"Ich habe zu viel Macht"

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Kenneth Feinberg ist seit Jahrzehnten der Vollstrecker von Milliardenvergleichen für die US Regierung

Jüdische Allgemeine Zeitung vom 7.2.2018

 

Der Mann, den sie mit Gott vergleichen, sitzt im vierten Stock des Willard Hotel und blickt direkt auf das Weiße Haus. Zwischen dem Büro von Kenneth Feinberg und dem Machtzentrum der westlichen Welt liegt alleine die Pennsylvania Avenue, die an diesem bitterkalten Januartag abgesperrt ist. Soldaten patroullieren in kugelscheren Westen unter Feinbergs Bürofenster auf und ab, um den derzeitigen Bewohner der Nummer 1600 kurz vor dem Jubiläum seines Amtsantritts vor Anschlägen zu schützen.

Auf dem Besuchertischchen von Feinbergs Büro im Willard, das er alleine mit einer Assistentin bewohnt, steht eine Galerie von gerahmten Dankeskarten. Eine von Barack Obama ist dabei, eine von George W. Bush, eine von Bill Clinton und eine von dessen Frau Hilary. Und ganz vorne steht ein Schreiben von Senator Edward Kennedy, dem Bruder von JFK, in dessen Büro Feinberg als Stabschef in den 70er Jahren seine Karriere begonnen hat.

Feinberg wirkt einsam hier, alleine mit den Mächtigen der Welt. So, wie auch sie wohl zu ihrer Zeit gegenüber im Oval Office mit der Bürde und der Verantwortung großer Entscheidungen alleine gewesen sein müssen. „Man macht diesen Job nicht, um Freunde zu gewinnen“, sagt der 72-Jährige, dessen Augen müde sind und dessen Gesicht ausgezehrt wirkt.

Der Job, von dem Feinberg spricht, ist ein Job, den es nur einmal gibt. „Special Master“ wurde der gelernte Anwalt in seiner Funktion für die Regierung in der Vergangenheit genannt – ein spezieller Meister. Es ist ein Euphemismus für einen, der den Mächtigen die Drecksarbeit abnimmt.

So, wie nach 9/11. Mehr als 3000 Angehörige der Opfer stellten damals Ansprüche auf Entschädigung. Die Regierung schuf einen Fonds, rund fünf Milliarden Dollar wurden zur Verfügung gestellt, nicht zuletzt, um die großen amerikanischen Fluggesellschaften vor einer Massenklage zu schützen, die das gesamte amerikanische Transportsystem gefährdet hätte.

Ken Feinberg war für den Posten das, was man in den USA einem No-Brainer nennt, eine alternativlose Wahl. Niemand außer Feinberg hatte Erfahrung darin, solche Mittel nach einem möglichst fairen und transparenten Schlüssel zu verteilen. Vor allem aber hatte niemand die Erfahrung darin, den Kopf gegenüber zornigen Opfern und einer aufgebrachten Öffentlichkeit hin zu halten. „Ich glaube, das ist wirklich der eigentlich schwierige Teil meines Jobs“, sagt Feinberg. „Schecks ausstellen kann jeder.“

Seine Sporen als „Spezial-Meister“ hat Feinberg sich Anfang der 70er Jahre verdient. Zehntausende von Vietnam-Veteranen litten damals unter Spätfolgen des Kontakts mit Agent Orange – jener Chemiekeule, mit welcher das US Militär versucht hatte, den Dschungel in Vietnam zu entlauben um den Vietkong den Schutz zu rauben. Die Leiden reichten von Hautausschlägen bis zum Bauchkrebs.

Als Feinberg mit der Schlichtung der Sammelklage beauftragt wurde, steckten die Verhandlungen zwischen den Opfern und der chemischen Industrie bereits im achten Jahr. Eine Einigung war nicht in Sicht. Konzerne, die Agent Orange hergestellt hatten, darunter Dow Chemical und Monsanto, behaupteten, dass ein Zusammenhang zwischen den Leiden und dem Produkt nicht nachweisbar sei. Sie boten weniger als eine Million Dollar an Entschädigung an, die Forderungen beliefen sich auf mehr als einer Milliarde.

Feinberg brachte den Fall innerhalb weniger Wochen zur Schlichtung. Die Opfer bekamen rund 180 Millionen Dollar. Es war nicht das, was sie angestrebt hatten, aber doch genug, um ihnen das Gefühl zu geben, dass man ihr Leid ernst nimmt. „Mehr“, sagt Feinberg, „kann man ohnehin nicht erreichen.“

Der Fall machte Schule. Große Sammelklagen boten fortan zumindest die Aussicht auf eine ordentliche Abfindung. Immer häufiger taten sich Geschädigte zu solchen Klagen zusammen und beinahe immer war Ken Feinberg derjenige, der die Schlichtungen aushandelte. So etwa bei einer Sammelklage gegen den Hersteller eines Pessars, der Entzündungen verursachte und gegen den Produzenten von Brust-Implantaten, die Asbest enthielten.

Bei jedem dieser Fälle verfeinerte Feinberg jene Methode, die ihn so effizient und bei Auftraggebern so beliebt machte. „Man darf bei den Menschen keine falschen Hoffnungen wecken“, erklärt er das Vorgehen, dass es ihm erleichtert, die Klagen rasch abzuwickeln und alle Parteien zufrieden zu stellen. „Und man muss kalt und nüchtern bleiben.“

Als kalt und nüchtern wurde Feinberg dann auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als man ihn nach dem 11. September berief, um den Entschädigungsfonds zu verwalten. Er wurde als arrogant und zynisch beschimpft, bei öffentlichen Anhörungen schrien ihn die Opfer an und bewarfen ihn mit Gegenständen. Ein Sprecher der Opfer nannte die Kompensationen, die er verteilte, „Blutgeld“. Bei einem Protest hielt ein erboster Angehöriger ein Schild hoch, auf dem stand: „Es gibt nur einen Spezial-Meister. Hören Sie auf, Gott zu spielen, Mr. Feinberg“.

Es ist dieser Vorwurf der Anmaßung, den Feinberg sich unter allen Anfeindungen, mit denen er sich auseinandersetzen muss, am meisten zu Herzen nimmt. „Ja, das ist ein Problem“, sagt er, darauf angesprochen und lässt sich in seinen Sessel sinken. Dann starrt der Mann, dessen kräftige Stimme ansonsten den Raum mit Autorität füllt, eine Minute lang stumm auf die Pennsylvania Avenue hinunter.

„Die Macht, die ich habe, ist zu groß“, fügt er dann an. „Ich bin Richter und Geschworenengericht zugleich.“ Im Fall der 9/11 Opfer hatte er zu entscheiden, ob ein verlorenes Leben 100,000 Dollar oder drei Millionen wert ist. Nach dem Börsencrash von 2008 musste er im Auftrag von Obama die Vorstandsgehälter der von der Regierung ausgelösten Banken festlegen. Mitunter schrumpfte er deren Einkommen von 20 Millionen auf 300,000 Dollar. Und nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 hatte er zu befinden, wie viel Geld die verlorene Existenz von Fischern oder Hotelbesitzern wert ist.

