Fahrradkriege

  • Fahrradkrieg
Immer mehr Fahrradfahrer bevölkern die Straßen von New York. Darüber ist nicht jeder glücklich
(Berliner Zeitung)

Daniel Kummer bittet jetzt schon zum dritten Mal um Ruhe im alten Gerichtssaal des 78ten Polizeireviers von Brooklyn und jedes Mal wird seine Simme ein wenig lauter. Doch es strömen noch immer Leute vom Gang in den dringend renovierungsbedrüftigen Raum mit seinen vergilbten Wänden, abgewetzten Bänken und seiner schmuddeligen amerikanischen Fahne, die schlaff von einem Mast in der Ecke hängt.

Gewöhnlich kommen zu den Sitzungen des Community Board Nummer Sechs, dem der rundliche Steuerbeamte in seinem dunkelblauen Discount-Anzug vorsteht, höchstens zwei Dutzend Menschen. Lokalpolitik auf niedrigster Ebene ist ein dröges Geschäft, nichts, womit geschäftigte New Yorker gerne ihren Feierabend verbringen. Heute ist jedoch scheinbar die ganze Stadt hier, inklusive der Reporter und Fotografen der drei Tageszeitungen. Dabei ist der Haupttagesordnungspunkt der Sitzung auch nicht staatstragender, als die Dinge, mit denen Kummer und die anderen Ausschußmitglieder sich gewöhnlich herum schlagen. Es geht um einen Fahrradweg, nicht mehr und nicht weniger.

Genau daran möchte Kummer erinnern, bevor er die Ausführugen der verschiedenen Parteien anhört – die der Anwohner, die gegen den Radweg am Prosepct Park, etwa zwei Kilometer von hier entfernt, klagen, die der Fahrrad-Befürworter, die der Verkehrsbehörde der Stadt. Er hat deshalb die aktuelle Ausgabe des Londoner Guardian mitgebracht und hält einen Artikel hoch, über dem in fetten Lettern steht: „Wie eine New Yorker Fahrradspur die Zukunft des Fahrrads auf der ganzen Welt entscheiden könnte."

Kummer will die Schlagzeile als Mahnung verstanden wissen, wie überdreht diese Sache mittlerweile ist. „Ich hoffe", sagt er, nervös hin und her wippend, „dass wir heute eine zivilisierte Diskussion haben können." Fahrradwege seien schließlich ein Thema, „zu dem wohlmeinende Bürger in gutem Glauben eine sachliche Auseinandersetzung haben können."

Es ist ein frommer Wunsch in dem politischen Klima, das derzeit in New York herrscht. Fahrradspuren sind hier längst nicht mehr nur Fahrradspuren. Sie sind „Symbole für den Babysitter-Staat und ein Referendum über die Zukunft des Auomobils", wie die New York Times schrieb. Oder, wie das New York Magazine sie in der Titelgeschichte seiner neueste Ausgabe bezeichnete, „die neueste Front im urbanen Kulturkampf."

Es ist ein alter Kulturkampf in den USA, so alt wie die ergrauenden Ex-Hippies, die heute in Park Slope ihre putzigen Sandstein-Häuschen haben, in jener Brooklyner Gegend, durch die der umstrittene Fahrradweg läuft. Es ist der Kulturkampf zwischen Konservativen und Progressiven, zwischen Jung und Alt, zwischen Grün und Rot, das anders als in Europa die Farbe der Rechten ist. Seit den 60er Jahren zerreißt dieser Kampf Amerika und arbeitet sich an allem möglichen ab, von Abtreibung über Abrüstung und Besteuerung bis hin zur Schwulenehe. In New York kapriziert sich in den vergangenen Monaten dieser ganze Kampf in New York jedoch auf einen einzigen Kilometer Straße entlang des Prospect Park im Herzen Brooklyns.

Dabei wirkt der Ground Zero des New Yorker Fahrradkriegs an den ersten warmen Tagen des Jahres richtig gehend idyllisch. Die Äste, die über die Außenmauer des Parks wachsen, zeigen erste Knospen, auf den Bänken darunter sitzen Mütter mit Kinderwägen in der Sonne. Vor den eleganten Apartmenthäusern gegenüber helfen livrierte Doormen den Bewohnern beim Ausladen von Einkäufen. Die Radfahrer, die etwa im Minutentakt auf dem grün markierten Streifen zwischen dem Park und einer sie schützemdem Spur geparkter Fahrzeuge vorbei kommen, stören weder die Fußgänger, noch den Verkehr.

Die Argumente gegen die Spur sind ganz offensichtlich fadenscheinig: Dass sie den Verkehrsfluß hemmt etwa, dass die Radfahrer für Fußgänger, welche die Straße überqueren wollen, eine Gefahr darstellen, oder dass die Markierung sowie die Radler selbst das historische Bild des beschaulichen Großbürgerviertels stören. Die Fahrradspur am Prospect Park West verdient an sich nur schwerlich den Lärm, den sie entfacht hat. Sie ist bloß der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Bis vor zehn Jahren waren die Radfahrer in New York eine Randgruppe, eine anarchische Subkultur. Niemand, der nicht verrückt war, versuchte sich per Zweirad durch die Straßen dieser Stadt zu kämpfen, auf denen sich rücksichtslose Taxifahrer, Busse und rasende Polizeiautos einen täglichen Krieg um jeden Zentimeter Straße lieferten. Lediglich Fahrradkuriere stürzten sich in dieses Chaos und machten aus ihrem Todesmut und ihrer überlebensnotwenigen Fahrkunst einen Kult.

