Bye Bye Chelsea

  • Chelsea
Das legendäre New Yorker Hotel wurde an einen Immobilienmogul verkauft. Es ist das Ende einer Ära
(Berliner Zeitung, Foto: Wowe)

Auf den ersten Blick ist alles so wie immer im Chelsea Hotel.

Rund um die Lobby hängen die eklektischen Kunstwerke der Hotelbewohner, die zumeist mehr von der Ambition als vom Talent ihrer Schaffer künden und die alle etwas Beängstigendes haben. Von der Decke baumelt wie vermutlich seit Jahrzehnten die Pink Lady, ein dickes Pappmachee-Mädchen in einem rosa Tutu, das auf einer Schaukel hockt nur darauf wartet, einen Schubs in Richtung 23te Straße zu bekommen. Auf dem Sims über dem kalten Kamins steht eine Büste des langjährigen Hotelmanagers Stanley Bard.

Nur die Menschen fehlen. Die Leder-Sitzgruppe in der Ecke, in der immer ein paar der Langzeitmieter des Hotels gehockt haben, um zu debattieren, die Zeitung zu lesen oder mit Touristen zu flirten, ist verwaist. Die Rezeption, ein Holzverhau mit Schlüssel- und Postfächern wie aus einem alten Pariser Apartmenthaus, ist zum ersten Mal seit wahrscheinlich mehr als 100 Jahren nicht besetzt. Stattdessen stehen zwei fleischige Aufpasser in schlecht geschneiderten Anzügen breitbeinig im Raum und mustern jeden argwöhnisch, der rein und rausgeht.

Es ist jetzt zwei Tage her, dass hier das Unvermeidliche passiert ist, das, was die Bewohner des Chelsea schon seit lange haben kommen sehen, wovon sie aber dennoch immer hofften, dass es niemals eintritt. Das Chelsea wurde verkauft, mit Wirkung zum 1. August, und der neue Besitzer machte vom ersten Tag an klar, dass ab sofort hier alles anders wird. Die Tage des Chelsea als dem berühmtesten Künstlerhotel von New York, als Ort, wo man seine Miete mit Gemälden oder Gedichten bezahlen konnte, sind gezählt.

Gerade, als die Aufpasser dazu anheben uns zu fragen, was wir hier zu suchen haben, kommt Arthur Nash, Bewohner der Nummer 207 aus dem klapprigen alten Fahrstuhl und lotst uns ins Haus. Der Kunsthändler, Gelegenheitsschriftsteller, Mafia-Forscher und Kuriositätensammler ist seit Jahren einer der aktivsten Mieter im Kampf gegen die Sanierung des Chelsea und dessen Umwandlung in eine austauschbare New Yorker Luxusabsteige. Der plötzliche Verkauf hat ihm einen Schock versetzt, mit dem er jetzt, zwei Tage später, noch immer spürbar ringt.

„Ich war wie jeden Vormittag in meiner Galerie in SoHo" erinnert er sich an den verhängnisvollen Tag, „als ich einen Anruf von einem Mitbewohner bekam, ich solle doch ganz schnell zurück ins Hotel kommen." Nash sprang in ein Taxi und als er an der 23ten Straße ausstieg, hatte sich schon eine Meute von Kamerateams um den Hoteleingang geschart.

Auf dem Bordstein, so erzählt er, standen Hotelbewohner in Pantoffeln und verwirrte Kurzzeitgäste mit ihren Rollkoffern und diskutierten aufgeregt mit Reportern, was sich an diesem Vormittag im Hotel abgespielt hatte. Die Zimmermädchen, Rezeptionisten und Portiers waren ohne Vorwarnung ausgesperrt worden. Touristen mit Reservierungen wurden an andere Etablissements in der Gegend verwiesen, Gäste, die bereits mehrere Nächte im Hotel verbracht hatten, wurden gebeten, sich eine neue Bleibe zu suchen.

Seitdem ist das Chelsea ein Gespensterhaus. Unsere Fußtritte hallen durch die mit Mosaik-Klinkern ausgelegten Gängen während Arthur uns durch das Gebäude führt, das wirkt als wären seine Bewohner während einem Luftschutzalarm geflüchtet. Verwaiste Handkarren der Putzfrauen stehen verloren auf den Etagen. Die Zimmer, in denen bislang Touristen unter gebracht waren, sind mit Vorhängeschlössern versiegelt, die alten Holztüren mit einer dünnen Schicht weißer Farbe übertüncht. „Da hat Bob Dylan gewohnt, als er die Sad Eyed Lady of the Lowlands geschrieben hat", zeigt Arthur auf die weiße Tür mit der Nummer 205. „Und dahinten, das war die Wohnung von Patti Smith." Aus seiner Stimme klingt eine Mischung aus Bitterkeit und Trauer.

