Von allen im Stich gelassen

Zeit Online 29.August, 2015

Ich hatte mich auf ein geruhsames Wochenende auf Long Island gefreut, das letzte Strandwochenende des heißen Sommers von 2005 vielleicht. Doch jetzt war es Donnerstag und ich stand am Flughafen mit einem Ticket nach Alabama in der Hand und einem mulmigen Gefühl im Magen.

Zwei Tage zuvor war der Jahrhundertsturm Katrina knapp an der Innenstadt von New Orleans vorbei geblasen. Der Hurricane der Stärke Fünf hatte das Paris des Südens, wie die Stadt sich seit dem 18. Jahrhundert gerne nennt, weitestgehend intakt hinterlassen, doch Stunden, nachdem die Sturmböen Dächer abgedeckt und Fenster eingedrückt hatten, brachen entlang des Kanals, der die Stadt durchzieht, die Dämme.

Mittlerweile zeichnete sich ab, dass die Flut eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA ist und ich hatte den Auftrag, mich nach New Orleans durchzuschlagen und davon zu berichten. Es war eine Reise ins Ungewisse, die Informationen darüber, wie die Zustände im Mississippi Delta sind, waren konfus und widersprüchlich.

Meinen ersten Eindruck davon, wie sehr die Dinge am Golf außer Kontrolle geraten waren, bekam ich noch, während ich an meinem Gate stand. Begierig nach zuverlässigen Informationen rief ich beim Foreign Press Center an, einer Dienstleistungseinrichtung des US State Department für Auslandskorrespondenten. Doch der freundliche Offizier dort konnte mir überhaupt nichts sagen. „Alle Information darüber, was da unten los ist, bekommen wir von Euch“ sagte er und schickte mich dann mit einem lapidaren „Good Luck“ auf den Weg.

Es war mein drittes Jahr als Korrespondent in den USA und ich machte mir keine Illusionen über das Land. Ich hatte miterlebt wie die Bush Regierung die sinnlose Invasion des Iraks durchgesetzt hatte, hatte den Abi Ghraib Skandal gesehen und fassungslos über die Wiederwahl dieser Regierung berichtet. Trotzdem hatte ich noch ein gewisses Grundvertrauen in die Institutionen des Landes.

Das würde sich in den kommenden Wochen ändern. Katrina änderte von Grund auf, wie ich Amerika sah aber auch wie Amerika sich selbst sieht. „Es war so, als seien wir dazu gezwungen worden, vor dem Spiegel stehen zu bleiben obwohl uns gar nicht gefiel, was es da zu sehen gibt“, sagte der berühmte New Orleaner Jazzmusiker Wynton Marsalis nach Katrina.

Katrina bedeutete für Amerika, hautnah das totale Versagen des Staates zu erleben. „Es war der komplette Systemzusammenbruch“, sagte mir 2013 in einem Interview David Simon, der Schöpfer der TV Serien „The Wire“ und „Treme“ und unermüdlicher Chronist der Fäulnis im Kern des amerikanischen Traums. Für Simon war Katrina das erste Mal, dass die Dysfunktionalität des neoliberalen Staates in ihrem ganzen Ausmaß erkennbar wurde.

Die erste Ahnung davon, was dieser Systemzusammenbruch konkret bedeutet, bekam ich am nächsten Morgen. Ich hatte mich mittlerweile bis nach Jackson im Bundestaat Mississippi, etwa 250 Kilometer nördlich von New Orleans durch geschlagen. Die bröckelige Sportarena der Hauptstadt des ärmsten US-Staates war in eine Notaufnahme für den steten Flüchtlingsstrom aus New Orleans umgewandelt worden. Die Szenen, die sich dort abspielten, waren unfassbar.

Die Menschen wurden in Fahrzeugen aller Art hierher gekarrt, Reisebusse, völlig überladene Privatwagen, Schulbusse sogar. Oft hatten sie nicht mehr bei sich, als das Hemd auf ihren Schultern, manchmal nicht einmal das. Kinder liefen nackt herum, Frauen in Unterwäsche.  

In Empfang genommen wurden die Menschen von einem zusammengewürfelten Haufen an Freiwilligen. Das Rote Kreuz war da und teilte Seife, Zahnpasta und Damenbinden aus, Veteranen der Nationalgarde von Mississippi, die ihre alte, von Motten angefressene Uniform hervor gekramt hatten, versuchten irgendwie zu helfen. Doch sie hatten keine Ahnung, wie sie die Situation bewältigen sollten. „Wir haben nicht genug Kleidung, nicht genug Decken, nicht genug Betten und nicht genug Essen", sagte mir ein Helfer.  „Ich kann nicht einfach in einen Laden gehen und Milch kaufen, weil kein Geld da ist."

