New York wehrt sich gegen Hysterie

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Konservative in den USA blasen zum Kampf gegen einen Moschee-Bau in der Nähe von Ground Zero. Doch zwei Drittel der Bürger in der liberalen Stadt am Hudson verbitten sich die Einmischung.
(Frankfurter Rundschau)

Gabriela kann sich noch genau daran erinnern, wie das war, damals, am 11. September 2001. Sie erinnert sich daran, wie unwirklich schön dieser Tag war. Sie erinnert sich an ihre Unfähigkeit zunächst zu begreifen, was da passiert. Sie erinnert sich an die Explosionen, das Feuer, den Staub überall und schließlich an die Panik und die Verzweiflung.

Die auffallend hübsche Afro-Amerikanerin saß an jenem Morgen in ihrem Büro im Federal Building am Broadway, keine 400 Meter nördlich vom World Trade Center. Wenn sie heute daran denken muss, dann verschwindet ihr ansonsten so strahlendes Lächeln und ihr Gesicht wird ausdruckslos und steinern.

Heute sitzt Gabriela wie an den meisten Tagen zur Mittagszeit auf einer Bank an der Ecke Park Place und Greenwich Street in der Sonne und isst ihr Sandwich. Direkt gegenüber verstellen die Baukräne vom Ground Zero den Himmel und die Presslufthämmer belegen das Viertel mit einem gleichförmigen Dröhnen. Es könnte hübscher sein hier aber man hat sich nach beinahe zehn Jahren daran gewöhnt.

Oft denke sie nicht mehr an den 11. September, sagt sie, obwohl sie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an der riesigen Baugrube vorbei laufen muss, wo damals das World Trade Center gestanden hat. Oder vielleicht gerade deshalb. Wie für die meisten New Yorker ist die Narbe im Antlitz ihrer Stadt für Gabriela Normalität geworden. Ground Zero ist eine Baustelle, ein Alltags-Ärgernis, mehr nicht, und die Touristen, die seit dem 11. September das Viertel verstopfen machen es nur noch schlimmer. „Ich habe keine Ahnung, was die hier sehen wollen", sagt Gabriela. Das Gerede von „geheiligtem Grund" kann sie nicht nachvollziehen.

Genauso wenig wie Gabriela die Ground Zero-Pilger versteht, kann sie die Aufregung um das islamische Gemeindezentrum begreifen, das jetzt hier geplant ist. Das Gebäude, nur ein paar Schritte von Gabrielas Lunch-Bank entfernt, wird schon seit einem Jahr als Gebetsraum genutzt, bis vor Kurzem hat sich hier niemand darum geschert. Und auch heute läuft das Bürovolk achtlos und in die eigenen Geschäfte vertieft an dem mit Brettern vernagelten alten Kaufhaus vorbei, wo die gläubigen Muslime der Gegend durch einen Nebeneingang ein und aus gehen, um im Tiefparterre Andacht zu halten.

„Hey – das ist Amerika", sagt Gabriela, „das ist New York. Lasst sie bauen, lasst sie beten. Es gibt doch ohnehin schon viel zu viel Rassismus." Die Idee, dass alle Muslime Terroristen sind und die Jihad wollen, hält Gabriela für völlig abwegig. „Na klar habe ich Angst, wenn ich in ein Taxi steige und der Fahrer Pakistani ist", scherzt sie. „Das hat aber mehr etwas mit den Fahrkünsten zu tun. Und da sind die Iren und die Schwarzen auch nicht besser."

Wie Gabriela geht es den meisten New Yorkern. Man kann hier vor Ort die Hysterie, die nun schon seit Wochen durch das Land und um die Welt tobt nicht so ganz begreifen. 68 Prozent der Amerikaner sind gegen den Bau einer Moschee am Ground Zero, halten sie für eine Provokation oder gar ein „Monument für die Attentäter". Unter New Yorkern können sich jedoch nur 31 Prozent über das Projekt echauffieren. Darüber, dass etwa der republikanische Gouverneurskandidat in South Carolina die Ground Zero Moschee zum Wahlkampfthema gemacht hat, kann mir hier nur lachen: „Ob das jemand in South Carolina gut findet oder nicht, geht uns hier ehrlich gesagt völlig am Allerwertesten vorbei", meint Gabriela.