Nur noch die etwa 100 Dauermieter sind jetzt übrig, die wird der neue Besitzer nicht so schnell los wie die Touristen. Schon gar nicht einen wie Arthur, ein stattlicher, 1,80 Meter großer Mann, dessen Arme furchterregend über und über mit Tattoos bedeckt sind. Arthurs Zimmer ist direkt neben der ehemaligen Dylan – Wohnung, es ist gerade groß genug für ein Bett und ein paar Sessel. In der Ecke stehen ein kleines Waschbecken, ein Elektrokocher und eine Mikrowelle. Der Holzboden ist durchgetreten, an der Wand hängt ein zwei Meter breiter Fotodruck, eine Aufnahme von Jack Nicholson und Stanley Kubrik bei den Dreharbeiten zum Hotel-Grusler „The Shining". Der Legende nach soll hier der Dichter Dylan Thomas ins Koma gefallen sein, nachdem er in der White Horse Tavern im Village 18 Whiskey gesoffen hatte.

Arthur gehört zu denjenigen Mietern, für die das Wohnen im Chelsea ein Statement ist. Er ist nicht wie viele andere vor ihm hier angespült worden, er gehört nicht zu dem Strandgut New Yorks, zu denen, die nirgends anders hin gehören und die über so viele Jahrzehnte lang im Chelsea ihr Obdach gefunden haben; die von zu Hause davon gelaufenen 16-jährigen Punks etwa, die mittellosen japanischen Künstler, die alterndenden Transvestiten und die heroinabhängigen Rock Stars wie Deedee Ramone und natürlich auch Sid Vicious, der in der Nummer 100 im Rausch seine Freundin Nancy Spungen abgestochen hat.

Nein, Arthur wollte in das Chelsea, weil es das Chelsea ist, er wollte Teil des Mythos sein. Ein Chelsea-Künstler zu werden war für ihn ein Lebenstraum, und dass er nun seit Jahren im Zimmer von Dylan Thomas wohnt, ist dessen Erfüllung. Jahrelang hat er Chelsea Bewohnern wie dem Schriftstellern Malcolm Brenner und der New Yorker Nightlife-Ikone Arthur Weinstein nachgestellt, bis sie ihm ein Entree verschafften.

Arthur hat wie kaum ein anderer in den vergangenen Jahren für das Überleben des Chelsea gekämpft, weil es für ihn ein Symbol ist. Ein Symbol für für eine Epoche, für eine Weltanschauung: „Es geht doch hier nicht nur um das Chelsea", sagt er. „Es geht darum, was aus ganz New York geworden ist", sagt er. „Es geht darum die letzten Inseln in dieser Stadt zu bewahren, die noch nicht von der alles fressenden Marktwirtschaft vereinnahmt worden sind."

Das Chelsea Hotel ist ein Dinosaurier, ein einsamer Überlebender aus einer anderen Zeit. In den 60er und 70er Jahren, als die Stadt herunter gekommen und anarchisch war und einen Nährboden für alle möglichen alternativen und experimentellen Lebensformen bot, war das Chelsea eine Metapher für die Stadt. Heute ist es ein Fremdkörper in einer Metropole, die von der Wall Street regiert wird, in der sich alles nur noch um Luxus und Konsum dreht und in der für die Nicht-Arrivierten, für die Träumer und die Außenseiter kein Platz mehr ist.

Im Chelsea haben sie immer Platz gefunden, diejenigen, die sonst nirgendwo hineinpassten. So wie eben New York oder zumindest Downtown Manhattan bis Anfang der 90er Jahre ein Zufluchtsort für die Ausgestoßenen aus den ganzen USA, ja der ganzen Welt war.

Dass das Chelsea ein Asyl für alles und jeden war, der „weird", der anders ist, war die Vision eines einzigen Mannes: Stanley Bard. Bard war einer der Erben des Hotels, das 1883 als elegantes Apartmenthaus für Opernsänger und Broadway-Schauspieler gebaut worden war und übernahm die Leitung 1957. Seitdem war das einzige Kriterium dafür, im Chelsea unter zu kommen, ob Stanley Bard Dich mochte.