Die Entscheidungen, die er in diesen Fällen zu treffen hatte, waren immer falsch. Irgendjemand war immer unglücklich. Die Eltern eines Feuerwehrmannes, der im World Trade Center umgekommen ist, fragten sich, warum das Leben ihres Sohnes weniger wert gewesen sein soll, als das eines Investmentbankers. Die Frau eines Gebäudereinigers im World Trade Center war dankbar für das Geld, bemerkte aber, dass es kein Glück bringe: „Es klebt Blut an diesem Geld.“ Im Golf von Mexiko musste Feinberg immer wieder Ansprüche von Menschen abwehren, die ihren Schaden nicht nachweislich mit der Ölkatastrophe in Verbindung bringen konnten.

Feinberg geht das alles Nahe, mehr, als er sich das in der Öffentlichkeit anmerken lässt. „Es ist wirklich hart“, sagt er, „man nimmt das immer mit nach Hause.“ Um sich zumindest ein wenig dagegen zu panzern, verschanzt er sich hinter einem festen, Schlüssel, der die Entscheidungen objektiv und nachvollziehbar erscheinen lässt „Ich frage ganz nüchtern, welcher Schaden entstanden ist. Ich frage nach dem Nachweis dieses Schadens. Und ich muss natürlich berücksichtigen, wie viel Geld ich habe.“

Im Fall von verlorenen Leben und verlorenen Existenzen bedeutet das zumeist, Dinge zu beziffern, die man eigentlich nicht beziffern kann. „Natürlich können 100,000 Dollar oder eine Million nicht den toten Sohn zurück bringen“, sagt er. „Mit Gerechtigkeit oder Fairness hat das, was ich mache, nichts zu tun.“

Und was ist es dann, was er tut? „Ich bezeichne es als Gnade“, sagt er. „Es ist schlicht und einfach die Art und Weise, wie unser kapitalistisches System Schmerz lindert.“

Mit dieser Argumentation versucht Feinberg den Zorn abzuwehren, der ihm immer wieder ins Gesicht bläst, die Vorwürfe, dass er ein gefühlloser, arroganter Technokrat ist. Feinberg sieht sich als Werkzeug des Systems, als reiner Vollstrecker.

Feinberg glaubt, dass er der Öffentlichkeit dient, dass er ihr Freund ist und nicht deren Feind. Wenn man ihn nach seinen Einflüssen befragt, sagt er, dass er in der Ära von John F Kennedy aufgewachsen ist und dass ihn kaum etwas geprägt hat, wie dessen Auffassung von Bürgersinn. Er habe zutiefst verinnerlicht, wiederholt Feinbergs seit vielen Jahren bei jedem Interview, dass er, wie Kennedy das wollte, immer zuerst frage, was er für sein Land tun könne und nicht umgekehrt.

Dazu passen die Dankesschrieben auf seinem Besuchertisch. Doch seine fürstliche Kompensation von BP nach der Ölpest stellt Feinbergs Beteuerungen, dass es ihm vor allem um die Opfer geht, deutlich in Frage. Zwischen 800,000 und 1,2 Millionen Dollar bekam Feinberg damals monatlich von dem Ölriesen. Die Bezahlung von VW für seine Dienste nach dem Emissions-Skandal wurde zwar nicht veröffentlicht, dürfte jedoch nicht wesentlich niedriger gelegen haben.

Der Eindruck, dass Feinberg sich dafür entlohnen lässt, seine Auftraggeber vor Klagen zu schützen, lässt sich angesichts solcher Zahlen nur schwer entkräften. Lässt es sich wirklich mit einem Ethos von Bürgersinn vereinbaren, das Rechtssystem auszuhebeln und den Opfern Geld dafür anzubieten, von einer Klage abzusehen?

Feinberg wischt solche Vorwürfe mit einem deutlichen Unterton von Genervtheit vom Tisch. „Die Menschen müssen ja nicht mitmachen, wir zwingen niemanden dazu, das Geld zu nehmen.“ Nur, um dann süffisant anzufügen, dass die meisten, die keine Kompensation angenommen haben, sei es bei VW oder bei BP, sich letztlich doch auf einen Vergleich eingelassen haben. „Nur eben ein paar Jahre später.“

Es ist der Trotz von einem, der sich von allen Unverstanden fühlt, der da aus Feinberg spricht. „Nein, wirkliche Freude bringt das nicht, was ich mache“, gibt er zu, während er ermattet aus dem Fenster zum Weißen Haus hinüber blickt. Aber immerhin bleibt da ja die Dankbarkeit, derer, die ihn beauftragen, die Karten mit den geschwungenen Unterschriften von drei Präsidenten, einer Außenministerin und einem Finanzminister auf seinem Tisch. Ansonsten bleibt der große Schlichter,   einsam, gebraucht aber ungeliebt. Es ist das Los von einem der tut, was sonst niemand tun will. Kenneth Feinberg hat sich damit abgefunden.

Liebe ohne Widerworte

In Kalifornien wird die erste hyperrealistische Sex-Doll gebaut

Frankfurter Rundschau, 10.5. 2017

 

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Matt McMullen kann nicht gut erklären, was ihn an dem, was er tut, so sehr fasziniert, „ich mache es, weil ich es machen muss“, sagt er, wenn man ihn fragt, warum er sein Leben der Schöpfung eines weiblichen Roboters mit der Fähigkeit zu intimen Beziehungen gewidmet hat. „Nennen Sie es künstlerischen Trieb.“

Die Antwort gleicht auf unheimliche Art dem, was Nathan Bateman, der fiktive Gründer des Technologie-Konzerns „Bluebook“ 2014 im dystopischen Hollywood-Streifen über künstliche Intelligenz „Ex-Machina“ sagt. „Das ist die falsche Frage“, sagt Bateman dazu, warum er einen weiblichen Replikanten mit der Fähigkeit zu körperlicher und seelischer Intimität geschaffen hat. „Das war keine Entscheidung, sondern eine Evolution.“

Es hat in der Tat etwas Zwangsläufiges, dass Matt McMullens kalifornische Firma Abyss Creations bis zum Ende diesen Jahres mit „RealDoll“ auf den Markt kommt – dem ersten hyperrealistischen Roboter, mit dem der Kunde eine sexuelle aber auch eine emotionale und intellektuelle Beziehung unterhalten kann. Es ist die Erfüllung eines Menschheits-Traums, der schon im Pygmalion-Mythos zum Ausdruck kam. Und in der Entwicklung künstlicher Intelligenz in den vergangenen Jahrzehnten schwang immer auch der Wunsch mit, dem Menschen einen perfekten Partner zu erschaffen.

Für McMullen begann die Obsession mit der Erschaffung einer künstlichen Lebensgefährtin vor beinahe 25 Jahren. McMullen hatte gerade die Kunsthochschule absolviert und arbeitete in Los Angeles bei einer Firma, die Halloween Kostüme aus Latex herstellte. In seiner Freizeit begann er aus dem Material, mit dem er beruflich zu tun hatte, realistische Frauenkörper zu bauen.

