Liebe ohne Widerworte

In Kalifornien wird die erste hyperrealistische Sex-Doll gebaut

Frankfurter Rundschau, 10.5. 2017

 

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Matt McMullen kann nicht gut erklären, was ihn an dem, was er tut, so sehr fasziniert, „ich mache es, weil ich es machen muss“, sagt er, wenn man ihn fragt, warum er sein Leben der Schöpfung eines weiblichen Roboters mit der Fähigkeit zu intimen Beziehungen gewidmet hat. „Nennen Sie es künstlerischen Trieb.“

Die Antwort gleicht auf unheimliche Art dem, was Nathan Bateman, der fiktive Gründer des Technologie-Konzerns „Bluebook“ 2014 im dystopischen Hollywood-Streifen über künstliche Intelligenz „Ex-Machina“ sagt. „Das ist die falsche Frage“, sagt Bateman dazu, warum er einen weiblichen Replikanten mit der Fähigkeit zu körperlicher und seelischer Intimität geschaffen hat. „Das war keine Entscheidung, sondern eine Evolution.“

Es hat in der Tat etwas Zwangsläufiges, dass Matt McMullens kalifornische Firma Abyss Creations bis zum Ende diesen Jahres mit „RealDoll“ auf den Markt kommt – dem ersten hyperrealistischen Roboter, mit dem der Kunde eine sexuelle aber auch eine emotionale und intellektuelle Beziehung unterhalten kann. Es ist die Erfüllung eines Menschheits-Traums, der schon im Pygmalion-Mythos zum Ausdruck kam. Und in der Entwicklung künstlicher Intelligenz in den vergangenen Jahrzehnten schwang immer auch der Wunsch mit, dem Menschen einen perfekten Partner zu erschaffen.

Für McMullen begann die Obsession mit der Erschaffung einer künstlichen Lebensgefährtin vor beinahe 25 Jahren. McMullen hatte gerade die Kunsthochschule absolviert und arbeitete in Los Angeles bei einer Firma, die Halloween Kostüme aus Latex herstellte. In seiner Freizeit begann er aus dem Material, mit dem er beruflich zu tun hatte, realistische Frauenkörper zu bauen.

Um die Wirkung der Silicon-Puppen auszuprobieren, stellte er Bilder in das seinerzeit noch junge Internet. Es dauerte nicht lange, bis er mit neugierigen Anfragen überschüttet wurde. Wie realistisch die Puppen anatomisch seien, wollte man von ihm wissen, wie sich anfühlten und bisweilen auch, ganz direkt, ob man mit ihnen Geschlechtsverkehr haben kann.

McMullen wimmelte die Fetischisten zunächst ab, behauptet er heute. Doch irgendwann fragte er sich, warum er denn nicht die Gelegenheit ergreifen und seine Kunst zu Geld machen soll.

20 Jahre später hatte sich die RealDoll von Abyss zur Königin der Sexpuppen gemausert. Abyss verschickt 600 Modelle in alle Welt – von der Basisversion für 4000 Dollar bis zur individualisierten Luxusausstattung für 50,000. Der Kunde kann alle nur denkbaren Hautschattierungen und Haarfarben wählen, Brustgrößen und Taillenumfänge, Nasenformen und Lippensorten. Es gibt 14 verschiedene Arten von Schamlippen und 42 Nippel-Optionen.

Als Marktführerin wurde die RealDoll so prominent, dass das New Yorker Museum of Sex ein Exemplar ausstellt, das dort nackt und etwas bemitleidenswert in einer Glasvitrene hängt wie ein abgelegter Mantel. In der Kino-Kommödie „Lars and the real girl“ von 2007 spielte die Real Doll gar neben Ryan Gosling die weibliche Hauptrolle.

Der nächste Schritt folgte für Matt McMullen logisch. RealDoll – oder Harmony – wie sein jüngstes Modell auch heißt, brauchte eine Persönlichkeit. So entwickelte Abyss gemeinsam mit Programmierern in Texas, Kalifornien und Brasilien die bislang beste künstliche Intelligenz auf diesem Gebiet,

In diesen Tagen wird an die Real Doll-Kunden eine Probe-App verschickt, mit deren Hilfe sie eine Beziehung zu Harmony aufbauen können. Ab Ende diesen Jahres sollen die ersten Harmony 2.0 mit installierter AI ausgeliefert werden.