Und Bard mochte alles, was abseitig ist. So nahm er 1972 schon den Transvestiten Storme DeLarverie auf, einen Tänzer aus New Orleans. Storme – der wie „Stormey", also „stürmisch" ausgesprochen wird - hatte 1969 die Stonewall Riots ausgelöst, den Aufstand der Homosexuellen, der heute als Gründungsmoment der amerikanischen Schwulenbewegung galt. Storme ließ sich die Polizeischikanen in den Schwulenkneipen im Greenwich Village nicht mehr gefallen und schlug einen Polizisten nieder. Es war der Beginn einer dreitägigen Straßenschlacht. Alleine diese Tat genügte Stanley Bard um Storme ein Zimmer zu geben.

Oder beispielsweise Herbert Huncke, das Maskottchen der Beat-Clique um Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William Burroughs. Huncke war Ende der 30er Jahre nach New York gekommen. Er war damals schon heroinabhängig und finanzierte sich seine Sucht als männliche Prostituierte am Times Square. Zugleich war er jedoch ein Liebling der New Yorker Künstlerszene – neben den Beats gehörten die Jazz-Legenden Charlie Parker und Dexter Gordon zu seinen besten Freunden. Einmal wurde er zusammen mit Dexter Gordon verhaftet, während die beiden ein Auto aufbrachen. Nach vielen Jahren des Driftens fand er im Chelsea Unterschlupf. Zuletzt bezahlten die Grateful Dead seine Miete, bevor er 1997 starb.

Natürlich hatte Bard jederzeit auch ein Zimmer für Künstler, die nach einem Refugium suchten, ob für ein paar Wochen, ein paar Monate oder ein paar Jahre. Arthur Miller stieg nach seiner Trennung von Marilyn hier ab, und schrieb im Chelsea einige seiner berühmtesten Stücke. Warhol lebte in den 60er Jahren hier und drehte seinen ersten erfolgreichen Film Chelsea Girls. Madonna war in den 80er Jahren hier, bevor sie zum Material Girl wurde und kam zurück, um ihr Buch „Sex" zu fotografieren. Julian Schnabel, Robert Mapplethorpe, Regisseur Abel Ferrara, Joni Mitchell und Songwriter Ryan Adams haben im Chelsea gelebt.

Das Geschäftsmodell von Bard war ebenso eigenwillig wie sein Auswahlverfahren für Mieter. Hohe Instandhaltungskosten hatte er nicht, das Chelsea wurde praktisch nie gründlich renoviert. Die Kurzzeitgäste, die wegen dem Flair ins Chelsea kamen, sorgten für einen regelmäßigen Strom an Einnahmen. Die Mieter hingegen zahlten, was sie konnten oder was sie wollten. Mietverträge gab es nicht.

So entstand ein einmaliges Gebilde an der 23ten Straße, eine Mischung aus utopischer Kommune, Drogenhöhle und Kultstätte. Es war ein Ort, an dem ein anderes Zeitmaß galt, an dem die Tage an einem vorbei drifteten und der Geist frei umher fliegen konnte. „Oh won't you stay, We'll put on the day, And we'll talk in present tenses", singt Joni Mitchell in Chelsea Morning, das sie 1969 im Hotel geschrieben hat.

Bis Mitte der 90er Jahre war das Hotel in seiner ganzen herunter gekommen Verrücktheit ein organischer Bestandteil seiner Umgebung. Der Stadtteil Chelsea war ein ebenso post-apokalyptisches Sozialexperiment wie der einst prachtvolle zehnstöckige rote Klinkerbau, der mit seinen Zinnen und Türmchen wie ein Schloss über der 23ten Straße thront. Im benachbarten Meatpacking District war zwischen den Großschlachtereien der Straßenstrich der Transvestiten, rund um das Chelsea wimmelte es von Leder und S- und M-Bars. Die Homo-Subkultur nistete sich gerade ein, die Gentrifizierung hatte noch lange nicht begonnen.

