Dem Wähler zwischen die Beine Grapschen

Der US-Wahlkampf und die Kunst der Verführung

(Frankfurter Rundschau Wochenend-Magazin FR7, 29.10.2016)

 

Es bedarf schon beträchtlichen rhetorischen Geschicks, bei einer Entschuldigung durchklingen zu lassen, dass man auf die Missetat eigentlich stolz ist, doch Donald Trump ist nichts, wenn nicht ein Meister der Doppelzüngigkeit.

So verriet Trumps Beteuerung, dass seine jüngst aufgetauchten Tonaufnahmen sexueller Prahlereien bloßes „Kabinen – Gerede“ gewesen seien weniger Scham, als eine Selbstzufriedenheit darüber, dass er zu der Art Mann gehört, der unter Männern nun einmal so redet. Ein männlicher Mann, eben ein Macho, ein Sportler Typ.

Es war nicht das erste Mal, dass Trump sich selbstgefällig als unwiderstehlichen, hypersexuellen Schürzenjäger stilisiert, offenbar vollkommen unberührt davon, dass er damit alle Regeln sozial akzeptablen Verhaltens bricht. Trump hat vor dem Radio-Moderator Howard Stern damit geprahlt, dass er sich bei seinen Schönheitswettbewerben hinter die Bühne schleicht, um die nackten Wettbewerberinnen zu beäugen. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich weibliche Angestellte alleine nach ihrem Äußeren aussucht. Und er hat bei einer Vorwahldebatte mit seinen republikanischen Mitbewerbern unverhohlen über die Größe seines Geschlechts geprahlt.

Die Tatsache, dass Donald Trump sich in der Rolle des aggressiven sexuellen Wilderers gefällt, verrät viel über ihn und seine Einstellung zu Frauen. Es verrät allerdings auch einiges über seine Auffassung von Politik.

Dass der Präsidentschaftskandidat Trump sich als ruchlosen sexuellen Jäger inszeniert, kann kaum als Zufall gesehen werden. In der Welt von Donald Trump läuft derartiges Verhalten mitnichten den Anforderungen der politischen Arena zuwider. Ganz im Gegenteil: Trump glaubt, es qualifiziere ihn in ganz besonderem Maß für sein neues Metier.

Damit liegt Trump nicht einmal ganz falsch. Das Sexuelle und das Politische sind sich nicht fremd, im Gegenteil. Kenneth Minogue, Politologe an der London School of Economics, glaubt, dass „die Verführung in gewissem Sinn die zentrale Idee des politischen Lebens ist.“

Laut Minogue war sogar die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Verführung politisch. Im Mittelalter wurde damit die Kunst bezeichnet, einen Vassallen oder Soldaten davon zu überzeugen, seine Loyalität gegenüber seinem Dienstherren aufzugeben und die Fronten zu wechseln. Erst ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert bedeutete Verführung auch, eine Frau dazu zu bewegen, ihre Jungfräulichkeit aufzugeben.

In der modernen Politik bedeutet Verführung, Menschen dazu zu bringen, ihre Überzeugungen aufzugeben und in ein anderes Lager zu wechseln. Insofern ist die Kunst der Verführung tatsächlich das Paradigma eines jeden Wahlkampfes. Der bessere Verführer gewinnt – in Amerika etwa derjenige, der einen Staat mit überwiegend republikanischer Wählerschaft in das demokratische Lager ziehen kann.

Natürlich gibt es die verschiedensten Strategien dazu, Menschen dazu zu bewegen, ihr Weltbild und somit auch ein Stück weit sich selbst zu verraten. Hillary Clinton wählt dazu den wohl konventionellsten Weg. Sie versucht durch rationale Überzeugung und durch das bessere Programm zu überzeugen – ein Vorgehen, dass ihr den Vorwurf eingetragen hat „unsexy“ zu sein. Doch dazu später.

Obama und vor ihm Bill Clinton waren elegantere Verführer. Sie waren Charmeure, zugleich attraktiv und charismatisch. Sie haben Wähler durch ihre Aura auf ihre Seite gezogen. Man hat sich in sie verliebt, weil sie das bessere Leben, den frischen Wind, den sie versprachen, verkörperten. In ihrer Gegenwart fühlte man sich erneuert, lebendig und so ließen sie die Wählerherzen schmelzen. Eine Fähigkeit, die Hillary Clinton, wie sie selbst zugibt, eher abgeht.

Donald Trump ist hingegen eine ganze andere Art von Verführer. Bei seiner Taktik steht die Lust am Tabubruch im Vordergrund, die jeder Verführung inne wohnt. Mit seinem Wettern gegen „Political Correctness“ (und dem Ausleben der Incorrectness) erteilt er den Verführten die Lizenz dazu, sich tieferen Gelüsten und Begierden hinzugeben, die sie sich aus Rücksicht auf bürgerliche Normen bislang untersagten.

Dazu gehört vor allem auch die Rebellion gegen die neuen Normen der pluralistischen Gesellschaft, die Dinge wie Gleichberechtigung und Toleranz fordern. Er befreit sie von diesem moralischen Korsett und erlaubt es ihnen, ungehemmt ihre angstgeriebenen Instinkte auszuleben, die sie dazu treiben, das bedrohliche Andere wieder in seine Schranken zu weisen – gleich ob es als weiblich, schwarz, muslimisch oder mexikanisch daher kommt. Dadurch fühlen sich die Verführten wertgeschätzt wie nie und geben sich willfährig dem Verführer hin.