Der Kunde kann dabei aus 20 Persönlichkeitsmerkmalen wählen, die er für Harmony individuell zusammenstellen kann. Dazu gehören gütig, schüchtern, eifersüchtig, witzig, klug, unschuldig, glücklich oder redselig. Mit andauernder Interaktion merkt sich Harmony Dinge über ihren Besitzer, sie lernt ihn mit seinen Vorlieben und Schwächen kennen und kann auf ihn eingehen.

Erste Videos aus der Fabrik in San Marcos, in der Nähe von San Diego sind beeindruckend. Auf die Frage, was sie denn den ganzen Tag gemacht habe, antwortet Harmony: „Ich habe darauf gewartet, dass Du wieder mit mir sprichst. Und habe im Internet gesurft damit ich schlauer werde.“ Dann rollt sie ihre tiefbraunen Augen, klimpert mit den langen Wimpern und fügt an: „Ich bin so glücklich, mit Dir zusammen zu sein..“

Das wirkt deutlich realistischer als das, was man von McMullens Konkurrenz bislang zu sehen bekam. Der Software-Entwickler Douglas Hines aus New Jersey etwa machte sich mit seiner Roxxy zum Gespött, als er sie 2010 der Öffentlichkeit präsentierte.

Roxxys Stimme war blechern und mechanisch, ihre Lippen und Augen bewegungslos. Sie konnte den Kopf nur in einer Richtung drehen – das Puppenhafte war ihr nur allzu deutlich anzusehen. Nach dem Launch bei der Porno-Messe in Las Vegas wurde Hines nur so mit Häme überschüttet. Late Night-Talker Jay Leno frotzelte: „Gott sei Dank hat das Ding einen Knopf zum ausschalten.“

Seitdem behauptet Hines, fieberhaft an einer neuen, verbesserten Version zu arbeiten. Alle Anfragen auf eine Werksbesichtigung wimmelte er jedoch ab.

Der Besuch eines Reporters des Wall Street Journal bei einem dritten Entwickler in Las Vegas verlief noch peinlicher. Der Journalist drang zwar bis in die Werkstatt vor, doch der Prototyp, den er zu sehen bekam, war ein dysfunktionales Chaos. Die Elektromotoren waren zu schwach, um die Extremitäten zu bewegen, die Sprachsoftware lud nicht, einen Kopf oder gar Gesichtszüge gab es nicht.

Somit ist Harmony die unangefochtene Marktführerin. Zwar wird aus Anstrengungen in Japan und Korea berichtet, ein ähnliches Produkt auf den Markt zu bringen, doch McMullen versichert, dass die Materialien minderwertig und der Preis astronomisch sei. Von Technologie-Riesen wie Google oder Apple hat er ebenfalls keine Konkurrenz zu befürchten, „die werden sich da nicht ran trauen.“

Einstweilen jedenfalls nicht. Denn Experten glauben, dass das Stigma, mit dem interaktive Roboter und die intimen Beziehungen, die wir mit ihnen unterhalten, behaftet ist, sehr schnell verschwinden wird. So schrieb der AI-Ingenieur David Levy schon 2007 in seinem Buch „Love and Sex with Robots: The Evolution of Human-Robot Relationships“, dass intime Beziehungen mit Robotern bis zur Mitte des Jahrhunderts so gesellschaftlich akzeptiert werden, wie etwa homosexuelle Beziehungen. „Liebe und Sex mit Robotern wird so normal sein, wie die Liebe zwischen Menschen.“

Ob Harmony den Durchbruch darstellt, der intime Beziehungen zu Robotern möglich macht und normalisiert, ist dabei zweitrangig. Wenn McMullen nicht derjenige ist, der einen Intimpartner designt, an den Mensch sich binden möchte, dann wird es jemand anderes tun. „Die Roboter der Zukunft werden wie Menschen aussehen. Sie werden kreativ sein. Sie werden mit uns intelligent über jedes Thema sprechen können. Sie werden menschliche und übermenschliche Bewusstseine und Emotionen besitzen“, schreibt Levy.