Diejenigen, die für das Rad als Verkehrsmittel warben, waren Punks und Öko-Radikale. Sie demonstrierten so sehr gegen das Establishment insgesamt, wie für eine Diversifizierung der Transportmittel in der Stadt. Ihre monatlichen „Critical Mass" Fahrrad-Demos arteten nur allzu oft in Raufereien mit der Polizei aus. Die Rad-Punks wollten provozieren, sie suchten Ärger.

Nachdem Michael Bloomberg 2002 Bürgermeister wurde, änderte sich jedoch alles. Der Medienunternehmer hatte es sich von Anfang an auf die Fahne geschrieben, das Werk, das sein Vorgänger Rudy Giuliani begonnen hatte, zu seinem logischen Ende zu führen. Nachdem der eiserne Rudy die Straßen von Drogenbanden, Bettlern und Obdachlosen befreit hatte, wollte Bloomberg zumindest Manhattan ein für alle mal zu einem sauberen, sicheren Ort mit einem Standard an Lebensqualität machen, der den Ansprüchen der gut verdienden Elite New Yorks in jeder Hinsicht genügt und sie davor bewahrt, wieder in die Vororte abzuwandern.

Bloomberg verbot das Rauchen in allen öffentlichen Gebäuden, er renovierte die U-Bahn, er erhöhte die Hygieneauflagen der Restaurants. Und er legte einen Plan vor, wie New York bis zum Jahr 2030 die grünste Stadt der USA werden könnte. Die Wolkenkratzer mussten alle energieffizient nachrüsten, es wurden im großen Stil Brachflächen begrünt und Parks angelegt und Hunderte von Kilometern von Radwegen angelegt.

Das ging alles bis vor Kurzem gut. Man begrüßte im allgemeinen die Innovationen, immer mehr Manhattaner kauften sich Räder, pendelten zur Arbeit und fuhren am Wochenende am Hudson-Ufer auf und ab. Die Finanzbosse warfen immer mehr die Golfschläger weg und kauften sich Rennräder, um im Central Park Rennen zu fahren. Radfahren rückte in den Mainstream.

Der erste offene Widerstand gegen die Radwege rührte sich, als vor zwei Jahren im Brooklyner Stadtviertel Williamsburg eine Fahrspur entlang der Bedford Avenue angelegt wurde. Williamsburg wird schon seit Jahren von der Spannung zwischen den alteingesessenen orthodoxen Juden und der jungen, ultra-coolen Hipster-Szene geprägt, die sich zur Williamsburg Bridge hin ihr Biotop mit schicken Cafes und Musikclubs geschaffen hat.

Natürlich fahren die Hipster alle Fahrrad. Die von den Radkurieren ab geguckten Singlespeed-Räder sind für sie ein unverzichtbares Modeaccessoir. Als die Radspur durch den orthodoxen Teil von Williamsburg gezogen wurde, empfanden die Hasidim das demnach als Invasion. Es kam zum Clash. Die Juden übermalten die Fahrbahn tagsüber, die Hipster malten sie nachts wieder hin. So ging das monatelang, bis die Stadt nachgab und die Radspur aus angeblicher Rücksicht auf religiöse Sensibilitäten entfernte. Eine Klage war es gewesen, dass während des Sabbath leicht bekleidete junge Frauen durch das Viertel pedalierten.

Es war der Beginn dessen, was das New York Magazine in seinem Artikel als „Bikelash" bezeichnete – in Abwandlung des Wortes „Backlash" oder Gegenreaktion. Die Hasidim machten den Anfang, in ihrem Windschatten machten immer mehr Fahrradgegner ihrem Unbehagen dagegen Luft, dass die Radler sich immer selbtbewusster auf den New Yorker Straßen breit machten.

Richtig gehend gemein wurde der Bikelash, als in diesem März die 34te Straße Teil beruhigt werden sollte. Der Trasse, die sechsspurig Manhattan durchschneidet, sollten drei Spuren entnommen werden, um eine Spur für Radler einzurichten und eine für einen Shuttle-Bus, der im Minuten-Takt die Menschen von Ost nach West und umgekehrt bringt.

Diesmal wurde es persönlich. Die Boulevardzeitung New York Post griff die Verkehrsdezernentin Janette Sadik-Khan an und bezeichnete sie abfällig als „Biycyle Belle" und als „Jannette Sadist-Khan". Sie hatte im Vorjahr schon den Times Square verkehrsberuhigt und wurde nun zunehmend zum Blitzableiter für die, die in New York Veränderung scheuten. In der Karikatur der Post wurde Sadik-Khan, die sich von Verkehrskonzepen europäischer Städte wie Kopenhagen und Amsterdam insipirieren lässt, als eine linksradikale, europhile Ökoschlampe dargestellt.

