Aufstand des anderen Amerika

 

Lisa Tatum sprudelt vor Euphorie, ihre Augen glänzen und sie strahlt vor einem Lächeln, das ihr an diesem grauen Vormittag in Washington DC einfach nicht mehr vom Gesicht weichen mag. „So gut habe ich mich seit Anfang November nicht mehr gefühlt.“

Genau genommen war es der 9. November, der Tag der Wahl von Donald Trump, der Lisa, die aus Kansas nach Washington gekommen ist, um am Women’s March teilzunehmen, in eine tiefe Depression gestürzt hat. Gemeinsam mit dem übrigen linksliberalen Amerika ist sie an diesem Tag in eine Art Schockstarre verfallen. „Ich kann Dir gar nicht sagen, wie viele Folgen von Allie McBeal ich seither geschaut  und mich dabei mit Süßigkeiten voll gestopft habe.“

Doch der Tag im Regierungsbezirk von Washington heute ist Balsam auf ihre geschundene Seele. Die Independence Avenue, gestern noch fest in der Hand feiernder Trump-Anhänger, hat sich in einen bunten Karneval für all jene Amerikaner verwandelt, die sich nicht durch Donald Trump repräsentiert fühlen und denen seine Weltanschauung sowie sein Temperament ein Graus sind. „Das macht mir wieder ein wenig Hoffnung“, sagt Tatum.

In der Tat macht die Szene an der National Mall, dem großen Versammlungsort im Herzen der amerikanischen Demokratie, jedem, der in den vergangenen Wochen an Amerika verzagen mochte, Hoffnung. Es ist ein buntes Aufgebot von 500,000 Bürgern aus den verschiedensten Ecken der Gesellschaft, schwarz, weiß, alt, jung, männlich, weiblich, schwul, hetero.

Sie haben Energie und Kreativität mit nach Washington gebracht, immer wieder bricht die Menge in Gesang und Tanz aus, T-Shirts und Kostüme wurden in Heimarbeit gemalt und gefärbt, rosarote Mützen in den unterschiedlichsten Formen signalisieren Solidarität mit missbrauchten Frauen weltweit und drücken Protest gegen die offene Frauenverachtung des neuen Präsidenten aus. Auf den Transparenten sind Sprüche zu lesen, wie „My Cunt, my Country“, „The power of the people is greater than the people in power“ oder – in Variation der alten Bürgerrechtshymne und in Anspielung auf die Frisur des neuen Präsidenten „We Shall Overcomb.“ Viele tragen die Poster von Shepard Fairey mit den Fotos von Frauen verschiedener Ethnien, die der Künstler anlässlich des Marsches zu Ikonen des Widerstands gestaltet hat.

Lisa hat ihr eigenes Transparent mitgebracht. Sie demonstriert dagegen, dass die Trump-Regierung die Mittel für die Organisation Planned Parenthood streichen möchte, eine Organisation, die medizinische Versorgung für unterprivilegierte Frauen bereitstellt. Der Streit um Planned Parenthood ist seit Jahren ein heißes Thema für amerikanische Feministinnen, doch selbst Lisa, die für Planned Parenthood als Therapeutin arbeitet, findet, dass es heute hier in Washington nicht ausschließlich um Frauenthemen gehen darf: „Es ist ein Aufstehen aller, denen es in Amerika um soziale Gerechtigkeit geht.“

Den gleichen Tonfall schlägt Gloria Steinem bei ihrer Rede vor dem nationalen Museum der amerikanischen Indianer an. Die Altfeministin würdigt den Ursprung des Marsches in der feministischen Bewegung, im Zorn und der Frustration über die Niederlage Hillary Clintons. Aber auch sie betont, dass dieser Marsch auf keinen Fall als reiner Frauenmarsch gesehen werden soll, sondern als „Aufstand der Unerhörten, als Ausströmen von Freiheit und Demokratie.“

Vor allem sind der Marsch in Washington und seine Schwestermärsche in Städten des ganzen Landes an diesem Tag jedoch eines: Ein Aufbäumen des geschlagenen liberalen Amerika, das sich seiner Selbst versichert und Kampfbereitschaft zeigt. Er ist der Gründungsakt einer Koalition gegen Trump und für den Erhalt der Demokratie, angeführt von Frauen.