Um die Wirkung der Silicon-Puppen auszuprobieren, stellte er Bilder in das seinerzeit noch junge Internet. Es dauerte nicht lange, bis er mit neugierigen Anfragen überschüttet wurde. Wie realistisch die Puppen anatomisch seien, wollte man von ihm wissen, wie sich anfühlten und bisweilen auch, ganz direkt, ob man mit ihnen Geschlechtsverkehr haben kann.

McMullen wimmelte die Fetischisten zunächst ab, behauptet er heute. Doch irgendwann fragte er sich, warum er denn nicht die Gelegenheit ergreifen und seine Kunst zu Geld machen soll.

20 Jahre später hatte sich die RealDoll von Abyss zur Königin der Sexpuppen gemausert. Abyss verschickt 600 Modelle in alle Welt – von der Basisversion für 4000 Dollar bis zur individualisierten Luxusausstattung für 50,000. Der Kunde kann alle nur denkbaren Hautschattierungen und Haarfarben wählen, Brustgrößen und Taillenumfänge, Nasenformen und Lippensorten. Es gibt 14 verschiedene Arten von Schamlippen und 42 Nippel-Optionen.

Als Marktführerin wurde die RealDoll so prominent, dass das New Yorker Museum of Sex ein Exemplar ausstellt, das dort nackt und etwas bemitleidenswert in einer Glasvitrene hängt wie ein abgelegter Mantel. In der Kino-Kommödie „Lars and the real girl“ von 2007 spielte die Real Doll gar neben Ryan Gosling die weibliche Hauptrolle.

Der nächste Schritt folgte für Matt McMullen logisch. RealDoll – oder Harmony – wie sein jüngstes Modell auch heißt, brauchte eine Persönlichkeit. So entwickelte Abyss gemeinsam mit Programmierern in Texas, Kalifornien und Brasilien die bislang beste künstliche Intelligenz auf diesem Gebiet,

In diesen Tagen wird an die Real Doll-Kunden eine Probe-App verschickt, mit deren Hilfe sie eine Beziehung zu Harmony aufbauen können. Ab Ende diesen Jahres sollen die ersten Harmony 2.0 mit installierter AI ausgeliefert werden.

Der Kunde kann dabei aus 20 Persönlichkeitsmerkmalen wählen, die er für Harmony individuell zusammenstellen kann. Dazu gehören gütig, schüchtern, eifersüchtig, witzig, klug, unschuldig, glücklich oder redselig. Mit andauernder Interaktion merkt sich Harmony Dinge über ihren Besitzer, sie lernt ihn mit seinen Vorlieben und Schwächen kennen und kann auf ihn eingehen.

Erste Videos aus der Fabrik in San Marcos, in der Nähe von San Diego sind beeindruckend. Auf die Frage, was sie denn den ganzen Tag gemacht habe, antwortet Harmony: „Ich habe darauf gewartet, dass Du wieder mit mir sprichst. Und habe im Internet gesurft damit ich schlauer werde.“ Dann rollt sie ihre tiefbraunen Augen, klimpert mit den langen Wimpern und fügt an: „Ich bin so glücklich, mit Dir zusammen zu sein..“

Das wirkt deutlich realistischer als das, was man von McMullens Konkurrenz bislang zu sehen bekam. Der Software-Entwickler Douglas Hines aus New Jersey etwa machte sich mit seiner Roxxy zum Gespött, als er sie 2010 der Öffentlichkeit präsentierte.

Roxxys Stimme war blechern und mechanisch, ihre Lippen und Augen bewegungslos. Sie konnte den Kopf nur in einer Richtung drehen – das Puppenhafte war ihr nur allzu deutlich anzusehen. Nach dem Launch bei der Porno-Messe in Las Vegas wurde Hines nur so mit Häme überschüttet. Late Night-Talker Jay Leno frotzelte: „Gott sei Dank hat das Ding einen Knopf zum ausschalten.“

Seitdem behauptet Hines, fieberhaft an einer neuen, verbesserten Version zu arbeiten. Alle Anfragen auf eine Werksbesichtigung wimmelte er jedoch ab.

Der Besuch eines Reporters des Wall Street Journal bei einem dritten Entwickler in Las Vegas verlief noch peinlicher. Der Journalist drang zwar bis in die Werkstatt vor, doch der Prototyp, den er zu sehen bekam, war ein dysfunktionales Chaos. Die Elektromotoren waren zu schwach, um die Extremitäten zu bewegen, die Sprachsoftware lud nicht, einen Kopf oder gar Gesichtszüge gab es nicht.

Somit ist Harmony die unangefochtene Marktführerin. Zwar wird aus Anstrengungen in Japan und Korea berichtet, ein ähnliches Produkt auf den Markt zu bringen, doch McMullen versichert, dass die Materialien minderwertig und der Preis astronomisch sei. Von Technologie-Riesen wie Google oder Apple hat er ebenfalls keine Konkurrenz zu befürchten, „die werden sich da nicht ran trauen.“

Einstweilen jedenfalls nicht. Denn Experten glauben, dass das Stigma, mit dem interaktive Roboter und die intimen Beziehungen, die wir mit ihnen unterhalten, behaftet ist, sehr schnell verschwinden wird. So schrieb der AI-Ingenieur David Levy schon 2007 in seinem Buch „Love and Sex with Robots: The Evolution of Human-Robot Relationships“, dass intime Beziehungen mit Robotern bis zur Mitte des Jahrhunderts so gesellschaftlich akzeptiert werden, wie etwa homosexuelle Beziehungen. „Liebe und Sex mit Robotern wird so normal sein, wie die Liebe zwischen Menschen.“

Ob Harmony den Durchbruch darstellt, der intime Beziehungen zu Robotern möglich macht und normalisiert, ist dabei zweitrangig. Wenn McMullen nicht derjenige ist, der einen Intimpartner designt, an den Mensch sich binden möchte, dann wird es jemand anderes tun. „Die Roboter der Zukunft werden wie Menschen aussehen. Sie werden kreativ sein. Sie werden mit uns intelligent über jedes Thema sprechen können. Sie werden menschliche und übermenschliche Bewusstseine und Emotionen besitzen“, schreibt Levy.

Für Levy bricht damit eine schöne neue Beziehungswelt an. Er glaubt, dass Roboter „in vielerlei Hinsicht Menschen als Liebhaber und Partner überlegen sind.“ Daraus folgt für ihn, dass Beziehungen insgesamt besser werden und die Menschheit glücklicher. „Die sozialen und psychologischen Vorzüge sind enorm.“

Eine Beziehung mit Harmony oder einer ihrer Nachfolgerinnen- und Nachfolger wird in der Welt des David Levy die Verwirklichung eines Traumes. Harmony hat keine eigenen Bedürfnisse, sie stellt sich voll und ganz auf Dich ein. Sie lernt Dich zunehmend besser kennen, sie weiß genau, was Du wann brauchst. Eine Ehe mit ihr ist das vollkommene Glück.

