New Yorks Hochhäuser für Tote

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In New York ist nicht nur Wohnraum knapp - auch für die Verstorbenen gibt es kaum noch Platz: Die Friedhöfe sind überfüllt. Trotz effizienter Stapelgräber klettern die Preise für eine letzte Ruhestätte ins Groteske.
(Financial Times)

Das Büro des Washington Cemetery ist so ausgestorben, als wäre es Schabbes. Dabei ist es Donnerstagvormittag, beste Geschäftszeit eigentlich. Die Schreibtische im Vorderraum des größten jüdischen Friedhofs von New York sind blitzeblank, nicht ein Stück Papier liegt darauf. Die Glasscheibe über dem Schalter, die einst die Kundschaft vom Personal getrennt hat, ist seit Wochen nicht mehr geputzt worden.

Nur im Hinterzimmer ist noch jemand. Dominick Tarantino, ein stämmiger Italo-Amerikaner mit einem Walross-Schnurrbart und einer 80er Jahre Fönfrisur sitzt hinter seinem breiten Schreibtisch und langweilt sich. „Das letzte Mal, dass ich ein Grab verkauft habe", sagt der Geschäftsführer des 170 Jahre alten Gräberfelds, „ist sieben Monate her." Seitdem ist Flaute hier im trefflich benannten Stadtviertel Gravesend an der Grenze der beiden zwischen der orthodoxen Nachbarschaften Borough Park und der russisch-jüdischen Gegend Brighton Beach.

Nicht, dass es an Nachfrage mangeln würde. „Ich werde ständig angesprochen, ob ich noch etwas frei habe - am Zeitungskiosk, im Gemüseladen, ja sogar von meinem Taxifahrer", erzählt Tarantino. Mehr als einmal sei es sogar vorgekommen, dass Leute ihm Geld angeboten hätten, um an ein Grab hier zu kommen. Viel Geld. „Sie wollen mir einfach nicht glauben, dass ich nichts mehr habe", sagt Tarantino. „Nichts, absolut gar nichts, nicht einmal ein Kindergrab habe ich noch frei."

Damit auch der Besucher ihm glaubt und weil er ohnehin sonst nichts zu tun hat, bietet Tarantino persönlich eine Rundfahrt im Golfwagen über das 400 Hektar große Gelände an. „Früher gab es hier Straßen, in denen wir mit einem Bully durchfahren konnten", erzählt Tarantino, während die wackelige Karre zielgenau zwischen den Gräbern hindurch steuert. In den vergangenen zehn Jahren seien die Wirtschaftswege jedoch in der Breite um die Hälfte geschrumpft. Rechts und links sind nur noch wenige Zentimeter Platz zwischen dem Golfwagen und den polierten schwarzen Grabsteinen auf die Namen wie Grinshpun und Toytelbaum graviert sind.

Auch am Außenrand des Friedhofs ist kein Platz mehr, die Gräber sind bis direkt an den Zaun gebaut, hinter dem die U-Bahn im Zehnminutentakt vorbei donnert. Sogar die Grabgröße haben sie verkleinern müssen, um noch ein paar Dutzend Plätze mehr heraus zu schlagen. „Zuletzt waren die Särge so schmal, dass wir die Leute hineinquetschen mussten." Wegen der Enge sei es sogar schon vorgekommen, dass bei der Aushebung eines neuen Grabes ein Sarg in die Nachbargrube gepurzelt sei. Doch irgendwann war endgültig Schluss. 160,000 Menschen liegen im Washington Cemetery, ein schier endloses Meer an Grabsteinen. Und nicht einer passt mehr auf das Grundstück, an dessen Grenze sich Sozialbautürme und Tankstellen drängen.

Der Washington Cemetery ist kein Einzelfall. Den New Yorker Friedhöfen geht überall der Platz aus. Der größte katholische Friedhof der Stadt in Queens steht kurz davor, keine neuen Bewerbungen mehr anzunehmen. Der berühmteste Friedhof der Stadt, der Greenwood Cemetery in Brooklyn, gibt an, nur noch fünf Jahre lang neue Kunden bedienen zu können. In Manhattan, dem wertvollsten Baugrund der Metropole, ist nur noch ein einziger Friedhof aktiv, der Trinity Cemetery in Washington Heights.

