Mein amerikanischer Traum

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 Foto: John Trotter

Wir waren noch bestens gelaunt, als ich mich in der Wahlnacht gegen 22 Uhr von meinen Freunden verabschiedete und mich auf mein Fahrrad schwang. Die Auszählungen waren zwar noch nicht abgeschlossen, ein paar Schlüsselstaaten hingen noch in der Schwebe, aber wir waren uns sicher, dass das schon gut gehen wird. Es musste, es konnte ja gar nicht anders sein.

Natürlich schaltete ich zuhause dann doch noch einmal das Fernsehgerät an. Auf der magischen Wand von CNN hatten sich mittlerweile nicht nur Pennsylvania und Florida sondern auch Michigan und Wisconsin rot eingefärbt. Das Bild ergab für mich keinen Sinn. Nur langsam setzte sich die wachsende Gewissheit im Bewusstsein fest, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird.

Mit der Gewissheit kam ein Gefühl, das ich so nicht kannte, das mich aber seither nicht mehr los lässt. Es ist eine Mischung aus Schwindel und Übelkeit, so, als ob der Boden unter den Füßen schwankt und einem alles, an dem man sich fest klammern möchte, durch die Hände gleitet.

Ich lebe seit beinahe 20 Jahre in den USA und habe wie in jeder intensiven Beziehung komplizierte Gefühle gegenüber diesem Land. Es hat mich leidenschaftlich angezogen und ebenso leidenschaftlich abgestoßen. Es hat mich verwirrt und betört aber bis zum 9. November erschien es mir zutiefst vertraut. Doch in diesem Augenblick war mir Amerika mit einem Mal fremd geworden.

 

Meine Liebe zu Amerika entflammte in einem Chevy auf dem Sunset Boulevard.

Es war Anfang der 80er Jahre, ich war noch ein Teenager und fuhr nach einem Road-Trip durch den amerikanischen Westen der pazifischen Abendsonne entgegen. Im Radio liefen Top 40 Hits, die wir lauthals mitgrölten und uns dabei der Extase scheinbar grenzenloser Freiheit hingaben.

Wie unzählige Reisende vor uns hatten wir die Weite des Landes in uns aufgesogen, jene Weite, die seit jeher das Versprechen Amerikas ausmacht. In Amerika war immer Platz, weiter zu ziehen und neu anzufangen – gleich, ob man aus den übervölkerten Städten des Ostens kam oder aus England, Deutschland, Irland oder Polen.

Die grenzenlose Euphorie des Augenblicks entsprang aber auch der Unwirklichkeit des Moments. Für westdeutsche Jugendliche unserer Generation war Amerika noch immer verheißungsvoll. Viele von uns hatten die Erfahrung unserer Eltern verinnerlicht, denen sich nach 1945, als sie selbst noch Teenager waren, mit dem Import amerikanischer Kultur eine neue Welt eröffnete. Meine Mutter erzählte bis ins Alter mit glänzenden Augen von Sommern im zerbombten Frankfurt, als es jeden Tag einen neuen Hollywood Film zu sehen gab. Unser Bücherregal war voll amerikanischer Literatur von Jack London bis zu Mark Twain und im Plattenschrank überwog der Jazz, der nach dem Krieg das besetzte Deutschland elektrisierte.

Für unsere Eltern bleib die Beschwingtheit dieser Kultur jedoch ein entferntes Versprechen. Wir hingegen hatten das Privileg, eintauchen zu dürfen in diese Welt.

Nicht, dass wir amerikakritischen Stimmen gegenüber taub gewesen wären. Wir hatten die antiamerikanischen Parolen der Anti-Vietnam-Proteste noch in den Ohren und der amerikanische Imperialismus war, gerade im Rhein Main – Gebiet, täglich sichtbar. Auch wir haben gegen den NATO-Doppelbeschluss demonstriert. Dass Ronald Reagans konservative Wende nicht nur eine neue Ära des Neoliberalismus einleiten würde, sondern auch den institutionellen Rassismus in den USA vertiefen, das wurde uns erst später in vollem Umfang deutlich. Doch dass Amerika nicht nur eine Kraft des Guten ist, das wusste man durchaus.

Aber es war, wie es eben mit leidenschaftlichen Liebschaften zu sein pflegt. Man mag nicht zu genau auf die dunklen Seiten schauen.

Als ich 1990 zum Studium nach New York kam, hatte ich jedenfalls vor allem die Freiheit im Sinn. New York – das war der Gegenentwurf zur kleinbürgerlichen Enge der westdeutschen Vorstadt, in der ich aufgewachsen war. Es war das Versprechen, mich wie viele Generationen von Einwanderern neu erfinden zu können. Amerika war Aufbruch und Zukunft.