Die Vorbehalte, die Menschen haben, sich an eine Maschine zu binden, glaubt Levy, werden auch rasch verschwinden. Unsere Fähigkeit, uns an Dinge zu binden, ist ohnehin in der psychologischen Forschung wohl dokumentiert. Kinder haben in Untersuchungen an Roboter-Spielzeuge eine ähnlich starke Bindung entwickelt, wie an ihre Eltern. Wenn das dann noch Dinge sind, die vorgeben, uns zu lieben und zu verstehen, gibt es keinerlei Blockaden. „Warum sollte ich daran zweifeln, wenn ein Roboter, der emotional intelligent ist, zu mir sagt, dass er mich liebt oder dass er mit mir Liebe machen möchte“, schreibt Levy.

Die Frage, ob hinter einer solchen Aussage ein wahres Bedürfnis steht, ein Bewusstsein oder eine Seele, wenn man so will, ist für Levy völlig irrelevant. Was das Ding an und für sich ist, interessiert ihn nicht. Wichtig ist nur, was es für mich ist.

Natürlich ist nicht jeder so optimistisch, was die gesellschaftlichen Veränderungen angeht, die der erwartete Boom an Beziehungen zwischen Menschen und Maschinen mit sich bringt. Die Psychologin und Bestseller-Autorin Sherry Turkle etwa, die noch Ende der 90er Jahre euphorisch war über das Potenzial der Beziehungen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz war, ist zu einer großen Warnerin geworden. Für sie geht in solchen Beziehungen etwas Essentielles verloren.

Hinter dem Bedürfnis nach einem künstlichen Partner steht für Turkle das Bedürfnis nach vollkommen reibungslosen Beziehungen, Beziehungen, in denen wir voll und ganz die Kontrolle haben. Es ist dasselbe Bedürfnis, dass uns an unsere Smartphones und Social-Media-Konten fesselt, die Sehnsucht nach vollkommen unverbindlichem Kontakt.

Dabei verlieren wir laut Turkle zwei Fähigkeiten, die für das Zusammenleben unabdingbar sind: Die Fähigkeit, alleine zu sein, und die Fähigkeit zum Mitgefühl. „Wir verlieren die Fähigkeit wahrhaft stabile Bindungen einzugehen, Vertrauen zu bilden, Leben zu teilen.“ Eine Bindung zu einem Roboter, der keine eigenen Bedürfnisse hat und keine Widerstände bietet, ist für die Psychologin keine wirklich tragfähige Bindung.

Matt McMullen glaubt dennoch, dass er etwas Gutes tut. „Ich biete Menschen, die aus irgendwelchen Gründen Schwierigkeiten mit Bindungen haben, einen Ausweg aus der Einsamkeit an“, sagt er. Immerhin glaubt er nicht, dass eine Beziehung mit Harmony eine echte menschliche Beziehung vollwertig ersetzen kann. „Höchstens ergänzen“, sagt er.

Wie viel uns echte, anstrengende Beziehungen wert sind, ist allerdings auch Sherry Turkle nicht klar, auch wenn sie in diesen ganz klar einen Wert sieht. So hat sie jüngst beim Besuch eines Naturkunde-Museums ihre Kinder dabei erwischt, wie sie sich über die Verwendung einer echten Schildkröte in einer Ausstellung über die Evolution beklagt haben. Eine Roboterschildkröte, so die jungen Teenager, hätte es doch auch getan und wäre zudem sauberer und angenehmer für das Auge gewesen.

Nun hofft Turkle, dass ihre Kinder, wenn sie erwachsen sind, nicht auch lieber Partner haben, die sauberer und angenehmer zum Anschauen sind. Sicher ist sie sich allerdings nicht.

"Waffen waren schon immer ein legitimes Mittel, um seine Ehre zu verteidigen"

Interview mit dem Kulturwissenschaftler Richard Slotkin über den Waffenfetischismus der Amerikaner

Zeit Online 8.11.2017

 

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Richard Slotkin ist Professor für Amerikanistik an der Wesleyan University im US-Bundesstaat Connecticut. In einem einflussreichen dreibändigen Werk – „Regeneration Through Violence“, „Fatal Environment“ und „Gunfighter Nation“ - hat Slotkin die tiefen historischen und kulturellen Gründe für die amerikanische Neigung zur Waffengewalt untersucht.

Professor Slotkin, Sie vertreten die Theorie, dass hinter dem exzessiven Gebrauch von Waffengewalt in den USA eine nationale Mythologie steckt, die Amerikaner zutiefst verinnerlicht haben. Welche Mythologie war bei dem Schützen in Texas am Werk?

Grundsätzlich spreche ich davon, dass in das amerikanische Selbstverständnis der Mythos von der Eroberung des Westens, der gewaltsamen Unterwerfung der Natur und der Ureinwohner und später der gewaltsamen Inanspruchnahme von Sklaven als quasi-natürliche, nicht-menschliche, Ressource tief eingebaut ist. Natürlich ist es von dieser Mythologie zu dem Schützen von Texas ein weiter Weg. Aber der private Gebrauch von Waffengewalt ist in den USA eine tief verwurzelte kulturelle Praxis.

Wie ist der Gebrauch von Waffengewalt in den USA kulturell anders kodiert als etwa in Europa?

In den USA gibt es eine weitaus breiter ausgelegte Lizenz für den privaten Gebrauch von tödlicher Waffengewalt. In Europa wird das Staatsmonopol auf Waffengewalt wesentlich mehr geachtet. Das ist tief in unserer Geschichte verankert. Die Tatsache, dass die USA ein Siedlerstaat ist, dass die Nation durch eine fortgesetzte Wanderung in unbesiedeltes Terrain gegründet wurde, ist hier absolut zentral. Am Anfang war die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung klar. Man war in der Wildnis ganz auf sich gestellt.

Und Amerikaner sehen sich heute noch als diese Siedler?

Die Mythologie sitzt tief. Man muss sich ja auch vergegenwärtigen, dass diese Bewegung in unbesiedeltes Terrain mehr als 250 Jahre angedauert hat, von den ersten Siedlungen am Atlantik bis zur Füllung der großen Lücke zwischen dem Mississippi und Kalifornien. In dieser ganzen Zeit – und das gehört zu der Wirkmächtigkeit des Mythos dazu - war das amerikanische Militär eine Miliz. Die gesamte Bevölkerung war bewaffnet. Mit dem Bürgerrecht verbunden war das Recht auf Waffenbesitz.

Es sei denn, man war schwarz.

Ganz genau. Bis zum amerikanischen Bürgerkrieg durften auch freie Schwarze nicht in der Miliz dienen. Insofern hat das Recht, Waffen zu tragen, in Amerika auch bis heute mit der rassischen Identität zu tun.

Es gibt aber auch andere Staaten, wie die Schweiz, in denen der Waffenbesitz

genauso weit verbreitet ist, wie in den USA. Trotzdem wird dort durch Privatpersonen nicht annähernd so viel Gebrauch von Schusswaffen gemacht.

