Hinausgehen, nicht einigeln

Wie eine jüdische Gemeinde in New York auf die Anschläge von Pittsburg reagiert

Berliner Zeitung, November 2018

 

Der Eingangsbereich des Hebrew Tabernacle im New Yorker Stadtbezirk Washington Heights ist ein gespenstischer Ort, es ist schwer, sich eines starken Gefühls der Beklemmung zu erwehren, wenn man durch den niedrigen Raum geht, der zur großen Andachtshalle der Synagoge führt. Die Wände hier dienen als Hintergrund für eine ganz besondere Fotogalerie. Es sind vergilbte Fotos aus dem Deutschland vor 1938 zu sehen, Erinnerungsstücke an die prachtvollen Synagogen, die es damals in Städten wie Frankfurt, Berlin, Hamburg, München, Heidelberg und Nürnberg gab. Keine der abgebildeten Tempel hat unbeschadet den 9. November 1938 überstanden.

Seit mehr als 80 Jahren nun dient die Galerie den Mitgliedern der Gemeinde als eine schmerzliche Gedenkstätte. Schon zu Beginn der 30er Jahre, als der deutsche Antisemitismus seine immer hässlichere Fratze zeigte, kamen deutsche Juden hierher in den Norden Manhattans, wo es Fachwerkhäuser und großartige Ausblicke über den Hudson River gibt, der ganz ähnlich dem Rhein durch sein weites Tal dem Atlantik entgegen rollt. Sie fanden hier eine neue Heimat aber die gewaltsame Abtrennung von der alten schmerzt bis in die zweite und dritte Generation. Ein Schmerz, der bei jedem Tempelbesuch wieder durch die Glieder fährt.

Mark Hamburger etwa geht es so, dessen Vater Max 1938 nach Washington Heights kam und der seit seiner Kindheit in den 50er Jahren Mitglied des Hebrew Tabernacle ist. Auch wenn er keine persönliche Erinnerung an Deutschland hat, treiben ihm die Bilder vom untergegangenen jüdischen Leben in der Heimat seines Vaters Max jedes Mal einen Dorn im Fleisch.

Max Hamburger ist Ende der 80er Jahre verstorben, und es gibt überhaupt kaum mehr jemanden in Washington Heights, der sich noch an Deutschland erinnert. Deshalb stellt sich Mark Hamburger schon seit langem die Frage, wie man denn wohl in Washington Heights der Shoah gedenken wird, wenn keiner der Zeugen mehr da ist.

Seit wenigen Wochen hat Hamburger seine Antwort gefunden. Bei der Gendenkfeier zur Reichpogromnacht im Hebrew Tabernacle tritt der große schlanke Anwalt vor die Gemeinde und hebt zu einer zornigen Rede an: „Je länger diese Ereignisse zurück liegen“, sagt Hamburger, „desto schärfer rücken sie in den Blick. Nur zwei Wochen nach den Ereignissen von Pittsburgh ist uns die Reichskristallnacht näher denn je.“

Hamburger spricht aus, was viele Juden in Amerika empfinden, seit am 27. Oktober Gregory Brewer während der Shabbat Feier in die Tree of Life Synagoge marschierte, „Tod allen Juden“ schrie und 20 Minuten lang mit einem Sturmgewehr wild um sich schoss. Am Ende lagen 11 Menschen tot in ihrem Blut, sieben waren schwer verletzt.

Es war der schlimmste Akt anti-semitischer Gewalt in der Geschichte de USA, ein Schock, der den amerikanischen Juden ins Mark fuhr. Amerika, das war bislang für Juden neben Israel das eine Land in der Welt, in dem man sich sicher wähnen konnte, frei von Verfolgung und Diskriminierung. Nun steht das plötzlich in Frage.

