Fake you

Das Trump Regime und die Politik der Verunsicherung

 

Frankfurter Rundschau Magazin FR7, 4.2.2017

 

Wenn man die noch junge Präsidentschaft von Donald Trump mit amerikanischem Optimismus betrachtet, dann hat sie schon jetzt viel Gutes gebracht. Dazu gehört das Erwachen einer überaus gesunden Protestkultur in den USA und die Politisierung einer neuen Generation von Amerikanern, die man bislang gerne als materialistisch und egozentrisch charakterisiert hatte.

Zum Positiven aus diesen zwei Wochen gehört auch ein wiedergefundenes Interesse an Klassikern der politischen Literatur. So schoss nur Tage nach der Amtseinführung von Trump George Orwells 1984 an die Spitze der New York Times Bestseller-Liste. Und auch Hannah Arendts eher sperriger Text zu den „Ursprüngen und Elementen totaler Herrschaft“ wurde so häufig gekauft, wie seit den 60er Jahren nicht mehr.

Den unverhofften Erfolg haben Orwell und Arendt einem Moment unmittelbar nach der Trump-Siegesparty in Washington zu verdanken. Es war der Moment, der dem linksliberalen Amerika zu bestätigen schien, was es schon lange geahnt hatte – dass Trump nämlich vor hat, die USA in ein faschistisches Regime zu verwandeln.

Der Moment von dem die Rede ist, ist die vermeintlich enthüllende freudsche Fehlleistung der Trump – Beraterin Kellyanne Conway, die einem Fernsehmoderator gegenüber behauptete, die Trump-Regierung verfüge über „alternative Fakten“ was die Menge der Jubler bei Trumps Einführungszeremonie angehe. Der verdutzte TV-Journalist, vor dem Hintergrund eindeutigen Fotomaterials sitzend, konnte nur entgegnen, dass alternative Fakten keine Fakten sondern Unwahrheiten seien.

Die Strategie der neuen Regierung, überprüfbar unwahre Behauptungen aufzustellen und für sie ohne auch nur den Versuch eines Beleges Geltung zu beanspruchen, schien direkt den Beschreibungen totalitärer Regime Arendts und Orwells zu entspringen. So beschrieb Hannah Arendt schon 1951 mit aus heutiger Sicht unheimlicher Klarheit die Strategie der epistemologischen Verunsicherung, die totalitäre Regime anzuwenden pflegen. Laut Arendt behaupten autoritäre Herrscher heute dies und morgen das Gegenteil und erreichen damit die Zerstörung unserer Fähigkeit, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Als einzige Orientierung in der Welt bleibt das Wort des Anführers.

Eben dieser Prozess ist Gegenstand von Orwells Klassiker, der in Amerika dieser Tage wieder so eifrig gelesen wird. Der Held Winston Smith wird dem Big Brother gefügig gemacht, in dem er lernt, seiner eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Er wird so lange gefoltert, bis er weder behauptet, dass Zwei plus Zwei Vier ergibt, noch, dass es, wie ihm vorher gesagt wurde, Fünf ergibt. Erst als er versteht, dass Zwei plus Zwei nur das ergibt, was Big Brother jeweils sagt, hört die Peinigung auf. „Freiheit“, hatte  Winston vorher in sein Tagebuch geschrieben, „ist die Freiheit zu sagen, das Zwei Plus Zwei Vier ist.“

Donald Trump verfährt allerdings nicht erst seit seiner Amtsübernahme mit der Welt der überprüfbaren Tatsachen so, wie es ihm gerade ins Zeug passt. Das stete Lügen war das einzige Konstante an seinem Wahlkampf.

So veröffentlichte der Toronto Star drei Tage vor der Wahl im November eine Liste von 500 nachweislichen Falschaussagen Trumps. Dazu gehörten Behauptungen wie die, dass die Wirtschaft kein Wachstum aufweise oder dass 70 Prozent der Amerikaner glaubten, das Land sei auf einem falschen Kurs. Dazu gehörte die Behauptung, die Mordrate im Land sei um 45 Prozent angestiegen und dass 60 Prozent der Amerikaner wegen Obamas Gesundheitsreform ihre Versicherung verlören. Und dazu gehörte die Behauptung, Hillary Clinton wolle „so viele Syrer ins Land lassen, wie möglich.“

Überhaupt war es eine Lüge gewesen, mit der sich Donald Trump in die politische Arena gedrängelt hatte. Trump war der lauteste und eifrigste Verfechter der These, dass Barack Obama nicht in den USA geboren worden sei und sich deshalb das Präsidentenamt illegal erschlichen habe. Die sogenannte „Birther Lie“ veranlasste während des Wahlkampfes sogar die ansonsten übervorsichtige New York Times dazu, im Zusammenhang mit Donald Trump den kräftigen Begriff „Lüge“ zu verwenden.

Dass Donald Trump trotz alledem, trotz seiner offensichtlichen Indifferenz gegenüber überprüfbaren Fakten gewählt wurde, ist für die etablierten Medien und das linksliberale Establishment bis heute ein Skandal. Es bleibt unverständlich, wie jemand, der sich von Fakten unbeeindruckt seine eigene Realität zusammen zimmert, für irgendjemanden wählbar ist.