Ich fand dieses Lebensgefühl in der Sub-Kultur des East Village, das zu Beginn der 90er Jahre noch ein Sammelbecken für Außenseiter war, für Leute, die nirgendwo anders hineinpassten. Das East Village war ein Labor für Sozialexperimente – es war offen trans und schwul, im Tompkins Square hatten die Obdachlosen eine Zeltstadt aufgeschlagen, die von der Anliegern geduldet wurde. In der St. Marks Church wurde experimentelle Performance-Kunst aufgeführt und das CBGBs auf der Bowery war das Wohnzimmer des Punk in Nordamerika.

An der Universität wurde ebenfalls rebelliert. Es war die Zeit der großen Kämpfe um Inklusion und der Dekonstruktion des weißen, männlichen Kanons. Mit herzigem Eifer wurden überall Machtstrukturen entlarvt und für die Ermächtigung der Ausgegrenzten gekämpft.

In der Blase von Downtown New York, wo die Freiheit zur individuellen Selbstentfaltung grenzenlos war, geriet freilich all zu leicht in Vergessenheit, dass all diese Rebellion einen wirklichen Angriffspunkt hatte. Die harten Realitäten des Landes schienen weit weg, auch wenn sie unmittelbar vor der Tür schwelten.

Da war etwa 1990 der Prozess gegen fünf schwarze Jugendliche aus Harlem, die eine weiße Joggerin im Central Park vergewaltigt haben sollten. Sie wurden mit harten Gefängnisstrafen belegt – Donald Trump forderte damals lauthals die Todesstrafe. Doch schon damals deutete sich an, was sich zehn Jahre später zur Gewissheit werden sollte: Die fünf waren Opfer eines modernen Lynchmobs, Opfer einer Gesellschaft und eines Strafrechtssystems, das nur allzu bereitwillig Schwarze kriminalisierte.

Als im September 2001 in New York die Zwillingstürme fielen, lebte ich seit mehreren Jahren wieder in Deutschland. Die wilde Zeit der Selbstbefreiung im East Village war bloß noch nostalgische Erinnerung. Doch der 11. September und die Berichte aus New York, das im Angesicht des Terrors so wunderbar zusammen rückte, weckten den Drang, zurück zu kehren.

Mein erster Besuch im East Village nach fast zehn Jahren hatte etwas Beruhigendes. Auf den ersten Blick schien sich kaum etwas verändert zu haben. Die Punks lungerten noch immer auf dem St. Marks Place herum, im Veselka an der Second Avenue saßen noch immer Musiker und Studenten Wochentag mittags beim Frühstück und der St. Marks Bookshop verkaufte noch immer bewusstseinsbildende Literatur für die amerikanische Linke.

Doch je länger ich in der Stadt war, desto klarer wurde mir, das nichts mehr so ist, wie es noch vor zehn Jahren war. Die Hypergentrifizierung lief auf Hochtouren, Bürgermeister Bloomberg hatte Manhattan zum Luxusprodukt deklariert. Viertel wie das East Village waren zur Marke geworden – das Boheme-Flair war zum Unique Selling Point für Immobilieninvestoren geronnen.

Der 11. September hatte diesen Triumph des Neoliberalismus in New York nur beschleunigt. Er war Vorwand für ein noch drastischeres Vorgehen der Polizei. Jedes Stück öffentlicher Raum wurde fortan durchreguliert. Man konnte an keiner Theaterkasse mehr anstehen ohne dass man von drei uniformierten Personen herumkommandiert wurde.

Auf diese Art wurde New York für die gut verdienende weiße Oberschicht abgesichert. Die Notwendigkeit nach dem 11. September Lower Manhattan neu zu bebauen, weitete sich zu einem Entwicklungswahn in der ganzen Stadt aus, der noch die letzte Ecke mit Luxus-Wohnungen und Shoppinggelegenheiten vollstopfte.

Doch die Räume für das freie, offene Amerika, wurden nicht nur in New York immer enger. 2004 wurde George Bush wieder gewählt, obwohl er einen sinnlosen Krieg angezettelt hatte und obwohl seine Regierung offen folterte.

Als ich mich im September 2005 auf den Weg nach New Orleans machte, um über die Flutkatastrophe dort zu berichten, die Tausenden von Menschen das Leben gekostet hatte, bereitete ich mich innerlich darauf vor, Geschichten von menschlichen Schicksalen zu erzählen. Geschichten wie des Zimmermanns, den ich in einem Flüchtlingslager in Mississippi kennen lernte und der im Lower Ninth Ward seine ganze Familie verloren hatte. Oder die des Fischers an der Golfküste, dessen Haus bis auf die Grundmauern vom Wirbelsturm fort geblasen wurde.