Auf New Yorker wirkt das alles wie die Fortsetzung dessen, was sie nun schon seit neun Jahren erdulden müssen. Man hat es satt, dass aus den Ereignissen von damals von Außenstehenden Kapital geschlagen wird – gleich ob es die Bush Regierung war, die Medien, Oliver Stone oder nun eben wieder einmal konservative Politiker, die mit den Ängsten der Menschen spielen. Mit dem eigenen Erinnern, dem eigenen Trauma, hat das alles nicht das Geringste zu tun.

In diesem Fall war es der republikanische Kandidat für das Gourverneursamt von New York, Rick Lazio aus Long Island, der die Hysterie um die Ground Zero Moschee schürte, um sich ins Gespräch zu bringen. So lange bis Lazio auf den Plan trat und für das leer stehende Kaufhaus am Park Place, das der Moschee weichen soll, Denkmalschutz beantragte, war das Projekt völlig unkontrovers. Seit vielen Jahren sucht der Imam Faisal Abdul Rauf, der seit 1983 eine islamische Gemeinde im unteren Manhattan betreibt, nach einem geeigneten Raum für ein solches Projekt. Noch im Februar diesen Jahres gab es bei einer Nachbarschaftsversammlung zu dem Thema nicht die geringsten Bedenken. Die Idee wurde von der episkopalen Gemeinde hier, der Trinity Church unterstützt, vom jüdischen Gemeindeverband von New York sowie von den Familien der Opfer des 11. September,

Die Möglichkeit, dass es grundsätzliche Bedenken gegen eine islamische Präsenz so dicht am Ground Zero würde geben können, kam während der damaligen Gemeindeversammlung gar nicht auf. Es war in Manhattan niemandem in den Sinn gekommen, dass irgendwer an einer islamischen Präsenz Anstoß nehmen könnte. In der Region leben rund eine Million Muslime, in Manhattan gibt es mehr als 100 Moscheen – inklusive einem hochmodernen islamischen Kulturzentrum aus Glas und Stahl auf der Upper East Side. Jeder New Yorker hat in seinem Alltag mit Muslimen zu tun –ob es Taxifahrer sind, Hot Dog Verkäufer oder auch Büro-Kollegen. Gabriela bringt es auf den Punkt: „Wenn ich Angst vor Muslimen habe, dann kann ich nicht in New York leben."

Für diejenigen in New York, die den Imam Faisal Abdul Rauf kennen, war die Entrüstungsorgie der vergangenen Wochen noch unbegreiflicher. Rauf, der westliche Kleidung bevorzugt und ein distinguiertes Englisch spricht, verkörpert wie kaum ein anderer amerikanischer Imam den moderaten Islam. Er predigt Offenheit und Toleranz und hat seine Arbeit dem Dialog der Kulturen gewidmet. Unmittelbar nach dem 11. September gab Rauf ein Fernsehinterview, in dem er die Terroranschläge verurteilte und sich gegen jeglichen islamistischen Extremismus aussprach. Später beriet er das FBI bei dessen Anti-Terror-Ermittlungen. Die Arbeit in seiner Gemeinde hat er ganz in das Zeichen der Integration des Islam in die westliche Kultur gestellt. „Die Schönheit des Himmels", predigte er jüngst bei einem Gottesdienst am Park Place, „ist für mich die Vielfalt der Menschen dort. Der Himmel ist Dar al-Sallaam, die ultimative Zuflucht. Er ist ein Ort für alle, die gute Taten getan haben im Leben – Männer, Frauen, Kinder, Muslime, Nicht-Muslime, Menschen aller Kulturen und Nationalitäten."