Eine These dafür bot in der vergangenen Woche der Blogger David Ernst, Absolvent des konservativen Think Tanks „Institute of World Politics“ an. Trump, so Ernst, habe es geschafft, die Postmoderne gegen sich selbst zu wenden.

Ernst meinte mit Trumps Rebellion gegen die Postmoderne in erster Linie seine Rebellion gegen politische Korrektheit – die er wiederrum als dekadente Folge eines postmodernen intellektuellen Milieus deutete. In einer Welt, in der man dem Verdacht des Sexismus und Rassismus ohnehin nicht entgehen könne, habe Trump die Strategie gewählt, sich zur politischen Inkorrektheit zu bekennen, anstatt sich zu fügen und sich zu entschuldigen. Damit konnten seine Anhänger sich identifizieren, die Geste wurde ihm als „authentisch“ ausgelegt.

Trumps rebellischer Gestus richtete sich laut Ernst jedoch nicht alleine gegen die postmoderne Ethik-Polizei. Sie richtete sich vor allem auch gegen den Relativismus,

der ihr zugrunde liegt. Im Eifer, Machtverhältnisse zu dekonstruieren, hätte das liberale Establishment etablierte Normen für Gut und Böse, richtig und falsch aus dem Fenster geworfen. Dabei seien die Liberalen jedoch blind dafür, dass sie die althergebrachten Normen einfach nur durch ihre eigenen ersetzt hätten.

Trumps Ungezogenheit entlarve diese linke Verlogenheit, so erkläre sich sein Erfolg. Wenn ihr uns als alten weißen Männern das Recht absprecht, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, dann sprechen wir Euch dieses Recht auch ab – so oder so ähnlich interpretiert Ernst Trump. Wer postmodernen Relativismus propagiert muss ihn auch für selbst aushalten können.

Die Rebellion von Trump und seinen Anhängern macht jedoch nicht bei der politischen Korrektheit halt. Dem liberalen Establishment wird nicht nur  abgesprochen, über die richtigen Werte zu richten. Es wird ihm auch abgesprochen, über die Realität selbst zu entscheiden.

Die Klagen über die Realitätsverzerrung der „Mainstream“ Medien haben nicht nur Trumps Kampagne von Beginn an begleitet. Man kennt sie spätestens seit Sarah Palin im Wahlkampf von 2008 begann, sich über die „Lamestream Media“ zu mockieren. Kurz darauf nahm die Tea Party den Schlachtruf auf, beflügelt vom rechten Hetzsender Fox, der seinerseits alternative Nachrichten anbot.

Als Klage über die Lügenpresse schwappte die Diskreditierung der Medien auch nach Deutschland und von hier aus wieder zurück in die USA, wo der Kampfbegriff mittlerweile im Original von der „Alt-Right“ Bewegung zitiert wird. Die Klasse, die ihre Deutungshoheit über die Wirklichkeit bedroht sieht, spricht mit dem Begriff auch jedem anderen eine solche Deutungshoheit ab - insbesondere dem linken Establishment, das bis vor Kurzem wie der Gewinner im lange andauernden amerikanischen Kulturkrieg aussah.

Der postmoderne Zustand Amerikas, der es Trump ermöglicht hat, mit Autorität und Erfolg seine Absurditäten zu verkünden, hat freilich nicht erst mit Palin, der Tea Party oder Fox News begonnen. Kulturhistoriker sehen den Urknall der amerikanischen Postmoderne bereits in der Kennedy-Ermordung.

Das Ereignis eignet sich vortrefflich, um den Augenblick zu markieren, von dem an sich die amerikanische Öffentlichkeit auf nichts mehr einigen konnte. Jeder konnte die Tat auf dem Zapruder Film sehen. Die Warren Commission, eingesetzt um den Mord zu untersuchen,  produzierte Tausende von Seiten an Indizien. Und doch weiß bis heute niemand, was wirklich geschah.

Die Verschwörungstheorien schossen ins Kraut und produzierten Dutzende von Romanen und Filmen. Schriftsteller von Norman Mailer bis Don DeLillo nahmen sich des Themas an, Filmemacher von Alan Pakula bis hin zu Oliver Stone. Und doch blieb im Dunkeln, ob nun das CIA dahinter steckte oder Fidel Castro, beide gemeinsam oder ob Lee Harvey Oswald doch ein Einzeltäter war.

Postmoderne-Theoretiker wie Jean Baudrillard und Frederic Jameson haben die Kennedy-Ermordung als „Ur-Trauma“ der Postmoderne beschrieben. Das postmoderne Subjekt konnte fortan keiner Darstellung der Wirklichkeit mehr trauen. Nichts war mehr so wie es scheint. Die wahren Zentren der Macht lagen im Verborgenen. Politiker waren fortan nur noch Marionetten finsterer Mächte, die niemals würden enttarnt werden können. Das postmodere Subjekt befand sich in einem Dauerzustand der Paranoia. Jedes Zeichen deutete auf einen größeren Zusammenhang der Verschwörung hin, doch es war unmöglich, jemals das Bild zusammensetzen.

Die neue Rechte, die schon unter George W. Bush erblühte und in den Obama Jahren an Fahrt aufnahm,  machte sich dieses postmoderne Lebensgefühl mit perfider Cleverness zunutze. Obama wurde von Anfang an nicht nur als Nicht-Amerikaner beschimpft sondern wechselweise auch als Faschist oder Sozialist, der Amerika ein totalitäres Regime errichten möchte. Clinton wurde wahlweise von der Wall Street gelenkt oder von fremden Mächten, von denen sie über dunkle Kanäle Zahlungen erhielt. Trump hat diese Narrative nicht erfunden, aber er hat sie sich bereitwillig zu eigen gemacht.

