Reflexhaftes Jubeln

Die Amerikaner feiern ihre Truppen – und wollen lieber nichts über sie wissen. Die Geschichte einer Entfremdung

Zur Sache BW - Herbst 2015

Ben Fountains preisgekrönter Roman „Billy Lynn’s Long Halftime Walk“ ist die Geschichte einer Armee-Einheit, die im Irak in schwere Kämpfe verwickelt war und die nun, in der Heimat, zur Halbzeit-Show eines Profi-Football-Spiels eingeladen wird. Die Soldaten werden von den Zuschauern bejubelt, eine Kapelle spielt, viele klopfen den Soldaten auf die Schulter. Jeder dankt ihnen für alles, „was Sie für Ihr Vaterland tun“.

Doch das patriotische Ritual hat bei den gefeierten Helden alles andere als die gewünschte Wirkung: Die Männer fühlen sich nicht geehrt, der Dank der Nation kommt ihnen eher geheuchelt vor. „Wir wurden herumgereicht wie eine Haschpfeife“, sagt einer der Soldaten.

Der Eindruck, dass die Nation mit hohlen Gesten wie dieser nur ihr Gewissen beruhigen will, wird noch dadurch verstärkt, dass die Einheit am nächsten Tag wieder nach Fernost einschifft. Zuhause gehen die Schulterklopfer wieder ihren Geschäften nach. Der Irak-Krieg und was die Soldaten dort durchmachen interessiert sie wenig.

Anerkennung ohne Auseinandersetzung

Diese Geschichte gibt sehr treffend die Realität wieder, mit der sich amerikanische Truppen in der Heimat zunehmend konfrontiert sehen. „Wir lieben unsere Truppen, aber wir denken gleichzeitig auch lieber nicht über sie nach“, sagt der Journalist Mark Thompson, der ein ausführliches Stück über den wachsenden Graben zwischen Militär und Zivilbevölkerung in den USA im renommierten „Atlantic Magazine“ verfasst hat.

Diese wachsende Entfremdung äußert sich in einem seltsamen Widerspruch: Auf der einen Seite sieht Thompson eine Glorifizierung des US-Militärs, eine unkritische Verherrlichung, die an das Religiöse grenzt: Bei jedem Sportwettkampf werden die Truppen geehrt, am „Veterans Day“ ist die ganze Nation auf der Straße und schwenkt Fahnen. Autoaufkleber mit „Support our Troops“ sind im ganzen Land zu sehen, Armeeangehörige werden, wenn sie Uniform tragen, auf der Straße angesprochen – bei jeder Gelegenheit wird ihnen überschwänglich für ihren Dienst gedankt. Eine Praxis, die etwa Weltkriegs- oder Korea-Veteranen befremdlich finden. „Das gab es früher nicht“, sagt der 90 Jahre alte George Baroff, der im Zweiten Weltkrieg gedient hat.

Auf der anderen Seite gibt es eine nie da gewesene Gleichgültigkeit gegenüber dem, was das Militär tatsächlich tut. Die Öffentlichkeit ist schon lange von Nachrichten aus den Krisengebieten ermattet. Von der Kriegserfahrung der Militärangehörigen möchten die meisten Amerikaner ebenfalls lieber nichts wissen. „So viele Leute bekunden ihre Sympathie“, sagt Phillip Ruiz, Sergeant aus Tennessee, der drei Mal im Irak und in Afghanistan war. „Aber es klingt verlogen. In Wirklichkeit, sind sie nur froh, dass ihre eigenen Angehörigen dort nicht hin müssen.“

Kein gegenseitiges Verständnis

„Chickenhawk Nation“ nennt Thompson deshalb die USA – eine Nation, die sich gebärdet wie Falken, in Wirklichkeit aber feige ist wie ein Hühnerhaufen.

Dieser Bruch zwischen der US-Bevölkerung und den Streitkräften wurde zuerst im Jahr 2011 breit thematisiert, als das Washingtoner Meinungsforschungsinstitut „Pew Research Center“ eine Studie dazu veröffentlichte. Die Verbindung zwischen Militär und Zivilbevölkerung reiße zunehmend ab, fand die Untersuchung heraus. Sowohl Militärangehörige als auch Zivilisten glaubten mit überwältigender Mehrheit, dass ein gegenseitiges Verständnis nicht mehr vorhanden sei.

