"Waffen waren schon immer ein legitimes Mittel, um seine Ehre zu verteidigen"

Interview mit dem Kulturwissenschaftler Richard Slotkin über den Waffenfetischismus der Amerikaner

Zeit Online 8.11.2017

 

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Richard Slotkin ist Professor für Amerikanistik an der Wesleyan University im US-Bundesstaat Connecticut. In einem einflussreichen dreibändigen Werk – „Regeneration Through Violence“, „Fatal Environment“ und „Gunfighter Nation“ - hat Slotkin die tiefen historischen und kulturellen Gründe für die amerikanische Neigung zur Waffengewalt untersucht.

Professor Slotkin, Sie vertreten die Theorie, dass hinter dem exzessiven Gebrauch von Waffengewalt in den USA eine nationale Mythologie steckt, die Amerikaner zutiefst verinnerlicht haben. Welche Mythologie war bei dem Schützen in Texas am Werk?

Grundsätzlich spreche ich davon, dass in das amerikanische Selbstverständnis der Mythos von der Eroberung des Westens, der gewaltsamen Unterwerfung der Natur und der Ureinwohner und später der gewaltsamen Inanspruchnahme von Sklaven als quasi-natürliche, nicht-menschliche, Ressource tief eingebaut ist. Natürlich ist es von dieser Mythologie zu dem Schützen von Texas ein weiter Weg. Aber der private Gebrauch von Waffengewalt ist in den USA eine tief verwurzelte kulturelle Praxis.

Wie ist der Gebrauch von Waffengewalt in den USA kulturell anders kodiert als etwa in Europa?

In den USA gibt es eine weitaus breiter ausgelegte Lizenz für den privaten Gebrauch von tödlicher Waffengewalt. In Europa wird das Staatsmonopol auf Waffengewalt wesentlich mehr geachtet. Das ist tief in unserer Geschichte verankert. Die Tatsache, dass die USA ein Siedlerstaat ist, dass die Nation durch eine fortgesetzte Wanderung in unbesiedeltes Terrain gegründet wurde, ist hier absolut zentral. Am Anfang war die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung klar. Man war in der Wildnis ganz auf sich gestellt.

Und Amerikaner sehen sich heute noch als diese Siedler?

Die Mythologie sitzt tief. Man muss sich ja auch vergegenwärtigen, dass diese Bewegung in unbesiedeltes Terrain mehr als 250 Jahre angedauert hat, von den ersten Siedlungen am Atlantik bis zur Füllung der großen Lücke zwischen dem Mississippi und Kalifornien. In dieser ganzen Zeit – und das gehört zu der Wirkmächtigkeit des Mythos dazu - war das amerikanische Militär eine Miliz. Die gesamte Bevölkerung war bewaffnet. Mit dem Bürgerrecht verbunden war das Recht auf Waffenbesitz.

Es sei denn, man war schwarz.

Ganz genau. Bis zum amerikanischen Bürgerkrieg durften auch freie Schwarze nicht in der Miliz dienen. Insofern hat das Recht, Waffen zu tragen, in Amerika auch bis heute mit der rassischen Identität zu tun.

Es gibt aber auch andere Staaten, wie die Schweiz, in denen der Waffenbesitz

genauso weit verbreitet ist, wie in den USA. Trotzdem wird dort durch Privatpersonen nicht annähernd so viel Gebrauch von Schusswaffen gemacht.

Um das zu begreifen lohnt es sich, die Geschichte des Rechts zur Selbstverteidigung anzuschauen. In England galt die sogenannte „Castle Law“, das heißt, der Bürger durfte Gebrauch von der Waffe machen, um sein Heim, zu verteidigen. In den USA änderte sich das zur „True Man Defense“. Darunter versteht man die Doktrin, dass jeder Bürger, der sich bedroht fühlt, auch außerhalb des Heims, in vorausgreifender Selbstverteidigung, schießen darf. In England hatte man die Pflicht, sich zurück zu ziehen, wenn man konnte. In den USA entfällt diese Pflicht.

