"New York hat noch immer keine ernsthafte Konkurrenz"

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Der Historiker und Architekt james Sanders zum 400ten Jubiläum der Stadt
(Frankfurter Rundschau)

Der Architekt, Designer und Journalist James Sanders hat im Jahr 1999 gemeinsam mit dem Filmemacher Ric Burns eine 18 Studen lange achtteilige Fernsehdokumentation über die Geschichte von New York produziert. Daraus entstand die opulente, 600 Seiten lange „Illustrierte Geschichte New Yorks von 1609 bis zur Gegenwart." Das Buch ist heute eine der definitiven Geschichten der Stadt am Hudson.

New York wird in diesem Jahr 400 Jahre alt. Was war im 17. Jahrhundert der Unterschied zwischen New York und den anderen Kolonien in Nordamerika wie beispielsweise Plymouth oder Jamestown?

Es ist interessant, dass Sie Plymouth erwähnen, weil es in der amerikanischen Geschichtsschreibung immer als die Gründungskolonie gesehen wird. Dabei ist New York älter: Die Pilgerväter landeten erst 1620 am Plymouth Rock. New York passt aber nicht in die offizielle amerikanische Geschichtsschreibung. Zum einen war es holländisch und nicht englisch, zum anderen war es kein Ort, an dem eine religiöse Utopie verwirklicht werden sollte, sondern ein profaner Handelsposten.

Wer waren denn die Menschen, die damals nach New York kamen? New York war von Anfang an Teil eines globalen Wirtschaftsunternehmens, der East India Trading Company, einer der ersten Weltkonzerne, wenn Sie so wollen. Das hatte zur Folge, dass New York eine multikulturelle Stadt war. Es gab schon damals keinen Ort auf der Welt, an dem so viele Menschen aus aller Herren Länder so eng zusammen lebten. Zunächst waren es vor allem belgische und holländische Hugenotten. Dann kamen schnell andere dazu – afrikanische Sklaven, englische und französische Siedler, Juden, die aus Südamerika geflohen waren und hier Asyl fanden. Es herrschte eine moderne, kosmopolite Atmosphäre, während die Puritaner noch im Mittelalter lebten. Und diese Multikulturalität hat New York auch für einen amerikanischen Gründungsmythos untauglich gemacht. Es würde als Ursprungsort für die heutigen USA viel besser taugen, als für die USA der vergangenen 400 Jahre. Die Nation erkennt ja jetzt erst an, dass sie eher so ist wie New York, als wie das puritanische Boston. Als ich in den 60er Jahren aufgewachsen bin haben wir noch im Geschichtsunterricht noch ausschließlich die Puritaner durchgenommen.

Hat es sie nicht durcheinander gebracht, dass diese Schul-Historie so wenig mit der Erfahrung ihrer Umgebung zu tun hatte?

Wir haben hier in New York natürlich auch Stadtgeschichte gelernt, und ich fand es immer sehr spannend, dass New York eine so ganz andere Geschichte hat, als die offizielle. Ich hatte immer das Gefühl, dass New York nicht so richtig zu Amerika gehört. Sie schreiben in ihrem Buch, dass die Toleranz und Multikulturalität New Yorks von Anfang an nicht humanistisch motiviert waren, sondern rein kommerziell.

Ja, New Yorker sind nicht tolerant, weil sie gute Menschen sind, sondern weil der Kapitalismus sie dazu gezwungen hat. Sie konnten es sich nicht leisten, irgendwen auszugrenzen, wenn sie sich als Handelsposten behaupten wollten. New Yorker haben sich von Beginn an darauf geeinigt, dass sie sich mit Fremden nicht anfreunden müssen, um koexistieren zu können. Der New Yorker sagt sich, wenn ich mit diesem Menschen ein Geschäft machen kann, dann komme ich mit ihm schon zu recht. Wenn man sich überlegt, was die Alternative ist, ist das aber durchaus nicht negativ – die Alternative wäre Rassismus und religiöse Intoleranz.

Glauben Sie denn, dass das soziale Experiment, alle Kulturen der Welt an einem Ort zusammen zu bringen, nach 400 Jahren gelungen ist?

Nehmen sie doch einmal die Deutschen, die nach 1848 in Massen nach New York kamen und hier die erste nicht-englischsprechende Gemeinde der ganzen USA gründeten. Sie waren die erste große Einwanderungswelle. Dann kamen die Iren und die Italiener. Alle diese Gruppen kamen ja nicht zu Zweit oder zu Dritt, sondern zu Zehntausenden und New York hat sie alle aufgesogen. In den letzten Jahren steigt aber gerade der Bevölkerungsanteil der weißen Angelsachsen in New York wieder. Ja, die neueste Einwandererwelle sind Leute aus dem Rest von Amerika. New York wird immer amerikanischer. Das hat zum einen damit zu tun, dass New York in den letzten 15 Jahren immer sicherer wurde, zum anderen natürlich mit der Goldgräberstimmung an der Wall Street, die die weiße Mittelschicht angelockt hat. New York hat gerade ein goldenes Zeitalter durchlebt, mit guten und mit schlechten Folgen. Da war einerseits dieses vulgäre Zurschaustellen von Reichtum. Andererseits hat es natürlich auch viele Arbeitsplätze geschaffen Das ist nun wohl vorbei.

