Fake you

Das Trump Regime und die Politik der Verunsicherung

 

Frankfurter Rundschau Magazin FR7, 4.2.2017

 

Wenn man die noch junge Präsidentschaft von Donald Trump mit amerikanischem Optimismus betrachtet, dann hat sie schon jetzt viel Gutes gebracht. Dazu gehört das Erwachen einer überaus gesunden Protestkultur in den USA und die Politisierung einer neuen Generation von Amerikanern, die man bislang gerne als materialistisch und egozentrisch charakterisiert hatte.

Zum Positiven aus diesen zwei Wochen gehört auch ein wiedergefundenes Interesse an Klassikern der politischen Literatur. So schoss nur Tage nach der Amtseinführung von Trump George Orwells 1984 an die Spitze der New York Times Bestseller-Liste. Und auch Hannah Arendts eher sperriger Text zu den „Ursprüngen und Elementen totaler Herrschaft“ wurde so häufig gekauft, wie seit den 60er Jahren nicht mehr.

Den unverhofften Erfolg haben Orwell und Arendt einem Moment unmittelbar nach der Trump-Siegesparty in Washington zu verdanken. Es war der Moment, der dem linksliberalen Amerika zu bestätigen schien, was es schon lange geahnt hatte – dass Trump nämlich vor hat, die USA in ein faschistisches Regime zu verwandeln.

Der Moment von dem die Rede ist, ist die vermeintlich enthüllende freudsche Fehlleistung der Trump – Beraterin Kellyanne Conway, die einem Fernsehmoderator gegenüber behauptete, die Trump-Regierung verfüge über „alternative Fakten“ was die Menge der Jubler bei Trumps Einführungszeremonie angehe. Der verdutzte TV-Journalist, vor dem Hintergrund eindeutigen Fotomaterials sitzend, konnte nur entgegnen, dass alternative Fakten keine Fakten sondern Unwahrheiten seien.

Die Strategie der neuen Regierung, überprüfbar unwahre Behauptungen aufzustellen und für sie ohne auch nur den Versuch eines Beleges Geltung zu beanspruchen, schien direkt den Beschreibungen totalitärer Regime Arendts und Orwells zu entspringen. So beschrieb Hannah Arendt schon 1951 mit aus heutiger Sicht unheimlicher Klarheit die Strategie der epistemologischen Verunsicherung, die totalitäre Regime anzuwenden pflegen. Laut Arendt behaupten autoritäre Herrscher heute dies und morgen das Gegenteil und erreichen damit die Zerstörung unserer Fähigkeit, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Als einzige Orientierung in der Welt bleibt das Wort des Anführers.

Eben dieser Prozess ist Gegenstand von Orwells Klassiker, der in Amerika dieser Tage wieder so eifrig gelesen wird. Der Held Winston Smith wird dem Big Brother gefügig gemacht, in dem er lernt, seiner eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Er wird so lange gefoltert, bis er weder behauptet, dass Zwei plus Zwei Vier ergibt, noch, dass es, wie ihm vorher gesagt wurde, Fünf ergibt. Erst als er versteht, dass Zwei plus Zwei nur das ergibt, was Big Brother jeweils sagt, hört die Peinigung auf. „Freiheit“, hatte  Winston vorher in sein Tagebuch geschrieben, „ist die Freiheit zu sagen, das Zwei Plus Zwei Vier ist.“

Donald Trump verfährt allerdings nicht erst seit seiner Amtsübernahme mit der Welt der überprüfbaren Tatsachen so, wie es ihm gerade ins Zeug passt. Das stete Lügen war das einzige Konstante an seinem Wahlkampf.

So veröffentlichte der Toronto Star drei Tage vor der Wahl im November eine Liste von 500 nachweislichen Falschaussagen Trumps. Dazu gehörten Behauptungen wie die, dass die Wirtschaft kein Wachstum aufweise oder dass 70 Prozent der Amerikaner glaubten, das Land sei auf einem falschen Kurs. Dazu gehörte die Behauptung, die Mordrate im Land sei um 45 Prozent angestiegen und dass 60 Prozent der Amerikaner wegen Obamas Gesundheitsreform ihre Versicherung verlören. Und dazu gehörte die Behauptung, Hillary Clinton wolle „so viele Syrer ins Land lassen, wie möglich.“

Überhaupt war es eine Lüge gewesen, mit der sich Donald Trump in die politische Arena gedrängelt hatte. Trump war der lauteste und eifrigste Verfechter der These, dass Barack Obama nicht in den USA geboren worden sei und sich deshalb das Präsidentenamt illegal erschlichen habe. Die sogenannte „Birther Lie“ veranlasste während des Wahlkampfes sogar die ansonsten übervorsichtige New York Times dazu, im Zusammenhang mit Donald Trump den kräftigen Begriff „Lüge“ zu verwenden.