Die Gründe für die zunehmende Entfremdung zwischen Militär und Gesellschaft sind laut der Studie vielfältig. Ein wichtiger Grund sei die Abschaffung der Wehrpflicht im Jahr 1973. Am Vietnamkrieg waren noch 2,7 Millionen Amerikaner aus allen Schichten der Bevölkerung beteiligt, nur wenige amerikanische Familien und Gemeinden waren nicht in irgendeiner Form betroffen. Das ist heute anders. Laut der Studie ist weniger als ein halbes Prozent der amerikanischen Bevölkerung Teil des Militärs. Ein Grund für die schleichende Entfremdung der jüngeren Generation vom Militär.

Die Mitglieder der kleinsten US-Streitmacht seit den 30er Jahren kommen laut der Untersuchung zunehmend aus den immer gleichen Familien und Gegenden. Mehr als 80 Prozent derjenigen, die dienen, haben Eltern oder Geschwister im Militär. Die Zahl der Amerikaner, die keine Familienbande oder keine Freunde im Militär haben, wird immer größer. DerenSicht auf das Militär ist deutlich kritischer. Zudem tun diejenigen, die keine Angehörigen im Militär haben, weit weniger, um aktiv das Militär zu unterstützen.

Zwar gaben in der Pew-Untersuchung 77 Prozent der Amerikaner an, Familienangehörige zu haben, die im Militär gedient haben. Die überwältigende Mehrheit davon war jedoch vor 1973 in den Streitkräften. Bei den unter 50-jährigen Amerikanern sind es nur noch 57 Prozent, die einen Militärangehörigen oder Veteranen in der Familie haben, bei den unter 30-Jährigen nur noch ein Drittel.

Der Blick nach außen fehlt

Zur Entfremdung zwischen Streitmacht und Zivilbevölkerung trägt zusätzlich die zunehmende Konzentration der Truppen innerhalb der USA bei. Die Streitkräfte leben heute in überwiegender Mehrheit in rund einem Dutzend riesiger Basen wie Fort Bragg, wo 55 000 Soldaten mitsamt ihren 75 000 Angehörigen untergebracht sind.

Diese Stützpunkte sind vom Rest des Landes isoliert, zumal die Sicherheitsbestimmungen seit dem 11. September 2001 extrem streng geworden sind. Gewöhnlichen Zivilisten ist es kaum mehr möglich, die militärischen Einrichtungen zu betreten. „Es sind wahrhaftige Festungen“, sagt Philip Carter, ein Militärforscher bei der New American Society, einem unabhängigen Think Tank in Washington.

Amerikaner sind kriegsmüde

Der wohl wichtigste Faktor für die Entfremdung von Zivilbevölkerung und Militär ist jedoch die neue Art der Konflikte, in welche die US-Streitkräfte verwickelt sind. Eine Ansicht, die auch Thompson in seinem Artikel teilt. Der Zweite Weltkrieg war eine Anstrengung, an welcher die ganze Nation leidenschaftlich Anteil nahm. Der Vietnamkrieg wurde in der Bevölkerung zumindest noch leidenschaftlich diskutiert. Der neue „endlose“ Krieg, als welcher die Konflikte in Afghanistan und im Irak empfunden werden, hat die meisten Amerikaner jedoch gleichgültig und benommen gemacht.

Einer, der über den Krieg schreibt ist der amerikanisch-iranische Schriftsteller Said Sayrafiezadeh. Im Gespräch sagt er: „Der Krieg ist zum Grundrauschen des amerikanischen Lebens geworden. Menschen gehen hin und kommen zurück und nichts ist passiert. Alles ist genauso wie vorher.“

Diese Gleichgültigkeit wird noch dadurch verstärkt, dass Sinn und Ziel der Einsätze für viele Bürger kaum mehr nachvollziehbar sind. 57 Prozent der Amerikaner fanden den Krieg im Irak unnötig, Etwa die Hälfte fand den Krieg in Afghanistan überflüssig, das geht aus der Pew-Studie von 2011 hervor. Ähnlich sieht es in der deutschen Bevölkerung aus. 57 Prozent der Befragten fanden laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2014, dass der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr den betriebenen Aufwand nicht wert war. Nur die Hälfte bewertet den Einsatz aus heutiger Sicht als sinnvoll. Allerdings sind 62 Prozent der Befragten der Ansicht, dass die Bundeswehr sich auch in Zukunft an Kampfeinsätzen im Ausland beteiligen sollte, wenn sie der Terrorismusbekämpfung dienen.

