Interview: Jeremy Rifkin

  • RIFKIN018
(Frankfurter Rundschau, 6. September 2014; Foto: Astrid Riecken)

Herr Rifkin, Sie proklamieren in Ihrem neuen Buch das Ende des Kapitalismus .....

So würde ich das nicht formulieren. Ich spreche davon, dass der Kapitalismus einen neuen Partner hat, der eine neue Ära einleiten wird.

Also Sie glauben nicht, dass der Kapitalismus ausgedient hat?

Ich glaube, dass wir derzeit den Anbruch eines neuen Wirtschaftssystems erleben, das ich das „kollaborative Gemeingut“ nenne. Das kollaborative Gemeingut floriert Seite an Seite mit dem kapitalistischen Markt. Es ist das erste neue Wirtschaftssystem seit dem Auftauchen sowohl des Kapitalismus, als auch des Sozialismus im 19. Jahrhundert. Noch befinden wir uns im Anfangsstadium, aber ich bin davon überzeugt, dass wir auf einem unumkehrbaren Weg zu einer neuen ökonomischen Ära sind.

Wodurch unterscheidet sich das neue System von den alten?

 

Die feudale Wirtschaft war eine Nutzwirtschaft, die kapitalistische Wirtschaft war eine Tauschwirtschaft. Das „kollaborative Gemeingut“ ist eine Wirtschaft des Teilens. Das Spannende daran ist der Auslöser: Dass wir nämlich an einen Punkt gelangt sind, an dem wir Dinge zu praktisch Null Grenzkosten produzieren können. Was wir erleben, ist die Folge eines Paradoxons, das in das kapitalistische System quasi eingebaut ist. Auf der Suche nach immer neuen Technologien, welche die Produktion effizienter gestalten und die Grenzkosten jeder Produkteinheit senken, haben die kapitalistischen Unternehmen eine neue Wirtschaftsform geschaffen. Wir haben jetzt Technologien, die es ermöglichen, viele Produkte praktisch kostenlos zur Verfügung zu stellen. Darin liegt eine gigantische Ironie. Der Kapitalismus hat triumphiert, in dem er sich selbst verzichtbar macht.

Wird damit auch die extreme soziale Ungerechtigkeit abgeschafft, die der Kapitalismus erzeugt hat und die uns heute weltweit plagt?

Ja, vorausgesetzt wir können Netzneutralität im „Internet der Dinge“ bewahren, das gerade entsteht. Dazu müssen sich jedoch die Hunderte von Millionen von Nutzern dieses Internets irgendwie organisieren.

Was ist das „Internet der Dinge“

Wie Sie als Journalist am Besten wissen, ist in der Informationsbranche der Übergang zu Null Grenzkosten praktisch vollzogen. Hunderte von Millionen Menschen sind zu „Prosumenten“ geworden, die ihre eigenen Nachrichten produzieren, ob als Blogs oder in anderer Form. Das gleiche gilt für die Musikbranche und die Film- und Fernsehbranche. Neuerdings erleben wir diese Revolution auch im Bildungsbereich, wo man praktisch kostenlos Onlinekurse nehmen kann und dabei von einigen der besten Wissenschaftlern ihres Feldes unterrichtet wird. Insgesamt hat die Null-Grenzkosten Gesellschaft die komplette Informationsindustrie aufgerüttelt und zur Innovation gezwungen. 

Informationen können leicht digitalisiert werden aber wie  können echte physische Dinge zu Null Grenzkosten hergestellt werden?

Es ist schwieriger, aber die Grenze ist längst überschritten worden. Heute kann man mit 3-D Druckern bereits eine enorme Menge an Nutzgegenständen zu Null Grenzkosten selbst produzieren.

Aber der Kapitalismus wird sich doch sicher nicht kampflos zur Ruhe setzen.

Vermutlich nicht.  Larry Summers, der Finanzminister unter Clinton und einer der engsten Obama-Berater in dessen erster Amtszeit, hat schon im Jahr 2000, nach dem Platzen der ersten Dotcom Blase, einen Aufsatz geschrieben, in dem stand, dass der Kapitalismus neue Modelle braucht, weil er bei einem dramatischen Absinken der Grenzkosten nicht mehr funktioniert.

Und was war seine Antwort?

Seine Antwort war, dass man Monopole fördern muss.

Also mehr Kapitalismus und nicht weniger, so wie Sie das vorhersehen.

