Es war einmal in Amerika

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Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, November 2014

Pater Fabian sitzt tief in sich versunken auf einem Stuhl im Gang seiner Kirche, der Church of the most precious blood an der Baxter Street, er merkt es kaum, wie seine Gemeinde an ihm vorbei in das Hauptschiff zieht und dabei fast über seine Füße stolpert. Man könnte beinahe meinen, er hält ein Nickerchen. Fabian muss sich sammeln, er ist schließlich schon 88 Jahre alt und den Sonntagsgottesdienst hier zu halten, ist für ihn eine enorme Anstrengung.

Doch seine Schäfchen nehmen es ihm nicht übel, dass er nicht mehr der Agilste ist, sie sind mit ihm alt geworden in seinen 30 Dienstjahren hier. Nicht einmal zwei Dutzend sind es, die an diesem Sonntag hierher gefunden haben, in den schlichten 120 Jahre alten Klinkerbau im Herzen von Little Italy.  Kaum jemand ist jünger als 65, nur ein einziger Teenager ist dabei, der seinen Protest gegen den erzwungenen Kirchenbesuch durch das Tragen eines Seidentrainingsanzugs in den Farben des AS Rom ausdrückt.

Es ist der harte Kern von Little Italy, der sich hier bei Pater Fabian jeden Sonntag trifft, die letzten Nachfahren der süditalienischen Einwanderer, die in den 1870er Jahren das Viertel im Süden von Manhattan gegründet haben – eines der berühmtesten Einwandererviertel New Yorks. Die Church of the most percious blood, dem heiligen Gennaro, Schutzpatron von Neapel, gewidmet, ist für viele das einzige, was sie noch an das Viertel bindet, die meisten leben schon lange nicht mehr hier. 

Doch zumindest die Alten kommen noch einmal pro Woche um den Kontakt zu ihren Wurzeln zu halten, um Pater Fabian zu sehen, um miteinander italienisch zu sprechen und um nachher in einem der Cafes an der Mulberry Street einen Espresso zu trinken; einem jener Cafes, die den Touristen vorgaukeln, dass dies noch ein authentisches Einwandererviertel ist. Dann verschwindet man wieder in seine Vorstadthäuser in Queens und in New Jersey und nimmt sein ganz normales amerikanisches Leben wieder auf.

Emily De Palo ist einige der wenigen, die nach dem Gottesdienst nicht wieder die Stadt verlässt. Emily lebt in der Grand Street, in der Wohnung, in der sie aufgewachsen ist, nur zwei Blocks von der Kirche entfernt, mitten im Zentrum dessen, was von Little Italy noch übrig ist. Und das ist nicht viel. Da ist ihre Straße, mit den beiden alten Feinkostläden DiPalo und Ferrara, da sind die zwei Blocks mit Touristenlokalen an der Mulberry Street und das kleine Museum an der Ecke Mulberry und Grand im Gebäude der alten Stabile Bank. Östlich und südlich davon wird das Karree von den Chinesen beengt, deren Viertel heute drei Mal so groß ist, wie Little Italy, von Norden bedrängen die Yuppies und die Hipster Piccola Italia.

Emily ist die Gemeinde-Sekretärin der Precious Blood Church und sie macht sich Sorgen. Sie macht sich Sorgen um die Gemeinde, in der sie schon getauft wurde. Und sie macht sich Sorgen um Little Italy. „Das ist alles sehr beunruhigend“, sagt sie sichtlich aufgeregt, als sie nach dem Gottesdienst im Gemeindebüro hinter ihrem Schreibtisch sitzt und nervös für Pater Fabian die Post sortiert.

Emily, eine jung gebliebene 60-Jährige mit dunklen süditalienischen Augen und einem schweren New Yorker Akzent, hat Angst, dass es die Gemeinde, das Herz des alten Little Italy,  bald nicht mehr geben wird. Fabian ist schon lange im Ruhestand, er hält nur deshalb noch Gottesdienste, weil es keine Nachfolger gibt und es sonst niemand machen würde. Die Diözese hat kein Geld, es gibt Überlegungen, Precious Blood mit einer anderen Gemeinde zusammen zu legen. Oder sie ganz aufzulösen.

Für Emily DePalo wäre es eine Katastrophe, ein weiterer bitterer Verlust dessen, was für sie Heimat darstellt. Sie fühlt sich ohnehin schon fremd in ihrem eigenen Viertel, in dem nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Das beginnt schon in ihrem Haus, einem fünfstöckigen Tenement-Building – jenen klassischen Einwandererquartieren, die seit dem frühen 20ten Jahrhundert auf Manhattans Lower East Side die Neuankömmlinge aus Italien, Osteuropa und auch China beherbergen.