Bei dieser „Verführung“ seiner Wählerschaft  geht Trump ebenso unsubtil vor, wie bei seinen Avancen gegenüber dem anderen Geschlecht. Er gibt sich gar nicht die Mühe, sie mit Ideen, Charme oder Ausstrahlung zu beeindrucken. Sein politisches Programm und seine Vision für Amerika sind, anders als etwa bei Clinton und Obama, komplett abwesend. Er will Amerika wieder „great“ machen – was das bedeutet oder wie er das anstellen will, bleibt sein Geheimnis. Bei seinen Wahlkampfreden spricht er fast ausschließlich davon, dass er gewinnt und die Gegnerin dominiert. Es ist dieselbe Art von Prahlerei, wie im „Kabinen-Geplauder“ mit Billy Bush: Trump gibt damit an, dass er dem Wähler einfach zwischen die Beine greift und dieser sich das einfach gefallen lässt.

 Die Schamlosigkeit, mit der Donald Trump zu seiner sexuellen Aggressivität steht, basiert auf einem bestimmten Kalkül – wenn man bei einem Menschen wie Trump von so etwas wie strategischer Berechnung ausgehen darf. Trump glaubt, dass für ihn ein ähnlicher Mechanismus greift, wie einst für Arnold Schwarzenegger. Die konservative Schock-Feministin Camille Paglia schrieb einmal über Schwarzenegger, dass es genau sein offener Machismo gewesen sei, der ihn für Wähler und auch Wählerinnen attraktiv gemacht habe:  „Sein Verhalten lässt die Menschen glauben, dass er kraftvoll genug ist, Barrieren zu durchbrechen und echten Wandel durch zu setzen.“

Hillary Clinton steht freilich diese Taktik der Wähler-Beflirtung überhaupt nicht offen, selbst wenn sie die Neigung dazu verspüren würde. „Keine Frau wie Trump würde jemals für ein politisches Amt nominiert werden“, sagt Katha Pollitt, Kolumnistin für die politische Wochenzeitschrift „The Nation.“

Eine Kandidatin, die fünf Kinder von drei Ehemännern hat und mit ihren Ehebrüchen prahlt, so Pollitt, wäre in den USA gänzlich undenkbar. So, wie überhaupt ein sexualisiertes Auftreten für eine Frau in einer Machtposition „überaus riskant“ sei. „Eine Frau, die flamboyant ist, hat es hier überaus schwer.“

Deshalb wählt Hillary, wie etwa auch Angela Merkel, den sicheren Weg und gibt sich weitestgehend entsexualisiert. Der ewige, mittlerweile legendäre Hosenanzug suggeriert Gender-Neutralität, er deflektiert jegliche Projektionen geschlechtlicher Identität.

Doch diese Präsentation schützt Clinton leider nicht vor offenem Sexismus. Katha Pollitt: „Man kann es als Frau einfach nicht richtig machen, man muss einen ganz schmalen Grad wandeln.“ So muss sich Clinton nicht nur aus dem konservativen Lager die Vorwürfe gefallen lassen, fad und langweilig zu sein.  Ihre streberhafte Sachlichkeit erinnert ihre Kritiker an eine Bibliothekarin oder eine Schullehrerin, „nicht einmal eine Professorin“, wie Pollitt anmerkt.

Bei all dem schwingt immer die Unterstellung mit, dass Clinton frigide sei – das sexistische Standardklischee gegenüber Frauen, die sich nicht alleine über ihren Körper und ihre Sexualität definieren mögen.

Das Klischee haftet Hillary bereits an, seit sie die First Lady des Staates Arkansas war, sich jedoch nicht damit begnügte, ihrem Mann den Rücken zu stärken. Sie arbeitete weiter als Partnerin in einer großen Anwaltskanzlei und leitete eine Stiftung zur Förderung benachteiligter Kinder und Familien. „Ich hätte auch Tee kochen und Plätzchen backen können“, verteidigte sie sich damals schnippisch. „Aber ich habe mich dazu entschieden, meinen Beruf auszuüben.“

Die Zeit, in Zusammenhang mit ihren studentenbewegten Tagen in den 60er Jahren, trägt ihr bis heute den Ruf ein, „eine männerhassende Feministin der ersten Generation zu sein“, wie Camille Paglia schrieb. Ein Ruf, der sich durch die allseits bekannten Affären ihres Mannes verstärkte. „Man wirft ihr vor, dass sie nicht einmal ihren Mann befriedigen kann“, so Katha Pollitt. „Wie soll sie da die ganze Nation befriedigen.“

Hillary Clinton hat mit einer irrationalen Abneigung gegen ihre Person zu kämpfen, die, wie Katha Pollitt findet, in einer Gegenreaktion auf die Fortschritte des Feminismus wurzelt. „Ihr geht es genauso, wie es Obama ging, an dem sich die ewig Gestrigen abarbeiteten.“ Wie Obama muss sich Clinton Unverschämtheiten gefallen lassen, die ihrer Stellung nicht angemessen sind – T-Shirts etwa, auf denen steht „Hillary Sucks – but not like Monica“ oder Transparente, auf denen sie wahlweise als Hexe oder als Hure bezeichnet wird.

So wie der US-Wahlkampf sich derzeit entwickelt, behält die verstaubte Bibliothekarin jedoch gegenüber dem Super-Macho die Oberhand. Trump hat über das Ziel hinaus geschossen, das Wahlvolk legt sich lieber mit der soliden, stetigen Langweilerin ins Bett, als mit einem potenziellen Vergewaltiger.

Trump wird sich da auch ein Stück weit kastriert fühlen. Die Hosen hat am Ende eindeutig Hillary an. Die politische Arena ist derweil dank Hillary von allzu vulgärer Sexualisierung vorläufig rein gewaschen. Hillarys Sieg lässt hoffen, dass in Zukunft zumindest die Messlatte für das Niveau der Verführungskunst wieder ein Stück angehoben wird. Am Ende mag sich das amerikanische Volk dann doch nicht einfach zwischen die Beine grapschen lassen.

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