Rauf ist in Kuwait geboren und hat in Malaysia, Ägypten, England sowie in New York studiert. Die prominente britische Theologin Karen Armstrong nennt ihn eine Figur mit „tiefen Wurzeln in beiden Welten." Nach dem 11. September, so Armstrong, sei sie immer wieder gefragt worden, wo sie denn seien, die moderaten Muslime und warum sie sich nicht zu Wort meldeten? „Nun - Rauf ist dieser Mann", sagte Armstrong.

Jetzt hängen sich jedoch die Kritiker an Bemerkungen auf, die Rauf über die amerikanische Außenpolitik gemacht hat. Die USA hätten dazu beigetragen das Phänomen Bin Laden zu schaffen, hat er gesagt. Außerdem weigerte er sich, die Hamas als terroristische Vereinigung zu bezeichnen. Das reichte den Skeptikern wie Lazio, ihn als Strohmann einer islamistischen Verschwörung darzustellen. Der Vorwurf ist natürlich absurd. Die politischen Positionen von Rauf sind, wie Newsweek-Kolumnist Fareed Zakaria vergangene Woche ausführte, Positionen, die man auf jeder linken Polit-Website findet. Was den Islam und den Terrorismus angehe, sei Raufs Standpunkt jedoch eindeutig.

Dennoch bleibt die Frage, ob nicht die Wahl des Standortes für sein islamisches Gemeindezentrum hier am Park Place doch eine Provokation ist? Oder zumindest eine gezielte Insensibilität?

Sharif El Gamal, der Geschäftsführer von SoHo Properties, der Bauträgerfirma für das Gemeindezentrum, kann diese Frage nicht mehr hören. „Es besteht in Lower Manhattan ein Bedarf für ein solches Zentrum", wehrt der gebürtige New Yorker, ein adretter junger Geschäftsmann, immer wieder genervt die Fragen ab. Ende der Diskussion.

Dass El Gamal so defensiv ist, ist natürlich seiner Sache nicht eben dienlich. Dabei könnte er mit etwas mehr Geduld den Bedarf an Gebetsraum hier im Viertel bestens demonstrieren. Man müsste der Öffentlichkeit nur einmal das Stammhaus von Imam Faisals Gemeinde zeigen.

Die Masjid al Farah am West Broadway ist ein schmaler dreistöckiger Altbau, eingezwängt zwischen dem schicken Bistro Cercle Rouge und einer Cocktail-Bar. Der Andachtsraum füllt das gesamte Tiefparterre aus, darüber liegen bescheidene Büroräume. Zum Maghrib, dem Sonnenuntergangs-Gebet während des Ramadan, kommen etwa drei Dutzend Gläubige hier vorbei, trinken zusammen Wasser und essen Datteln. Nicht ein Betender mehr würde in den fensterlosen Raum passen.

Deshalb hat der Immobilienmakler El Gamal, Gemeindemitglied und Freund Faisals damals zugeschlagen, als das Gebäude am Park Place frei wurde. Das ehemalige Billigkaufhaus, ein altes Kontorhaus von 1923, war am 11. September schwer beschädigt worden, nachdem das Fahrwerk eines der Flugzeuge durch das Dach gekracht war. Die Besitzer verschleuderten es zum Dumpingpreis. Seither hat Faisal im Erdgeschoß einen improvisierten Gebetsraum eingerichtet, um die vielen Muslime zu beherbergen, die im unteren Manhattan arbeiten und die er in seinem Stammhaus nicht mehr unterbringen kann.

Doch für El Gamal und Faisals Frau, die Innenarchitektin Daisy Khan, war das Haus auch die lange ersehnte Gelegenheit, einen Traum zu verwirklichen. An der 76ten Straße in Manhattan steht ein modernes jüdisches Gemeindezentrum mit einem breiten Angebot an Kulturveranstaltungen und Sportmöglichkeiten, die alle Anwohner nutzen –nicht nur die jüdischen. Die Betreiberin, Joe Levitt, ist eine enge Freundin von Daisy Khan und hatte Khan schon vor langer Zeit auf die Idee gebracht, auch für die islamische Gemeinde in New York so etwas einzurichten – ein Angebot der New Yorker Muslime an ihre Mitbürger, ein Ort des Dialogs. Deshalb hatten Khan und Faisal schon 1999 versucht, ein Gebäude an der 23ten Straße zu kaufen.

