Hier schlägt das Herz Manhattans

  • GrandCentral
Nirgends ist die Energie New Yorks so unmittelbar zu spüren wie morgens um acht in der Grand Central Station
(Welt am Sonntag)

Das Ächzen der sich öffnenden Zugtüren ist wie der Startschuss zu einem Marathonlauf. Innerhalb von einer Zehntelsekunde ist der Bahnsteig Nummer 119 schwarz vor Menschen, die im Laufschritt die Rampe zur großen Haupthalle des New Yorker Grand Central Terminal hinaufhasten.

Von dem Augenblick an in dem ihre Schuhspitzen erstmals den Boden von Manhattan berühren, nehmen die Vorstadtpendler den hektischen Beat der Stadt auf, werden Teil eines schwindelerregenden Strudels, der wie eine Zentrifuge Millionen von Menschen von hier aus in die Strassen New Yorks schleudert. Nirgends ist der Takt und die Energie von Manhattan so unmittelbar zu spüren wie morgens um acht an Grand Central – jene Energie, die Manhattan eben so faszinierend wie überwältigend macht.

Nur nicht stehen bleiben. Immer weiter, zum anderen Ende der Halle, die Rolltreppe hinab in die U-Bahn. Oder hinaus auf die Strasse in die lange Schlange am Taxistand auf der 42ten Strasse, wo im Sekundentakt gut gekleidete Damen und Herren in die umliegenden Bürowolkenkratzer von Midtown abgeholt werden. Dazwischen schnell bei Hudson News in der Passage von der Halle zur Strasse eine New York Times vom praktisch positionierten, hüfthohen Stapel am Kioskeingang gegriffen und der indischen Verkäuferin eine voraus -schauend in die Hosentasche gesteckte Dollarnote zugeschoben. Oder einen Stryopor-becher Capucchino mit auf den Weg, der bei Starbuck's unter dem Ostbalkon um diese Uhrzeit im Fließbandtempo abgefüllt wird. Wenn Grand Central das Herz von New York ist, dann rast um acht Uhr morgens der Puls und reisst die Stadt aus ihrer frühmorgentlichen Trägheit wie ein vierfacher Espresso.

Nichts hemmt an Grand Central den steten Fluss der Massen in die Büros, in die Organe der mächtigen Wirtschaft dieser Metropole. Jeder Schritt, jeder Handgriff sitzt hier in der Rush Hour. Die Rädchen in der Maschinerie von Grand Central greifen perfekt ineinander und ebenso perfekt in das größere Räderwerk der Metropole. So entsteht wie durch ein Wunder an den unaufhörlich surrenden Drehkreuzen zu den U-Bahn Gleisen kein Stau, obwohl pro Minute Tausende hier durchkommen. Der New Yorker navigiert so vorausschauend und präzise durch dieses Nadelöhr, dass er niemandem in die Quere kommt. Nur nicht den Flow unterbrechen, nicht den eigenen und nicht den der anderen. Immer in Bewegung bleiben – das ist das oberste Gebot an diesem Bahnhof, in dieser Stadt. Im Informationspavillion in der Mitte der Haupthalle gibt der uniformierte Bedienstete so rasch und exakt Auskunft, dass die Kunden vor seinem Gitter sowie die Schlange hinter ihnen praktisch niemals zum Stehen kommen. „Der Zug nach Chappaqua um 9 Uhr 45 Gleis 15. Der Nächste ! - Stadtpläne im Kiosk am Durchgang zur Lexington Avenue. Der Nächste! – Nach New Jersey wollen Sie? Da sind Sie am falschen Bahnhof, Sie müssen mit der U-Bahn Linie 7 zur Pennsylvania Station fahren." Nicht ein einziges Mal muss er etwas nachschauen, während er in gleichbleibend ruhigem Tonfall alle nur erdenklichen Fragen beantwortet und dazwischen kaum einmal Luft holt.

Erst als gegen zehn Uhr am Vormittag der Menschenstrom abebbt ist es möglich, inne zu halten und die ganze Pracht des fast 100 Jahre alten Beaux Arts-Baus auf sich wirken zu lassen, der erst vor acht Jahren für 250 Millionen Dollar vollständig restauriert wurde. Die andere Seite von New York kommt zum Vorschein, die neben der Geschäftigkeit und der Energie ebenso das Flair von Manhattan wie das von diesem Bahnhof ausmacht – die Eleganz und der Hang zum Luxus. Aus 20 Meter hohen schlanken Bogenfenstern an der Ost- und Westseite der großen Halle fällt schräg das Licht auf den polierten Sandsteinboden, der sich Tausend Quadratmeter weit ausbreitet. Die Fahrscheinschalter an der Nordseite sind mit verschnörkelten Messinggittern verziert, und über dem Pavillion in der Hallenmitte thront die berühmte vierblättrige Uhr aus Opalglas, deren Wert auf 20 Millionen Dollar geschätzt wird. Die Gleise, zu denen niedrige Rundbögen führen sind tief unter der Erde versteckt. Von lautem Bahnverkehr und hässlichen modernen Zügen ist weit und breit nichts zu sehen.