Genauso macht sich Trump die postmoderne Krise der Repräsentation zunutze, um in Orwellscher Manier zu behaupten, was auch immer er möchte. Die Darstellung der Wirklichkeit durch die etablierten Medien wird als Manipulation diskreditiert und somit der Boden dafür bereitet, mit Autorität eine Gegenwirklichkeit aufzustellen.

Experten protestieren freilich, dass man es sich mit der Postmoderne so einfach nicht machen darf. So schrieb erst in der vergangenen Woche der Philosoph Stanley Fish im Magazin „Foreign Policy“, dass man doch bitte nicht Nietzsche für Donald Trump verantwortlich machen soll. Die Einsicht in die Unzugänglichkeit einer absoluten Wahrheit heiße noch lange nicht, dass man behaupten könne, was man möchte. Es gebe noch immer Übereinkünfte und Konventionen, mittels derer wir uns darüber einigen, was wirklich ist und was nicht: Wissenschaftliche Methoden etwa oder Verfahrensweisen des professionellen Journalismus. Oder Rechtsnormen- und Urteile.

Doch Trump mag von all dem nichts wissen. Er nimmt das kulturelle Klima des „Anything Goes“ als Lizenz zur willkürlichen Produktion alternativer Fakten. Geleitet wird er dabei von seinem Machtinstinkt. Es ist unwahrscheinlich, dass Trump Hannah Arendt oder George Orwell gelesen hat. Sicher ist aber, dass er, ohne dass er es auch nur artikulieren könnte, präzise die Mechanismen durchschaut, die sie beschrieben haben.

Bleibt die Frage, ob ein postmodernes kulturelles Milieu zwingend zu Donald Trump führt. Man möchte das nicht hoffen. Aber es ist schwer zu leugnen, dass die Gefahr in diesen unseren verunsicherten Zeiten grundsätzlich angelegt ist.

Aufstand des anderen Amerika

 

Lisa Tatum sprudelt vor Euphorie, ihre Augen glänzen und sie strahlt vor einem Lächeln, das ihr an diesem grauen Vormittag in Washington DC einfach nicht mehr vom Gesicht weichen mag. „So gut habe ich mich seit Anfang November nicht mehr gefühlt.“

Genau genommen war es der 9. November, der Tag der Wahl von Donald Trump, der Lisa, die aus Kansas nach Washington gekommen ist, um am Women’s March teilzunehmen, in eine tiefe Depression gestürzt hat. Gemeinsam mit dem übrigen linksliberalen Amerika ist sie an diesem Tag in eine Art Schockstarre verfallen. „Ich kann Dir gar nicht sagen, wie viele Folgen von Allie McBeal ich seither geschaut  und mich dabei mit Süßigkeiten voll gestopft habe.“

Doch der Tag im Regierungsbezirk von Washington heute ist Balsam auf ihre geschundene Seele. Die Independence Avenue, gestern noch fest in der Hand feiernder Trump-Anhänger, hat sich in einen bunten Karneval für all jene Amerikaner verwandelt, die sich nicht durch Donald Trump repräsentiert fühlen und denen seine Weltanschauung sowie sein Temperament ein Graus sind. „Das macht mir wieder ein wenig Hoffnung“, sagt Tatum.

In der Tat macht die Szene an der National Mall, dem großen Versammlungsort im Herzen der amerikanischen Demokratie, jedem, der in den vergangenen Wochen an Amerika verzagen mochte, Hoffnung. Es ist ein buntes Aufgebot von 500,000 Bürgern aus den verschiedensten Ecken der Gesellschaft, schwarz, weiß, alt, jung, männlich, weiblich, schwul, hetero.

Sie haben Energie und Kreativität mit nach Washington gebracht, immer wieder bricht die Menge in Gesang und Tanz aus, T-Shirts und Kostüme wurden in Heimarbeit gemalt und gefärbt, rosarote Mützen in den unterschiedlichsten Formen signalisieren Solidarität mit missbrauchten Frauen weltweit und drücken Protest gegen die offene Frauenverachtung des neuen Präsidenten aus. Auf den Transparenten sind Sprüche zu lesen, wie „My Cunt, my Country“, „The power of the people is greater than the people in power“ oder – in Variation der alten Bürgerrechtshymne und in Anspielung auf die Frisur des neuen Präsidenten „We Shall Overcomb.“ Viele tragen die Poster von Shepard Fairey mit den Fotos von Frauen verschiedener Ethnien, die der Künstler anlässlich des Marsches zu Ikonen des Widerstands gestaltet hat.