Wie die meisten New Yorker fand Bürgermeister Bloomberg, diese Idee eines Ortes der Versöhnung zwischen den Kulturen fantastisch. Deshalb lud er auch den Imam Faisal und seine Frau im vergangenen September zum Essen in seinen Amtssitz auf der Upper East Side ein.

Der einstige Unternehmer Bloomberg ist wirtschaftspolitisch häufig eher konservativ. Wenn es um Toleranz und kulturelle Vielfalt in seiner Stadt geht, ist der Enkel jüdischer Einwanderer jedoch stets durch und durch ein New Yorker Liberaler gewesen. Und so brachten den ansonsten oft als unterkühlten Technokraten geltenden Bürgermeister die Versuche, das Gemeindezentrum zu verhindern in Rage, wie bislang kein anderes Thema in seinen neun Jahren im Amt.

Nachdem die Kommission für Denkmalschutz in der vergangenen Woche grünes Licht für den Bau gegeben hatte, stellte sich Bloomberg am New Yorker Hafen mit der Freiheitsstatue im Hintergrund an die Mikrofone und hielt ein flammendes Plädoyer dafür, wie zentral Offenheit nicht nur für seine Stadt, sondern für die gesamten USA sind: „New Yorker zu sein", sagte Bloomberg mit vor Erregung bebender Stimme, „bedeutet in gegenseitigem Respekt mit seinen Nachbarn zu leben. Muslime sind so sehr Teil unserer Stadt und unseres Landes, wie die Mitglieder jeder anderen Glaubensgemeinschaft und es gibt kein Viertel unserer Stadt, das ihnen nicht offen steht."

Natürlich sind mit der Genehmigung die Diskussionen noch lange nicht zu Ende. Die Kritiker regen sich weiter über die Provokation auf. Am vergangenen Wochenende hat sich dann sogar Barack Obama eingeschaltet und betont, dass der amerikanische Grundsatz der Religionsfreiheit ebenso uneingeschränkt für Muslime gelte, wie für jede andere Gruppe und dass Imam Faisal deshalb jedes Recht habe, am Park Place zu bauen. Dafür handelte er sich wiederrum einen Feuersturm an Empörungsrufen ein: Er habe Amerika verraten, musste Obama sich sagen lassen und er ignoriere den Willen des amerikanischen Volkes.

An dem Ort, um den da auf allen Kanälen so eifrig gezankt wird, war es zum Ende der vergangenen Woche derweil auffallend ruhig. Vereinzelte Betende tröpfelten am Freitagnachmittag durch den kleinen Nebeneingang unter den griechischen Säulen der bröckelnden Fassade, stellten ihre Schuhe in das weiße Regal und verschwanden in den Andachts-Raum. Die meisten der Passanten draußen ahnten nicht, dass sie an dem Haus vorbei eilten, über das sich gerade die Welt streitet.

Auf dem Trottoir lief derweil ein bulliger schwarzer Mann auf und ab und fegte den Gehsteig. Er stellt sich als Kamal vor, er ist Hausmeister hier und Gemeindemitglied. Kamal ist in der Bronx geboren und aufgewachsen, war dort in einer Gang und ist während eines Gefängnisaufenthaltes vor zehn Jahren zum Islam konvertiert. „Imam Faisal hat mir das Leben gerettet", sagt Kamal. „Die einzige Jihad, die der Imam lehrt ist die innere Jihad mit sich selbst", meint Kamal und streicht sich durch seinen kleinen Ziegenbart. Ansonsten sei Faisal ein guter Amerikaner, so wie er selbst. Auch, wenn beide vielleicht nicht das sind, was man sich in North Carolina unter guten Amerikanern vorstellt.

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