Zu dieser Koalition gehört auch Jerry Smith, ein großer schwarzer Mann, der mit erhobener Faust, einem Black Lives Matter Schild und einer rosaroten Strickmütze an der Ecke Independence und Third Street steht. Auf die Frage, was ihn bewegt hat, heute auf die Straße zu gehen, antwortet er: „Ich kämpfe für alles, was dieses Arschloch uns weg nehmen möchte.“

Dazu gehören auch die Schauspieler und Regisseure, die hier in Washington Flugblätter und Aufkleber für ihre Organisation „Take the Oath“ verteilen – einer Gruppe darstellender Künstler, die über soziale Medien ein Bündnis von Bürgern bilden wollen, um die Verfassung der USA gegen die Gefährdung durch die neue Regierung zu schützen. Und dazu gehörten auch Prominente von Madonna bis zu Alicia Keys oder Michael Moore, die nach Washington gekommen waren, um sich einzumischen.

Es war eine eindrucksvolle Einigkeit, welche die amerikanische Linke da bei den Märschen in Washington und anderen Städten demonstrierte, an denen Schätzungen zufolge bis zu zwei Millionen Menschen teilnahmen. Eine Einheit allerdings, die im Vorfeld des Marsches alles andere als gewiss war. Bis kurz vor dem Amtseinführungstag herrschte unter den Organisatorinnen Spannungen über Ziele und Strategien.

Kurz nachdem die New Yorker Modedesignerin Bob Bland per sozialer Medien zu dem Marsch aufgerufen hatte wurden auf den entsprechenden Online-Foren Stimmen laut, die forderten, dass die Veranstaltung unter keinen Umständen alleine von weißen Frauen geführt werden dürfe. Bland reagierte und berief die schwarze Bürgerrechtlerin Tamika Mallory, die arabisch-stämmige Linda Sarsour und die hispanische Aktivistin Carmen Perez in den Vorstand.

Die vier bildeten ein erfahrenes und gut funktionierendes multikulturelles Führungsteam. In den unteren Rängen der schnell wachsenden Organisation entbrannten jedoch rasch Streitereien zwischen den Fraktionen. Der Marsch, fanden viele, solle vor allem die Themen schwarzer und hispanischer Frauen im Blick haben, eine Hegemonie weißer „Frauen“ dürfe auf keinen Fall zugelassen werden. Nicht wenige weiße Organisatorinnen fühlten sich dadurch vor den Kopf gestoßen.

Schließlich einigte man sich auf eine breit angelegte Agenda und auf einen Grundsatz der Inklusion. Nun liest sich die Liste der Ziele wie ein Manifest einer neuen Bürgerrechtsbewegung. Zu den Themen gehören Polizeigewalt, Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel, Kampf für das Recht auf Abtreibung, Kampf für Arbeiterrechte, Kampf für die Rechte von Einwanderern, Kampf für die Bürgerrechte von Schwarzen und Latinos, Rechte von Homo- und Transsexuellen, von Behinderten sowie ein Kampf um die Erhaltung der Umwelt.

Das ist freilich noch kein sehr konkretes Programm linken Widerstandes gegen Trump, wie es etwa der Altlinke und 68er-Anführer Todd Gitlin fordert. Aber die amerikanischen Linksliberalen haben sich nach dem Wahlsieg von Trump geschüttelt und berappelt und sind bereit zu kämpfen.

Auch Jennifer Quigley hatte am Ende des Marsches ihre Kraft wieder gefunden, die Mitarbeiterin der Bürgerrechtsorganisation “Human Rights First“ konnte nach der Finsternis der vergangenen Wochen plötzlich wieder etwas Positives in der Zukunft sehen. „Wenn wir dieses Maß an Bürgerengagement über die nächsten Monate aufrecht erhalten können, dann kommen wir da schon durch.“

 Als der Abend über DC anbricht verwandelt sich der Marsch der Frauen langsam in eine Tanzparty. Die Dunkelhäutigen und Schwulen, die Behinderten und die Intellektuellen, die Transsexuellen und alle anderen, die Trump an die Ränder der Gesellschaft verbannen will, feiern ausgelassen, dass es sie noch gibt, dass das Leben weiter geht. Sie haben an diesem Tag klar gemacht, dass sie Trump und den seinen diese Stadt nicht überlassen werden. Und schon gar nicht dieses Land.

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