Lisa hat ihr eigenes Transparent mitgebracht. Sie demonstriert dagegen, dass die Trump-Regierung die Mittel für die Organisation Planned Parenthood streichen möchte, eine Organisation, die medizinische Versorgung für unterprivilegierte Frauen bereitstellt. Der Streit um Planned Parenthood ist seit Jahren ein heißes Thema für amerikanische Feministinnen, doch selbst Lisa, die für Planned Parenthood als Therapeutin arbeitet, findet, dass es heute hier in Washington nicht ausschließlich um Frauenthemen gehen darf: „Es ist ein Aufstehen aller, denen es in Amerika um soziale Gerechtigkeit geht.“

Den gleichen Tonfall schlägt Gloria Steinem bei ihrer Rede vor dem nationalen Museum der amerikanischen Indianer an. Die Altfeministin würdigt den Ursprung des Marsches in der feministischen Bewegung, im Zorn und der Frustration über die Niederlage Hillary Clintons. Aber auch sie betont, dass dieser Marsch auf keinen Fall als reiner Frauenmarsch gesehen werden soll, sondern als „Aufstand der Unerhörten, als Ausströmen von Freiheit und Demokratie.“

Vor allem sind der Marsch in Washington und seine Schwestermärsche in Städten des ganzen Landes an diesem Tag jedoch eines: Ein Aufbäumen des geschlagenen liberalen Amerika, das sich seiner Selbst versichert und Kampfbereitschaft zeigt. Er ist der Gründungsakt einer Koalition gegen Trump und für den Erhalt der Demokratie, angeführt von Frauen.

Zu dieser Koalition gehört auch Jerry Smith, ein großer schwarzer Mann, der mit erhobener Faust, einem Black Lives Matter Schild und einer rosaroten Strickmütze an der Ecke Independence und Third Street steht. Auf die Frage, was ihn bewegt hat, heute auf die Straße zu gehen, antwortet er: „Ich kämpfe für alles, was dieses Arschloch uns weg nehmen möchte.“

Dazu gehören auch die Schauspieler und Regisseure, die hier in Washington Flugblätter und Aufkleber für ihre Organisation „Take the Oath“ verteilen – einer Gruppe darstellender Künstler, die über soziale Medien ein Bündnis von Bürgern bilden wollen, um die Verfassung der USA gegen die Gefährdung durch die neue Regierung zu schützen. Und dazu gehörten auch Prominente von Madonna bis zu Alicia Keys oder Michael Moore, die nach Washington gekommen waren, um sich einzumischen.

Es war eine eindrucksvolle Einigkeit, welche die amerikanische Linke da bei den Märschen in Washington und anderen Städten demonstrierte, an denen Schätzungen zufolge bis zu zwei Millionen Menschen teilnahmen. Eine Einheit allerdings, die im Vorfeld des Marsches alles andere als gewiss war. Bis kurz vor dem Amtseinführungstag herrschte unter den Organisatorinnen Spannungen über Ziele und Strategien.

Kurz nachdem die New Yorker Modedesignerin Bob Bland per sozialer Medien zu dem Marsch aufgerufen hatte wurden auf den entsprechenden Online-Foren Stimmen laut, die forderten, dass die Veranstaltung unter keinen Umständen alleine von weißen Frauen geführt werden dürfe. Bland reagierte und berief die schwarze Bürgerrechtlerin Tamika Mallory, die arabisch-stämmige Linda Sarsour und die hispanische Aktivistin Carmen Perez in den Vorstand.

Die vier bildeten ein erfahrenes und gut funktionierendes multikulturelles Führungsteam. In den unteren Rängen der schnell wachsenden Organisation entbrannten jedoch rasch Streitereien zwischen den Fraktionen. Der Marsch, fanden viele, solle vor allem die Themen schwarzer und hispanischer Frauen im Blick haben, eine Hegemonie weißer „Frauen“ dürfe auf keinen Fall zugelassen werden. Nicht wenige weiße Organisatorinnen fühlten sich dadurch vor den Kopf gestoßen.

Schließlich einigte man sich auf eine breit angelegte Agenda und auf einen Grundsatz der Inklusion. Nun liest sich die Liste der Ziele wie ein Manifest einer neuen Bürgerrechtsbewegung. Zu den Themen gehören Polizeigewalt, Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel, Kampf für das Recht auf Abtreibung, Kampf für Arbeiterrechte, Kampf für die Rechte von Einwanderern, Kampf für die Bürgerrechte von Schwarzen und Latinos, Rechte von Homo- und Transsexuellen, von Behinderten sowie ein Kampf um die Erhaltung der Umwelt.

Das ist freilich noch kein sehr konkretes Programm linken Widerstandes gegen Trump, wie es etwa der Altlinke und 68er-Anführer Todd Gitlin fordert. Aber die amerikanischen Linksliberalen haben sich nach dem Wahlsieg von Trump geschüttelt und berappelt und sind bereit zu kämpfen.

Auch Jennifer Quigley hatte am Ende des Marsches ihre Kraft wieder gefunden, die Mitarbeiterin der Bürgerrechtsorganisation “Human Rights First“ konnte nach der Finsternis der vergangenen Wochen plötzlich wieder etwas Positives in der Zukunft sehen. „Wenn wir dieses Maß an Bürgerengagement über die nächsten Monate aufrecht erhalten können, dann kommen wir da schon durch.“

 Als der Abend über DC anbricht verwandelt sich der Marsch der Frauen langsam in eine Tanzparty. Die Dunkelhäutigen und Schwulen, die Behinderten und die Intellektuellen, die Transsexuellen und alle anderen, die Trump an die Ränder der Gesellschaft verbannen will, feiern ausgelassen, dass es sie noch gibt, dass das Leben weiter geht. Sie haben an diesem Tag klar gemacht, dass sie Trump und den seinen diese Stadt nicht überlassen werden. Und schon gar nicht dieses Land.

