Unter Generalverdacht

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Muslime in den USA müssen sich noch immer gegen Vorwürfe wehren, sie sympathisierten heimlich mit Terroristen
(Berliner Zeitung)

Zehn Minuten lang hat die Frau im Hidschab sich durch ihr Fenster angeschaut, was ich vor ihrem Geschäft an der Bay Ridge Avenue treibe. Doch jetzt hält es sie nicht mehr zwischen den Kleiderständern ihres Damenmodeladens „für die moderne islamische Frau", wie es auf der grünen Markise der „Paradise Boutique" heißt. Zaghaft tritt sie vor die Tür und fragt höflich, warum ich die Bay Ridge Avenue fotografiere, an der sich arabische Fisch- und Gemüsehändler mit islamischen Buchhandlungen, Wasserpfeifen-Cafes und Schwarma-Ständen ablösen.

Sie ist nicht zornig oder aggressiv, sie entschuldigt sich sogar für ihre Neugier. Ihr Sohn sei auch ein leidenschaftlicher Fotograf, sagt sie, sie verstehe das. Aber es sei nun einmal so, dass die Lage hier in Bay Ridge in letzter Zeit doch etwas angespannt sei. Man sei sich nicht mehr so sicher, wem man trauen kann.

Bay Ridge ist eine Nachbarschaft von rund zehn Straßenblocks an der Bucht von New York im Südosten von Brooklyn gelegen, beinahe eine U-Bahn Stunde von Manhattan entfernt. Im ewigen Reise-nach-Jerusalem-Spiel der New Yorker Ethnien ist Bay Ridge vor rund 25 Jahren von einer vorwiegend jüdischen und irischen Bevölkerung an die arabischen New Yorker über gegangen. Etwa 45,000 Syrer, Palästinenser, Libanesen und Ägypter leben hier, durch die Gentrifizierung aus ihrer Stammgegend nahe der Wall Street, nur Schritte vom heutigen Ground Zero entfernt, immer weiter an den Rand der Stadt gedrängt.

Sie hatten hier ihre Nische gefunden, eine sichere Enklave, wo sie ihre Bräuche und ihren Glauben in Ruhe ausüben konnten und Neuankömmlingen dabei helfen, die ersten Schritte in ihre amerikanische Zukunft zu tun. Doch seit dem 11. September 2001 ist es unruhig geworden in Bay Ridge. Die Gemeinde wird unter die Lupe genommen. Vom CIA. Vom FBI. Von der New Yorker Polizei.

Vor allem deshalb wurde 2002 die Arab-American Association of New York gegründet. Die Association ist ein kleines Ladenbüro, um die Ecke von der Bay Ridge Avenue an der 70ten Straße. Im Obergeschoß hat ein arabischer Frauenarzt sein Büro, nebenan bietet der Rechtsanwalt Lamis Jamal Deek seine Dienste an. Deek berät die Association dabei, wenn es geht, die Bewohner des Viertels über ihre Rechte aufzuklären, wenn wieder einmal grundlos ihre Wohnung durchsucht wurde oder wenn sie aufgrund eines Kleinvergehens erpresst wurden, inoffiziell für den Geheimdienst zu arbeiten und über angebliche Terroraktiviäten in Bay Ridge zu berichten.

Die Direktorin der Association ist Linda Sarsour, Tochter palstinensischer Einwanderer. Für jeden, der Vorurteile über unterdrückte muslimische Frauen hat, ist sie ein lebendes Verwirrspiel. Sie trägt zwar auch einen Hidschab, doch darunter lugen enge Jeans und modische Lederstiefel hervor. Sie spricht mit einem dicken Brooklyner Akzent und hält dabei ganz gewiss nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg.

Wenn sie etwa über die Infiltrierungsversuche durch die Behörden redet dann klingt ihr zorniger Wortschwall wie ein Rap von Eminem. Mehr als einmal liegt ihr das Adjektiv „fucking" auf der Zunge, das sie dann im letzten Moment noch in „frigging" abschwächt, weil sie ja mit einem Reporter redet.

Da sei etwa vor fünf Jahren dieser Typ gewesen, sagt sie, der einen offensichtlich falschen arabischen Namen hatte und der sich den ganzen Tag über nur in den Kaffeehäusern herum getrieben habe. „Dem hat gleich niemand getraut, keiner wollte mit ihm reden." Natürlich war er ein Agent der New Yorker Polizei und als er keine Anhaltspunkte für terroristische Aktivitäten fand, habe er sie einfach fabriziert.

„Kamil Pasha", wie sich der Agent etwas ungelenk nach einem osmanischen Großvesier genannt hatte, traf sich – so die Version von Linda Sarsour – regelmäßig mit kleinkriminellen Jugendlichen in einem islamischen Buchladen in Bay Ridge. Nach hunderten von Treffen hatte er es dann geschafft, sie zu einem Bombenattentat auf eine Manhattaner U-Bahn Station zu überreden. Die Gespräche waren aufgezeichnet, einer der jungen Männer namens Shahawar Matin Sitaj wanderte hinter Gitter. Die New Yorker Polizei konnte öffentlichkeitswirksam einen Erfolg in ihrem Anti-Terror-Kampf verbuchen.

