen und beinahe immer war Ken Feinberg derjenige, der die Schlichtungen aushandelte. So etwa bei einer Sammelklage gegen den Hersteller eines Pessars, der Entzündungen verursachte und gegen den Produzenten von Brust-Implantaten, die Asbest enthielten.

Bei jedem dieser Fälle verfeinerte Feinberg jene Methode, die ihn so effizient und bei Auftraggebern so beliebt machte. „Man darf bei den Menschen keine falschen Hoffnungen wecken“, erklärt er das Vorgehen, dass es ihm erleichtert, die Klagen rasch abzuwickeln und alle Parteien zufrieden zu stellen. „Und man muss kalt und nüchtern bleiben.“

Als kalt und nüchtern wurde Feinberg dann auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als man ihn nach dem 11. September berief, um den Entschädigungsfonds zu verwalten. Er wurde als arrogant und zynisch beschimpft, bei öffentlichen Anhörungen schrien ihn die Opfer an und bewarfen ihn mit Gegenständen. Ein Sprecher der Opfer nannte die Kompensationen, die er verteilte, „Blutgeld“. Bei einem Protest hielt ein erboster Angehöriger ein Schild hoch, auf dem stand: „Es gibt nur einen Spezial-Meister. Hören Sie auf, Gott zu spielen, Mr. Feinberg“.

Es ist dieser Vorwurf der Anmaßung, den Feinberg sich unter allen Anfeindungen, mit denen er sich auseinandersetzen muss, am meisten zu Herzen nimmt. „Ja, das ist ein Problem“, sagt er, darauf angesprochen und lässt sich in seinen Sessel sinken. Dann starrt der Mann, dessen kräftige Stimme ansonsten den Raum mit Autorität füllt, eine Minute lang stumm auf die Pennsylvania Avenue hinunter.

„Die Macht, die ich habe, ist zu groß“, fügt er dann an. „Ich bin Richter und Geschworenengericht zugleich.“ Im Fall der 9/11 Opfer hatte er zu entscheiden, ob ein verlorenes Leben 100,000 Dollar oder drei Millionen wert ist. Nach dem Börsencrash von 2008 musste er im Auftrag von Obama die Vorstandsgehälter der von der Regierung ausgelösten Banken festlegen. Mitunter schrumpfte er deren Einkommen von 20 Millionen auf 300,000 Dollar. Und nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 hatte er zu befinden, wie viel Geld die verlorene Existenz von Fischern oder Hotelbesitzern wert ist.

Die Entscheidungen, die er in diesen Fällen zu treffen hatte, waren immer falsch. Irgendjemand war immer unglücklich. Die Eltern eines Feuerwehrmannes, der im World Trade Center umgekommen ist, fragten sich, warum das Leben ihres Sohnes weniger wert gewesen sein soll, als das eines Investmentbankers. Die Frau eines Gebäudereinigers im World Trade Center war dankbar für das Geld, bemerkte aber, dass es kein Glück bringe: „Es klebt Blut an diesem Geld.“ Im Golf von Mexiko musste Feinberg immer wieder Ansprüche von Menschen abwehren, die ihren Schaden nicht nachweislich mit der Ölkatastrophe in Verbindung bringen konnten.

Feinberg geht das alles Nahe, mehr, als er sich das in der Öffentlichkeit anmerken lässt. „Es ist wirklich hart“, sagt er, „man nimmt das immer mit nach Hause.“ Um sich zumindest ein wenig dagegen zu panzern, verschanzt er sich hinter einem festen, Schlüssel, der die Entscheidungen objektiv und nachvollziehbar erscheinen lässt „Ich frage ganz nüchtern, welcher Schaden entstanden ist. Ich frage nach dem Nachweis dieses Schadens. Und ich muss natürlich berücksichtigen, wie viel Geld ich habe.“

Im Fall von verlorenen Leben und verlorenen Existenzen bedeutet das zumeist, Dinge zu beziffern, die man eigentlich nicht beziffern kann. „Natürlich können 100,000 Dollar oder eine Million nicht den toten Sohn zurück bringen“, sagt er. „Mit Gerechtigkeit oder Fairness hat das, was ich mache, nichts zu tun.“

Und was ist es dann, was er tut? „Ich bezeichne es als Gnade“, sagt er. „Es ist schlicht und einfach die Art und Weise, wie unser kapitalistisches System Schmerz lindert.“

Mit dieser Argumentation versucht Feinberg den Zorn abzuwehren, der ihm immer wieder ins Gesicht bläst, die Vorwürfe, dass er ein gefühlloser, arroganter Technokrat ist. Feinberg sieht sich als Werkzeug des Systems, als reiner Vollstrecker.

Feinberg glaubt, dass er der Öffentlichkeit dient, dass er ihr Freund ist und nicht deren Feind. Wenn man ihn nach seinen Einflüssen befragt, sagt er, dass er in der Ära von John F Kennedy aufgewachsen ist und dass ihn kaum etwas geprägt hat, wie dessen Auffassung von Bürgersinn. Er habe zutiefst verinnerlicht, wiederholt Feinbergs seit vielen Jahren bei jedem Interview, dass er, wie Kennedy das wollte, immer zuerst frage, was er für sein Land tun könne und nicht umgekehrt.

Dazu passen die Dankesschrieben auf seinem Besuchertisch. Doch seine fürstliche Kompensation von BP nach der Ölpest stellt Feinbergs Beteuerungen, dass es ihm vor allem um die Opfer geht, deutlich in Frage. Zwischen 800,000 und 1,2 Millionen Dollar bekam Feinberg damals monatlich von dem Ölriesen. Die Bezahlung von VW für seine Dienste nach dem Emissions-Skandal wurde zwar nicht veröffentlicht, dürfte jedoch nicht wesentlich niedriger gelegen haben.

Der Eindruck, dass Feinberg sich dafür entlohnen lässt, seine Auftraggeber vor Klagen zu schützen, lässt sich angesichts solcher Zahlen nur schwer entkräften. Lässt es sich wirklich mit einem Ethos von Bürgersinn vereinbaren, das Rechtssystem auszuhebeln und den Opfern Geld dafür anzubieten, von einer Klage abzusehen?

Feinberg wischt solche Vorwürfe mit einem deutlichen Unterton von Genervtheit vom Tisch. „Die Menschen müssen ja nicht mitmachen, wir zwingen niemanden dazu, das Geld zu nehmen.“ Nur, um dann süffisant anzufügen, dass die meisten, die keine Kompensation angenommen haben, sei es bei VW oder bei BP, sich letztlich doch auf einen Vergleich eingelassen haben. „Nur eben ein paar Jahre später.“

Es ist der Trotz von einem, der sich von allen Unverstanden fühlt, der da aus Feinberg spricht. „Nein, wirkliche Freude bringt das nicht, was ich mache“, gibt er zu, während er ermattet aus dem Fenster zum Weißen Haus hinüber blickt. Aber immerhin bleibt da ja die Dankbarkeit, derer, die ihn beauftragen, die Karten mit den geschwungenen Unterschriften von drei Präsidenten, einer Außenministerin und einem Finanzminister auf seinem Tisch. Ansonsten bleibt der große Schlichter,   einsam, gebraucht aber ungeliebt. Es ist das Los von einem der tut, was sonst niemand tun will. Kenneth Feinberg hat sich damit abgefunden.

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