Ja, aber auch Summers wusste, dass die Monopolisierung nur kurzfristig funktioniert. Er konnte damals nur noch nicht formulieren, welches ökonomisches Paradigma auf den Kapitalismus folgt.

Und das haben Sie jetzt erkannt.

Sehen Sie, die meisten Ökonomen haben keine Ahnung von Kulturanthropologie. Sie verstehen nicht wie sich ökonomische Paradigmenwechsel vollziehen. Wenn wir vergangene Paradigmenwechsel anschauen – von Sammlern und Jägern zur Agrarwirtschaft, zur Feudalwirtschaft und dann zur Marktwirtschaft – dann sieht man, dass sie immer auf einer dreigeteilten Technologie-Revolution beruhen: Neue Kommunikationsformen, um wirtschaftliche Aktivität zu steuern, neue Energieformen um wirtschaftliche Aktivität anzutreiben und neue Transportformen. Wenn diese drei Dinge zusammen kommen, erleben wir einen Paradigmenwechsel. In der ersten industriellen Revolution sind wir vom manuellen Drucken zum Dampf getriebenen Drucken übergegangen; wir haben den Telegrafen und kohlegetriebene Motoren erfunden, konnten Güter billig über weite Strecken transportieren, haben vertikal integrierte kapitalistische Großunternehmen geschaffen. In der zweiten industriellen Revolution hatten wir auf der Kommunikationsseite Telefon, Radio und Fernsehen, auf der Transportseite Öl und das Automobil zusammen mit nationalen Straßennetzen.

Und jetzt haben wir das Internet der Dinge.

Ja, das Informationsinternet fügt sich mit einem Logistik- und Transportinternet sowie mit einem Energieinternet zu einem Superinternet der Dinge zusammen. Firmen wie Cisco und IBM platzieren Milliarden Sensoren quer über die Wertschöpfungskette. Wir haben Sensoren im Mutterboden, die uns anzeigen, wie schnell die Saat aufgeht, Sensoren auf den Straßen, die uns den Verkehrsfluss in Echtzeit mitteilen, Sensoren in Lagerhallen und Vetriebszentren, die uns sagen, wo unsere Fracht ist, Sensoren in den Fabrikhallen, die uns helfen, die Produktion zu optimieren. Wir haben sogar in unseren Wohnungen Sensoren, die uns dabei helfen, unseren Energieverbrauch zu messen und zu optimieren. Bis zum Jahr 2030 wird es 100 Billionen Sensoren geben.

Das klingt nach einem Alptraum für den Datenschutz .

Der Schlüssel hierzu ist, wie oben angesprochen, die Frage der Netzneutralität. Es wird unsere kritischste Aufgabe in den nächsten Jahren, die Netzneutralität zu wahren, weil natürlich die großen Telekommunikations- und Energiefirmen das Internet der Dinge und diesen immensen Datenfluss kontrollieren wollen.

Aber wenn es gelingt, die Netzneutralität zu wahren, wird das Internet der Dinge ein Paradies der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit.

Es hat dieses Potenzial. Die Hälfte der Menschheit hat heute Smartphones, die andere Hälfte wird sie innerhalb der nächsten zehn Jahre bekommen. In China gibt es heute schon ein Smartphone für 25 Dollar. Damit kann jeder Mensch ein „Prosument“ werden, ein Produzent und Konsument zugleich. Jeder Mensch hat Zugang zum Datenstrom des Internets der Dinge. Jeder kann die Daten mittels individueller Apps für sich nutzen um die eigene Effizienz zu steigern und die eigenen Kosten zu senken.  Man kann seine eigene erneuerbare Energie produzieren und mit anderen teilen und seine eigenen Produkte auf 3D Druckern herstellen und sie als  kollaboratives Gemeingut anbieten.

Und Sie glauben, auf diese Art und Weise könne tatsächlich das immense Wohlstandsgefälle der Welt ausgeglichen werden?

Wenn ich Ihnen 1989, als Tim Berners-Lee das Internet erfunden hat, erzählt hätte, dass innerhalb einer Generation die Information weltweit demokratisiert wird, dass wir Information unter Umgehung der vertikal organisierten traditionellen Medienkonzerne im kollaborativen Gemeingut frei austauschen, hätten Sie mich ausgelacht. Aber es ist passiert, wir haben Kommunikation längst demokratisiert. Deshalb sage ich jetzt mit einiger Zuversicht, dass das Internet der Dinge, der Logistik und der Energie auch den Rest der Wirtschaft demokratisieren wird. Innerhalb einer Generation werden Hunderte von Millionen Menschen Güter und Dienstleistungen frei als kollaboratives Gemeingut miteinander teilen.