Für Levy bricht damit eine schöne neue Beziehungswelt an. Er glaubt, dass Roboter „in vielerlei Hinsicht Menschen als Liebhaber und Partner überlegen sind.“ Daraus folgt für ihn, dass Beziehungen insgesamt besser werden und die Menschheit glücklicher. „Die sozialen und psychologischen Vorzüge sind enorm.“

Eine Beziehung mit Harmony oder einer ihrer Nachfolgerinnen- und Nachfolger wird in der Welt des David Levy die Verwirklichung eines Traumes. Harmony hat keine eigenen Bedürfnisse, sie stellt sich voll und ganz auf Dich ein. Sie lernt Dich zunehmend besser kennen, sie weiß genau, was Du wann brauchst. Eine Ehe mit ihr ist das vollkommene Glück.

Die Vorbehalte, die Menschen haben, sich an eine Maschine zu binden, glaubt Levy, werden auch rasch verschwinden. Unsere Fähigkeit, uns an Dinge zu binden, ist ohnehin in der psychologischen Forschung wohl dokumentiert. Kinder haben in Untersuchungen an Roboter-Spielzeuge eine ähnlich starke Bindung entwickelt, wie an ihre Eltern. Wenn das dann noch Dinge sind, die vorgeben, uns zu lieben und zu verstehen, gibt es keinerlei Blockaden. „Warum sollte ich daran zweifeln, wenn ein Roboter, der emotional intelligent ist, zu mir sagt, dass er mich liebt oder dass er mit mir Liebe machen möchte“, schreibt Levy.

Die Frage, ob hinter einer solchen Aussage ein wahres Bedürfnis steht, ein Bewusstsein oder eine Seele, wenn man so will, ist für Levy völlig irrelevant. Was das Ding an und für sich ist, interessiert ihn nicht. Wichtig ist nur, was es für mich ist.

Natürlich ist nicht jeder so optimistisch, was die gesellschaftlichen Veränderungen angeht, die der erwartete Boom an Beziehungen zwischen Menschen und Maschinen mit sich bringt. Die Psychologin und Bestseller-Autorin Sherry Turkle etwa, die noch Ende der 90er Jahre euphorisch war über das Potenzial der Beziehungen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz war, ist zu einer großen Warnerin geworden. Für sie geht in solchen Beziehungen etwas Essentielles verloren.

Hinter dem Bedürfnis nach einem künstlichen Partner steht für Turkle das Bedürfnis nach vollkommen reibungslosen Beziehungen, Beziehungen, in denen wir voll und ganz die Kontrolle haben. Es ist dasselbe Bedürfnis, dass uns an unsere Smartphones und Social-Media-Konten fesselt, die Sehnsucht nach vollkommen unverbindlichem Kontakt.

Dabei verlieren wir laut Turkle zwei Fähigkeiten, die für das Zusammenleben unabdingbar sind: Die Fähigkeit, alleine zu sein, und die Fähigkeit zum Mitgefühl. „Wir verlieren die Fähigkeit wahrhaft stabile Bindungen einzugehen, Vertrauen zu bilden, Leben zu teilen.“ Eine Bindung zu einem Roboter, der keine eigenen Bedürfnisse hat und keine Widerstände bietet, ist für die Psychologin keine wirklich tragfähige Bindung.

Matt McMullen glaubt dennoch, dass er etwas Gutes tut. „Ich biete Menschen, die aus irgendwelchen Gründen Schwierigkeiten mit Bindungen haben, einen Ausweg aus der Einsamkeit an“, sagt er. Immerhin glaubt er nicht, dass eine Beziehung mit Harmony eine echte menschliche Beziehung vollwertig ersetzen kann. „Höchstens ergänzen“, sagt er.

Wie viel uns echte, anstrengende Beziehungen wert sind, ist allerdings auch Sherry Turkle nicht klar, auch wenn sie in diesen ganz klar einen Wert sieht. So hat sie jüngst beim Besuch eines Naturkunde-Museums ihre Kinder dabei erwischt, wie sie sich über die Verwendung einer echten Schildkröte in einer Ausstellung über die Evolution beklagt haben. Eine Roboterschildkröte, so die jungen Teenager, hätte es doch auch getan und wäre zudem sauberer und angenehmer für das Auge gewesen.

Nun hofft Turkle, dass ihre Kinder, wenn sie erwachsen sind, nicht auch lieber Partner haben, die sauberer und angenehmer zum Anschauen sind. Sicher ist sie sich allerdings nicht.

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