Doch dann erging es Chelsea wie vorher schon den Boheme-Vierteln East Village und SoHo. Die Kunstgalerien kamen, dann die schicken Restaurants und Cafes. In den Meatpacking-District zogen Edelboutiquen und Nachtclubs ein, vor denen sich Freitagsnachts überschminkte junge Frauen an die aufgespannten Samtseile drängeln und versuchen an den Türstehern vorbei zu kommen. In jeder Folge von Sex and the City wurde mindestens eine Szene hier gedreht. Die Mieten schossen wie überall in Manhattan in obszöne Preisregionen. Das Chelsea war plötzlich eine potenzielle Goldgrube. Der Druck auf Stanley Bard wuchs immer mehr, aus dem Hotel mehr Profit zu schlagen, so lange, bis sich 2007 die anderen Anteilseigner gegen ihn verbündeten und ihn von seinen Managementfunktionen enthoben.

Stanley Bard hat sich nie von dem Schock erholt. Er ist seitdem schwer krank und völlig zurück gezogen. Seinen Fuß über die Schwelle des Hotels zu setzen, bringt er nicht mehr über das Herz.

Arthur Nash war einer der ersten, der gegen die Entlassung von Stanley Bard auf die Barrikaden ging. Schon Tage nachdem Bard von seinen Mitbesitzern aus dem Hotel ausgesperrt worden war, hängte Nash ein riesiges Laken aus seinem Balkon, auf das er in bunten Lettern „Bring back Bard" gesprüht hatte. Und als das neue Management anfing, die alte Dylan-Wohnung neben ihm zu demolieren, um sie in eine Luxus-Suite zu verwandeln, reichte er Klage beim Wohnungsamt wegen Ruhestörung ein.

Zusammen mit einer Handvoll anderer Mieter fuhr Arthur fortan eine konsequente Obstruktionspolitik. Sie machten praktisch jeden größeren Renovierungsversuch unmöglich. Sie nahmen sich Rechtsanwälte und erstritten sich Verträge mit Mietpreisbindung, die sie praktisch unkündbar machten. Das neue Management musste seine Sanierungspläne immer mehr zurückfahren. Nach 2008 tat die Wirtschaftskrise das Übrige. Sie gaben auf und suchten einen Käufer.

Doch nicht alle Chelsea-Bewohner solidarisierten sich mit Nash und seinen Mitstreitern. Der irische Schriftsteller Joseph O'Neill, der bis vor Kurzem im sechsten Stock gewohnt hat, etwa distanziert sich entschieden von den Krawallmachern. „Diese Leute haben nie für uns alle gesprochen", sagt er, während wir etwa eine Woche nach dem Chelsea-Verkauf in einem Cafe in der Nähe des Hotels sitzen.

Joseph O'Neill hat einen weit weniger sentimentalen Blick auf das Chelsea, als Arthur Nash. Er wollte nie ein „Chelsea-Künstler" werden, ihn zogen nicht die Geister von Warhol, Janis Joplin und Leonard Cohen an die 23te Straße. Ihn trieb keine Nostalgie nach der alten Downtown Boheme sondern die schiere Notwendigkeit. Als er 1998 aus England nach New York kam, stand er vor dem gleichen Problem, vor dem viele Einwanderer hier stehen. Ohne überprüfbare amerikanische Bank- und Kreditkarten-Daten würde ihm kein Vermieter in New York einen Mietvertrag geben. Außer Stanley Bard.

Ironischerweise wurde O'Neill jedoch genau das, was er nie werden wollte. Der gebürtige Ire ist der vielleicht letzte bedeutsame Künstler, der im Chelsea gelebt und gearbeitet hat. Sein Roman „Netherland", der im Chelsea entstanden ist und in dem das Chelsea eine zentrale Rolle spielt gewann 2008 den renommierten Pen-Preis und wurde von der New York Times zum Buch des Jahres gewählt. Unter Kritikern gilt er als der bislang gelungenste Roman über das New York der Post 9/11-Ära.

Aus dem Chelsea ist O'Neill vor einem halben Jahr ausgezogen – aus privaten Gründen, wie er sagt, auf die er nicht weiter eingehen möchte. Seine Frau und seine beiden Kinder, die im Chelsea aufgewachsen sind, wohnen noch immer dort.

Natürlich sind die Parallelen zwischen seiner Situation und dem Erzähler seines Buches kein Zufall. Die Hauptfigur in „Netherland" ist ein holländischer Geschäftsmann, der nach den Anschlägen des 11. September seine Wohnung in der Nähe von Ground Zero räumen musste und im Chelsea landete. Seine Frau nimmt den 11. September als Vorwand, um ihn und New York zu verlassen und hinterlässt ihn in einem Zustand der Halt- und Orientierungslosigkeit.