Jetzt, zwischen Morgen-Rushhour und Lunch, wird Grand Central plötzlich immer weniger Verkehrsknotenpunkt und immer mehr eines der vornehmsten Einkaufs- und Dienst-leistungszentren von Manhattan. In der Ost-Lobby, einer kleinen Halle nahe dem Ausgang zur Lexington Avenue, gönnt sich ein Geschäftsmann eine kleine Arbeitspause am Vormittag. Er hat sich in einem der ausladenen Ledersessel der Schuhputzer dort nieder-gelassen, die Boulevardzeitung Daily News auf seinem Schoss ausgebreitet und lässt sich seine hellbraunen Lederslipper für drei Dollar polieren. „Spit and Cream" heißt die Behandlung, aus der Zeit, als die Schuhputzer tatsächlich noch mit Spucke arbeiteten.

Zwischen der Haupthalle und der Lexington Avenue werden die Auslagen des vornehmsten Lebensmittel-Marktes der Stadt auf den Shopping-Ansturm zur Mittagspause her gerichtet. Unmengen von Forellen aus Idaho und Lachsen aus Alaska, Schinken aus Tirol, Pecorino aus der Toskana und Champagner aus der Champagne warten appetitlich drapiert auf die verwöhnten Shopper. Gleichzeitig bereiten sich im Tiefgeschoss, in einer kleineren Halle unter der Haupthalle die Lebensmittelstände und Schnellrestaurants auf die Lunch-Zeit vor. Bei Hale and Hearty Soups dampfen aus mindestens drei Dutzend Töpfen ebenso viele Suppensorten, daneben bietet die Brooklyner Traditionsgaststätte Junior's ihren berühmten Käsekuchen an. Dazwischen kann man zwischen Sushi, Curry oder koscheren Knishes wählen, Sandwiches mit allen nur denkbaren Belägen von Roast Beef bis zu gegrilltem Gemüse, Jumbo Bretzeln mit Senf oder Eissorten mit Geschmacksrichtungen von Grünem Tee bis zu weißer Schokolade.

Links führt ein schmaler Gang noch tiefer in das Innere des Bahnhofs zu einem weiteren Gewölbe, das sich plötzlich überraschend vor einem auftut. Durch den Saal von der Größe eines Münchner Bierkellers schlängelt sich die endlose lange Theke der Oyster Bar. Dutzende von Austernsorten vom Fischmarkt in der Bronx warten dort auf Eis in Holzkisten darauf bei einem Champagner oder einem Martini zum Abschluß eines Multimillionen Dollar-Deals oder auch nur zu einem raschen Rendezvous geschlürft zu werden.

Graham Peake hat sich heute allerdings nicht für Austern, sondern für Farfalle Putanesca entschieden. Der britisch-stämmige Unternehmensberater sitzt in einem legeren Strick-pullover an der Theke des Pepe Rosso, einem italienischen Fastfood-Kiosk mitten im „Dining Court", der Fresshalle im Untergeschoss zwischen den Zugängen zu den 26 tiefer liegenden unter den insgesamt 67 Gleisen von Grand Central. Peake kommt seit 20 Jahren jeden Morgen mit dem Zug an Grand Central an, und seit der Renovierung ist er, wenn er in Manhattan ist, fast nur noch im Bahnhof oder in seinem Büro um die Ecke, an der Park Avenue. „Ich kaufe hier ein, ich gehe hier essen, ich nehme einen Drink, ich lese meine Zeitung – das ist einfach wunderbar", sagt er, während er durch seine Halbbrille in der Sportseite der Daily News nachliest, warum die Baskektballer der New York Knicks schon wieder verloren haben.

Nur eines stört ihn an Grand Central. „Seit dem 11. September ist das eine verdammte Festung hier." Die Soldaten in Kampfuniform und die Polizisten an jeder Ecke, die panzer-sicheren Pfosten rund um den Bahnhof, die ständig rund um das Gebäude kreisenden Streifen – das alles findet Peake übertrieben und nervig.

Es ist Spätnachmittag geworden, draussen dämmert ein New Yorker Wintertag der frühen Dunkelheit entgegen. Der Bahnhof zeigt sich wieder mehr von seiner praktischen Seite, der Pendlerverkehr fängt an, stadtauswärts zu strömen. Krawatten werden auf dem Weg über die wuselige 42te Strasse zum Haupteingang aus Krägen gezogen, der New Yorker Feierabend hat begonnen. Vor den vielen Eingängen rund um den zwischen die umliegen-den Wolkenkratzer gequetschten Prunkbau kämpfen Zeitungsverkäufer mit der verbilligten Morgenausgabe und Heilsarmisten mit Sammelbüchsen um die Groschen in den Hosen-taschen der Hastenden.

An der Bar des Edelrestaurants Cipriani's auf dem Otsbalkon über der Haupthalle wird es langsam voll. Ein schneller Martini, ein schnelles Bier während man auf den Zug wartet – einen besseren Fleck gibt es in Manhattan für die Happy Hour kaum. Von hier oben hat man einen Logenblick über die Haupthalle, die unter den riesigen Kronleuchtern in den Galerien rund um den Saal wirkt wie der Innenhof eines Barockschlosses. Ein Innenhof, durch den eine Million Schuhe wie in einem perfekt chroeographierten Tanz den Ausgängen und Durchgängen entgegen schweben. Ein Mann schaut nach seinem ersten Drink auf seinem Blackberry nach dem Fahrplan und fragt dann seine Begleiterin im Chanel-Kostüm ob sie lieber den nächsten Zug nehmen oder lieber noch ein bißchen verweilen sollen. Die Dame antwortet, in dem sie wortlos noch einen Drink bestellt.

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