Kritik verstummt, echtes Interesse fehlt

Zurück zum Blick nach Amerika: eine Mehrheit der Amerikaner hat großes Vertrauen in das Militär als Institution, 74 Prozent sind es laut einer Gallup-Umfrage. Doch Analytiker sehen das eher als Symptom der allgemeinen Gleichgültigkeit, denn als echten Enthusiasmus. Für Journalist Mark Thompson ist dieses vermeintliche „Vertrauen“ nichts anderes, als die unkritische, extrem oberflächliche Verehrung des Militärs. Es ist ein Lippenbekenntnis, eine leere Geste, die Amerikaner davon entbindet, sich tatsächlich damit zu beschäftigen, was das Militär eigentlich macht.

Während des Zweiten Weltkriegs, so Thompson, war das ganz anders, da wurde zwar der Einsatz der Militärs im Allgemeinen geehrt und respektiert. Aber die Militärangehörigen waren weder über Kritik noch über Karikaturen und Satiren erhaben. Genau dieser Umgang sei jedoch ein Anzeichen einer echten Auseinandersetzung mit dem Militär gewesen. Uniformes, undifferenziertes „Vertrauen“, das reflexhafte Jubeln und Salutieren, sei hingegen eher Zeichen von einem Unwillen, genauer hinzuschauen.

Dieser Unwillen setzt sich auch in der Politik fort. So hat es bis heute auf politischer Ebene keine ernsthafte Debatte darüber gegeben, ob die menschlichen und monetären Kosten für die Konflikte im Irak und in Afghanistan gerechtfertigt waren. „Nach jeglichem vernünftigen strategischen Maßstab sind wir dort gescheitert“, schreibt der ehemalige Nachrichtendienst-Offizier Jim Gourney auf seinem Blog. „Die Billionen, die wir dort ausgegeben haben, hätten genauso gut verbrannt werden können.“ Und doch sei niemand zur Rechenschaft gezogen worden, es habe weder personelle Konsequenzen noch grundsätzliche Reformdiskussionen gegeben.

Gelder zu kürzen gilt als unpatriotisch

Für Politiker in Washington ist es ein enormes Risiko, die Höhe des Militärbudgets infrage zu stellen, zumal in den jeweiligen Wahlbezirken Arbeitsplätze an den Ausgaben hängen. Wer das Militär verkleinern möchte, wird als unpatriotisch gebrandmarkt. Sobald der Haushalt und damit der Militäretat verabschiedet sind, sieht die Politik ihre Arbeit als getan an. Allzu genaue Fragen, was mit dem Geld geschieht, werden nicht gestellt. Die Berufsarmee, angeführt von einem Kader von Karrieresoldaten, ist nahezu autark.

Laut Mark Thompson hat das katastrohpale Folgen: „Wir verstricken uns viel zu leichtfertig in Konflikte und sind viel zu gleichgültig gegenüber den Konsequenzen. Wir geben viel zu viel Geld aus und geben es viel zu unklug aus.“ So würden etwa Milliarden in ineffiziente, überflüssige Waffensysteme versenkt, ohne dass irgendjemand dafür Rechenschaft ablegen müsse. In der Kritik steht vor allem der sehr kostspielige neu eingeführte Kampflieger F35. Nach Ansicht vieler Kritiker war das vollkommen unnötig

Innerhalb des Militärs löst diese Mischung aus blinder, oft geheuchelter Bewunderung und einem völligen Mangel an echtem Interesse immer häufiger Ablehnung gegenüber der Zivilbevölkerung aus. „Ich frage mich immer öfter“, sagt ein anonymer Kadett der Elite-Akademie West Point, „ob meine Vorgänger sich mit dem gleichen Ausmaß an Zorn und Ekel gegenüber den Leuten auseinander setzen mussten, die sie eigentlich verteidigen sollen.“

Charles Dunlap, ein Air-Force-General in Ruhestand, ergänzt: „Es gibt im Militär ein immer stärkeres Gefühl, dass es eine bessere Gesellschaft mit stärkeren Werten ist, als die Gesellschaft, die es verteidigt.“

Gute Rezepte dafür, wie dieser Missstand zu beheben ist, gibt es derzeit nicht. Der ehemalige Senator Gary Hart, der als Sicherheitsberater für die Obama-Regierung arbeitet, hat empfohlen, dass der „Präsident als oberster Befehlshaber dem Bürger die Rolle des Soldaten erklären muss und dem Soldaten den Bürger.“ Das wäre sicherlich ein Anfang. Ob es angesichts der Tiefe des Grabens ausreicht, Militär und Bevölkerung wieder zusammenzuführen, muss man allerdings bezweifeln.

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