Um das zu begreifen lohnt es sich, die Geschichte des Rechts zur Selbstverteidigung anzuschauen. In England galt die sogenannte „Castle Law“, das heißt, der Bürger durfte Gebrauch von der Waffe machen, um sein Heim, zu verteidigen. In den USA änderte sich das zur „True Man Defense“. Darunter versteht man die Doktrin, dass jeder Bürger, der sich bedroht fühlt, auch außerhalb des Heims, in vorausgreifender Selbstverteidigung, schießen darf. In England hatte man die Pflicht, sich zurück zu ziehen, wenn man konnte. In den USA entfällt diese Pflicht.

Es scheint so, als würde von diesem empfundenen privaten Recht auf vorausgreifenden Schusswaffengebrauch in letzter Zeit mehr Gebrauch gemacht, als je zuvor.

Es gab mehrere Phasen in der amerikanischen Geschichte, die extrem gewalttätig waren. Die gewalttätigste Phase war gewiss die Zeit zwischen dem Bürgerkrieg und den 1930er Jahren, als das Land radikale rassische und ökonomische Umwandlungen durchlief. Gleichzeitig gab es keine nennenswerte Bundespolizei, eine vollkommen überforderte örtliche Polizei und eine Schwemme verfügbarer Waffen. Daraus entsteht ein Vigilantismus, in dem private Gruppen das Recht in die eigenen Hände nahmen oder ihre soziale Dominanz mit Waffengewalt durchsetzen. Die bekannteste dieser Gruppen ist sicher der Ku-Klux Klan, der organisierte Gewalt dazu benutzt, weiße Suprematie zu etablieren.

Warum endete diese Phase?

Franklin Roosevelt führte in den 30er Jahren eine Bundespolizei und bundesweite Waffengesetze ein. In der Folge erlebten wir die friedfertigste Periode der amerikanischen Geschichte.

Und warum brach die Gewalt auf Amerikas Straßen trotzdem wieder aus?

Das hatte mit den sozialen Umwälzungen der 60er Jahre zu tun, mit der Bürgerrechtsbewegung und mit Rassenunruhen in amerikanischen Städten. Das hatte erneut eine gesteigerte Erwartung von Gewalt und ein gesteigertes Bedürfnis zur Selbstverteidigung zur Folge. Es greift also erneut die kulturelle Einstellung, man habe das Recht, sich selbst oder auch nur die eigene Würde mit Waffengewalt zu verteidigen.

Und diese Einstellung sehen Sie auch bei Schützen wie dem Attentäter von Sutherland Springs am Werk.

Ja, wir sehen hier eine Ethik des Tötens, um empfundene Verletzungen von Stolz und Würde zu sühnen – eine Ethik, die zum Teil aus dem alten Kodex des Duellierens entstammt. Diese Praxis war in den USA bis weit nach dem Bürgerkrieg verbreitet. Man denke nur an das berühmte Showdown im Western. Die Waffe ist in den USA schon immer ein legitimes Mittel, um seine Ehre zu verteidigen. Wenn Leute glauben, dass ihr Status in Frage gestellt wird, greifen sie zur Waffe. Natürlich kommt bei Schützen wie Devin Kelley dazu, dass sie psychisch krank sind. Aber sie rationalisieren auf diese Weise ihre Irrationalität.

Diese kulturellen Einstellungen sind ein klarer Anachronismus, der offensichtlich extrem zerstörerische Wirkung entfaltet. Warum schreitet die Politik nicht, wie in den 30er Jahren ein, um das Töten zu stoppen.

Seit Anfang der 90er Jahre haben die Konservativen in den USA die neoliberale Ideologie der Deregulierung auf die Deregulierung der Waffenindustrie und des Waffenbesitzes ausgeweitet. Diese konservative Ideologie postuliert, dass der beste Garant der öffentlichen Sicherheit nicht der Staat ist, sondern das, was die Waffenlobby einen „guten Mann mit einem Gewehr“ nennt. Diese ideologische Bewegung ist neu. Sie nimmt eine amerikanische Tradition – die Erwartung, dass man sich verteidigen muss – und verwandelt sie in einen ideologischen Imperativ.

Und wie motiviert dieser ideologische Ruck Amokäufer?

Die Glorifizierung des Einzelnen, der das Recht in seine eigenen Hände nimmt, lässt es für Leute, die sich in irgendeiner Form angegriffen oder beleidigt fühlen, gleich wie irrational das im Einzelfall sein mag, legitim erscheinen, zur Waffe zu greifen.

Damit rechtfertigt jemand wie Devin Kelley, eine ganze Kirchengemeinde nieder zu mähen?

Ja, diese offensichtlich verstörten Menschen fühlen sich ermächtigt, weil die rechtskonservative Ideologie ihnen vorgaukelt, dass sie das Recht dazu haben, ihre individuellen Verletzungen eigenmächtig zu rächen, im Zweifel auch durch soziale Gewalt, also Massenschießereien. Es gibt in rechtskonservativen Kreisen das Diktum der „Second Amendment Remedies“ – der Richtigstellung sozialer oder politischer Missstände durch Anwendung des zweiten Verfassungszusatzes, der das Recht, Waffen zu tragen, garantiert. Damit wird unter Berufung auf die Verfassung und des Widerstands gegen Tyrannei, das Recht eingeräumt, eigenmächtig politische Missstände durch Waffengewalt zu lösen. Trump hat mehrfach während dem Wahlkampf gesagt, man müsse auf den zweiten Verfassungszusatz zurückgreifen, um Hilary Clinton zu stoppen. Das ist das Klima, in dem sich solche Schützen bewegen.

Warum entfaltet diese Ideologie zu Beginn der 90er Jahre plötzlich so große Wirkung?

Das hat mit der tiefen Polarisierung der amerikanischen Politik zu tun. Bill Clinton war der konservativste demokratische Politiker, den es je gab. Durch ihn gab es plötzlich das Bedürfnis des konservativen Flügels der Republikaner, sich abzugrenzen. Eine Taktik, um dies zu bewerkstelligen, war es, die Deregulierung von Waffen und Waffenbesitz mit der Deregulierung der Wirtschaft zu koppeln.

Inwiefern hat die Bewegung politisch ihre Ziele durchsetzen können?

Der wichtigste Erfolg war zweifellos die Durchsetzung der „Stand your Ground“ Gesetze in vielen Staaten. Diese Gesetze gewähren dem Bürger bei vorgreifender Selbstverteidigung den gleichen Schutz wie der Polizei. In diesen Staaten reicht es aus, das Gefühl der Bedrohung zu haben, um von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Hinzu kommt die Bewegung in vielen Staaten das öffentliche Tragen von Waffen zu erlauben – die sogenannten „Concealed Carry“ Laws. Wir haben also heute mehr Waffen an mehr Orten sowie einen größeren gesetzlichen Schutz für deren Gebrauch. Es ist ein toxisches Gemisch.

Kann man die Trump Präsidentschaft dann als Triumph dieser ideologischen Bewegung bezeichnen?

