Tempel des Soul

  • Apollo
Das Apollo Theater in Harlem ist seit 75 Jahren der Ground Zero der amerikanischen Pop-Musik

Sie hat wochenlang geprobt. Sie hat sich in Schale geschmissen, die junge Frau aus Brooklyn mit dem Allerweltsnamen Nicole Smith, ein enges schwarzes Kostüm, hohe Hacken und eine Perlenkette angezogen und jetzt steht sie im brutalen Licht des einzigen Bühnenscheinwerfers, das Mikrofon in der Hand und schwitzt und zittert zugleich.

 

Es ist Amateur-Abend im Apollo-Theater an der 125ten Straße in Harlem, so wie an jedem Mittwoch seit 1934. Und wie jeden Mittwoch seit 1934 werden die meisten der Kandidaten, die eine Gesangs- oder eine Tanznummer einstudiert haben enttäuscht wieder nach Hause gehen. Wer Glück hat wird von dem legendär unbarmherzigen Publikum nicht gedemütigt werden. Einer wird es ins Finale am Saisonende schaffen und die 10,000 Dollar Siegprämie einstreichen und wenn alle Sterne günstig stehen einen Plattenvertrag bekommen. Doch die Chancen dafür, das weiß jeder, der hier antritt, stehen kaum besser als für einen Sechser im Lotto.

Trotzdem hat Nicole ihren ganzen Mut zusammen genommen und sich angemeldet und sei es nur, um erzählen zu können, dass sie einmal im Apollo auf der Bühne gestanden hat. Dort, wo die Karrieren von Ella Fitzgerald, Billie Holiday und Sarah Vaughan begonnen haben, wo Count Basie und Duke Ellington mit ihren Big Bands gespielt haben, wo James Brown und Michael Jackson Konzerte gegeben haben, von denen in den Barber Shops von Harlem heute noch erzählt wird und wo Barack Obama während seines Wahlkampfes eine historische Rede gehalten hat.

Jetzt ist es so weit, der Bass und das Schlagzeug stimmen einen schweren Rhythm and Blues an und Nicole gibt alles, was sie hat. "I've really gotta use my imagination", schmettert sie mit ihrem runden Mezzosporan ins Mikrofon – eine alte Nummer von Gladys Knight and the Pips. Sie ist gar nicht schlecht diese Nicole, doch ihre Stimme geht trotzdem schon nach wenigen Takten im Lärm von den Rängen unter.

Eine Gruppe von Jugendlichen auf dem zweiten Balkon, dem so genannten "Bussards Nest", wo die Raubvögel darauf warten, die Kadaver von der Bühne zu picken, hat jetzt schon entschieden, dass ihnen das nicht gefällt und sie lassen ihrem Unmut freien Lauf. Ihr Buhen geht in ein Affengrunzen über und dann rufen sie nach dem "Executioner". Bald stimmt das ganze ausverkaufte Auditorium ein, der Haushenker kommt in einem weißen Anzug aus der Kulisse und scheucht mit einem Stock die völlig aufgelöste Nicole von der Bühne.

Immerhin kann sich Nicole damit trösten, dass es Zehntausenden vor ihr genauso ergangen ist. Nicht einmal die großen Namen des Showbusiness hat das Harlemer Publikum verschont, wenn deren Auftritte ihren Vorstellungen nicht entsprachen. Als sich Nina Simone bei ihrem Besuch im Apollo einmal trotz lautstarker Aufforderung von den Rängen weigerte ihren Hit "Porgy" zu singen, verließen die Zuschauer geschlossen das Haus.