Emilys Eltern waren in dem Haus eine von einem Dutzend italienischer Arbeiterfamilien. Ihr Vater war Schauermann an den Docks im East River, ihre Mutter kümmerte sich um den Haushalt.  Das Gebäude war das sprichwörtliche Dorf, das gebraucht wird, um ein Kind groß zu ziehen. Emily und ihre Altersgenossen waren immer zusammen bei irgendeiner Familie im Haus oder auf der Straße unterwegs aber keine der Eltern machten sich je Sorgen. „Jeder kannte jeden im Viertel, wir waren nie unbeaufsichtigt.“

Jetzt kenne sie jedoch niemanden mehr im Haus,„das sind alles Yuppies“, sagt sie. Das Schlimme daran sei jedoch gar nicht so sehr, dass da neue Leute seien. Viel schlimmer sei, dass jeder isoliert vor sich hin lebe. „Die grüßen, nicht, die schauen einfach durch Dich durch.“ Zuerst dachte Emily, das habe etwas mit ihr persönlich zu tun, weil sie anders ist, weil sie älter ist und aus einfachen Verhältnissen stammt. „Aber dann habe ich gemerkt, dass die sich untereinander genau so benehmen.“

Doch Emily ist stur, sie wird den Yuppies nicht weichen und auch nicht den Chinesen, obwohl sie sich gar nicht laut genug darüber aufregen kann, „dass die auf der Mott Street mitten auf der Straße ihre Fische ausnehmen. Wir leben doch nicht in der dritten Welt.“ So lange ihre Wohnung nicht die Mietpreisbindung verliert hält sie die Stellung. „Ich könnte nie aufs Land ziehen, ich hasse den Geruch von Gras.“ Und das Land, das fängt für Emily, wie sie sagt, schon auf der anderen Seite des East River in Brooklyn an.

Emily ist ein Dinosuarier hier in Little Italy, eine bedrohte Gattung. Die anderen übrig gebliebenen Nachfahren von Einwanderern kann Emily an einer Hand abzählen. „Da sind zwei Leute auf Hester Street, eine Familie in der Broome Street, da ist Lou di Palo mit seinem Laden und der alte Ernie Rossi mit seinem Geschäft.“ Mehr fallen ihr auf Anhieb nicht ein, die Touristen-Restaurants auf der Mulberry Street, glaubt sie, gehören bis auf wenige Ausnahmen Albanern und da geht sie sowieso nie hin. Und trotzdem ärgert sie sich  über die Presseberichte, die das sterbende Klein-Italien besingen. „Wir sterben nicht, noch sind wir hier.“

Die Stadtsoziologen wundern sich unterdessen, dass überhaupt noch Leute wie Emily in Little Italy leben. „Eigentlich dürfte es die gar nicht mehr geben“, sagt Richard Alba, Experte für Integration und Assimilation an der City University of New York. „Sie sind Überreste aus einer ganz anderen Zeit.“

Die großen Einwanderungswellen aus Süditalien, erklärt Alba in seinem Büro gegenüber dem Empire State Building, seien Mitte der 1920er Jahre abgeschlossen gewesen. Seitdem gebe es praktisch keinen Zuzug mehr nach Little Italy, von einer vorübergehenden Nachzügler-Phase nach dem Krieg einmal abgesehen, der Zeit, in der auch Emilys Vater aus Neapel kam.

Die meisten Italiener der zweiten Generation sind dann spätestens in den 60er und 70er Jahren aus den beengten, schmuddeligen Verhältnissen von Little Italy geflohen, zu der Zeit, als es ohnehin Trend war, aus der Stadt heraus und in die Vororte zu gehen. Zuerst wurden sie von den Chinesen abgelöst, für die nach dem Krieg die Einwanderungsbestimmungen gelockert wurden. Und wer die Expansion von Chinatown überlebt hat, dem hat dann die rasende Gentrifizierung der vergangenen 20 Jahre den Rest gegeben.

So ist etwa die gesamte Gegend zwischen Kenmare und Houston Street von der Immobilienbranche in NoLita umgetauft worden, was so viel heißt wie North of Little Italy. „Das sollte Northern Little Italy heißen und nicht North of Little Italy“, sagt Emily Di Palo bissig.

Doch der Quadrant hat mit Little Italy nur noch wenig gemein. Er ist ein Shopping Bezirk für die jungen Betuchten, mit Spezial-Boutiquen, wie etwa dem „Bed Head“ einem Geschäft für Designer Schlafanzüge in der Elizabeth Street oder der Edel Juwelierin Erica Weiner. Wie wenig „NoLITa“ noch mit dem Einwandererbezirk gemein hat, zeigt sich jedes Jahr zum traditionellen San Gennaro Fest, zu dem seit 88 Jahren die Italo-Amerikaner aus der ganzen Stadt nach Little Italy kommen um auf der Straße italienische Würste und Canolis zu essen und auch das eine oder andere Viertel Rotwein zu trinken. Das Volksfest passt den Boutique-Besitzern von NoLiTa überhaupt nicht, es vertreibt ihnen die Luxus-Kundschaft und sie haben deshalb bei der Stadt eine Eingabe gemacht, das Fest auf die Gegend südlich von Kenmare zu begrenzen.

Für Richard Alba ist das Verschwinden von Little Italy ein ganz normaler Prozess der Stadtentwicklung. „Kein Einwandererviertel hält länger als drei Generationen, dann kappen die Nachfahren die Verbindung und assimilieren sich in den Mainstream.“ Das sei mit den Juden der Lower East Side ebenso passiert wie mit den Deutschen und den Iren und das werde auch mit den Chinesen passieren, den Puerto Ricanern in der Bronx oder den Arabern von Sunset Park in Brooklyn.

