Der Herrscher der Tür

  • Doorman
Steve Keschl ist Doorman in der Upper East Side – und damit eine Stütze der New Yorker Gesellschaft.
(Der Tagesspiegel)

Jedes Mal, wenn der Fahrstuhl „Ping" macht, ist das für Steve Keschl wie ein Startschuss. Vielleicht fünf Sekunden hat der 83-Jährige dann Zeit, um den Weg von seinem Stehpult aus durch das Foyer bis zur Haustür zurückzulegen.

Der Klingelton zeigt an, dass ein Bewohner des 20-stöckigen Apartmenthauses an der New Yorker Upper East Side im Erdgeschoß angekommen ist und Keschl muss sich mit seinem mittlerweile doch etwas schleppenden Gang sputen, um vor ihnen den Eingang zu erreichen. Denn Steve ist Doorman, die Tür aufzuhalten ist sein Job.

Meistens schafft er es, oft allerdings nur, weil die Mieter der Nummer 460 East 79th Street ihren gehetzten New Yorker Stechschritt verlangsamen und ihn gewähren lassen. Niemand will ihm dieses kleine Alltags-Ritual versagen und auch nicht sich selbst. Das Rollenspiel nährt schließlich das Selbstwertgefühl beider Seiten – des Dieners und des Bedienten: Der eine wird dadurch wichtiger, der andere fühlt sich gebraucht. Routiniert fährt der weiße Handschuh von Steve zum Messingknauf aus, der Oberkörper deutet leicht eine Verbeugung an. „Have a nice day". „Have a nice day, Steve", kommt es dann meistens jovial zurück.

Steve ist einer von 32,000 Doormen in New York, einer jener schmucken Männer in Dienstmann-Livre, die zum Stadtbild gehören wie das Empire State Building, die Freiheitsstatue und die gelben Taxis. Überall sieht man sie auf den breiten Bordsteinen, wie sie mit der Trillerpfeiffe im Mund Limousinen herbei winken oder einfach nur unter der Plane vor den Eingängen der vornehmeren Apartmentgebäude der Stadt stehen, um Besuchern die Tür zu öffnen. Sie nehmen Pakete und Mitteilungen entgegen, kündigen per Haustelefon Besucher an und wenn ein Mieter in den Urlaub fährt, hinterlässt er beim Doorman den Schlüssel, damit dieser die Pflanzen gießt.

In den meisten anderen Städten der Welt erledigen die Menschen diese Dinge alleine oder organisieren sie untereinander. Sehr viele New Yorker können es sich hingegen nicht vorstellen, ohne Doorman auszukommen. Als in der vergangenen Woche die Portiers der Stadt mit einem Streik drohten, brach Krisenstimmung in Manhattan aus. Die Bewohner überlegten sich in dringlichen Versammlungen, wie sie die Notlage meistern könnten, heuerten Sicherheitsdienste an, organisierten Foyerdienst- Schichten in Selbsthilfe.

Natürlich hat nicht jedes New Yorker Mietshaus einen Doorman. Sich einen Doorman zu leisten ist zwar ein gewisser Luxus - ein Apartment in einem Gebäude mit Doorman ist im Durchschnitt zehn Prozent teurer, als in einem Haus ohne Wächter. Doch der Dienst ist ein Luxus, für den man gerne in die Tasche greift. Einen Doorman zu haben wird als alles andere angesehen, denn als überflüssig. Wenn man sich einen Doorman leisten kann, dann tut man das auch, so, wie ein PC zwar auch ohne Virenschutz läuft, man im Zweifel damit aber deutlich besser fährt. Kein unbedingt notwendiges Accessoire aber auch keine Extravaganz. Die Zeiten, als ein livrierter Diener ein reines Status Symbol der Upper Class war, sind lange vorbei.

Warum man so gerne jemanden hat, der rund um die Uhr die Lobby bemannt, kann jedoch kurioserweise niemand so recht erklären. Das Sicherheitsargument, das am häufigsten ins Feld geführt wird, ist jedenfalls fadenscheinig. New York ist seit geraumer Zeit die sicherste Großstadt der USA und die Apartmenthäuser, die mit Türstehern ausgestattet sind, liegen gewöhnlich in den sichersten Gegenden von Manhattan. Dort, wo es wirklich gefährlich ist, gibt es auch keinen Doorman. Ganz abgesehen davon, dass ein überaus charmanter aber schon etwas zittriger älterer Herr wie Steve Keschl ganz bestimmt keine entschlossenen und vielleicht sogar bewaffneten Räuber in die Flucht schlagen würde.