Grundstücke sind das knappste und teuerste Gut in New York und die Toten sind davon genauso betroffen, wie die Lebenden. Seit 50 Jahren wurde in New York kein neuer Friedhof gebaut. Doch jedes Jahr sterben 60,000 New Yorker. Jetzt ist die Kapazität der vorhandenen Einrichtungen ausgereizt. An manchen Orten hat die Knappheit bereits zu einem erbitterten Wettbewerb um die Plätze geführt.

Die Preise für Gräber steigen schneller, als die Preise auf dem derzeit angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise stagnierenden Wohnungsmarkt. 12,000 Dollar für ein Grab gilt als Schnäppchen. Familiengräber kosten zwischen 70,000 Dollar und, je nach Lage und Größe, anderthalb Millionen. Nicht wenige Familien, berichtet der Direktor der New Yorker Friedhofsbehörde Richard Fishman, versuchten diesen Boom auszunutzen, um ihre Familiengräber zu verkaufen, die Eltern oder Großeltern ausbuddeln zu lassen und einen hübschen Schnitt dabei zu machen. Zum Glück, so Fishman, gebe es Gesetze, die Profite aus dem Verkauf von Gräbern begrenzten. „Aber die Tatsache, dass Leute sich derart drastische Schritte überlegen, zeigt, wie wertvoll Gräber geworden sind."

Fünf Jahre ist es jetzt schon her, dass der letzte Flecken für eine Erdbestattung in Manhattan verkauft wurde. Der glückliche Kunde war der ehemalige Bürgermeister Ed Koch, der heute 86 Jahre alt ist. Koch spendete der Trinity Church dafür 20,000 Dollar. „Wir haben für ihn eine Ausnahme gemacht", sagt Linda Hanick von der episkopalischen Gemeinde, die Trinity betreibt. „Er ist der dritte Bürgermeister, der bei uns liegen wird und wir wollten ihm die Gelegenheit geben, in der Stadt, die er 12 Jahre lang regiert hat, seine Ruhestätte zu finden."

Ansonsten ist Trinity jedoch schon lange zu effizienteren Methoden übergegangen, die sterblichen Überreste der New Yorker Bürger unterzubringen, als unter der Erde. Am unteren Ende des Friedhofs, zum Hudson Ufer an der 155ten Straße hin, stehen rund ein Dutzend etwa zehn Meter hoher und fünf Meter breiter Betonquader- eine Art Hochhaussiedlung für die Toten. Jeder dieser Quader beherbergt Hunderte von Parzellen in der Größe von Bahnhofsschließfächern, praktische Aufbewahrungsstätten für die Urnen der Verstorbenen. Einen halben Meter hoch, einen halben Meter breit, einen halben Meter tief sind die Fächer, verschlossen mit einer Marmorplatte, auf der kaum ausreichend Raum für einen Namen, ein Geburts- und ein Todesjahr ist. Zwischen sechs und 9000 Dollar kostet eine dauerhafte Bleibe hier.

Auch auf anderen Friedhöfen in New York ist man zur pragmatischen Raumnutzung übergegangen. „Die stapeln die Särge einfach übereinander", erzählt Dominick Tarantino, nicht ganz ohne Zorn. „Da liegen manchmal bis zu neun Särge in einem Grab", sagt er. Nicht, dass er aus Pietätsgründen Hemmungen hätte, auch zu solchen Maßnahmen zu greifen. Alleine, er kann es nicht.

Die jüdischen Glaubensregeln verbieten es, ein Grab jemals wieder zu verwenden, wenn einmal ein Toter darin gelegen hat. Deshalb hat Tarantino auf seinem Friedhof Flecken von der Größe eines mittleren Reihenhausgartens, die ungenutzt sind. „Das waren Kindergräber im 19. Jahrhundert, die winzigen Grabsteine sind längst von der Witterung weg gespült worden." Weiter verkaufen kann Tarantino den Boden aber trotzdem nicht, seine Stammkundschaft, die Brooklyner Juden, würden ihm das Übel nehmen.