Ich frage O'Neill ,ob für ihn das Chelsea eine Metapher für die Welt nach dem 11. September ist. Der sonst so eloquente Erzähler streicht sich durch den Zehntagebart, lässt den Blick durch den Raum wandern und gibt dann eine ausweichende Antwort. „ Es war eine rein instinktive Entscheidung meinen Helden dort wohnen zu lassen, er musste ja irgendwo wohnen."

Lieber redet O'Neill davon, was das Chelsea für ihn persönlich bedeutet hat. Wie es von einem Ort, an den man geht, weil man nirgendwo anders hingehen kann zur Heimat geworden ist, „einer Heimat, die mehr Heimat ist, als alles, was ich bisher kannte." Wie für ihn das Chelsea die Dinge verkörpert, die für ihn das Leben in einer Großstadt ausmachen: „Das Chelsea ist ein verdichtetes Modell der urbanen Erfahrung. Es ist unvorhersehbar und überraschend, man wusste im Chelsea nie, was einem begegnet, wenn man auf den Gang trat. Und gleichzeitig war es einladend. Es hieß jeden willkommen, egal woher er kam, so wie die moderne Stadt jeden aufnimmt."

Natürlich passt dieses Bild des Chelsea auch bestens auf die Zeit nach dem 11. September und O'Neill weiß das genau, auch wenn er sich dagegen sträubt, sein eigenes Werk zu deuten. Es war eine Ära, in der viele Menschen den Boden unter den Füßen verloren hatten und sich in einer neuen Welt einrichten mussten, in der es nichts Vertrautes mehr gibt; und es war zugleich eine Gelegenheit, neue Welten zu entdecken und vor allem auch einander.

Doch das ist nun alles Vergangenheit, in New York geht alles wieder seinen unbeirrbaren kapitalistischen Gang. Auch O'Neills glückliche Zeit im Chelsea ist vorbei, eine Zeit, in der er zwei Kinder gezeugt und zwei Romane geschrieben hat. „Seitdem sie Stanley raus geschmissen haben ist das Chelsea tot", sagt er unsentimental und dezidiert. „Stanley war das Herz des Chelsea und wenn man aus einem Organismus das Herz heraus reißt, dann kann er nicht mehr lange überleben." Sich dagegen zu stemmen, so wie Arthur und die anderen, hält er für müßig. Es bedeutet, sich gegen den lauf der Welt zu stemmen.

Als wir eine Woche später noch einmal an die 23te Straße fahren ist dem Organismus des Hotels die Fäulnis schon sichtbar in die Glieder gekrochen. Die Pink Lady schaukelt nun einsam durch die Lobby, die übrigen Kunstwerke sind von den neuen Besitzern abmontiert worden. Auch die Gänge in den zehn Stockwerken, die wie Balkone über dem zentralen, lichtdurchfluteten Treppenhaus hängen sind kahl. Die Werke, die über Jahrzehnte von den Bewohnern hier hinterlassen wurden sind verschwunden, niemand weiß wohin. Nur unter dem Glasdach baumelt noch ein riesiges Mobile von Arthur Weinstein, das aus Künstler-Portraits besteht, darunter Joseph Beuys und Klaus Kinski, Ikonen der 70er Jahre.

Viele der Glasschwingtüren, die zu den Seitenflügeln führen sind eingeschlagen. Bei den Endzeitparties, die nach dem Verkauf am letzten Wochenende hier stattgefunden haben, ist es, wie man hört, hoch hergegangen. Die Dachterrasse, mit ihren verwinkelten kleinen Parzellen zwischen den verwitterten Giebeln und Türmchen, ist mit zerbrochenen Stühlen und Tischen übersät. Aus den Blumenkästen kriecht vertrocknetes Gestrüpp.

Wir klopfen an der Nummer 222 bei Man Lai, einer Halbfranzösin, Halbchinesin, die seit mehr als 30 Jahren im Chelsea lebt. Ihre Wohnung ist riesig, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, ein Salon und ein Balkon zur 23ten hinaus, direkt neben den Neonlettern mit dem Hotelnamen, die vertikal die Fassade hinunter klettern. Man bekommt einen Eindruck davon, wie das Chelsea zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewesen sein muss, als es auf den zehn Stockwerken verteilt nur 12 Wohnungen gab.