Das Apollo gehört seinen Kunden, dem lärmenden, ungeduldigen und ungehobelten Ghetto-Publikum. Und es war dieses Publikum, die schwarze Unterschicht von Harlem, welches das Apollo zu einer der wichtigsten Kultureinrichtungen der USA gemacht hat. Das Apollo war praktisch das gesamte 20. Jahrhundert über das Epi-Zentrum der afro-amerikanischen Entertainment-Branche. Und man wird sich schwer tun, einen Kulturhistoriker zu finden, der bestreitet, dass die schwarze Kultur in dieser Zeit die treibende Kraft der amerikanischen und somit auch der globalen Pop-Kultur war. Der Swing, Bebop, Rhytm and Blues, Soul, Funk und schließlich HipHop – beinahe jede wichtige Musikrichtung des 20. Jahrhunderts wurde im Apollo gespielt bevor sie sich von hier aus über die Welt verbreitete

Als das Apollo in den 1920er Jahren eröffnete, war Harlem von einer einmaligen Aufbruchstimmung beseelt. Die Afro-Amerikaner, die zu dieser Zeit in Massen aus dem Süden nach New York strömten, fanden hier etwas, was es in den USA bis dato noch nie gegeben hatte. Sie konnten als freie Menschen eine urbane bürgerliche Existenz führen. Der New Yorker Stadtteil nördlich der 110ten Straße war zwar immer ein schwarzes Ghetto aber niemals ein Slum.

Auf diesem Nährboden entstand eine noch nie da gewesene kulturelle Produktivität und ein neues schwarzes Selbstbewusstsein. Die Harlem Renaissance setzte schwarze Musik, schwarze Literatur und schwarze Kunst auf die kulturelle Landkarte Amerikas. Die ganze Welt schaute plötzlich nach Harlem, um zu erfahren, wie morgen getanzt wird, welche Bands im Radio laufen und welche Theaterstücke bald den Broadway erobern. Das Harlemer Nachtleben, der Savoy Ballroom, der Cotton – Club, das Lafayette und die zahllosen berüchtigten "Rent-Parties" in den Harlemer Wohnungen - war der Nabel der Welt.

In dieses Klima hinein eine Bühne zu eröffnen, deren Hauptattraktion eine Talentshow ist, bei welcher das Publikum den Gewinner auswählt, war ein Geniestreich. "Das Harlemer Publikum war der beste Geschmacksbarometer der Welt", schreibt der Apoolo-ChronistTed Fox in seinem Buch "Showtime at the Apollo." Die Betreiber, die beiden jüdischen Unternehmer Frank Schiffmann und Stanley Cohen mussten nur schauen, welche Künstler dem Apollo-Publikum gefallen und sie dann unter Vertrag nehmen. Auf diese Art hatten sie garantierte Stars, die nicht nur das Apollo füllten sondern auch Tantieme aus Tourneen und Plattenverträgen brachten.

Bald wurde die Amateur-Night per Radio im ganzen Land ausgestrahlt und lockte Musiker aus den gesamten USA an. Schwarze Sänger und Tänzer kamen aus Texas und aus Alabama nach New York, trugen sich in die Warteliste für die Amateur-Night ein und nahmen Aushilfsjobs als Kellner oder Tellerwäscher in der Stadt an, um die Wochen bis zu ihrem Auftritt zu überbrücken.

Schiffmann und Cohen hatten eine perfekte Hit-Maschine geschaffen. Ein unerschöpflicher Quell an Talent und Originalität aus der schwarzen Subkultur des Landes floß ihnen zu. Der Motor blieben jedoch die Leute aus der Nachbarschaft, die sich für ein paar Cents im Apollo ihren Mittwochabend vertrieben.

Daran hat sich trotz der Touristen bis heute im Prinzip nichts geändert. Scheinbar unbeeindruckt von Nicoles unrühmlichem Abgang stürmen jetzt die "Chronicle Atlantic Symphony" 20 Jugendliche mit Kessel trommeln. Mit unbändigem Elan und viel Groove tragen sie ihre Version von Ben E Kings Stand by me vor, und führen sich dabei auf, als würde ihnen das Apollo gehören. Ihre Taperkeit wird vom Bussards-Nest belohnt. Die Smphony bekommen einen minutenlangen stehenden Applaus. Die Pfiffe und die Jauchzer sind jetzt zustimmend, die Amateur Night hat einen ersten Favoriten.