Was bleibt ist eine Art Freiluftmuseum, das „den Eindruck vermitteln soll, wie es einmal war, in einem Einwandererviertel zu leben.“ Man kann im Caffe Roma seinen Espresso trinken und sich vorstellen, wie das war, als sich die Mafia Bosse hier getroffen haben um ihre Geschäfte zu machen, man kann in Umbertos Clam House Spaghetti Vongole essen und sich dabei von einem Akkordeon-Spieler mit italienischen Schnulzen besingen lassen und man kann in den Souvenir-Läden Italien-Kitsch von Balotelli-Trikots über Espresso-Maschinen bis hin zu Little Italy T-Shirts kaufen.

Für den Stadtsoziologen mit dem distanzierten akademischen Blick ist das eben der Lauf der Welt, er nimmt das mit einem kühlen Schulterzucken zur Kenntnis. Doch für die letzten Italiener von Little Italy, für die Erben der Gründer jenes Viertels, das heute den Touristen als potemkisches Dorf vorgegaukelt wird, ist es eine Tragödie.

Ernesto Rossi ist schon den ganzen Nachmittag am Telefon. Aufgeregt läuft er zwischen den Stapeln an Kisten und den Bergen vonn Kruscht herum, die seinen Laden vollstopfen, einem Laden, dessen Konzept schon lange nicht mehr so richtig klar ist. Man kann hier Kochtöpfe kaufen und Madonnen Figuren, Fußball-Trikots und Schlüsselanhänger, Little Italy Souvenirs, Postkarten, CDs mit italienischen Schlagern und Videos in italienischer Sprache.

Am Eingang ist sein Name als Mosaik in den Fliessenboden eingelassen - E.Rossi, 1910 - steht da. Seit damals betreibt seine Familie das Geschäft, sein Urgroßvater verkaufte hier Noten mit italienischen Liedern und Arien. Es war ein großer Erfolg in Little Italy, für die Leute war die Musik eine wichtige Verbindung zur Heimat. Deshalb schrieben sie auch neue Canzoni über das Leben hier in Amerika, die Herr Rossi  dann verlegte und im Viertel vertrieb, wo sie dann zu veritablen Gassenhauern wurden.

„Ernie“, wie man den Ernesto der vierten Generation in Little Italy nennt, hat noch den ganzen Kram seines Urgroßvaters, die Noten und die alten Schallplatten aber jetzt hat er das Lager hier in Little Italy verloren und sucht gerade verzweifelt nach einem bezahlbaren Stauraum anderswo in der Stadt. Es ist das Erbe seiner Familie und Ernie ist völlig aufgelöst.

Aber die Sache geht ihm nicht nur an die Nieren, weil er sich um die Noten und die Schallplatten sorgt, die auch ein Stück Kulturerbe des Viertels sind. Ernie weiß genau, dass es als Nächstes seinem Geschäft an den Kragen geht. Seine Wohnung hier kann er sich schon lange nicht mehr leisten, er lebt draußen in Flatbush, 45 U-Bahn Minuten von Litle Italy entfernt.

„Ich will ja den Laden halten“, sagt er, während er sich schnaufend auf einem kleinen Schemel hinter der Theke niederlässt. „Aber es wird immer schwieriger.“ Und was macht er, wenn er nicht mehr den kleinen Kramladen hier hat, den er von seinem Vater geerbt hat, der ihn von seinem Vater geerbt hat? „Ich weiß es nicht“, sagt er und schaut dabei traurig auf die abgewetzten Dielen unter seinen Füßen. „Ich weiß nicht, wo ich dann hin soll.“

Für Lou DiPalo schräg gegenüber sehen die Dinge derweil deutlich besser aus. Lou hat sich den neuen Zeiten angepasst, er hat den Übergang gemeistert. Der alte Feinkostladen seines Großvaters ist heute ein Gourmettempel, man kommt aus der ganzen Stadt zu Lou um Prosciutto di Parma, Riccotta, Olivenöl und die feinsten Weine aus allen italienischen Regionen einzukaufen. Die neuen Bewohner von Little Italy und die Hipster aus NoLITa lieben ihn.

So kann Lou es sich leisten, die Frage nach der Zukunft von Little Italy philosophisch zu sehen. „Was zählt, ist doch der Geist von Little Italy, der Geist des italienischen Immigranten“, sagt er, während er in seiner Enoteca einer junge Frau von einem Catering Unternehmen seine sizilianischen Weißweine vorführt. Sicher, Lou verkörpert diesen Geist, ein Einwandererenkel, der aus dem  Familienbetrieb durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen etwas gemacht hat. Der es aber auch verstanden hat, die romantische Aura einer alten untergegangenen Welt profitabel zu vermarkten.  Einer Welt, von der bis auf die Aura nichts mehr übrig ist, wenn Ernie und Emily und Lou einmal nicht mehr hier sind.

  

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