Mitten im Gaga-Land

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Auf Lady Gagas Spuren an der Lower East Side
(Berliner Zeitung)

Es ist noch viel zu früh für das St. Jerome's, nicht einmal 21 Uhr an einem Samstagabend. Gerade vier Gestalten sitzen an der Bar des schummerigen schmalen Raums, zwei in Unterhemd mit Tattoo-übersäten Armen, ein anderer mit Glam-Rock-hafter Mähne und Lederjacke.

Auf der Leinwand in der Ecke des Schankraums läuft ein altes Konzertvideo von Bruce Springsteen aus den Achtziger Jahren, das die Trinker gebannt anstarren. Der Barkeeper nippt gelangweilt an seinem Budweiser, das hier bis Mitternacht für zwei Dollar die Flasche ausgeschenkt wird, um die Kneipe zu füllen und tippt lässig mit der Stiefelspitze den Takt.

Die wilden Parties im St.Jerome's von denen es im Internet reichlich Paparazzi-Fotos gibt, sind um diese Uhrzeit nur zu erahnen. Die Gipsstuck-Wände und die Kunstlederbänke sind zu erkennen, in die Lady Gaga auf jenen Fotos versunken ist, während Lady Starlight, ihre Kumpanin aus New Yorker Szenetagen, ihren Kopf zwischen Gagas netzstrümpfigen Schenkeln vergraben hat. In der Ecke steht neben einem DJ Pult jene kaum einen Quadratmeter große Bühne, auf der Gaga sich weiland als Gogotänzerin verdingt hat. Und über der altmodischen, mechanischen Kasse hinter der Theke hängt ein Polaroid Foto von Gaga mit ihrem damaligen Lover Luc Carl, der noch immer an manchen Abenden hier als Barkeeper arbeitet. Im mit schwarzen Tüchern verhangenen Fensterrahmen steckt ein altes Plattencover von David Bowie – nach Selbstauskunft ein wichtiger Einfluss auf die junge Gaga.

„Wann spielst Du denn heute", fragt der Barkeeper den blassen jungen Mann mit der Jim Morrison Frisur während er ihm noch ein zwei Dollar Bud über die Theke schiebt. „Um Mitternacht im Pianos", erwidert der Junge, offenbar der Bassist in einer Garagenrockband. Dann zieht er eine CD aus der Tasche, die neue Demo-Aufnahme seiner Kombo und berichtet den Anwesenden von seinen Kompositionen. So, wie er war Lady Gaga noch vor drei Jahren auch – einer von hunderten junger Musiker in New York, die von der großen Karriere träumen.

Das St.Jerome's liegt in der Rivington Street auf der Lower East Side. Das Viertel, das von vierstöckigen Mietskasernen aus dem frühen 19. Jahrhundert geprägt wird, hat sich in den vergangenen 15 Jahren vom abgerissenen Immigranten- zum Ausgeh- und Amüsierkiez der jungen New Yorker Boheme aufgeschwungen. Auf der Hauptader durch das Viertel, der Ludlow Street, reiht sich ein Live-Musikclub neben dem anderen auf –das genannte Pianos, der Living Room, der Cutting Room, die alte Rocker Kneipe Max Fish. Davor stehen jetzt, am Samstagabend, in Trauben junge Menschen in Skinny Jeans und besprayten Nike-Sneakers, rauchen und warten auf das nächste Set. Vor einem leeren Grundstück zwischen den Clubs steht ein Trio junger Mädchen in kurzen Karo-Röcken und mit überdimensionierten Haarschleifen, spielen Ukeleles und lassen dabei Hula-Hoop Reifen um ihre Hüften kreisen.

Wir sind mitten im Gaga-Land hier. Bis ihre Karriere raketenhaft in den Rockstarhimmel schoss, wohnte die damalige Stefani Germanotta gleich um die Ecke in der Nummer 167 Stanton Street, in einer Zweizimmerwohnung, die Gerüchten zufolge mit nichts anderem ausgestattet war, als mit einem Futon und einem Yoko Ono Plattencover an der Wand. „Ich bin damals mit Luc um 12 auf gestanden", erzählte sie in einem Interview dem New York Magazine. Oft sei auch Lady Starlight dort gewesen. „Dann ist Luc ins Jerome's gegangen und hat die Abrechnung gemacht, während ich in der Küche gesessen und Bowie gehört habe. Nachmittags haben wir uns dann angezogen, sind über die Brooklyn Bridge gefahren haben dort Musik gehört. Und Abends sind wir in die Clubs gegangen." Sie hätten damals nach Lower East Side gestunken, sagte Gaga dem New York Magazine – ein ganz besondere Gestank , der sie zu der Frau gemacht habe, die sie heute sei.