Im Herbst 1956 trug sich ein bettelarmer Junge aus dem Süden in die Liste für die Amateur-Show ein. Er war einer von Tausenden, die hofften auf diese Art dem Elend auf den Farmen von Georgia, South Carolina und Tennessee zu entkommen. Er hatte keine Hemd und nicht einmal Schuhe, er musste sich für seinen Auftritt ein paar Sneakers leihen. Eines hatte er jedoch: Selbstbewusstsein. "Ich bin besser als jeder andere hier", behauptete er und der damalige Bühnenmanager Leonard Reed gab ihm eine Chance.

Es war James Brown und als er auf die Knie sank und mit seiner ganzen Seele seinen ersten Hit "Please, Please, Please" in das Mikrofon jaulte wie ein Baptisten-Prediger, war Harlem von den Socken. Brown gewann die Amateur Night und startete damit seine Weltkarriere.

Brown und das Apollo-Publikum waren von Anfang an eine perfekte Paarung. Der "Godfather of Soul" spielte niemals einfach Musik vor einem Publikum. Er gab sich ihm hin, er opferte sich ihm und sie liebten ihn dafür. Er zuckte und schwitzte und goß seine Seele auf die Bühne riß die wilden Jungs auf dem Bussards Nest mit sich. Es waren Gottesdienste und keine Konzerte, typische schwarze Gottesdienste, die in extatischen Ausbrüchen der ganzen Gemeinde endeten und in einem tiefen Gefühl der gegenseitigen Liebe. "Ich spiele lieber für meine Leute im Apollo, als im Weißen Haus", sagte Brown einmal.

Die drei großen Auftritte die Brown 1962, 1967 und 1971 im Apollo gab, waren Meilensteine in seiner Laufbahn und in der des Apollo. Die Aufnahmen gelten als seine besten Alben. Sie waren die Höhepunkte der Soul-Ära im Apollo, ja Höhepunkte der Pop-Geschichte und gleichzeitig ein letztes Aufbäumen vor dem Niedergang.

In den 70er Jahren verfiel das stolze schwarze Harlem vom Ghetto zum Slum und mit ihm das Apollo. Verelendung, Rassenunruhen, Banden- und Drogenkriminimalität ließen das Viertel auf den Hund kommen. Niemand kam mehr nach Harlem, um Musik zu hören, das Apollo musste schließen.

Doch es war nicht das Ende der Liebesaffäre zwischen Bron und dem Apollo. Brown kam am 28. Dezember 2006 zurück nach Harlem. Ein weißer Leichenwagen mit geschmückten Pferde trug seinen Sarg an der Spitze einer langen Prozession die 125 Straße hinunter. Dann wurde er 12 Stunden lang auf der Bühne des gerade frisch renovierten Apollo aufgebahrt. Die Menschen hatten schon 24 Stunden vorher Schlange gestanden, um sich von ihm zu verabschieden.

Es war wie alle Jazz-Begräbnisse sowohl ein trauriger, als auch ein fröhlicher Anlaß. Dass James Brown in das renovierte Apollo zurück kam, war ein Symbol dafür, dass Harlem langsam wieder an die alten Zeiten anknüpft, dass es wieder die glanzvolle Kulturhauptstadt des schwarzen Amerika werden kann, die es einst war.

Im Bussards Nest ist jetzt die Hölle los. Die schwarzen Jugendlichen in ihren bis zu den Kniekehlen herab hängend Baggies stehen auf den Stühlen und Pfeiffen und Johlen und lachen und reißen das ganze Haus mit sich. Sie haben einen neuen Favoriten eine Gruppe von drei B-boys aus der Bronx, die zu Eminem mit ihren Power-Moves über die Bühne fegen, Salti schlagen und auf einer Hand stehend die Beine Helikopter-artig durch die Luft wirbeln lassen.

"Those are funky chickens", sagt der MC, ein stämmiger Mann mit Glatze und einer dicken Goldkette, der sich Capone nennt, nachdem die drei unter lauten Zustimmungsrufen wieder von der Bühne abgegangen sind. "It's one of THOSE nights at the Apollo", fügt Capone an. Ja, es ist einer jener Abende im Apollo.

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