Aber bislang ist doch trotz aller neuer Technologie von einer Demokratisierung der Wirtschaft keine Spur. Eher im Gegenteil, die wirtschaftliche Ungleichheit innerhalb der Industrienationen sowie zwischen den Industrienationen und der Dritten Welt ist so groß wie noch nie.

Das ist nicht ganz richtig. Schauen Sie sich Deutschland an. Deutschland deckt 27 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen, bis 2020 werden es 35 Prozent.  Es gab im Mai einen Sonntag, an dem 75 Prozent der verbrauchten Energie aus Solar- und Windenergie kam und somit zu Null Grenzkosten produziert wurde. Es gab den ganzen Tag über Negativ-Preise. 1970 kostete es 66 Dollar ein Solarwatt zu produzieren. Heute kostet es 66 Cents. Das nenne ich einen Fortschritt in sozialer Gerechtigkeit. 

Die Kosten für den Verbraucher sinken, aber dadurch ist ja noch nicht die Einkommenslücke geschlossen.

Es geht zunächst einmal um die Ermächtigung des Konsumenten. Es gibt vier große Energieanbieter in Deutschland EnBW, RBW, Vattenfall und EOn. Sie sind heute in einer ähnlichen Lage, wie vor zehn Jahren die behäbigen, vertikal organisierten Musikkonzerne. Damals haben ein paar Kids mit ihrer Sharing-Software die Musikriesen ins Wanken gebracht. Nur noch sieben Prozent der erneuerbaren Energien werden heute von diesen vier Großkonzernen zur Verfügung gestellt. Der Rest wird durch Kooperativen verwaltet. Die alten Riesen können mit den neuen Energien gar nicht umgehen, die können nur von Millionen kleiner Teilnehmer gemanagt werden, die im Energieinternet zusammen kommen, um die Energie, die sie selbst produzieren, miteinander  zu teilen. Die einzige Chance der Konzerne, zu überleben, wird es sein, das Energie-Internet zu betrieben, anstatt das Geld mit der Energieerzeugung zu verdienen.

Wie soll das funktionieren?

Wir werden zunehmend unsere eigene grüne Energie produzieren, mit Wind und Solar und werden durch schlaue Technologien den Überschuss mit anderen teilen. Die Energieunternehmen werden den Energiefluss steuern, so wie IBM oder Cisco den Informationsfluss managen. Es wird keine CIOs – Chief Information Officers - mehr geben, nur noch CPOs – Chief Productivity Officers. Die großen Firmen helfen dem Prosumenten seine Effizienz zu steigern, der dann wiederrum seinen Produktivitätsgewinn mit der Energiefirma teilt. Die Energiefirmen werden je mehr Geld verdienen, je weniger Energie sie verkaufen. Das alles steckt noch in den Kinderschuhen, aber es passiert überall.

Das alles beantwortet aber nicht die Frage, wovon denn die Prosumenten eigentlich leben sollen. Wir sehen es ja im Informationsnetz – der Musiker oder der Journalist kann kaum mehr überleben.

Ich denke, wir werden das Ende der traditionellen Beschäftigungsmodelle erleben. Wir werden zunehmend unsere eigenen Güter und Dienstleistungen produzieren, nicht nur was Information und Energie sondern auch, was physische Dinge angeht.  

Aber ich kann doch nicht davon leben, dass ich die Energie, die ich in meiner Autobatterie gespeichert habe, an meinen Nachbarn weiter gebe? Genauso wenig, wie ich heute vom Bloggen oder Musizieren leben kann.

Die Ära der Massen-Arbeitnehmerschaft geht zu Ende, so wie in der ersten industriellen Revolution die Sklavenarbeit verschwand und in der zweiten industriellen Revolution Landwirtschaft und Handwerk.  Fabrikarbeit ist praktisch schon verschwunden, in 20 Jahren wird es sie nicht mehr geben. Es gibt schon längst vollautomatisierte Fabriken, die billiger produzieren, als man das in China je tun könnte. Aber es sind nicht nur die Arbeiterjobs die heute verschwinden es sind auch die Büro- und Dienstleistungsjobs. Sogar Ärzte und Rechtsanwälte werden durch Analytik und Algorithmen ersetzt.

Zum dritten Mal die Frage – was machen die Menschen dann, wovon sollen sie leben?