Dass Donald Trump trotz alledem, trotz seiner offensichtlichen Indifferenz gegenüber überprüfbaren Fakten gewählt wurde, ist für die etablierten Medien und das linksliberale Establishment bis heute ein Skandal. Es bleibt unverständlich, wie jemand, der sich von Fakten unbeeindruckt seine eigene Realität zusammen zimmert, für irgendjemanden wählbar ist.

Eine These dafür bot in der vergangenen Woche der Blogger David Ernst, Absolvent des konservativen Think Tanks „Institute of World Politics“ an. Trump, so Ernst, habe es geschafft, die Postmoderne gegen sich selbst zu wenden.

Ernst meinte mit Trumps Rebellion gegen die Postmoderne in erster Linie seine Rebellion gegen politische Korrektheit – die er wiederrum als dekadente Folge eines postmodernen intellektuellen Milieus deutete. In einer Welt, in der man dem Verdacht des Sexismus und Rassismus ohnehin nicht entgehen könne, habe Trump die Strategie gewählt, sich zur politischen Inkorrektheit zu bekennen, anstatt sich zu fügen und sich zu entschuldigen. Damit konnten seine Anhänger sich identifizieren, die Geste wurde ihm als „authentisch“ ausgelegt.

Trumps rebellischer Gestus richtete sich laut Ernst jedoch nicht alleine gegen die postmoderne Ethik-Polizei. Sie richtete sich vor allem auch gegen den Relativismus,

der ihr zugrunde liegt. Im Eifer, Machtverhältnisse zu dekonstruieren, hätte das liberale Establishment etablierte Normen für Gut und Böse, richtig und falsch aus dem Fenster geworfen. Dabei seien die Liberalen jedoch blind dafür, dass sie die althergebrachten Normen einfach nur durch ihre eigenen ersetzt hätten.

Trumps Ungezogenheit entlarve diese linke Verlogenheit, so erkläre sich sein Erfolg. Wenn ihr uns als alten weißen Männern das Recht absprecht, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, dann sprechen wir Euch dieses Recht auch ab – so oder so ähnlich interpretiert Ernst Trump. Wer postmodernen Relativismus propagiert muss ihn auch für selbst aushalten können.

Die Rebellion von Trump und seinen Anhängern macht jedoch nicht bei der politischen Korrektheit halt. Dem liberalen Establishment wird nicht nur  abgesprochen, über die richtigen Werte zu richten. Es wird ihm auch abgesprochen, über die Realität selbst zu entscheiden.

Die Klagen über die Realitätsverzerrung der „Mainstream“ Medien haben nicht nur Trumps Kampagne von Beginn an begleitet. Man kennt sie spätestens seit Sarah Palin im Wahlkampf von 2008 begann, sich über die „Lamestream Media“ zu mockieren. Kurz darauf nahm die Tea Party den Schlachtruf auf, beflügelt vom rechten Hetzsender Fox, der seinerseits alternative Nachrichten anbot.

Als Klage über die Lügenpresse schwappte die Diskreditierung der Medien auch nach Deutschland und von hier aus wieder zurück in die USA, wo der Kampfbegriff mittlerweile im Original von der „Alt-Right“ Bewegung zitiert wird. Die Klasse, die ihre Deutungshoheit über die Wirklichkeit bedroht sieht, spricht mit dem Begriff auch jedem anderen eine solche Deutungshoheit ab - insbesondere dem linken Establishment, das bis vor Kurzem wie der Gewinner im lange andauernden amerikanischen Kulturkrieg aussah.

Der postmoderne Zustand Amerikas, der es Trump ermöglicht hat, mit Autorität und Erfolg seine Absurditäten zu verkünden, hat freilich nicht erst mit Palin, der Tea Party oder Fox News begonnen. Kulturhistoriker sehen den Urknall der amerikanischen Postmoderne bereits in der Kennedy-Ermordung.