Beginn einer Post-Gender Ära?

Stuttgarter Zeitung, 8.11.2016

 

Barack Obama vermied es tunlichst, die historische Dimension des Augenblicks all zu sehr hervor zu heben, als er am 5. November 2008 in Chicago vor die dort versammelte Menge trat, um mit den Menschen seine Wahl zum US Präsidenten zu feiern. Zu der Tatsache, dass er als erster Schwarzer in das höchste Amt der Nation berufen wurde, hatte er lediglich zu sagen, dass die Zweifler am amerikanischen Traum doch nun verstummen müssten. Für den Rest seiner 15-minütigen Rede bemühte er sich hingegen mehr darum, sich als Vertreter aller Amerikaner zu positionieren, denn als erster afroamerikanischer Präsident.

Sollte Hillary Clinton an diesem Dienstag als erste Frau in das  Oval Office entsandt werden, wird sie aller Voraussicht nach wesentlich expliziter auf die symbolische Bedeutung dieser Wahl verweisen. Schon ihre Ansprache nach dem Gewinn der demokratischen Vorwahlen in diesem Sommer begann Clinton mit einer Einordnung ihrer Nominierung in den langen Kampf um die Gleichberechtigung amerikanischer Frauen. „Dieser Sieg gehört nicht nur mir, sondern den vielen Generationen von Frauen und Männern die diesen Moment möglich gemacht haben, indem sie unbeirrbar daran geglaubt haben, dass Frauen und Männer in diesem Land die gleichen Rechte verdienen.“

Auch im Amt wird Hillary Clinton sich vermutlich wesentlich deutlicher für die Belange von Frauen stark machen, als Barack Obama sich um die partikularen Nöte der schwarzen Bevölkerung gekümmert hat. Während Obama  – nicht zuletzt aus politischer Vorsicht – erst in den letzten zwei Jahren seiner zweiten Amtszeit deutlich zu Themen wie Masseninhaftierung von und Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner Stellung bezogen hat, tritt Hillary Clinton von Anfang an mit einer Frauen-Agenda an.

Hillary Clinton hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Feministin ist. Schon als First Lady Mitte der 90er Jahre fand sie ebenso viel Applaus wie Kritik, als sie lauthals deklarierte, dass sie „ein für alle Mal Frauenrechte für Menschenrechte“ halte. Als Präsidentin verspricht sie, sich für gleichen Lohn für Frauen einzusetzen, für Elternschutz, für den Schutz des Rechts auf Abtreibung, für bezahlbare Kinderbetreuung, für den Schutz gegen häusliche und sexuelle Gewalt, sowie für eine Anhebung der Mindestlöhne, deren niedriger Stand disproportional Frauen benachteiligt.

Hillary Clintons offensiver Stand für Frauenrechte hat gegenüber der Ausweichtaktik Obamas früher Amtsjahre den Vorteil, dass er erst gar keine Illusionen aufkommen lässt. Nach der Wahl Obamas wähnte sich ein Großteil des amerikanischen Mainstream für einen kurzen Augenblick in einer post-rassischen Gesellschaft. Die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten täuschte jenen Amerikanern, die von den harten Realitäten der alltäglichen rassischen Spannungen des Landes abgeschirmt waren, vor, dass der Graben zwischen den Menschen verschiedener Hautfarbe überwunden sei. Umso derber war das Erwachen, als in Ferguson, Baltimore, New York und anderswo unübersehbar zu Tage trat, wie tief und schier unüberwindbar jener Graben zu sein scheint. Das Amerika des Jahres 2016 ist, wenn nicht deutlicher entlang der Rassengrenzen geteilt, dann zumindest verbittert gewahr, dass die Wunden der Diskriminierung und des Rassismus einfach nicht heilen mögen.

Der Diskurs über Gender-Gleichberechtigung ist in den Obama-Jahren indes deutlich hinter die Debatten um Race und um soziale Ungleichheit zurück getreten. Obamas Wahl, die Black Lives Matter Bewegung, die  Wirtschaftskrise von 2008, die Occupy Bewegung und schließlich Bernie Sanders haben die nationale Aufmerksamkeit in eine andere Richtung gelenkt. Clintons mögliche Wahl wird diese Schieflage jedoch zumindest ein Stück weit wieder richten – wenn ihre Kandidatur und ihre Nominierung dies nicht bereits getan haben.

So hielt Clinton gleich ihre erste Rede als nominierte Kandidatin ihrer Partei vor „Planned Parenthood“, einer gemeinnützigen Organisation, die Gesundheitsdienste für benachteiligte Frauen anbietet und die von konservativer Seite massiv unter Beschuss ist. Dort betonte sie, dass Zugang zu medizinischer Versorgung für Frauen, inklusive Zugang zu Geburtenkontrolle und Abtreibung auch ein Thema der ökonomischen Gesundheit des ganzen Landes sei. Damit wiederholte sie die Botschaft, die sie schon 20 Jahre zuvor als Politikerin definiert hatte: Frauenrechte gehen alle an.