Ich denke, wir werden in ein Zeitalter der Menschheit eintreten, in dem wir uns höheren Dingen zuwenden. Ich sehe ein enormes Wachstum dessen, was ich die „soziale Ökonomie“ nenne. Der gemeinnützige Sektor ist jetzt schon eine enorme Wachstumsbranche. Wir erzeugen dort soziales Kapital statt Markt-Kapital. Menschen erzeugen dort allerlei Güter und Dienstleistungen, die weder der Markt noch die Regierungen in hinreichender Qualität und Quantität bereitstellen. Ich denke an das Gesundheitswesen, an Schulen, Umweltgruppen, Kultur, Sport.  Es gibt Millionen von Organisationen und Kooperativen, die Millionen von Menschen beschäftigen.  

Der gemeinnützige Sektor wird aber doch wohl kaum Vollbeschäftigung erzeugen können?

Das, was ich die „soziale Ökonomie“ nenne, wächst derzeit zu 42 Prozent pro Jahr in den USA, das Volkseinkommen wächst zu 16 Prozent. In einigen europäischen Ländern beschäftigt der gemeinnützige Sektor 15 Prozent aller Arbeitnehmer, in den USA und in Großbritannien sind es 10 Prozent. Ein Großteil des kollaborativen Gemeinguts ist gemeinnützig, da geht es nicht nur darum, Profite zu machen. Es gibt jetzt eine Generation, die aus den Business-Schools kommt, die sich „soziale Unternehmer“ nennt. Sie verstehen, dass ihre Fähigkeit, als Unternehmer zu funktionieren, davon abhängt,  Netzwerke bereit zu stellen, innerhalb derer Güter und Dienstleistungen geteilt werden können, die einst von vertikal integrierten kapitalistischen Unternehmen bereit gestellt wurden. Die Grenze zwischen kapitalistischen Unternehmen und gemeinnützigen Unternehmen wird immer mehr verwischt.

Zum Beispiel?

Nehmen wir eine Firma wie Patagonia, die wegen ihres Umweltauftrages nicht dazu gezwungen ist, Profite abzuwerfen. Auf der anderen Seite gibt es gemeinnützige Unternehmen,  die Profite erzielen dürfen, solange ihr Hauptauftrag ein sozialer ist. Wir sehen also soziale Unternehmen, die Adam Smith Lügen strafen.

Der sagte, nur wer seinem Eigeninteresse dient, dient auch dem Gemeinwohl.

In der Tat und das war hoch dubios. Für die Sozialunternehmer ist soziales Kapital wichtiger als Profit.

Und wie finanzieren sie das?

Der Economist hat geschrieben, der soziale Markt sei eine parasitäre Wirtschaft, die alleine von Regierungszuwendungen und Spenden lebt. Aber das stimmt nicht. Laut einer Untersuchung der Johns Hopkins Universität beziehen „Non-Profits“ die Hälfte ihrer Einkommen aus Gebühren und Honoraren. Nur 15 Prozent stammt aus Spenden und nur 34 Prozent kommt von der Regierung  – weniger als das Einkommen der Industrie aus Regierungsaufträgen. Wer ist also hier parasitär? Wir müssen im Grunde Reagan und Thatcher dafür dankbar sein, dass sie aufgehört haben, den gemeinnützigen Sektor zu subventionieren.

Wieso?

Sie haben uns dazu gezwungen, Geschäftsmodelle zu entwickeln, um unsere soziale Agenda voran zu treiben.  Wir haben heute eine echte Wirtschaft des Teilens, die parallel zur kapitalistischen Wirtschaft existiert. Sie kann den Klimawandel aufhalten und das Wirtschaftsleben demokratisieren. Wenn wir Güter und Dienstleistungen zu beinahe Null Grenzkosten produzieren und das, was wir produzieren, teilen, dann schonen wir die Ressourcen der Erde.

Was macht sie so sicher, dass das kollaborative Gemeingut sich gegenüber dem Kapitalismus durchsetzt? Der Kapitalismus ist doch immerhin seit gut 200 Jahren sehr stabil.

Natürlich kann sich an den derzeitigen Entwicklungen jederzeit etwas ändern, durch katastrophale Ereignisse, durch schlechte Führung. Aber ich bin sehr hoffnungsvoll, dass wir das erleben werden und zwar aus folgendem Grund: Ich habe gesehen, wie sich Null Grenzkosten auf große Industriezweige ausgewirkt hat, die einst unverwundbar erschienen. Egal, ob das nun die Zeitungsverlage waren oder die Musikindustrie oder die Fernsehsender. Sie haben Schläge eingesteckt, von denen sie sich nicht mehr erholen werden. Es gibt etwa 500 Unternehmen heute, die für einen großen Teil unseres Wirtschaftslebens verantwortlich sind und viele von ihnen operieren mit ganz engen Profitmargen. Wenn nur zehn Prozent ihrer Kunden weglaufen und zu Prosumenten werden, dann können sie das nicht auffangen.  