Der Gestank der Lower East Side, das ist der Gestank von verschüttetem Bier auf alten Holzfußböden. Es ist der Gestank von Marihuana und Nikotin, der am Samstagabend durch die Straßen weht, es ist der Gestank von faulenden Müllsäcken auf dem Bordstein am Ende einer langen Nacht, von alten ausgetretenen Turnschuhen und von verschwitzten T-Shirts in engen, überfüllten Clubs. Es ist eine erkennbare, einzigartige Mischung aus Duftnoten, die sogar im kühlen Spätherbst hier in den Gassen steht.

Die Lower East Side Szene war damals Gagas Biotop, schon mit 15 zog sie mit gefälschten Ausweisen nach der Schule hier durch die Clubs. Bald trat sie mit ihrer eigenen Kombo, der Germanotta Band, für ein paar Dollar hier auf, später strippte sie auch in Burlesque-Clubs wie dem Slipper Room, die zu Beginn der Nuller Jahre im New Yorker Nachtleben populär wurden. „Sie wusste damals nur eines – dass sie ein Star werden will", schrieb das New York Magazine über die Lower East Side Jahre von Gaga. „Sie hatte allerdings keine Ahnung, wie das genau passieren sollte. Sie ließ sich treiben und wartete auf den brillianten Zufall."

Der kam dann, als der Produzent Rob Fusari sie 2007 hier bei einem Auftritt in Arlene's Grocery entdeckte. Ihre Band, erinnert sich die Sängerin Wendy Starland, mit der sie damals auftrat, sei fürchterlich gewesen, Gagas Stimme auch. Das einzige, was sie gehabt habe, sei eine außergewöhnliche erotische Ausstrahlung. Das habe aber für den ersten Schritt zum Superstar völlig ausgereicht. Von Anfang an war Gaga keine Musikerin, sondern eine Idee, ein Konzept.

Arlene's Grocery ist ein ehemaliger Lebensmittel-Laden auf der Stanton Street, nur zwei Häuser von Gagas einstiger Bude entfernt. Über dem Eingang hängt noch immer das Neon-Schild des alten Geschäfts, darunter sitzt jedoch jetzt auf einem Barhocker ein gewichtiger schwarzer Türsteher und kontrolliert penibel die Ausweise. Wer ihn überwindet erhält Eintritt in einen kahlen engen Barraum mit bloßgelegten Backsteinwänden und gänzlich ohne Mobiliar. Nur eine Jukebox steht in der Ecke.

Es geht mittlerweile auf Mitternacht zu und die „Grocery" füllt sich langsam mit jungen Hipstern. Einige Bustiers auf bloßer tätowierter Haut sind zu entdecken, ebenso wie geschminkte und chirugisch gestraffte Männergesichter. Ein kokettes Spiel mit sexuellen Identitäten knistert durch den Raum. Aus der Juke-Box tönt laut die Musik von Indie-Kultbands wie LCD Soundsystem, Deerhunter, Band of Horses oder Animal Collective. Man versteht das eigene Wort nicht, aber zum unterhalten kommt man ohnehin nicht hierher. Es geht mehr darum, den Vibe aufzusaugen.

Im Keller der Grocery hat derweil die Live Musik angefangen, die hier für nur 10 Dollar bis in die Morgenstunden geht. Das Publikum ist dicht an die Bühne gedrängt, auf der eine Indie- Band inbrünstig und schwitzend ihre Kompositionen in die Mikrofone brüllt. Der besondere Lower East Side Duft liegt schwer in der Luft – Schweiß, Bier, Nikotin. Die Band ist keine Offenbarung, nur solide Rockmusik aber befeuert von einer unbändigen Energie und Intensität. In den Clubs der Lower East Side ist für die Musiker jeden Abend Ernstfall, man weiß nie, welcher Produzent da unten im Publikum steht und an seinem Bier nippt. Schließlich hat hier nicht nur Lady Gaga angefangen, sondern auch die Strokes und die Shins und Norah Jones und die Yeah Yeah Yeahs.