Als Linda Sarsour während des Prozesses gegen Siraj jedem der es hören wollte erklärte, dass ihre Gemeinde Zielscheibe von generalisierten Geheimdienstaktivitäten ohne konkreten Verdacht sei, wurde sie von vielen in New York noch als paranoid abgetan. Jetzt bestätigte sich jedoch der Verdacht. Im August deckte die Nachrichtenagentur AP auf, dass es eine geheime Kooperation zwischen dem CIA und der New Yorker Polizei gibt, mit dem einzigen Ziel, arabisch-muslimische Gemeinden in New York zu bespitzeln. Die Kooperation ist verfassungswidrig, das CIA darf keine amerikanischen Bürger überwachen.

Die Sondereinheit rekrutiert inoffizielle Mitarbeiter, die man in Bay Ridge „Mosque Crawlers" nenn. Sie sollen in Bars, Kaffees und in Gotteshäusern Informationen sammeln, unabhängig davon, ob es Anhaltspunkte für kriminelle Aktivitäten gibt. „Unsere ganze Nachbarschaft ist deshalb verunsichert und paranoid", sagt Sarsour. Man fühle sich mittlerweile in Bay Ridge manchmal so, wie in der ehemaligen DDR.

Doch die Probleme mit einer übergriffigen Staatsgewalt sind nicht die einzigen Schwierigkeiten, mit denen sich die 45,000 Muslime in Brooklyn, die etwa eine Million in ganz New York und die etwa 7 Millionen in den gesamten USA herum schlagen müssen. „Die Diskriminierung wird immer schlimmer", sagt Linda Sarsour. „Wir haben gedacht, dass es nach dem 11. September ein Aufflackern antimuslimischer Ressentiments gibt und dass sich danach wieder alles normalisiert." Doch stattdessen werde es immer mehr.

Im vergangenen Jahr verzeichnete die Bürgerrechtsorganisation „CAIR" (Council on American Islamic Relations) doppelt so viel Diskrminierungsbeschwerden wie im Jahr zuvor. In diesem Jahr, so der Sprecher von CAIR in New York, Cyrus McGoldrick, werden es voraussichtlich noch einmal doppelt so viele. Die Beschwerden reichten von offenen Gewalttaten wie dem Niederschlagen von verhüllten Frauen auf der Straße, einem Messerattentat auf einen Taxifahrer in New York bis hin zur Verweigerung eines Bankkontos oder eines Arbeitsplatzes. Von den Streitigkeiten bei jeder geplanten Moschee-Eröffnung ganz zu Schweigen. „Wir sind mittlerweile die am meisten gehasste Gruppe der USA", sagt McGoldrick. „Die Islamophobie hat sich normalisiert. Sie ist mainstream geworden."

Selbst die energische Linda Sarsour, gibt zu, dass sie deshalb manchmal mutlos wird. „Ich fühle mich bisweilen sehr erschöpft", sagt sie, während sie mich aus ihrem Büro heraus wieder auf die Fifth Avenue von Bay Ridge geleitet. Im Wartebereich neben dem Ausgang hängt ein großes Plakat von Jerusalem, der Heimat aller drei großen Weltkulturen. „Die Mehrheit der Araber hier in Bay Ridge", erklärt Linda das Poster, sind Christen." Eine Tatsache, die offenbar nicht einmal bis zur New Yorker Polizei vorgedrungen ist.

„Wenn ich mich mal wieder fragen lassen muss, wo her ich denn komme und welche Sprache ich eigentlich spreche, fällt es mir immer schwerer, freundlich und geduldig zu sein", sagt Sarsour, die sich durch und durch als New Yorkerin empfindet. „Und wenn ich gefragt werde, warum wir die Amerikaner hassen, noch mehr." Am Liebsten würde sie dann ihrem Zorn freien Lauf lassen und sagen: „Wo bist DU denn her, Du Arschloch." Aber sie will ja den Hass nicht schüren. „Sobald ich mit meiner Hadschid auf die Straße gehe bin ich ja Vertreterin meiner gesamten Religion."

Das Schlimmste für Linda Sarsour ist jedoch, dass ihr der Grund, warum sie Amerika liebt, zusehends abgenommen wird. „Ich liebe Amerika, weil es das Land der Bindestrich-Identitäten ist. Jeder kann hier bleiben, was er ist und trotzdem Amerikaner sein, egal ob Jude, Inder, Chinese oder Afrikaner." Nur den Muslims werde zunehmend dieses Recht streitig gemacht. „Muslim zu sein, wird immer mehr als unamerikanisch angesehen."

Trotzdem, findet Linda Sarsour, ist Amerika für Muslime auf der ganzen Welt noch immer das freundlichste Land. „Wo sollen wir denn sonst hingehen, wenn wir in Freiheit leben wollen?" Unter allen Einwandererländern, die Muslimen offenstehen, seien die USA „das geringste Übel."

Das geringste Übel. Nicht gerade ein Rating auf das die USA allzu stolz sein dürfen.

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