Aber die großen Firmen im Internet, Facebook, Google, Amazon, sind doch auch traditionelle kapitalistische Unternehmen, mit Neigung zum Monopol.

Wie schon gesagt, es wird die große Frage der Zukunft werden, ob sich die Prosumenten gegen das Monopol der Aggregatoren organisieren können um Netzneutralität zu garantieren.  Google hat im vergangenen Jahr 50 Milliarden Umsatz gemacht,  ein Großteil der Menschheit verlässt sich auf Google, um ihr Wissen über die Welt zu beziehen. Ein Drittel der Menschheit ist auf Facebook. Wir brauchen eine Debatte über diese neuen kapitalistischen Unternehmen, deren Erfolg darauf beruht, dass sie das kollaborative Gemeingut geschaffen haben.

Was kann man gegen ihre Monopolstellung tun?

Das wissen wir noch nicht, weil wir keine globalen institutionellen Strukturen haben, die sie regulieren können. Aber es gibt ein Widerstand dagegen, dass die frei für das kollaborative Gemingut erzeugten Inhalte nicht von einer Handvoll von Firmen zu ihrem Eigennutz ausgebeutet werden. Der Widerstand ist nur noch nicht sehr gut organisiert. Es wird aber im kollaborativen Gemeingut etwas Vergleichbares zur Gewerkschaftsbewegung geben, daran führt kein Weg vorbei.

Um zum Thema der sozialen Gerechtigkeit zurück zu kommen. Sie haben große Hoffnungen für das Internet der Dinge. Aber ein großer Teil der Welt ist überhaupt nicht an das Internet angeschlossen. Werden diese Länder und diese Bevölkerungen nicht auch von der dritten industriellen Revolution wieder ausgeschlossen?

Ich denke, die sogenannte Dritte Welt wird rasch aufholen. Die UN hat offiziell die dritte industrielle Revolution anerkannt. Der neue Premier von China hat sie anerkannt, mein Buch war in China ein Bestseller. Die chinesische Regierung gibt 80 Milliarden Dollar für ein Energie-Internet aus und verzahnt es mit dem Informationsinternet, das bereits existiert. Die Chinesen wollen die dritte industrielle Revolution anführen, so wie England die erste und die USA die zweite angeführt haben. Deutschland und China treiben die Entwicklung voran, nur die USA hinken hinterher.

Was ist in den USA passiert? Es schien dich so, als ob Obama in die neue Infrastruktur investieren wollte? Er hat doch die Zeichen der Zeit erkannt?

Er hat nicht verstanden, wie neue ökonomische Paradigmen entstehen. Es geht nicht darum einfach in ein paar Firmen zu investieren. Die US-Regierung hat Milliarden in vollkommen isolierte Projekte gesteckt, eine Solarfabrik hier, eine Elektroauto-Fabrik dort, ein Smart Grid-Experiment anderswo. Das reicht aber nicht, man braucht eine komplette Infrastruktur. Man braucht die Möglichkeit, Energie zu speichern, man braucht ein Energie-Internet, usw. Obamas Herz war am rechten Fleck aber er hat Milliarden verschleudert und jetzt ist die amerikanische Öffentlichkeit zynisch.

Aber Obama ist auch an den politischen Strukturen gescheitert.

Sicher, die Politik in den USA wird durch Wirtschaftsinteressen gesteuert. Es ist beinahe unmöglich, etwas gegen das Interesse der Energiekonzerne durchzusetzen.

Also wird die Demokratisierung der Wirtschaft, wie Sie sie ausmalen, in den USA nicht stattfinden?

Es gibt Regionen, wo wir großen Fortschritt sehen – der Nordwesten, Kalifornien, Zentraltexas rund um Austin und San Antonio. Der Rest des Landes lebt hinter dem Mond. Ich sehe ehrlich gesagt in den USA ein Land, das müde ist und das beginnt zu verstehen, dass seine großen Zeiten vorbei sind. Man kann es riechen, wenn man hier durch die Straßen geht. Es stinkt nach Verfall. Unser Schulsystem bricht zusammen, unsere Infrastruktur bröckelt, die Mitte des Landes und große Teile des Westens sind Trümmerhaufen. Ich weiß nicht, ob dieses Land sich erholen kann. Unsere große Stärke war einst, dass wir das Risiko nicht gescheut haben, daraus haben wir unsere Erneuerungskraft gezogen. Außer im Silicon Valley sehe ich das jedoch nicht mehr.