Das Ereignis eignet sich vortrefflich, um den Augenblick zu markieren, von dem an sich die amerikanische Öffentlichkeit auf nichts mehr einigen konnte. Jeder konnte die Tat auf dem Zapruder Film sehen. Die Warren Commission, eingesetzt um den Mord zu untersuchen,  produzierte Tausende von Seiten an Indizien. Und doch weiß bis heute niemand, was wirklich geschah.

Die Verschwörungstheorien schossen ins Kraut und produzierten Dutzende von Romanen und Filmen. Schriftsteller von Norman Mailer bis Don DeLillo nahmen sich des Themas an, Filmemacher von Alan Pakula bis hin zu Oliver Stone. Und doch blieb im Dunkeln, ob nun das CIA dahinter steckte oder Fidel Castro, beide gemeinsam oder ob Lee Harvey Oswald doch ein Einzeltäter war.

Postmoderne-Theoretiker wie Jean Baudrillard und Frederic Jameson haben die Kennedy-Ermordung als „Ur-Trauma“ der Postmoderne beschrieben. Das postmoderne Subjekt konnte fortan keiner Darstellung der Wirklichkeit mehr trauen. Nichts war mehr so wie es scheint. Die wahren Zentren der Macht lagen im Verborgenen. Politiker waren fortan nur noch Marionetten finsterer Mächte, die niemals würden enttarnt werden können. Das postmodere Subjekt befand sich in einem Dauerzustand der Paranoia. Jedes Zeichen deutete auf einen größeren Zusammenhang der Verschwörung hin, doch es war unmöglich, jemals das Bild zusammensetzen.

Die neue Rechte, die schon unter George W. Bush erblühte und in den Obama Jahren an Fahrt aufnahm,  machte sich dieses postmoderne Lebensgefühl mit perfider Cleverness zunutze. Obama wurde von Anfang an nicht nur als Nicht-Amerikaner beschimpft sondern wechselweise auch als Faschist oder Sozialist, der Amerika ein totalitäres Regime errichten möchte. Clinton wurde wahlweise von der Wall Street gelenkt oder von fremden Mächten, von denen sie über dunkle Kanäle Zahlungen erhielt. Trump hat diese Narrative nicht erfunden, aber er hat sie sich bereitwillig zu eigen gemacht.

Genauso macht sich Trump die postmoderne Krise der Repräsentation zunutze, um in Orwellscher Manier zu behaupten, was auch immer er möchte. Die Darstellung der Wirklichkeit durch die etablierten Medien wird als Manipulation diskreditiert und somit der Boden dafür bereitet, mit Autorität eine Gegenwirklichkeit aufzustellen.

Experten protestieren freilich, dass man es sich mit der Postmoderne so einfach nicht machen darf. So schrieb erst in der vergangenen Woche der Philosoph Stanley Fish im Magazin „Foreign Policy“, dass man doch bitte nicht Nietzsche für Donald Trump verantwortlich machen soll. Die Einsicht in die Unzugänglichkeit einer absoluten Wahrheit heiße noch lange nicht, dass man behaupten könne, was man möchte. Es gebe noch immer Übereinkünfte und Konventionen, mittels derer wir uns darüber einigen, was wirklich ist und was nicht: Wissenschaftliche Methoden etwa oder Verfahrensweisen des professionellen Journalismus. Oder Rechtsnormen- und Urteile.

Doch Trump mag von all dem nichts wissen. Er nimmt das kulturelle Klima des „Anything Goes“ als Lizenz zur willkürlichen Produktion alternativer Fakten. Geleitet wird er dabei von seinem Machtinstinkt. Es ist unwahrscheinlich, dass Trump Hannah Arendt oder George Orwell gelesen hat. Sicher ist aber, dass er, ohne dass er es auch nur artikulieren könnte, präzise die Mechanismen durchschaut, die sie beschrieben haben.

Bleibt die Frage, ob ein postmodernes kulturelles Milieu zwingend zu Donald Trump führt. Man möchte das nicht hoffen. Aber es ist schwer zu leugnen, dass die Gefahr in diesen unseren verunsicherten Zeiten grundsätzlich angelegt ist.

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