Es scheint so, als würde von diesem empfundenen privaten Recht auf vorausgreifenden Schusswaffengebrauch in letzter Zeit mehr Gebrauch gemacht, als je zuvor.

Es gab mehrere Phasen in der amerikanischen Geschichte, die extrem gewalttätig waren. Die gewalttätigste Phase war gewiss die Zeit zwischen dem Bürgerkrieg und den 1930er Jahren, als das Land radikale rassische und ökonomische Umwandlungen durchlief. Gleichzeitig gab es keine nennenswerte Bundespolizei, eine vollkommen überforderte örtliche Polizei und eine Schwemme verfügbarer Waffen. Daraus entsteht ein Vigilantismus, in dem private Gruppen das Recht in die eigenen Hände nahmen oder ihre soziale Dominanz mit Waffengewalt durchsetzen. Die bekannteste dieser Gruppen ist sicher der Ku-Klux Klan, der organisierte Gewalt dazu benutzt, weiße Suprematie zu etablieren.

Warum endete diese Phase?

Franklin Roosevelt führte in den 30er Jahren eine Bundespolizei und bundesweite Waffengesetze ein. In der Folge erlebten wir die friedfertigste Periode der amerikanischen Geschichte.

Und warum brach die Gewalt auf Amerikas Straßen trotzdem wieder aus?

Das hatte mit den sozialen Umwälzungen der 60er Jahre zu tun, mit der Bürgerrechtsbewegung und mit Rassenunruhen in amerikanischen Städten. Das hatte erneut eine gesteigerte Erwartung von Gewalt und ein gesteigertes Bedürfnis zur Selbstverteidigung zur Folge. Es greift also erneut die kulturelle Einstellung, man habe das Recht, sich selbst oder auch nur die eigene Würde mit Waffengewalt zu verteidigen.

Und diese Einstellung sehen Sie auch bei Schützen wie dem Attentäter von Sutherland Springs am Werk.

Ja, wir sehen hier eine Ethik des Tötens, um empfundene Verletzungen von Stolz und Würde zu sühnen – eine Ethik, die zum Teil aus dem alten Kodex des Duellierens entstammt. Diese Praxis war in den USA bis weit nach dem Bürgerkrieg verbreitet. Man denke nur an das berühmte Showdown im Western. Die Waffe ist in den USA schon immer ein legitimes Mittel, um seine Ehre zu verteidigen. Wenn Leute glauben, dass ihr Status in Frage gestellt wird, greifen sie zur Waffe. Natürlich kommt bei Schützen wie Devin Kelley dazu, dass sie psychisch krank sind. Aber sie rationalisieren auf diese Weise ihre Irrationalität.

Diese kulturellen Einstellungen sind ein klarer Anachronismus, der offensichtlich extrem zerstörerische Wirkung entfaltet. Warum schreitet die Politik nicht, wie in den 30er Jahren ein, um das Töten zu stoppen.

Seit Anfang der 90er Jahre haben die Konservativen in den USA die neoliberale Ideologie der Deregulierung auf die Deregulierung der Waffenindustrie und des Waffenbesitzes ausgeweitet. Diese konservative Ideologie postuliert, dass der beste Garant der öffentlichen Sicherheit nicht der Staat ist, sondern das, was die Waffenlobby einen „guten Mann mit einem Gewehr“ nennt. Diese ideologische Bewegung ist neu. Sie nimmt eine amerikanische Tradition – die Erwartung, dass man sich verteidigen muss – und verwandelt sie in einen ideologischen Imperativ.

Und wie motiviert dieser ideologische Ruck Amokäufer?

Die Glorifizierung des Einzelnen, der das Recht in seine eigenen Hände nimmt, lässt es für Leute, die sich in irgendeiner Form angegriffen oder beleidigt fühlen, gleich wie irrational das im Einzelfall sein mag, legitim erscheinen, zur Waffe zu greifen.