Um auf die Dritte Welt zurück zu kommen, wie kann sie von der dritten industriellen Revolution profitieren, wenn die erste und zweite dort zum Teil noch nicht einmal abgeschlossen ist?

Die Tatsache, dass sie dort keine Infrastruktur haben, ist ein Vorteil und kein Nachteil. Es ist immer einfacher ein neues Haus zu bauen, als ein altes zu renovieren. Sie müssen nicht erst alte Strukturen loswerden, bevor sie neue implementieren. Wir sehen in Afrika und Indien junge Unternehmer, die Dorf für Dorf Mikro-Grids aufbauen. Es kostet gerade einmal 2000 Dollar um ein Energienetz mit Sonnenkollektoren für ein Dorf aufzubauen und dauert höchstens ein paar Tage. Dann hat dieses Dorf ein Energieinternet. Informations-Internets haben sie ohnehin schon, die haben doch alle Mobiltelefone. Die Hälfte der Menschheit  hat Mobiltelefone und die andere Hälfte wird in den nächsten paar Jahren chinesische Smartphones bekommen. Um es kurz zu machen, ich glaube man wird in der dritten Welt den Übergang schneller schaffen, als bei uns. Sie müssen sich beispielsweise nicht mit Energiekonzernen herum schlagen, die versuchen den Prozess aufzuhalten und zu sabotieren.

Internetzugang und Solarenergie sind ja gut und schön, aber fehlt es vielen Menschen dort nicht an viel elementareren Dingen?

Elektrizität ist das Wichtigste. Deshalb hat ja auch die UN universellen Zugang zu Elektrizität zur globalen Priorität gemacht. Mangel an Elektrizität ist die Hauptursache für Armut. Ohne Elektrizität gibt es keine Bewässerung, keinen Transport. Man kann keinen 3D Drucker anschließen um nützliche Dinge zu geringen Kosten zu produzieren. Meistens sind in diesen Regionen die Frauen dafür zuständig, Wasser und Brennholz zu beschaffen. Die Frauen leben deshalb in Unterdrückung, die Kindersterblichkeit ist hoch. Elektrizität befreit diese Frauen, ermöglicht ihnen, eine Ausbildung zu bekommen, verlangsamt das Bevölkerungswachstum und befähigt sie, ihre Gemeinschaft voran zu bringen.

Das dürfte aber den großen Energiekonzernen nicht gefallen, dass sich diese Gesellschaften völlig ihrem Einfluss entziehen und eine Wirtschaft des Teilens einrichten, an denen sie keinen Cent verdienen.

Nein, das gefällt ihnen ganz und gar nicht. Manche von ihnen begreifen, dass sie nur überleben können, wenn sie mithelfen, diese Infrastrukturen aufzubauen. Andere wie Exxon, interessiert es einen feuchten Kehricht. Ich denke, die traditionellen kapitalistischen Unternehmen müssen sich entscheiden, ob sie Partner des kollaborativen Gemeinguts sein wollen oder nicht.

Aber der Kampf zwischen einer Wirtschaft des Teilens und der traditionellen Marktwirtschaft ist noch lange nicht entschieden, die alten Kräfte haben noch einiges aufzubieten.

Das Internet der Dinge kann entweder zu Monopolisierung oder zu Demokratisierung führen. Ich würde langfristig auf Demokratisierung tippen und zwar weil das Internet demokratisch angelegt ist. Es funktioniert nur, wenn ein Maximum an Teilnehmern Zugang hat. Wenn nicht Millionen von Teilnehmern Inhalte produzieren und teilen, dann funktioniert es nicht und niemand hat etwas davon, auch nicht die Konzerne. Letztlich haben die Teilnehmer die Macht. Das Internet braucht Google nicht, auch wenn Google dabei geholfen hat, das kollaborative Gemeingut zu schaffen. Das ideale Wirtschaftsmodell der dritten industriellen Revolution ist die Kooperative. Es gibt keinen Grund, warum nicht Millionen von Nutzern im Energieinternet oder im Informationsinternet die Umsätze teilen sollten. Es gibt keinen Profit, keine dritte Partei verdient etwas. Es wäre perfekt.

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