Mit ihrer Behauptung, dass die volle Gleichstellung von Frauen in Amerika die ganze Nation voran bringt, dürfte Clinton immerhin weniger anecken, als Obama dies vor acht Jahren mit einer speziell auf Minderheiten zugeschnittenen Agenda getan hätte.  So stellt sich niemand in der republikanischen Partei offen gegen die volle Lohnangleichung. Lediglich im Detail finden die Konservativen im Kongress dann Gründe, gegen die entsprechende Gesetzgebung Widerstand zu leisten.

Da macht sich dann doch wieder jener Sexismus Raum, der an der Oberfläche ebenso tabu ist, wie der Rassismus, der Obama in Form von Unverschämtheiten, Zweifeln an seiner Herkunft und Obstruktionismus entgegen schlug. Ob Clinton tatsächlich maßgebliche Fortschritte machen kann, muss deshalb als ungewiss gelten.

Erschwert wird ihr Kampf zusätzlich dadurch, dass amerikanische Frauen einen weiten Weg zur Gleichberechtigung haben. Im Ranking des World Economic Forum lagen die  USA weltweit bei der Gleichberechtigung von Frauen lediglich auf Rang 28. Eine UN-Untersuchungskommission stellte im Jahr 2015 den USA ein noch deutlich verheerenderes Zeugnis aus, als dieses Ranking das wieder zu spiegeln vermochte.

Kritisiert wurde nicht nur die schlechte Statistik bei der Lohnangleichung – amerikanische Frauen verdienen im Durchschnitt gerade einmal 81 Prozent von dem, was ihre männlichen Kollegen verdienen – oder die mangelnde Repräsentation in politischen Ämtern – auf diesem Gebiet liegen die USA global auf Rang 72. Die UN Gutachter beklagten auch einen Anstieg der Todesziffern bei Müttern, insbesondere unter schwarzen und hispanischen Frauen, ein besorgniserregendes Niveau sexueller und häuslicher Gewalt , sowie alarmierende Zustände in Frauengefängnissen und Unterbringungen von Einwandererinnen und Asylbewerberinnen.

Der größte Skandal für ein entwickeltes Land ist es jedoch, dass es nach wie vor keinen umfassenden Elternschutz gibt. Bill Clinton unterzeichnete zwar während seiner Zeit im Weißen Haus ein Gesetz zum Mutterschutz, das jedoch zu viele Einschränkungen erhielt, um wirklich zu greifen. Die Einzelstaaten ziehen mit einer Zusatzgesetzgebung nur äußerst schleppend nach. In der Praxis müssen 88 Prozent amerikanischer Mütter sofort zurück zur Arbeit.

Hillary Clinton hat also einiges an Arbeit vor sich, falls sie, wie zu erwarten, im Januar von New York zurück nach Washington zieht. Die USA, die bis Mitte der 90er Jahre große Fortschritte in der Sicherung von Frauenrechten gemacht hatten, sind deutlich ins Hintertreffen geraten.

Stephanie Coontz, Historikerin der amerikanischen Frauenbewegung am Evergreen State College, glaubt dass dieses Zurückfallen der amerikanischen Frauen Hand in Hand geht mit dem Zurückfallen der amerikanischen Mittelschicht. Der wachsende ökonomische Druck, so Coontz, habe bei der gleichzeitig unvollendeten Gleichberechtigung den amerikanischen Mainstream zurück in die klassische Rollenverteilung gedrängt: „Viele Amerikaner möchten eine gleichberechtigte Aufteilung der Aufgaben, doch sie haben oft das Gefühl, keine Wahl zu haben.“ Bei weiterhin niedrigeren Löhnen für Frauen und dem Mangel an familienfreundlichen Arbeits-Arrangements bleibt im Zweifel eben die Frau zu Hause. Was die Teilnahme am Berufsleben angeht, liegen die USA unter den OECD Staaten gerade einmal auf Rang 17.

So bestätigt sich Hillary Clintons Credo, dass die Belange von Frauen und die Belange des gesamten Landes untrennbar miteinander verzahnt sind. Dasselbe wird von führenden Bürgerrechtlern auch immer wieder über das Schicksal der Afroamerikaner gesagt. Barack Obama hat lange vermieden, dass so deutlich auszusprechen. Von Hillary Clinton ist hingegen zu erwarten, dass sie vom 20. Januar an kein Blatt vor den Mund nimmt. Ob das denn amerikanischen Frauen gut tut oder eher zu einer heftigen anti-feministischen Reaktion führt, wird eine der spannenderen Fragen der kommenden Jahre.

Dem Wähler zwischen die Beine Grapschen

Der US-Wahlkampf und die Kunst der Verführung

(Frankfurter Rundschau Wochenend-Magazin FR7, 29.10.2016)

 

Es bedarf schon beträchtlichen rhetorischen Geschicks, bei einer Entschuldigung durchklingen zu lassen, dass man auf die Missetat eigentlich stolz ist, doch Donald Trump ist nichts, wenn nicht ein Meister der Doppelzüngigkeit.

So verriet Trumps Beteuerung, dass seine jüngst aufgetauchten Tonaufnahmen sexueller Prahlereien bloßes „Kabinen – Gerede“ gewesen seien weniger Scham, als eine Selbstzufriedenheit darüber, dass er zu der Art Mann gehört, der unter Männern nun einmal so redet. Ein männlicher Mann, eben ein Macho, ein Sportler Typ.