Ohne Einnahmen aus neuen Grabverkäufen, schätzt Tarantino, kann er den Betrieb des alten Friedhofs hier jedoch nicht mehr lange aufrechterhalten. Zwei Jahre noch, schätzt er. Derweil muss er 17 Angestellte bezahlen, um die 160,000 Gräber zu pflegen, 11 feste und sechs Saisonarbeiter. Und die Arbeit ist durch den Platzmangel nicht leichter geworden. „Wir können ja nicht mehr an die Gräber fahren, alles muss von Hand gemacht werden." Zu den wenigen Beerdigungen in lange reservierten Gräbern, die hier noch stattfänden, müssten die Särge sogar über die Mauer gehievt werden.

Eine kleine Hoffnung hat Tarantino jedoch noch. Am Ostende des Friedhofs hat ein Hausbesitzer sich bereit erklärt, dem Friedhof sein Grundstück zu veräußern. 1,8 Millionen will er für das Einfamilienhäuschen und den kleinen Garten haben. „Das wären vielleicht 320 Gräber", sagt Tarantino, also ein Profit von vielleicht zwei Millionen. „Damit könnten wir noch ein wenig weiter machen. Aber letztlich ist es nicht mehr als ein Pflaster auf einem brechenden Dammwall.

Wenn nichts Drastisches passiert, sind demnach die Tage des größten jüdischen Friedhofs von New York gezählt. Ebenso wie die von vielen anderen. „Wie viele Jahre jeder einzelne unserer Friedhöfe noch hat, hängt von vielen Dingen ab", sagt Richard Fishman von der Friedhofsbehörde. „Aber es wird auf jeden Fall eng."

Abhilfe schaffen könnte alleine die Stadt selbst noch, doch die Stadtoberen machen dazu keine Anstalten. So steht an einem Ende von Tarantinos Friedhof ein städtisches Baseballfeld, dass man ihm schon längst hätte verkaufen können. Doch ein Friedhof bringt als gemeinnütziger Betrieb keine besonders hohen Steuereinnahmen. Deshalb wartet man lieber, bis ein kommerzieller Investor Interesse an dem Grund hat.

Noch hat man im Rathaus offenbar nicht begriffen, dass es nicht nur darum geht, die unersättliche Nachfrage an Gräbern auf dem Stadtgebiet zu befriedigen. Leute wie Dominick Tarantino am Leben zu erhalten bedeutet auch, für die Pflege der vielen Millionen von Gräber in New York zu sorgen. Es geht um Denkmalschutz im direktesten Sinn. Wenn er bankrott ist, wird der jüdischen Gemeinde von Brooklyn der Ort genommen, an dem sie ihrer Vorfahren gedenken und sich so ihrer Gemeinschaft über die Generationen hinweg versichern können. Doch wenn es in New York um Immobilien und Profit ging, spielten solche Erwägungen noch nie eine große Rolle.

Vielleicht hätte man es ja hier so machen sollen, wie in San Francisco. Dort hat man schon 1913 alle Friedhöfe aus dem Stadtgebiet verbannt und etwa 30 Kilometer außerhalb eine Art Friedhofsstadt errichtet. Um die vorhandenen Grabstätten hatte sich vorher weitgehend das Erdbeben von 1906 gekümmert. Solange New York von einer solchen Katastrophe verschont bleibt, wird es jedoch einen Weg finden müssen, Dominick Tarantino und seinen Kollegen ein Auskommen zu sichern.

Tarantino sitzt derweil wieder in seinem Büro und spielt mit einem Mini-Football aus Schaumstoff, um sich die Zeit zu vertreiben. Briefe und Petitionen an die Stadt zu schreiben, hat er schon längst aufgegeben: „Da ruft eh' niemand zurück." Was bleibt, ist das Warten darauf, dass das Geld ausgeht. Oder dass ein Wunder geschieht.

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