Und doch können sich die Mieter der Nummer 460 East 79th Street ein Leben ohne Steve Keschl nicht vorstellen. „Er ist der wunderbarste Mensch der Welt", sagt eine sehr rüstige Dame um die 70 im Vorbeigehen dem Besucher, während Steve ihr die Schwingtür aufhält. „Er ist wirklich etwas ganz besonderes."

Das Kompliment treibt Keschl für einen Augenblick Tränen der Rührung in die Augen. „Sie hat schon hier gewohnt, als ich hier angefangen habe", sagt er während er sich kurz mit dem Ärmel über das Gesicht wischt und zurück zu seinem Stehpult trottet. 50 Jahre ist das jetzt her. Jeden Tag hat er ihr seither die Tür aufgehalten, sechs Mal die Woche. Sie sind zusammen alt geworden und jeder gehört zum Leben des anderen, wie ein vertrautes Möbelstück oder ein Buch, das man immer wieder liest. Etwas, das Sicherheit und ein wenig Halt gibt. Sie reden nicht viel über private Dinge, sagt Steve, die Dame weiß praktisch nichts über ihn und er weiß nur das, was man zwangsläufig als Doorman eben so mitbekommt und worüber man diskret schweigt. Und doch würde der Dame etwas sehr wichtiges fehlen, wenn Steve ihr eines Morgens nicht mehr die Tür aufhält und ihr einen schönen Tag wünscht. Ein wichtiges Stück Verlässlichkeit und Intimität in einer Stadt, die davon ansonsten so wenig zu bieten hat.

So erklärt auch der New Yorker Schriftsteller James Collins, warum seine Stadt so an ihren Doormen hängt. „In der großen gleichgültigen Stadt ist er so etwas wie der Gemischtwarenhändler oder der Postbote in einem Dorf. Er kennt Dich, er kennt alle anderen, er tratscht und er trägt zum Zusammenhalt und zum Zusammenhang der Gemeinschaft bei." Der Doorman federt die Anonymität der Stadt ein wenig ab, das kurze Schwätzchen mit ihm über das Wetter oder über die Baseball-Ergebnisse geben dem Mieter das Gefühl hier nicht nur zu wohnen sondern so etwas wie ein zuhause zu haben.

Insofern gibt es kaum einen besseren Doorman als Steve, auch, wenn er es nicht mehr so flink bis an die Tür schafft und wenn er mittlerweile das eine oder andere Paket liegen lässt abzugeben oder eine Mitteilung vergisst. Er ist ein Muster der Beständigkeit, ein Fels in der Brandung einer Stadt, in der immer alles im Fluss ist und sich immer alles ändert.

Steve Keschl kam 1957 aus einem kleinen Dorf an der österreichisch-ungarischen Grenze nach New York. Das Viertel hier, wo er bis heute arbeitet, war damals noch stark deutsch-ungarisch geprägt und so fand er hier über Bekannte seinen ersten Anker in der neuen Welt. Er bekam ein Zimmer zur Untermiete und einen Job als Kellner. Als 1960 das damals hochmoderne 30- stöckige Apartment-Gebäude an der 79ten eröffnete und ein Türposten gesucht wurde, schlug er dann zu. Seitdem steht er hier im Eingang. Generationen von Mietern sind gekommen und gegangen, zahllose Kinder hat er im Haus aufwachsen sehen. Auch das Verschwinden der deutsch-ungarischen Gemeinde hat er mitbekommen müssen, er ist einer der letzten Überreste des alten „Yorkville", wie die Nachbarschaft heißt. „Ja, früher wurde hier viel mehr Deutsch gesprochen", sagt er in einem schweren burgenländischen Tonfall.

Doch alle diese Veränderungen vermochten Keschl nicht zu beirren. Wenn er kann, wird er sich noch 20 Jahre lang jeden Morgen um halb sieben in der kleinen Umkleidekabine im Keller der Nummer 460 die grüne Uniform mit den großen Messingknöpfen anziehen, seine Dienstmütze aufsetzen und seinen Posten im Foyer beziehen; die Post annehmen und auf die Briefkästen verteilen, den Empfang von Päckchen bestätigen, mit dem Kurier, den er mit Vornamen kennt, ein kleines Schwätzchen halten und dabei immer aus dem Augenwinkel die Tür im Blick behalten.

„Good morning, have a nice day."

"Have a nice day, Steve."

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