Es war nicht das erste Mal, dass Trump sich selbstgefällig als unwiderstehlichen, hypersexuellen Schürzenjäger stilisiert, offenbar vollkommen unberührt davon, dass er damit alle Regeln sozial akzeptablen Verhaltens bricht. Trump hat vor dem Radio-Moderator Howard Stern damit geprahlt, dass er sich bei seinen Schönheitswettbewerben hinter die Bühne schleicht, um die nackten Wettbewerberinnen zu beäugen. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich weibliche Angestellte alleine nach ihrem Äußeren aussucht. Und er hat bei einer Vorwahldebatte mit seinen republikanischen Mitbewerbern unverhohlen über die Größe seines Geschlechts geprahlt.

Die Tatsache, dass Donald Trump sich in der Rolle des aggressiven sexuellen Wilderers gefällt, verrät viel über ihn und seine Einstellung zu Frauen. Es verrät allerdings auch einiges über seine Auffassung von Politik.

Dass der Präsidentschaftskandidat Trump sich als ruchlosen sexuellen Jäger inszeniert, kann kaum als Zufall gesehen werden. In der Welt von Donald Trump läuft derartiges Verhalten mitnichten den Anforderungen der politischen Arena zuwider. Ganz im Gegenteil: Trump glaubt, es qualifiziere ihn in ganz besonderem Maß für sein neues Metier.

Damit liegt Trump nicht einmal ganz falsch. Das Sexuelle und das Politische sind sich nicht fremd, im Gegenteil. Kenneth Minogue, Politologe an der London School of Economics, glaubt, dass „die Verführung in gewissem Sinn die zentrale Idee des politischen Lebens ist.“

Laut Minogue war sogar die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Verführung politisch. Im Mittelalter wurde damit die Kunst bezeichnet, einen Vassallen oder Soldaten davon zu überzeugen, seine Loyalität gegenüber seinem Dienstherren aufzugeben und die Fronten zu wechseln. Erst ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert bedeutete Verführung auch, eine Frau dazu zu bewegen, ihre Jungfräulichkeit aufzugeben.

In der modernen Politik bedeutet Verführung, Menschen dazu zu bringen, ihre Überzeugungen aufzugeben und in ein anderes Lager zu wechseln. Insofern ist die Kunst der Verführung tatsächlich das Paradigma eines jeden Wahlkampfes. Der bessere Verführer gewinnt – in Amerika etwa derjenige, der einen Staat mit überwiegend republikanischer Wählerschaft in das demokratische Lager ziehen kann.

Natürlich gibt es die verschiedensten Strategien dazu, Menschen dazu zu bewegen, ihr Weltbild und somit auch ein Stück weit sich selbst zu verraten. Hillary Clinton wählt dazu den wohl konventionellsten Weg. Sie versucht durch rationale Überzeugung und durch das bessere Programm zu überzeugen – ein Vorgehen, dass ihr den Vorwurf eingetragen hat „unsexy“ zu sein. Doch dazu später.

Obama und vor ihm Bill Clinton waren elegantere Verführer. Sie waren Charmeure, zugleich attraktiv und charismatisch. Sie haben Wähler durch ihre Aura auf ihre Seite gezogen. Man hat sich in sie verliebt, weil sie das bessere Leben, den frischen Wind, den sie versprachen, verkörperten. In ihrer Gegenwart fühlte man sich erneuert, lebendig und so ließen sie die Wählerherzen schmelzen. Eine Fähigkeit, die Hillary Clinton, wie sie selbst zugibt, eher abgeht.

Donald Trump ist hingegen eine ganze andere Art von Verführer. Bei seiner Taktik steht die Lust am Tabubruch im Vordergrund, die jeder Verführung inne wohnt. Mit seinem Wettern gegen „Political Correctness“ (und dem Ausleben der Incorrectness) erteilt er den Verführten die Lizenz dazu, sich tieferen Gelüsten und Begierden hinzugeben, die sie sich aus Rücksicht auf bürgerliche Normen bislang untersagten.

Dazu gehört vor allem auch die Rebellion gegen die neuen Normen der pluralistischen Gesellschaft, die Dinge wie Gleichberechtigung und Toleranz fordern. Er befreit sie von diesem moralischen Korsett und erlaubt es ihnen, ungehemmt ihre angstgeriebenen Instinkte auszuleben, die sie dazu treiben, das bedrohliche Andere wieder in seine Schranken zu weisen – gleich ob es als weiblich, schwarz, muslimisch oder mexikanisch daher kommt. Dadurch fühlen sich die Verführten wertgeschätzt wie nie und geben sich willfährig dem Verführer hin.

Bei dieser „Verführung“ seiner Wählerschaft  geht Trump ebenso unsubtil vor, wie bei seinen Avancen gegenüber dem anderen Geschlecht. Er gibt sich gar nicht die Mühe, sie mit Ideen, Charme oder Ausstrahlung zu beeindrucken. Sein politisches Programm und seine Vision für Amerika sind, anders als etwa bei Clinton und Obama, komplett abwesend. Er will Amerika wieder „great“ machen – was das bedeutet oder wie er das anstellen will, bleibt sein Geheimnis. Bei seinen Wahlkampfreden spricht er fast ausschließlich davon, dass er gewinnt und die Gegnerin dominiert. Es ist dieselbe Art von Prahlerei, wie im „Kabinen-Geplauder“ mit Billy Bush: Trump gibt damit an, dass er dem Wähler einfach zwischen die Beine greift und dieser sich das einfach gefallen lässt.