Doch die Berichterstattung verwandelte sich innerhalb von Tagen in die Beschreibung eines Systemzusammenbruchs. Während und nach Katrina hatten alle staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen versagt. Die Opfer – in der Mehrheit Angehörige der schwarzen Unterschicht von Amerika – waren komplett auf sich selbst gestellt.

Man musste kein Verschwörungstheoretiker sein, um in diesem Systemkollaps systematischen Rassismus zu erkennen. Die Gleichgültigkeit der Organe spiegelte die Gleichgültigkeit der amerikanischen Gesellschaft gegenüber diesem Bevölkerungsteil wieder.

Dieser Verdacht, von schwarzen Bürgerrechtlern und Intellektuellen schon lange artikuliert, fand mit Katrina erstmals in der breiteren amerikanischen Öffentlichkeit Gehör. Und auch mir wurde erst jetzt klar, dass der Rassismus in Amerika kein aussterbendes Randphänomen in einer im Grunde liberalen Gesellschaft ist.

In der Folge wendete sich die Aufmerksamkeit des Landes endlich auf Probleme wie Polizeigewalt und die Masseninhaftierung von Afroamerikanern. Die Black Lives Matter Bewegung hielt Amerika einen Spiegel vor, in den es lange Zeit nicht hatte schauen wollen. Darin zu sehen ist ein Land, dessen Versprechen in krassem Widerspruch zu seiner Wirklichkeit stehen. Amerika, das wurde in den vergangenen Jahren immer deutlicher ist beides – Offenheit und Rassismus Freiheit und Hass. Amerika ist sowohl Trump als auch Obama.

Obama trug sich von der Black Lives Matter Bewegung stets die Kritik der Naivität ein, wenn er von einer „More Perfect Union“ sprach, davon, dass Amerika dazu fähig ist, seinen Idealen immer näher zu kommen. Schwarze Intellektuelle wie Ta-Nehisi Coates warfen ihm dann vor, die Lektionen der Geschichte nicht richtig verstanden zu haben.

Mit dem Wahlsieg Trumps scheint sich nun zu bestätigen, dass die Pessimisten Recht hatten, dass Amerika nicht besser werden kann. Amerika scheint nicht nur auf der Stelle zu treten, sondern in ein dunkles, längst vergangen geglaubtes Zeitalter zurück zu fallen.

So rutschte ich in den Wochen nach der Wahl in eine lähmende Depression. Die USA waren meine Heimat geworden und ich hatte nie eine Auseinandersetzung gescheut, wenn es darum ging, das Land gegen Vorurteile zu verteidigen und ein komplexes Bild von Amerika zu zeichnen, das an den kulturellen Reichtum, die Energie und die Vielfalt des Landes erinnerte. Doch jetzt wollte ich mit niemandem reden, obwohl gerade jeder über Amerika reden wollte.

Das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, wieder durchatmen zu kommen, kam am Tag nach Donald Trumps Amtseinführung, als ich gemeinsam mit Hunderttausenden anderer auf der Constitution Avenue in Washington stand, um gegen Trump, gegen Rassismus und Sexismus und Homophobie, gegen die Einschränkung von Bürgerrechten und gegen ein drohendes autoritäres Regime zu demonstrieren. Es war natürlich nur ein kurzzeitiges Anti-Depressivum, doch es war auch eine dringend benötigte Versicherung, dass es das Amerika, das ich liebe, noch gibt.

Trotzdem ist seit dem 9. November nichts mehr so, wie es einmal schien. Der idealistische Blick auf Amerika, bestätigt durch Obama, ist einer dunkleren Vision gewichen. Stimmen aus der Black Lives Matter Bewegung haben dem liberalen, weißen Amerika in den vergangenen Wochen immer wieder gesagt, dass wir nun vielleicht endlich ein wenig besser verstünden, was für sie schon immer eine unhintergehbare Realität ist – dass das hässliche Amerika und das idealistische Kehrseiten derselben Medaille sind.

Um heraus zu finden, wie man sich zu diesem Amerika stellen soll, lohnt es sich ebenfalls, auf diejenigen zu hören, die schon immer zum Misstrauen gezwungen waren. So sagte der schwarze Schriftsteller James Baldwin, der in diesen Tagen wieder in aller Munde ist, dass Verzweiflung keine Option ist. „Ich bin am Leben“, sagte Baldwin, „also bin ich dazu gezwungen, optimistisch zu sein.“ Eine bessere Leitlinie für das Zeitalter von Trump kann es nicht geben.

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