Es ist schwer für Man Lai sich nicht aufzuregen , wenn sie von den Ereignissen der vergangenen Woche redet. Zuerst, sagt sie und überschlägt sich dabei fast, habe sie gar nicht wahrhaben wollen, was da passiert. Der alte Portier Jerry, der schon so lange im Hotel ist wie sie, hatte sie schon vor Wochen gefragt, ob sie ihm nicht ein Empfehlungsschreiben geben könnte. Sie habe gerne ja gesagt, aber dabei nicht zwei und zwei zusammen gezählt.

Selbst an dem Morgen, an dem es geschah, fiel bei ihr noch nicht der Groschen. „Ich bin morgens aus dem Haus gegangen und habe nur gedacht, was wollen denn die ganzen Reporter da? Wahrscheinlich warten die auf irgendeinen Prominenten." Als sie abends zurück kam, war dann schon alles vorbei. „Alle waren weg, Jerry und die anderen, man konnte sich nicht einmal mehr verabschieden." Man Lai brauchte erst einmal einen Drink, sie ging nebenan in die El Quijote Bar, wo schon andere Mieter über ihren Margaritas saßen. „Als uns allen klar wurde, was das bedeutet, sind einige Tränen geflossen."

Man Lai ist in den 70er Jahren als junges Model aus Europa nach New York gekommen. Sie hatte keine Papiere und kein Geld, dafür umso mehr Ambition und Lebenslust auf New York. Stanley Bard mochte sie auf Anhieb und gab ihr ein Zimmer.

Über die Jahre wandelte Man Lai ihre Laufbahn in einen Job als Stylistin und Event-Planerin um. Sie bekam Zwillinge, die beide im Chelsea aufgewachsen sind. 24 Jahre ist das her. „Meine Mädels erkennen eine Transe aus 100 Metern Entfernung", scherzt sie darüber, wie das Chelsea ihre Töchter geprägt hat.

Trotz der Verrückten und der Drogenparties ist Man Lai davon überzeugt, dass das Chelsea der perfekte Ort war, um Kinder groß zu ziehen. „Es ist eine Familie, es ist ein Dorf. Jeder hier kümmert ich um jeden, ich konnte meine Girls immer bedenkenlos im Haus herum streunen lassen." Die vermeintlich Asozialen stellten sich als überaus fürsorglich heraus.

Einen Mietvertrag hat Man Lai allerdings nie bekommen. Darüber, wie viel sie bezahlt, redet sie nicht. „Einmal hat Stanley mir gesagt, dass er mehr Geld haben will", erinnert sie sich. Vor 15 Jahren war das. „Ich habe einfach nein gesagt." Danach habe er zwar noch einmal versucht, doch irgendwann sei das Thema dann wieder versandet.

Jetzt wartet Man Lai wie die anderen bange darauf, zu erfahren, was der neue Besitzer wohl vor hat. Doch bisher hält er still und lässt die Mieter zappeln. Man sieht nichts von ihm und hört nichts von ihm, er ist wie ein Gespenst.

Der New York Observer hat heraus bekommen, dass es sich bei dem Käufer um Joseph Chetrit handelt, einen der reichsten Männer im amerikanischen Immobiliengeschäft. Der frühere Sears Tower in Chicago gehört ihm, der höchste Wolkenkratzer der USA und auch eine ganze Reihe prestigeträchtiger Objekte in New York. Klar ist vor allem eines – Chetrit hat einen langen Atem und tiefe Taschen und ein unmissverständliches Profitinteresse.

Draußen auf der 23ten Straße dämmert es mittlerweile. Durch Man Lais Fenster schimmert das Empire State Building, dessen Krone wie an jedem Abend mit bunten Scheinwerfern angestrahlt wird. Der Neonschriftzug neben ihrem Fenster bleibt hingegen wie schon seit Tagen dunkel.

Was würde Man Lai denn machen, wenn sie aus dem Chelsea hinaus müsste, frage ich sie. „Keine Ahnung", zuckt sie mit den Schultern. „Ich wollte eigentlich hier bleiben, bis sie mich raustragen." Und wenn es doch hart auf hart kommt? „Dann gehe ich zurück nach Europa."

Anderswo in New York als im Chelsea zu leben– ein solcher Gedanke ergibt für Man Lai keinen Sinn.

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