Draußen auf der Straße herrscht mittlerweile dichtes Gedränge, die Menschen schieben sich eng an eng durch die Nacht, noch immer auf der Suche nach dem einzigartigen, transzendenten Live Musik Erlebnis, jenem Konzert, von dem nächste Woche alle reden und von dem man dann sagen kann, man sei dabei gewesen. Das ist schließlich die Essenz des Hipster-Daseins, der Lebensinhalt der professionellen Boheme– eine Band gehört zu haben, bevor sie alle anderen hören, bevor sie groß raus kommen. Wenn sie einmal so weit sind wie Lady Gaga, sind sie für die Lower East Side uninteressant. Eine Bar in der Houston Street, die Parkside Lounge, hat jüngst sogar strikt das Abspielen von Gaga-Songs verboten.

Vor der Grocery stauen sich nun die Taxis im ganzen Viertel, die Straßenzüge erinnern eher an den Times Square, als an das jüdisch-chinesische Arbeiter- und Händlerviertel, das hier vor 20 Jahren noch war. Die erste Schicht der Nachtschwärmer sucht nach einer Fahrgelegenheit nach Hause oder in die Clubs in Brooklyn. Gleichzeitig wird die Spätschicht wird gerade angeliefert.

Die letzte Station auf den Spuren von Gaga ist der Slipper Room an der Ecke Orchard Street. Der niedrige Raum mit abgewetzten Bodenplanken und kuscheligen Plüsch-Sitzecken ist prall gefüllt, das Nachtprogramm beginnt gerade.

Als das Licht ausgeht tritt Seth Herzog, genannt „The Zog" auf die Bühne und entledigt sich zur Titelmelodie der 70er Jahre-Kultserie Wonder Woman seines Adidas-Seidentrainingsanzugs , unter dem das hautenge Kostüm der Super-Amazone zum Vorschein kommt. Es ist der Auftakt zu einer langen Nacht der erotischen Pastiche, in deren Verlauf der „Zog" Dutzende der elaboriertesten Strip-Nummern präsentiert, die man sich nur vorstellen kann. Feder-Boas, Corsagen, Glitter, falsche Augenbrauen, Fransen-Röckchen und Nippel-Pasties sind die Grundaustattung – darüber hinaus ist der Fantasie der Tänzerinnen keine Grenzen gesetzt.

Da ist etwa die dürre Gigi LaFemme, die sich aufreizend aus ihrem einteiligen, mit unzähligen Reißverschlüssen versetzten Autorennfahreranzugs in den italienischen Nationalfarben schält. Nur der Helm und die Sonnenbrille bleiben am Ende übrig. Da ist die vollbusige und prallhüftige „Bunny Love", die in einem bunt gepunkteten 50er Jahre Bikini mit einem Stuhl, ihrem einzigen Büheneninventar, tanzt. Und da ist der restlos überschminkte Trigger, der einen Strip-Paradox vorführt, in dem er splitternackt auf die Bühne tritt und sich dann langsam und aufreizend in seinen aufwändigen Fummel schmeißt.

Man kann sich gut vorstellen, dass als nächstes Lady Gaga in einer Spitzenunterhose und einem Glitzer-BH den Laufsteg hinunter stakst und zum Playback von Just Dance oder von Bad Romance ihre Hüften und ihre Oberweite schwingt.

Sich als das phantastische, androgyne erotische Spektakel namens Gaga zu inszenieren, das hat sie zweifellos hier gelernt. Und sie hat es geschafft, dass sie im Grunde nie mehr die Bühne des Slipper Room verlassen muss. Sie hat Glück gehabt, ihre Inszenierung hat ein wenig besser den Zeitgeist getroffen, als die Fantasie-Charaktere ihrer Kollegen im Slipper Room. Und sie war am richtigen Ort, als Rob Fusari eine Sängerin gesucht hat.

Stefani Germanotta ist hingegen irgendwann vor drei oder vier Jahren an der Lower East Side verloren gegangen. Seitdem wurde sie nicht mehr gesehen.

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