Die Kampagne der Post hate Erfolg. Sadik-Khan wurde für Bloomberg immer mehr zum politischen Risiko. Sein politischer Gegenspieler, der Kongressabgeordnete Anthony Weiner aus Brooklyn versprach, dass er an dem Tag, an dem er Bürgermeister werde, „als erstes diese verdammten Fahrradspuren" wieder heraus reißen werde. Bloomberg begann zurück zu rudern. Er legte das Projekt an der 34ten Straße vorerst auf Eis. Zudem instruierte er die Polizei härter gegen delinquente Radfahrer durch zu greifen. Seither teilen die Cops gegen jeden Radfahrer, der eine rote Ampel überfährt, Strafzettel aus. Im Central Park wurden sogar Geschwindigkeitskontrollen für Radler eingeführt. Wer schneller als 15 Meilen pro Stunde pedaliert muß saftige 270 Dollar berappen, auch wenn es sechs Uhr Morgens ist und garantiert keine Spaziergänger gefährdet werden. Die Radler sehen sich schikaniert.

Der Kult-Blogger BikeSnobNYC, der täglich im Netz über seine Erlebnisse als Radler im New Yorker Verkehr berichtet, kann das alles nicht verstehen. „Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass wir im Jahr 2011 noch ernsthaft über Sinn und Unsinn von Fahrradwegen diskutieren, sagt er bei einem Cappucchino im Cafe Gorilla in Park Slope, nur wenige Pedaltritte von der brisanten Fahrbahn entfernt. „Es entspricht doch schlicht und einfach dem gesunden Menschenverstand, New Yorkern das Radfahren als Trasport-Alternative zu ermöglichen und zu erleichtern.

Mit gesundem Menschenverstand, so der Snob, gehe aber scheinbar niemand mehr an die Sache heran. Sonst würden die Radgegner beispielsweise merken, dass mitnichten das Auto aus New York vertrieben werden soll und dass es demnächst statt Taxis nur noch Fahrradrickschas geben wird. „Es gibt auf 6400 Kilometern New Yorker Straßen gerade einmal 555 Meilen an Radwegen." New York werde so schnell nicht Kopenhagen oder Amstardam oder Münster werden. Schon alleine, weil es viel zu groß ist. „Mit dem Rad alleine kommt man doch hier gar nicht aus. Man braucht drei Stunden von Brooklyn nach Harlem. Es wird immer ein Mix an Transportmitteln sein."

Der Blick auf solche Fakten sei jedoch vollkommen verschleiert, weil für keine der Parteien das Fahrrad einfach nur ein Fortbewegungsmittel ist. „Die Radfahrer wollen alle ein Statement machen. Sie kommen sich alle subversiv vor und wollen die Welt verändern. Kein Mensch fährt einfach nur Fahrrad."

Entsprechend projizieren diejenigen, deren kulturelle Identität noch immer eng an das Auto geknüpft ist und die Furcht vor Wandel haben, ihre Ängste auf das Rad und schlagen zurück. Und das könnte, meint der Bike Snob, tatsächlich, wie der Guardian schreibt, weitreichende Folgen haben. „New York ist die kukturelle Hauptstadt der USA. Das ganze Land schaut auf uns. Wenn wir jetzt anfangen, den Fahrradverkehr wieder zurück zu schrauben, dann werden es sich andere Städte drei Mal überlegen."

Im Gerichtssaal des 78ten Polizeireviers schafft es Daniel Kummer unterdessen trotz allem, die Anhörung in halbwegs gesitteten Bahnen verlaufen zu lassen. Als Larry Sills, ein Anwohner von Park Slope West aufsteht und behauptet, dass die Fahrradspur die Mehrheit zugunsten einer winizigen Minderheit belaste, erntet er zwar Pfiffe von den organisierten Radfahrern, die in Zugstärke angerückt sind. Ebenso, wie sein Nachbar Alan Esner Applaus bekommt, als er sagt, dass er sich als Radfahrer darüber freut, nun endlich sicher nach Hause fahren zu können. Aggressiv wird es jedoch vorerst nicht.

Erst am Ende der anderthalb-stündigen Sitzung kann ein Fahrradgegner nicht mehr an sich halten. „Wir können doch so viel Regeln für Radler aufstellen wie wir wollen, die lasssen sich doch eh nicht durchsetzen. Die machen doch, was sie wollen", schreit er in das Plenum. Ein Radler fühlt sich provoziert und steht ebenfalls auf. „Und wie erklärst Du Dir, dass alleine im Januar 1000 Radfahrer Strafzettel bekommen haben?" Die Streithähne stehen sich jetzt direkt gegenüber, die Nasenspitzen berühren sich fast.

Daniel Kummer vermag die beiden zu übertönen und zur Ordnung zu rufen, in dem er ein lautes „Das reicht Gentlemen" durch den Raum donnert.

Zu einer Resultion über die Fahrradspur am Prospect Park kommt der Community Board an diesem Abend jedoch nicht mehr. Der Krieg um die Straßen von New York hat gerade erst begonnen.

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