In New Orleans, wo ich am selben Abend  ankam, wurde die Lage derweil immer verzweifelter. Fünf Tage nachdem die Deiche brachen waren die Zurückgebliebenen noch immer nicht evakuiert. Im Superdome und dem Convention Center, wo Zehntausende Schutz vor dem Sturm gesucht hatten, wurden die Zustände immer schlimmer. Es gab kein Wasser, keine Nahrung, keine medizinische Versorgung. Alte und kranke Menschen starben zu Hunderten und es war nicht einmal jemand da, der die Leichen abtransportierte.

Menschen die aus ihren gefluteten Häusern geflohen waren, versammelten sich auf Autobahnbrücken. Als sie versuchten,  über den Mississippi in die besseren Vororte zu gelangen, wo sie hätten versorgt werden können, wurden sie zum Teil mit Waffengewalt zurück gejagt. Niemand wollte den verlotterten,  vorwiegend schwarzen Mob aus der Innenstadt haben.  

An diesem Tag trat Rapper Kanye West im nationalen Fernsehen auf und sprach aus, was sich Viele im Land mittlerweile dachten. „George Bush mag keine Afroamerikaner“, platzte es aus ihm heraus.  

Natürlich konnte es niemand beweisen aber für das schwarze Amerika, das für diese Dinge ein feines Gespür hat, war klar, warum die Reaktion des Staates auf die Katastrophe derart himmelschreiend  inkompetent war. Die gefluteten Gebiete von New Orleans – rund 80 Prozent des Stadtgebiets - waren vorwiegend von der schwarzen Unterschicht bewohnt, die vor Katrina mit 69 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung stellte. Und die „Chocolate City“  war der Nation egal.

Es war, wie zum Jubiläum in dieser Woche das Magazin New Yorker schrieb, „das erste nationale Referendum um die vollen Bürgerrechte schwarzer Amerikaner“ und es ließ ahnen, was mit Ferguson und Charleston Jahre später folgen würde. Afroamerikaner, das wurde im Herbst 2005 klar, sind und bleiben im eigenen Land unerwünscht.

So hielt George Bush es zuerst nicht für nötig seinen Urlaub zu unterbrechen. Außenministerin Condoleeza Rice ging in New York in alle Ruhe zum Shopping . Der Chef der Heimatschutzbehörde, Dan Chertoff, der für die Katastrophenhilfe zuständig war, hielt auf einer Konferenz einen Vortrag über Terrorbekämpfung.

Am deutlichsten wurde die Einstellung gegenüber New Orleans jedoch durch die Äußerungen der Präsidentenmutter Barbara Bush beim Besuch des Astrodome in Houston, wo ebenfalls Zehntausende durch den Sturm obdachlos Gewordene untergebracht waren. Bush glaubte, dass es für diese Menschen wahrscheinlich das Beste gewesen sei, ihre schäbige Heimat zu verlieren. Für sie könne es anderswo nur besser werden.

Die Indifferenz und Arroganz, die aus dem Bush-Zitat sprach, trat auch in der Katastrophenhilfe nach dem Sturm zutage. Die Obdachlosen wurden wahllos über das Land verteilt, ein Vorgang, der den Historiker Michael Eric Dyson bitter an die Sklaverei erinnerte. „Es wurden Familien zerrissen, Kinder ihren Müttern weg genommen.“ Und wer sich wieder in New Orleans ansiedeln wollte, musste gegen eine unüberwindliche, unmenschliche Bürokratie ankämpfen.

Dabei wollten die Menschen zurück nach New Orleans, auch wenn die Stadt arm war und immense soziale Probleme hatte. „Nur wer in New Orleans geboren wurde, weiß, was es heißt,  New Orleans zu vermissen“, sagte der Schauspieler Wendell Pierce, dessen Familie das Haus verlor, das sein Vater mit seinem Entlassungsgeld als Soldat im Zweiten Weltkrieg gebaut hatte.