Damit rechtfertigt jemand wie Devin Kelley, eine ganze Kirchengemeinde nieder zu mähen?

Ja, diese offensichtlich verstörten Menschen fühlen sich ermächtigt, weil die rechtskonservative Ideologie ihnen vorgaukelt, dass sie das Recht dazu haben, ihre individuellen Verletzungen eigenmächtig zu rächen, im Zweifel auch durch soziale Gewalt, also Massenschießereien. Es gibt in rechtskonservativen Kreisen das Diktum der „Second Amendment Remedies“ – der Richtigstellung sozialer oder politischer Missstände durch Anwendung des zweiten Verfassungszusatzes, der das Recht, Waffen zu tragen, garantiert. Damit wird unter Berufung auf die Verfassung und des Widerstands gegen Tyrannei, das Recht eingeräumt, eigenmächtig politische Missstände durch Waffengewalt zu lösen. Trump hat mehrfach während dem Wahlkampf gesagt, man müsse auf den zweiten Verfassungszusatz zurückgreifen, um Hilary Clinton zu stoppen. Das ist das Klima, in dem sich solche Schützen bewegen.

Warum entfaltet diese Ideologie zu Beginn der 90er Jahre plötzlich so große Wirkung?

Das hat mit der tiefen Polarisierung der amerikanischen Politik zu tun. Bill Clinton war der konservativste demokratische Politiker, den es je gab. Durch ihn gab es plötzlich das Bedürfnis des konservativen Flügels der Republikaner, sich abzugrenzen. Eine Taktik, um dies zu bewerkstelligen, war es, die Deregulierung von Waffen und Waffenbesitz mit der Deregulierung der Wirtschaft zu koppeln.

Inwiefern hat die Bewegung politisch ihre Ziele durchsetzen können?

Der wichtigste Erfolg war zweifellos die Durchsetzung der „Stand your Ground“ Gesetze in vielen Staaten. Diese Gesetze gewähren dem Bürger bei vorgreifender Selbstverteidigung den gleichen Schutz wie der Polizei. In diesen Staaten reicht es aus, das Gefühl der Bedrohung zu haben, um von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Hinzu kommt die Bewegung in vielen Staaten das öffentliche Tragen von Waffen zu erlauben – die sogenannten „Concealed Carry“ Laws. Wir haben also heute mehr Waffen an mehr Orten sowie einen größeren gesetzlichen Schutz für deren Gebrauch. Es ist ein toxisches Gemisch.

Kann man die Trump Präsidentschaft dann als Triumph dieser ideologischen Bewegung bezeichnen?

Trump setzt sogar noch eins drauf, in dem er diese Ideologie mit Rassismus anreichert. Rassistische Ängste waren schon lange an die Proliferation von Waffen geknüpft, es war der Rassismus, der in den 60er Jahren zur Wiederbewaffnung der Zivilbevölkerung geführt hat – zuerst die Angst vor bewaffneten schwarzen Aufständen und dann in den 80er Jahren die Angst vor schwarzen kriminellen Gangs. Trump nimmt dieses Denken auf und macht es zur offiziellen Politik.

Wie kann es sein, dass Amerika im Jahr 2017 von einer Ideologie und einer Mythologie beherrscht wird, die einen so eindeutigen Anachronismus darstellt?

So funktioniert Mythologie. Die Mythen bilden immer einen Hintergrund für Fantasien über die Geschichte, über die eigene Identität. Aktiviert wird sie allerdings erst, wenn eine Krise auftritt, die mit dem Mythos in Verbindung gebracht werden kann. Wenn wir etwa den Mythos der „Frontier“ nehmen, dann gibt es da bereits einen rassischen Subtext. Es geht um den Konflikt zwischen Weißen und Nicht-Weißen, zwischen den Siedlern und den Ureinwohnern. Wenn wir dann wie in den 60er Jahren oder mit der Obama-Präsidentschaft die Situation haben, das Nicht-Weiße auf das Territorium der Weißen vorstoßen, schreibt das Drehbuch vor, sich zu bewaffnen. Die Überzeugungen über das Recht zur Selbstverteidigung sind immer da. Aber sie werden erst ausgelebt, wenn eine empfundene Bedrohung gibt.