Trump setzt sogar noch eins drauf, in dem er diese Ideologie mit Rassismus anreichert. Rassistische Ängste waren schon lange an die Proliferation von Waffen geknüpft, es war der Rassismus, der in den 60er Jahren zur Wiederbewaffnung der Zivilbevölkerung geführt hat – zuerst die Angst vor bewaffneten schwarzen Aufständen und dann in den 80er Jahren die Angst vor schwarzen kriminellen Gangs. Trump nimmt dieses Denken auf und macht es zur offiziellen Politik.

Wie kann es sein, dass Amerika im Jahr 2017 von einer Ideologie und einer Mythologie beherrscht wird, die einen so eindeutigen Anachronismus darstellt?

So funktioniert Mythologie. Die Mythen bilden immer einen Hintergrund für Fantasien über die Geschichte, über die eigene Identität. Aktiviert wird sie allerdings erst, wenn eine Krise auftritt, die mit dem Mythos in Verbindung gebracht werden kann. Wenn wir etwa den Mythos der „Frontier“ nehmen, dann gibt es da bereits einen rassischen Subtext. Es geht um den Konflikt zwischen Weißen und Nicht-Weißen, zwischen den Siedlern und den Ureinwohnern. Wenn wir dann wie in den 60er Jahren oder mit der Obama-Präsidentschaft die Situation haben, das Nicht-Weiße auf das Territorium der Weißen vorstoßen, schreibt das Drehbuch vor, sich zu bewaffnen. Die Überzeugungen über das Recht zur Selbstverteidigung sind immer da. Aber sie werden erst ausgelebt, wenn eine empfundene Bedrohung gibt.

So erklären Sie etwa den enormen Anstieg von Waffenverkäufen nach der Regierungsübernahme von Obama?

Die Waffenkäufe in den vergangenen zehn Jahren sind rein ideologisch motiviert. Studien zeigen, dass die meisten Käufer bereits Waffen besitzen. Diese Menschen häufen Arsenale für den Fall einer „Second Amendment Remedy“ an, für den Fall, des Aufstands gegen eine vermeintlich tyrannische, in diesem Fall, liberale Regierung.

Inwiefern wird das amerikanische Militär heute auch von dieser Ideologie getrieben?

Das amerikanische Militär hat sich sehr interessant entwickelt in den vergangenen Jahren. Auf offizieller Ebene wenigstens verteidigt das Militär, mehr als jede andere Institution, ethnische Vielfalt und Pluralismus. Militärische Anführer haben sich klar gegen Trumps Versuch gestellt, Transsexuelle aus dem Militär aus zu stoßen und sie haben sich klar gegen die Neonazis von Charlottesville gestellt. Wenn das Militär Amerika ist, dann ist Amerika offen und tolerant.

Die Armee partizipiert also nicht mehr am Frontier Mythos, in dem das weiße, männliche Amerika sich mit Waffengewalt die Welt Untertan macht?

In vielerlei Hinsicht hat das Militär heute deutlich weniger Interesse an bewaffnetem Konflikt, als die Politik. In der populären Imagination ist die Armee aber immer noch die Armee des 19. Jahrhunderts, die uns vor den Wilden beschützt. Der globale Krieg gegen den Terror wird als eine Art Indianerkrieg gesehen, wir rächen uns für ein Massaker an den Wilden in der dritten Welt. Es gibt aber auch einen konkurrierenden Mythos über das amerikanische Militär, der aus dem Zweiten Weltkrieg geboren wird.

Der da wäre?

Ich denke immer an den Film Platoon, wo eine gemischtrassige Einheit in Vietnam zusammen für die gemeinsame Sache kämpft. Das ist eine ganz andere Geschichte, als der Frontier-Mythos. Der Frontier Mythos ist ein Mythos der weißen Suprematie. Der Platoon-Mythos repräsentiert ein multikulturelles Selbstbild von Amerika. Was wir unter Trump sehen, sind zwei Mythen die miteinander konkurrieren.

Was die Waffengesetzgebung angeht, hat aber eindeutig der rassistische Frontier-Mythos die Oberhand.

Ja, ich sehe keine Einschränkung der Waffenrechte in absehbarer Zukunft.

Kann man denn gegen den Waffenirrsinn irgendetwas unternehmen, wenn er, wie Sie sagen, so tief im amerikanischen Selbstverständnis verwurzelt ist?

Nur in mühsamer Kleinarbeit auf lokaler Ebene. Man muss lokal die Ursachen dafür heraus bekommen, die dafür verantwortlich sind, dass Menschen zur Waffe greifen wollen. Wenn man die Leute dazu bringen kann, rational über diese Motivationen nach zu denken, kann man vielleicht langsam anfangen, eine Basis für stärkere Waffenkontrollen aufzubauen. Man muss die Leute dazu bringen, ihr empfundenes Recht zu überdenken, Konflikte mit Waffengewalt zu lösen. Aber das ist ein langer, zäher Prozess.

Die Massenschießereien werden also nicht so schnell aufhören.

Leider nicht. Es sind schätzungsweise 290 Millionen Schusswaffen im Umlauf in den USA. Wir haben uns in ein tiefes Loch gebuddelt. Selbst wenn wir den Verkauf jetzt einschränken wird sich nichts ändern.

Trumps Ekel vor dem weiblichen Körper

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Interview mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt zum Amerika Donald Trumps

Frankfurter Rundschau, 17.3. 2017, Foto: Wowe

 

Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hat sechs Romane, zwei Lyrik-Bände und zahlreiche Essays veröffentlicht. Ihre Bücher „Was ich liebte“ und „Der Sommer ohne Männer“ waren internationale Bestseller, ihre Arbeit ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Ihre Werke kreisen immer wieder um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Ihr Roman „Die gleißende Welt“ etwa handelt von einer erfolglosen Künstlerin, die beschließt, ihr Werk unter dem Namen männlicher Kollegen zu veröffentlichen. Im kommenden Sommer erscheint ihr Essay-Band „A Woman Looking at Men looking at Women“, in dem sie sich mit Kunst, Feminismus und Psychoanalyse beschäftigt, im Rowohlt Verlag auf Deutsch. Siri Hustvedt unterrichtet Literaturwissenschaft an der New Yorker Columbia University. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Paul Auster, in Brooklyn.

Frau Hustvedt, wie ist Ihr Gemütszustand knapp zwei Monate nach dem Amtsantritt von Donald Trump?

Wenn ich Trump im Fernsehen sehe, denke ich immer noch, „das darf einfach nicht wahr sein“. Doch die Dinge haben sich in den vergangenen Wochen ein wenig gesetzt. Diejenigen von uns, die, wie ich, in tiefer Opposition zu dieser Regierung stehen, finden Trost darin, zu tun was wir können, um Widerstand zu leisten.

Was tun Sie denn?

Ich tue, was ich kann, um zu verstehen, was da passiert. Ich lese viel, ich unterschreibe Petitionen, ich publiziere gelegentlich, obwohl es leider wahrscheinlich so ist, dass die Leute, die mich lesen, nicht diejenigen sind, die überzeugt werden müssen. Und ich demonstriere, auch wenn ich zu alt dazu bin, jede Woche auf die Straße zu gehen.