 Die Schamlosigkeit, mit der Donald Trump zu seiner sexuellen Aggressivität steht, basiert auf einem bestimmten Kalkül – wenn man bei einem Menschen wie Trump von so etwas wie strategischer Berechnung ausgehen darf. Trump glaubt, dass für ihn ein ähnlicher Mechanismus greift, wie einst für Arnold Schwarzenegger. Die konservative Schock-Feministin Camille Paglia schrieb einmal über Schwarzenegger, dass es genau sein offener Machismo gewesen sei, der ihn für Wähler und auch Wählerinnen attraktiv gemacht habe:  „Sein Verhalten lässt die Menschen glauben, dass er kraftvoll genug ist, Barrieren zu durchbrechen und echten Wandel durch zu setzen.“

Hillary Clinton steht freilich diese Taktik der Wähler-Beflirtung überhaupt nicht offen, selbst wenn sie die Neigung dazu verspüren würde. „Keine Frau wie Trump würde jemals für ein politisches Amt nominiert werden“, sagt Katha Pollitt, Kolumnistin für die politische Wochenzeitschrift „The Nation.“

Eine Kandidatin, die fünf Kinder von drei Ehemännern hat und mit ihren Ehebrüchen prahlt, so Pollitt, wäre in den USA gänzlich undenkbar. So, wie überhaupt ein sexualisiertes Auftreten für eine Frau in einer Machtposition „überaus riskant“ sei. „Eine Frau, die flamboyant ist, hat es hier überaus schwer.“

Deshalb wählt Hillary, wie etwa auch Angela Merkel, den sicheren Weg und gibt sich weitestgehend entsexualisiert. Der ewige, mittlerweile legendäre Hosenanzug suggeriert Gender-Neutralität, er deflektiert jegliche Projektionen geschlechtlicher Identität.

Doch diese Präsentation schützt Clinton leider nicht vor offenem Sexismus. Katha Pollitt: „Man kann es als Frau einfach nicht richtig machen, man muss einen ganz schmalen Grad wandeln.“ So muss sich Clinton nicht nur aus dem konservativen Lager die Vorwürfe gefallen lassen, fad und langweilig zu sein.  Ihre streberhafte Sachlichkeit erinnert ihre Kritiker an eine Bibliothekarin oder eine Schullehrerin, „nicht einmal eine Professorin“, wie Pollitt anmerkt.

Bei all dem schwingt immer die Unterstellung mit, dass Clinton frigide sei – das sexistische Standardklischee gegenüber Frauen, die sich nicht alleine über ihren Körper und ihre Sexualität definieren mögen.

Das Klischee haftet Hillary bereits an, seit sie die First Lady des Staates Arkansas war, sich jedoch nicht damit begnügte, ihrem Mann den Rücken zu stärken. Sie arbeitete weiter als Partnerin in einer großen Anwaltskanzlei und leitete eine Stiftung zur Förderung benachteiligter Kinder und Familien. „Ich hätte auch Tee kochen und Plätzchen backen können“, verteidigte sie sich damals schnippisch. „Aber ich habe mich dazu entschieden, meinen Beruf auszuüben.“

Die Zeit, in Zusammenhang mit ihren studentenbewegten Tagen in den 60er Jahren, trägt ihr bis heute den Ruf ein, „eine männerhassende Feministin der ersten Generation zu sein“, wie Camille Paglia schrieb. Ein Ruf, der sich durch die allseits bekannten Affären ihres Mannes verstärkte. „Man wirft ihr vor, dass sie nicht einmal ihren Mann befriedigen kann“, so Katha Pollitt. „Wie soll sie da die ganze Nation befriedigen.“

Hillary Clinton hat mit einer irrationalen Abneigung gegen ihre Person zu kämpfen, die, wie Katha Pollitt findet, in einer Gegenreaktion auf die Fortschritte des Feminismus wurzelt. „Ihr geht es genauso, wie es Obama ging, an dem sich die ewig Gestrigen abarbeiteten.“ Wie Obama muss sich Clinton Unverschämtheiten gefallen lassen, die ihrer Stellung nicht angemessen sind – T-Shirts etwa, auf denen steht „Hillary Sucks – but not like Monica“ oder Transparente, auf denen sie wahlweise als Hexe oder als Hure bezeichnet wird.

So wie der US-Wahlkampf sich derzeit entwickelt, behält die verstaubte Bibliothekarin jedoch gegenüber dem Super-Macho die Oberhand. Trump hat über das Ziel hinaus geschossen, das Wahlvolk legt sich lieber mit der soliden, stetigen Langweilerin ins Bett, als mit einem potenziellen Vergewaltiger.

Trump wird sich da auch ein Stück weit kastriert fühlen. Die Hosen hat am Ende eindeutig Hillary an. Die politische Arena ist derweil dank Hillary von allzu vulgärer Sexualisierung vorläufig rein gewaschen. Hillarys Sieg lässt hoffen, dass in Zukunft zumindest die Messlatte für das Niveau der Verführungskunst wieder ein Stück angehoben wird. Am Ende mag sich das amerikanische Volk dann doch nicht einfach zwischen die Beine grapschen lassen.

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