Susanne Arbitman, die sich nicht als sonderlich religiös bezeichnet, aber die trotzdem heute zum Gedenkgottesdienst in das Hebrew Tabernacle gekommen ist, sagt, dass die Ereignisse in ihr etwas ganz tief sitzendes aufgerüttelt haben. „Ich bin lange nach dem Krieg geboren, aber wir tragen alle die Erinnerung in uns“, sagt die etwa 50-Jährige, die in Pittsburgh aufgewachsen ist aber seit mehr als 30 Jahren mit ihrer Familie in Washington Heights lebt. „Wir Juden haben dann sofort wieder den Impuls, unsere Sachen zu packen.“ So wie Juden das über Hunderte von Jahren hin immer wieder tun mussten.

Die Andachtshalle des Hebrew Tabernacle ist hell und prachtvoll, das Dach der Rotunde besteht aus buntem Glas und auch die hohen Seitenfenster sind von Glasmalereien geschmückt. Man hat versucht hier ein wenig von dem Glanz der großen Synagogen von Deutschland nach New York zu transportieren, die alle ein wenig vom Prunk ihrer christlichen Nachbarn inspiriert waren.

In das Glas eingelassen sind die Namen verdienter langjähriger Gemeindemitglieder, Namen wie Siegfried und Hedwig Frank, Norbert Lehmann und Emil Hartog, Namen deutscher Juden, die hier Zuflucht gefunden haben. In der Ecke hängt eine steinerne Gedenktafel an die Opfer des Holocaust. „Let us not forget. Our six million“, steht darauf.

Der Rabbiner Jeffrey Gale steht der Gemeinde erst seit wenigen Jahren vor und er sagt von sich, dass er das Gemeindeleben nicht mehr so sehr auf das Andenken an den Holocaust ausrichten möchten. „Wir müssen nach vorne schauen, wir haben eine neue Generation.“ Doch heute, am Gedenktag zur Reichpogromnacht steht die Vergangenheit im Mittelpunkt.

Zum Höhepunkt das Gedenkgottesdienstes werden in einem Kaddish feierlich die Namen der Vernichtungslager von Auschwitz bis Treblinka verlesen. Es ist eine schmerzvolle Erinnerungsübung, die alle Anwesenden vor der Ungeheuerlichkeit erschaudern lässt. Doch in seiner Ansprache kehrt der 65 Jahre alte Geistliche, dessen Vorfahren aus Russland stammen und der in seiner Freizeit Romane schreibt, in die Gegenwart zurück.

Rabbi Gale weiß, was seine Gemeinde bewegt. Er weiß, welche Gefühle das Massaker von Pittsburgh bei ihnen ausgelöst hat, er weiß, dass viele von ihnen, wie Susanne Arbitman den Reflex haben, wieder die Koffer zu packen. Und das möchte der Rabbiner heute ansprechen.

Gale berichtet von den Gesprächen, die er seit Pittsburgh mit den Nachbarn des Hebrew Tabernacle geführt habe, mit Anwohnern und Anführern nicht-jüdischer Gemeinden, mit christlichen und muslimischen Geistlichen. Er berichtet von den überwältigenden Zusprüchen der Anteilnahme und der Solidarität. Und das macht ihm Hoffnung.

„Wir dürfen uns heute nicht zurück ziehen und glauben, dass es wieder einmal die gesamte nicht-jüdische Welt auf uns abgesehen hat“, sagt Gale. „Im Gegenteil, wir müssen uns daran erinnern, dass die Schicksale aller ethnischen und religiösen Gruppen in diesem Land miteinander verwoben sind.“

Gale spricht auf die Gemeinde in Washington Heights an, einem Stadtbezirk, der stolz darauf ist, immer wieder Verfolgten und Minderheiten Zuflucht geboten zu haben. Hier haben katholische irische Bauern eine Heimat gefunden, Juden aus Osteruopa und Deutschland, Afro-Amerikaner, Kubaner und Dominikaner. Und sie haben sich nie gegeneinander gewandt sondern stets den anderen mit Empathie und Herzlichkeit behandelt.

So ist Washington Heights auch ein Zentrum des Widerstands gegen Donald Trump. Seit die Anti-Einwanderungstruppen von Trump hier Razzien durchführen, um die undokumentierten Latinos zu verhaften ist man zusammen gerückt. Die liberalen Juden von Washington Heights und die dominikanischen Organisationen, die neue Einwanderer zu schützen suchen, arbeiten eng zusammen. Als sich im vergangenen Sommer eine Gruppe weißer Suprematisten im Fort Tryon Park, dem zentralen Park des Viertels getroffen hatte, gab es am nächsten Tag eine massive Gegendemonstration.