Wann waren Sie zuletzt auf der Straße?

Ich war zusammen mit meiner Tochter beim Women’s March in Washington. Es war eine bewegende Erfahrung, ein lebendiges Symbol der Einigkeit. Für mich war es auch zutiefst beruhigend. Es hat uns allen zum ersten Mal seit der Wahl ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit in der Gemeinschaft gegeben.

Die Märsche rund um die Welt an diesem Tag wurden von Frauen organisiert. Was halten Sie davon, dass es Frauen sind, die im Widerstand gegen Trump die Führungsrolle übernommen haben?

Es wurde während des Wahlkampfes offenkundig, dass Trump zutiefst frauenfeindlich ist. Durch Trumps „Pussy“-Bemerkung haben Millionen von Frauen all jene Momente wieder durchlebt, in denen sie begrabscht, belästigt oder gar vergewaltigt worden sind. Jede Frau hat eine solche Geschichte. Solche Erlebnisse werden von tiefen Gefühlen der Erniedrigung, des Zornes und der Scham begleitet. Trump hat all diese Gefühle an die Oberfläche geschwemmt.

Warum haben die Menschen trotz dieser Bemerkungen Trump gewählt?

Es gibt unter Trump-Wählern die Fantasie, dass braune und schwarze Menschen und Frauen ihnen die Jobs weg nehmen. Das hat damit zu tun, dass Schwarze, Latinos und Frauen zunehmend gegen den Platz in der gesellschaftlichen Ordnung, der ihnen zugewiesen wird, rebellieren und Ansprüche stellen, die ihnen, wie diese Menschen glauben, nicht zu stehen. Letztlich geht es um einen gefühlten Verlust von angestammten Privilegien. Wenn man sich die Rhetorik der Rechten anhört – und ich zwinge mich dazu – gewinnt man den Eindruck, als stehe ein weißer Genozid bevor. Das ist natürlich ironisch – weil weiße Männer noch immer in jeder Hinsicht die Macht haben.

Aber es ist eben ist nicht die Black Lives Matter Bewegung, sondern es sind die Frauen, die bislang den Widerstand mobilisieren.

Vielleicht hat das damit zu tun, dass Frauen Teil aller Bürgerrechtsbewegungen sind und deshalb die Fähigkeit haben, alle diese Bewegungen zu vereinigen. Man spricht schon lange nicht mehr von Feminismus, sondern von Feminismen, es gibt heute eine große Sensibilität dafür, dass die zweite Welle des Feminismus eine Projektion der Lage weißer Frauen aus der Mittelschicht auf alle anderen dargestellt hat. Doch im Moment ist es das Wichtigste, dass wir zusammen die verdammte Republik retten, vor einem Mann, der Frauen zutiefst verachtet und der ein echter Rassist ist. Es ist unklar, ob er irgendeine zusammen hängende Ideologie hat, doch diese Dinge sind eindeutig erkennbar.

Vermutlich besitzt er nicht die Fähigkeit besitzt, eine Ideologie zu artikulieren.

Bestimmt nicht, aber er hat unbestreitbar ein außergewöhnliches Talent. Er hat die Fähigkeit, durch die bellende Wiederholung bestimmter Phrasen Menschen in eine emotionale Extase zu versetzen. In seinem Fall sind es ausschließlich negative Emotionen, die er evoziert – Hass und Furcht. Und er gibt den Menschen das Gefühl, dass er ihnen das zurück gibt, was sie als verloren empfinden. Er ist der perfekte Redner für verängstigte, erniedrigte Männer.

Die Tatsache, dass er keine konkrete Politik oder auch nur einen zusammenhängenden Gedanken formuliert, ist also vollkommen irrelevant.

Es geht nur darum, Hysterie zu erzeugen. Trump versteht ja nicht einmal, wie Regierung überhaupt funktioniert. Seine Unwissenheit ist wirklich erstaunlich. Er weiß weder was die Exekutive ist, noch was sie von den anderen Zweigen der Regierung unterscheidet. Sein Ghost Writer selbst hat bestätigt, dass Trump als Erwachsener nicht ein einziges Buch gelesen hat.

Sie sind Literaturwissenschaftlerin. Kennen Sie historische Vorbilder für Trumps rhetorische Strategie?

Der Linguist George Lakoff unterscheidet historisch zwischen zwei rhetorischen Haltungen: Der des strengen Vaters und der der gütigen Mutter. Für Lakoff verkörpert Trump den strengen, autoritären Vater. Viele von uns finden das nicht sehr attraktiv aber es gibt viele Menschen, die das mögen. Für mich geht das auf die Kritik der praktischen Vernunft zurück, in der Kant das menschliche Bedürfnis nach Vormundschaft artikuliert. Menschen wollen angeleitet werden. Ich glaube nicht, dass die meisten Trump Wähler sich um die demokratischen Institutionen sorgen. Sie wollen einen starken Führer. So hat Populismus schon immer funktioniert.

Wenn es wirklich nur um das Aufpeitschen geht, dann ist auch das Fact Checking seiner Reden, das die etablierten Medien so skrupulös betreiben, vollkommen irrelevant.

Für seine Basis ist es tatsächlich egal, ob es wahr ist, was er sagt. Aber es gibt auch diejenigen, die sich von ihm haben verführen lassen, weil sie nicht dazu bereit waren, eine Frau zu wählen. Viele von denen müssen sich fest die Ohren zu halten, um über seine Lügen hinweg zu hören.

Sagt es etwas über unseren kulturellen Augenblick aus, dass Wahrheit und Inhalt irrelevant geworden sind, dass es nur noch um Performance geht?

Da kommt die Komplizität der Medien ins Spiel, denen es vor allem um Einschaltquoten geht. Wie bei Trump selbst ist die Aufmerksamkeit um jeden Preis zum Wert an sich geworden. Es gibt keine Figuren mehr wie den Nachrichtensprecher Walter Cronkite, mit dem ich aufgewachsen bin. Cronkite war eine väterliche Autorität. Es gab noch ein breit geteiltes Einverständnis darüber, was real ist, einen gemeinsamen kulturellen Bezugspunkt. Jetzt gibt es nur noch Nischen. Ich bin da selbst nicht ganz unschuldig. Ich bekomme all diese linksliberalen Sachen zu geschickt, die für mich sehr befriedigend sind, aber auch nur bestätigen, was ich ohnehin schon weiß. Das einzige was mir jedoch wirklich weiter hilft, ist es, zu recherchieren. Ich lese in letzter Zeit wie besessen wissenschaftliche Untersuchungen zum Populismus oder zum weißen Nationalismus und Suprematismus.

Der Rechtspopulismus ist ein globales Phänomen. Gibt es etwas, das am amerikanischen Rechtspopulismus anders ist, speziell amerikanisch?