Pierce spielte auf jenen speziellen kulturellen Nährboden der Stadt an, der über Jahrhunderte gewachsen war und der die unverkennbare Identität von New Orleans bildet. Der New Orleaner Schriftsteller Tom Piazza beschrieb diese Einzigartigkeit von New Orleans in seinem zornigen Pamphlet „Why New Orleans Matters“ unmittelbar nach Katrina so: „Das, was New Orleans ausmacht und was vieles von dem geformt hat, was gemeinhin als amerikanische Kultur gilt, besitzt hier eine unbändige Vitalität: Der Jazz, der Rhythm and Blues, die kreolische Küche, der Mardi Gras, die Architektur des French Quarter, die literarische Tradition von Tennessee Williams und William Faulkner. All das sind in New Orleans nicht nur Einträge in einem Reiseführer sondern Realitäten, die Tag für Tag gelebt werden.“

Dieser Geist von New Orleans, das gelebte kulturelle Erbe aus einem Jahrhunderte alten, reichhaltigen Mix europäischer, karibischer, afrikanischer und indianischer Einflüsse, war noch Tage nach dem Sturm lebendig wie eh und je. Während die Stadt noch evakuiert war, das Wasser noch in den Straßen stand und niemand wusste, wie es weiter geht, gab die Dirty Dozen Brass Band im 100 Kilometer entfernten Baton Rouge vor einem Publikum von Entwurzelten ein Konzert.

Es war eine magische Stimmung an jenem Abend, gefüllt von jener bittersüßen Mischung aus Schwere und Lebensfreude, aus welcher der Blues gemacht wird. Die Dirty Dozen, die alle ihr Handwerk als Straßenmusiker am Jackson Square gelernt hatten, spielten auf ihren Blasinstrumenten ein beseeltes Repertoire quer durch die Jazzgeschichte, von traditionellem Dixie bis zu heißem New Orleans Funk und der ganze Saal hatte das Gefühl, das New Orleans unsterblich ist.

Doch zehn Jahre später kämpft New Orleans mehr denn je um seine Seele. In offiziellen Verlautbarungen und Artikeln wird zwar viel von einem Comeback gesprochen. Der unversehrte Streifen entlang des Mississippi, der „silver sliver“, in dem Katrina keinen Schaden angerichtet hat und wo die malerischen kolonialen Viertel sowie der Geschäftsdistrikt liegen, siedeln sich junge High-Tech und Medienfirmen an. Der Tourismus und der Kongressbetrieb blühen, die  Restaurants sind voll und die endlich angekommenen Reparationsmittel aus Washington kurbeln den Konsum an.  

Doch die Hälfte der Stadt liegt noch immer in Trümmern. Die niedrig liegenden Wohngebiete wie das Lower Ninth Ward sind noch immer weitgehend unbewohnbar. Die Stadt streitet noch immer mit der nationalen Katastrophenbehörde FEMA um die Kostenübernahme für den Abriss. Die Bevölkerung der Stadt liegt zwar wieder bei 79 Prozent des Niveaus von vor Katrina. Doch der Bevölkerungsmix ist ein anderer. Der schwarze Anteil ist deutlich gesunken, viele derer, die ihr Heim verloren haben, sind nicht zurück gekehrt oder haben den Wiederaufbau nicht geschafft.

Diejenigen die wieder da sind, haben, wie jüngst die Washington Post bemerkte, keinen Anteil an dem vermeintlichen Boom. Der Anteil schwarzer Familien unterhalb der Armutsgrenze ist von 44 auf 51 Prozent gestiegen.

Im Bezirk Bywater hat sich schon das vollzogen, was die Zukunft von New Orleans sein dürfte. Eine junge, wohlhabende weiße Schicht hat die angestammte schwarze Bevölkerung, die über Jahrzehnte des Viertel prägte, verdrängt. „Es ist jetzt alles voller Hipster“, sagt der alteingesessene Stadtteilhistoriker Keith Weldon Medley.

So droht New Orleans zu einem Museum seiner selbst zu werden, wo die reiche kulturelle Tradition nicht mehr gelebt sondern, konsumentenfreundlich verpackt, einer Bevölkerung als Erlebnis präsentiert wird, die hier nicht her gehört.  Die arme schwarze Bevölkerung, Träger und Erzeuger des New Orleaner Lebensgefühls, wird derweil wie überall in Amerika mehr oder weniger sanft an den Rand gedrängt.

Über kurz oder lang, wäre das in New Orleans vielleicht ohnehin passiert. Aber Katrina hat den Prozess dramatisch beschleunigt.   Und der Staat hat so tatenlos dabei zugesehen, wie die Kräfte des Marktes ihr Werk verrichten, wie er untätig am Rand stand, als in New Orleans das Wasser über die Deiche spülte.

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