Welche Folgen glauben Sie, wird die Wirtschaftskrise für New York haben?

Ich denke, sie wird New York letztlich gut tun. Es gibt ein Zitat der Urbanistin Jane Jacobs, das sagt: „Wenn die Reichen nur noch unter sich sind, dann langweilen sich sogar die Reichen." Wenn die Immobilienpreise fallen, wird New York wieder mehr Kreative anziehen, die Stadt wird vielfältiger werden. Zum anderen denke ich, dass New York immer attraktiver wird, je mehr Energie zu einem Problem wird. New York ist die nachhaltigste Stadt Amerikas, vielleicht der Welt. Kein Mensch hat hier ein Auto. Fünf Millionen Menschen fahren hier pro Tag U-Bahn. Bürgermeister Bloomberg ist in dieser Hinsicht ja sehr ehrgeizig. Ja, das finde ich ein wenig merkwürdig. Man muss New York nicht grüner machen, als es ist. Wichtiger wäre es, dass es noch fünf weitere New Yorks in Amerika gibt. Oder, dass noch zwei Millionen mehr Menschen hier her ziehen. New York ist nicht das Problem, der Rest des Landes ist das Problem.

Wir haben vorhin über die Krise gesprochen. Kann New York auf Krisen in seiner Vergangenheit zurückschauen und für die heutige Krise etwas daraus lernen?

Die Krise über die jetzt ständig geredet wird, ist natürlich die Grosse Depression. Damals war New York das Vorbild für das ganze Land. Roosevelt war 1928 bis 1932 Gouverneur von New York , bevor er Präsident wurde und er hat hier viele jener Programme ausprobiert, aus denen dann später der New Deal entstand. Und er hatte damit großen Erfolg – mit der Ausweitung von Sozialhilfe und Arbeitsbeschaffung im großen Stil beispielsweise. Er hat damals in New York erstmals in der Geschichte der USA moderne Sozialstaatlichkeit erfolgreich etabliert. Insgesamt scheint New York sehr krisenresistent zu sein, selbst von der lebensbedrohlichen Krise der 70er Jahre in der Stadt hat es sich erholt.

Woran liegt das?

Das Leben in New York kann sehr hart sein. Normalerweise ist amerikanisches Leben auf Komfort ausgerichtet. Nach New York kommen jedoch Leute, die nach mehr suchen, als nach Komfort. Sie nehmen sehr viel in Kauf, um ein interessantes, intensives Leben zu haben. Das macht sie stark in der Krise. New York war im 20. Jahrhundert lange Zeit ein Art Welthauptstadt. ##

Ist sie das noch oder verliert sie an Boden?

Ich denke New York hat bis auf London noch immer keinen ernsthaften Rivalen. Sicher hat New York nicht mehr den einzigartigen Status, den es lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte, andere Zentren in Europa und Asien holen auf. Aber eine echte Konkurrenz gibt es noch immer nicht.

Wie glauben Sie, dass sich New York in den nächsten 10 oder 20 Jahren verändert, welche wichtigen Entwicklungen zeichnen sich ab?

Ich denke die Stadt wird wieder kulturorientierter und weniger finanzorientiert. Es wird auch wieder multikultureller werden, die jetzige Regierung ist ja Fremden gegenüber deutlich aufgeschlossener als die alte. Insgesamt glaube ich, dass alle globalen Entwicklungslinien in die Richtung von New York weisen – hin zu einer dichten, nachhaltigen Lebensweise, hin zu mehr Internationalität. New York wird noch mehr als bislang zum Vorbild urbanen Lebens werden, obwohl wir ja in dieser Hinsicht schon große Fortschritte gemacht haben. Die klassischen Suburbs versuchen heute Zonen einzurichten, in denen es aussieht, wie in Soho. So wie New York immer amerikanischer wird, wird im Gegenzug der Rest von Amerika immer mehr so, wie New York. Die Mehrheit der Amerikaner hat entschieden, dass sie leben wollen wie die New Yorker. Der interessanteste Trend der vergangenen 10 Jahre, der sich auch in die Zukunft fortsetzen wird, ist für mich jedoch, dass in Brooklyn ein komplett neues urbanes Zentrum entstanden ist. Brooklyn ist heute kulturell der spannendste Ort der gesamten Vereinigten Staaten.

Ist New York für Sie persönlich noch so spannend wie eh und je?

Es ist auf jeden Fall so, dass wir hier in New York noch immer viele Dinge für selbstverständlich nehmen, die für viele Leute anderswo sehr aufregend und außergewöhnlich sind.

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