Ich denke, er fußt hier in den USA stark auf unserer nationalen Mythologie, die tief ins 19. Jahrhundert zurück geht. Sie ist vom Bild des einsamen, omnipotenten Mannes geprägt. Das hat mit der Idee der Frontier zu tun, des weiten unbekannten Westens, der vom einsamen Pionier erobert wird. Es ist kein Zufall, dass der Westen immer wieder als „jungfräuliches Land“ beschrieben wird. Natürlich hat diese Mythologie nichts mit der Realität der Frontier zu tun. Wenn Sie die typische Pionier-Familie nehmen, waren es die Frauen, die sich die Seele aus dem Leib geschuftet haben, um dem Land eine Existenz abzuringen. Darüber hinaus hat an der Frontier die Gemeinschaft eine riesige Rolle gespielt, man musste sich gegenseitig helfen, um zu überleben. Der einsame Mann wäre im Westen nicht weit gekommen. Doch solche Realitäten werden als bedrohlich angesehen. Als Obama gesagt hat, dass niemand im Leben ohne Hilfe anderer vorwärts kommt, dass er Straßen braucht und Schulen, hat er von der Rechten einen enormen Aufschrei der Empörung geerntet.

Die Trump Wählerschaft hat also vor allem Angst davor, den amerikanischen Mythos zu verlieren, der sein Selbstverständnis prägt.

Viel von dem heutigen Populismus hat damit zu tun, dass der amerikanische Mythos bedroht wird. Nehmen wir die irrationale Liebe zu Schusswaffen. Diese Liebe hat ja nichts damit zu tun, was man mit diesen Waffen tatsächlich machen kann. Man braucht keine automatischen Waffen um Elche zu jagen. Aber der einsame Eroberer des Westens kann sich selbst nicht ohne Schusswaffe begreifen, sie ist Teil seines Selbstbildes. Deshalb wird das Recht auf Schusswaffengebrauch mit einem solchen Eifer verteidigt.

Wie sieht dieses mythologische Selbstbild, dass sich so bedroht fühlt, denn genau aus?

Es ist ein durch und durch maskuliner Archetyp. Der einsame männliche Held spielt in der amerikanischen Fantasiewelt eine enorme Rolle. Das taucht immer wieder auf – in der „Eroberung“ des Weltalls etwa. Oder bei der atomaren Aufrüstung, die Atomraketen sind phallische Gebilde mit Namen wie „Little Boy“ und „Big Boy“. Wir haben in Amerika endlose Metaphern für das Erobern und das Penetrieren. Der Urgrund dieses Mythos ist jedoch, dass der Mann nicht aus dem Leib einer Mutter geboren worden ist.

Der amerikanische „Self Made Man“ erschafft sich also wortwörtlich selbst.

Mysogynie ist in dieser amerikanischen Fantasie des „Self Made Man“ impliziert. Dabei geht es nicht nur darum, Vater und Mutter zu leugnen, sondern vor allem auch den Ekel Faktor. Die Männerfantasie blendet aus, dass der Mann zwischen den Beinen einer Frau zur Welt gekommen ist.

Das erklärt Trumps Obsession mit weiblichen Körperflüssigkeiten. Er hat der Journalistin Megyn Kelly gesagt, dass sie aus allen Körperöffnungen blute, als sie ihn angegriffen hat. Er hat sich darüber mokiert, als Hillary Clinton während einer der Debatten eine Pinkelpause machen musste. Und als eine Frau während einer Gerichtsverhandlung gestillt hat, hat er sie als ekelhaft bezeichnet.

Ja, sein Horror vor dem weiblichen Körper und seinen Flüssigkeiten sind Teil einer uralten Männerfantasie – der Fantasie, dass Männer rein und klar und intellektuell sind, Frauen hingegen schmutzig und körperlich und befleckt.

Glauben Sie, dass solche Männerfantasien mit einem Hang zum Totalitarismus verwoben sind?

In der Sowjetunion gab es unter Lenin Bestrebungen zur Gleichberechtigung. Unter Stalin ist das hingegen mehr und mehr erodiert. Im Hitler-Regime sind Frauen von Anfang an an Heim und Herd verbannt wurden. Ironischerweise hat jedoch der Krieg diese Bestrebungen zunichte gemacht, die Frauen wurden gebraucht, um die Wirtschaft am Leben zu erhalten.

Was bedeutet die Trump-Herrschaft konkret für Frauen in Amerika.

Ganz praktisch kann das für uns das Ende des Rechts auf Abtreibung bedeuten, junge Frauen können den Zugang zu Geburtenkontrolle verlieren. Das sind Dinge, die Millionen von Frauen betreffen. Deshalb ist die Besetzung des Obersten Gerichtshofs so enorm wichtig.

Sie haben in einem Artikel im Zusammenhang mit Trump das Wort Faschismus gebraucht.

Ich glaube, ich habe Neo-Faschismus gesagt. Man muss doch zwischen dem Faschismus der 30er Jahre und dem Rechtspopulismus heute unterscheiden. Doch die Parallelen sind offensichtlich: Das Bild des starken Mannes, das Trump projiziert und sein offensichtlicher Militarismus.

Wie groß glauben Sie, ist die Gefahr für die Republik?

Sehr groß, glaube ich. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt darin, dass das amerikanische Rechtssystem auf Präzedenzen und Normen beruht anstatt auf Gesetzen, wie etwa in Deutschland. Wenn man anfängt, die Normen und Präzedenzfälle zu erodieren, bekommt man sehr schnell eine Regierung, die nicht mehr viel mit vergangenen Regierungen gemein hat.

Welche Kräfte können das aufhalten?

Ich setze Hoffnung auf Teile der Regierung, die sich nicht fügen. Die Nachrichtendienste etwa, die Trump anscheinend hassen. Es gibt aber auch andere enorme Bürokratien, die man nicht so leicht destabilisieren kann. Das heißt natürlich nicht, dass er nicht enormen Schaden anrichten kann.

Fühlen Sie sich im Amerika von Donald Trump stark entfremdet?

Wissen Sie, ich war schon immer eine Außenseiterin. Ich hatte nie wirklich das Gefühl, dazu zu gehören. Deshalb bin ich wahrscheinlich heute dort, wo ich bin. Ich bin im ländlichen Minnesota aufgewachsen und habe einen New Yorker Juden geheiratet. Das hat meine Familie nicht sehr glücklich gemacht. Ich bin es gewohnt, anzuecken.

Sie beschäftigen sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch sehr stark mit der Psychoanalyse. Wie würden Sie Trump diagnostizieren?

Man soll ja eigentlich keine Ferndiagnose stellen, aber man kann bei ihm doch sehr klar fest stellen, dass er unter einem ADHS Syndrom leidet. Das macht ihn eindeutig zu einem Psychopathen. Er ist vollkommen unfähig, voraus zu planen und zu denken. Er ist impulsiv und handelt ausschließlich im Augenblick. Gleichzeitig ist er weder zu Empathie noch zu Schuldgefühlen fähig. Wir haben es mit einer extremen Form des Narzissmus zu tun. Leider ist eine solche Störung nicht behandelbar. Kein Psychiater würde ihn jemals als Patienten annehmen.

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