So erklären Sie etwa den enormen Anstieg von Waffenverkäufen nach der Regierungsübernahme von Obama?

Die Waffenkäufe in den vergangenen zehn Jahren sind rein ideologisch motiviert. Studien zeigen, dass die meisten Käufer bereits Waffen besitzen. Diese Menschen häufen Arsenale für den Fall einer „Second Amendment Remedy“ an, für den Fall, des Aufstands gegen eine vermeintlich tyrannische, in diesem Fall, liberale Regierung.

Inwiefern wird das amerikanische Militär heute auch von dieser Ideologie getrieben?

Das amerikanische Militär hat sich sehr interessant entwickelt in den vergangenen Jahren. Auf offizieller Ebene wenigstens verteidigt das Militär, mehr als jede andere Institution, ethnische Vielfalt und Pluralismus. Militärische Anführer haben sich klar gegen Trumps Versuch gestellt, Transsexuelle aus dem Militär aus zu stoßen und sie haben sich klar gegen die Neonazis von Charlottesville gestellt. Wenn das Militär Amerika ist, dann ist Amerika offen und tolerant.

Die Armee partizipiert also nicht mehr am Frontier Mythos, in dem das weiße, männliche Amerika sich mit Waffengewalt die Welt Untertan macht?

In vielerlei Hinsicht hat das Militär heute deutlich weniger Interesse an bewaffnetem Konflikt, als die Politik. In der populären Imagination ist die Armee aber immer noch die Armee des 19. Jahrhunderts, die uns vor den Wilden beschützt. Der globale Krieg gegen den Terror wird als eine Art Indianerkrieg gesehen, wir rächen uns für ein Massaker an den Wilden in der dritten Welt. Es gibt aber auch einen konkurrierenden Mythos über das amerikanische Militär, der aus dem Zweiten Weltkrieg geboren wird.

Der da wäre?

Ich denke immer an den Film Platoon, wo eine gemischtrassige Einheit in Vietnam zusammen für die gemeinsame Sache kämpft. Das ist eine ganz andere Geschichte, als der Frontier-Mythos. Der Frontier Mythos ist ein Mythos der weißen Suprematie. Der Platoon-Mythos repräsentiert ein multikulturelles Selbstbild von Amerika. Was wir unter Trump sehen, sind zwei Mythen die miteinander konkurrieren.

Was die Waffengesetzgebung angeht, hat aber eindeutig der rassistische Frontier-Mythos die Oberhand.

Ja, ich sehe keine Einschränkung der Waffenrechte in absehbarer Zukunft.

Kann man denn gegen den Waffenirrsinn irgendetwas unternehmen, wenn er, wie Sie sagen, so tief im amerikanischen Selbstverständnis verwurzelt ist?

Nur in mühsamer Kleinarbeit auf lokaler Ebene. Man muss lokal die Ursachen dafür heraus bekommen, die dafür verantwortlich sind, dass Menschen zur Waffe greifen wollen. Wenn man die Leute dazu bringen kann, rational über diese Motivationen nach zu denken, kann man vielleicht langsam anfangen, eine Basis für stärkere Waffenkontrollen aufzubauen. Man muss die Leute dazu bringen, ihr empfundenes Recht zu überdenken, Konflikte mit Waffengewalt zu lösen. Aber das ist ein langer, zäher Prozess.

Die Massenschießereien werden also nicht so schnell aufhören.

Leider nicht. Es sind schätzungsweise 290 Millionen Schusswaffen im Umlauf in den USA. Wir haben uns in ein tiefes Loch gebuddelt. Selbst wenn wir den Verkauf jetzt einschränken wird sich nichts ändern.

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