Für Rabbi Gale kann nur das die Lehre aus Pittsbugh sein – ein Widerstand gegen das allgemeine Klima des Hasses in den USA, geschürt durch die Mächtigen in Washington, die er zwar nicht mit Namen nennt, die er aber sehr unmissverständlich impliziert. „Wenn Afro-Amerikaner in einem Supermarkt wegen ihrer Hautfarbe erschossen werden, dann geht uns das alle an“, sagt Gale. „Wenn undokumentierte Einwanderer eingesperrt und deportiert werden, dann geht das uns alle an“, sagt er. „Hasserfüllte Worte führen zu hasserfüllten Taten.“

Die Botschaft, mit der Gale seine Gemeinde in die nasskalte Novembernacht von Washington Heights entlässt ist die, dem Impuls zu widerstehen wieder zu packen und weiter zu ziehen oder sich zumindestens einzuigeln. Gale will, dass die Juden bleiben und für ihr Amerika kämpfen. Für ein offenes, multikulturelles Amerika, für jenes Land, das ihnen seit Jahrhunderten meistens freundlich begegnet ist.

Robert Snyder, ein 60-Jährier Geschichtsprofessor, der in Washington Heights aufgewachsen ist, nimmt diese Botschaft gerne mit, sie entspricht seiner Überzeugung. Und doch kann er nicht verhehlen, wie sehr ihm das Amerika Donald Trumps Unbehagen bereitet.

Snyder ist fort gezogen aus Washington Heights, er lebt mit seiner Frau in einem großzügigen Apartment an der Upper East Side. Die Bücherwände quellen über, der Wohnzimmertisch ist mit Papieren übersät. Snyder entspricht dem Klischee eines jüdischen Intellektuellen, tief in seinen geistigen Welten verloren.

Wenn Snyder redet, hat er die Augen halb nach Innen gerollt, so als wolle er seine Gedanken besser hören, Gedanken die er überaus sorgsam und zaudernd artikuliert. „Ich sage mir, dass viele Afro-Amerikaner trotz allem, was ihnen in diesem Land widerfahren ist, nicht an Amerika verzagen. Also haben wir erst recht keinen Grund zu verzagen.“

Aber Snyder gibt auch zu, dass er mit Zweifeln ringt. „Ich habe Gedanken, die ich lieber nicht hätte“, sagt er. Etwa, sich eine Waffe zuzulegen oder was er tun würde, wenn jemand mit einem automatischen Gewehr seinen Seminarraum stürmt während er unterrichtet. Oder, wann für ihn der Zeitpunkt kommt, in den Widerstand gegen das Trump Regime zu gehen.

Erst vor Kurzem, erzählt Snyder, habe er ein Buch seines Kollegen Sheridan Allen wieder gelesen, das die Machtübernahme durch die Nazis in einer deutschen Kleinstadt der 30er Jahre dokumentiert. Darin spielt eine Gruppe von Sozialdemokraten eine Rolle, die während des gesamten Dritten Reiches auf den Aufruf zum bewaffneten Aufstand gewartet hätten. Doch der Ruf kam nie.

Snyder mag nicht auf den Ruf warten, bis es zu spät ist. Er geht regelmäßig auf die Straße um gegen Trump zu demonstrieren und er hat bei den Zwischenwahlen im November aktiv demokratische Kandidaten unterstützt. Und er hält ständig Vorträge und leitet Diskussionen.

„Amerikaner müssen heute lernen, dass Demokratien fragil sind“, sagt Snyder. „Sie müssen es schnell lernen und sie müssen es mit Demut lernen.“ Und so hat Snyder für sich als Lehre aus Pittsburgh formuliert, diesen Nachhilfeunterricht anzubieten, wo er nur kann. Die Koffer kann er dann immer noch packen, wenn all das nicht fruchtet.

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