Zwei Farben Schwarz

  • Afrikaner
In Harlem, Amerikas größtem Schwarzenviertel,leben Afrikaner und Afro-Amerikaner in einem oft angespannten Nebeneinander
(Tagesspiegel)

Die West-Harlem Community Corporation ist ein Schandfleck für die 116te Strasse in Manhattan, einem bunten und lebendigen Streifen quer durch das berühmteste Schwarzen-viertel der USA. Rechts des Ladenbüros lädt das Afrika Kine, ein geschmackvoll eingerich-tetes senegalesisches Restaurant zu exotischen Lamm- und Fischgerichten, gegenüber bietet ein schlichtes aber aufgeräumtes westafrikanisches Cafe starken Espresso und frische Croissants an.

An der Ecke zur Lenox Avenue prangt ein goldenes Zwiebeldach auf der prunkvollen Malcolm Shabazz Moschee, dem zentralen Gotteshaus des afrikanischen Einwandererbezirks. Der Strassenzug erweckt den Eindruck einer wirtschaftlich gesunden und kulturell intakten Gemeinschaft. Nur die Community Corporation stört das Bild.

Wenn man in den dunklen und muffigen Raum eintritt stolpert man über zerrupfte, halb ausgepackte Kartons, sowie über den Boden verstreute Fastfood-Verpackungen, und der süßliche Geruch von Schimmel steigt einem vom Teppich herauf beißend in die Nase. Auf einem löchrigen, fleckigen Sofa sitzt ein älterer schwarzer Herr mit einem Gebiss von beeindruckender Fäulnis. Es ist Walter Giles, der Chef der Organisation, die ironischerweise das Ziel hat, die Wohn- und Lebensumstände der Schwarzen in West Harlem zu verbessern, sowie weiße Luxussanierer und Preistreiber fern zu halten. Giles ist Afro-Amerikaner und wenn man ihn auf seine Nachbarn aus Mali, dem Senegal oder Äthiopien anspricht, wird er schnell übellaunig: „Die bleiben doch nur unter sich und tragen nichts zur Gemeinschaft bei. Ich habe manchmal den Eindruck, der weiße Mann hat sie hier in das Viertel eingeschleust, um uns zu spalten und zu unterwandern."

Nicht alle schwarzen Amerikaner haben hier in Harlem derart ausgeprägte Ängste gegen-über den afrikanischen Neuankömmlingen wie Walter Giles. Aber wenn man sich rund um die 116te Strasse umhört wird schnell klar, dass die Dinge zwischen den beiden Gruppen nicht zum Besten stehen. Dimitri Blanas, ein Student an der auf dem Hügel über West-Harlem thronenden Eliteuniversität Columbia, der am senegalischen Kulturzentrum an der 116ten Kindern Nachhilfestunden in Englisch gibt, sagt etwa: „Es gibt starke Spannungen in beide Richtungen. Die Afro-Amerikaner schauen auf die Afrikaner herab. Sie finden sie primitiv, für sie ist ganz Afrika ein Dschungel. Und die Afrikaner, die eine ausgeprägte Arbeitsethik und einen ausgeprägten Familensinn haben, finden die Afro-Amerikaner vulgär und degeneriert. Sie hassen die Hip Hop-Kultur, sie hassen die Drogen, sie hassen die Gewalt und die Kriminalität."

Es sind allerdings nicht nur die Vorurteile der beiden schwarzen Gruppen übereinander, die in West-Harlem aufeinander prallen und dem Realitätscheck des täglichen Mit- und Nebeneinander unterzogen werden. Das komplizierte Soziotop zwischen Morningside Hights und Spanish Harlem zeigt vor allem auch dem weissen Besucher, wie falsch es ist, alles Schwarze in einen Topf zu werfen. Hier wird konkret, was Amerika gerade überrascht auch auf der nationalen Bühne entdeckt – dass Afro-Amerikaner und afrikanische Amerikaner oft wenig mehr als ihre Hautfarbe verbindet. Es ist ein Problem, für das der Präsidentschafts-kandidat Barack Obama händeringend nach einer politischen Lösung sucht. Als Sohn eines Kenyaners steht Obama unter Druck, dem schwarzen Amerika zu beweisen, dass er auch afro-amerikanisch denkt und fühlt.

Am prominentesten sprach in diesem Frühjahr die schwarze Intellektuelle und Publizistin Debra Dickerson in mehreren Artikeln Obama dessen Schwärze ab. „Er ist bestenfalls von der Hautfarbe und der DNA her schwarz", so Dickerson. „Kulturell und politisch ist er es nicht." Nur, wer die Erfahrung von Sklaverei und Unterdrückung in den Knochen habe, so Dickersons Argument, dürfe sich mit Fug und Recht als Repräsentant des schwarzen Amerika aufspielen. Afrikanischen Einwanderern wie Obama fehle diese Legitimation.

Nicht, dass Dickerson eine solch exklusive und enge Definition von Schwärze im ameri-kanischen Zusammenhang persönlich für sehr sachdienlich hält. Dickerson beschreibt lediglich die Gefühlslage des schwarzen Amerika: „Schwarze Amerikaner definieren sich noch immer in Bezug auf das weisse Amerika. Sie sehen sich durch die Brille der Weissen, die Geschichte ihrer Unterdrückung ist ihre Identität. In gewissem Sinn fetischisieren sie ihr Schwarzsein. Afrikanische Einwanderer haben nicht diesen Ballast. Für sie ist Schwarzsein nur eine Hautfarbe und keine Ideologie."

Wie allgegenwärtig die lange Geschichte der Unterdrückung im schwarzamerikanischen Bewusstsein ist, bekommt man in West-Harlem zu spüren, wenn man sich als Weisser hier herum treibt. Vor dem Brite-Lite Frisörsalon um die Ecke der 116ten Strasse am Adam Clayton Powell Boulevard, einem Kiez-weit bekannten Treffpunkt, sitzen zwei Männer auf Klappstühlen, beobachten Passanten und plaudern. Meine höfliche Frage nach dem Zusammenleben mit den afrikanischen Nachbarn wird kalt mit der Gegenfrage danach beantwortet, was sie denn davon hätten, mit mir zu reden. Als ich die Anfrage nach einem Info-Honorar abweisen muss verschwinden die Männer im Laden und lassen mich auf der Strasse stehen. Nach einer halben Stunden werde ich mit einem barschen „ich habe Dir nichts zu sagen", auch vom Bürgersteig verscheucht. Es ist klar, dass ich hier nichts verloren habe.

Ein paar Häuser weiter, im kargen Ladenbüro der Harlem Heritage Tours, die Rundgänge für Touristen durch das Viertel anbieten, habe ich zumindest ein wenig mehr Glück. Nachdem ich die erneute Frage nach einer Honorierung geklärt habe, bekomme ich vom Besitzer des Geschäfts, dem adretten und stolzen jungen Noel Schoemaker, ein kurzes zwei Minuten Zeitfenster für ein Gespräch angeboten. In diese zwei Minuten packt Schoemaker dann alles, was er schon immer über seine Nachbarn und über den Stand der Rassenbe-ziehungen in Amerika los werden wollte. „Die Afrikaner sagen, wir wären faul", sagt er zornig, auf einer Holzbank sitzend, die für wartende Touristen etwas verloren in dem weitgehend leeren Raum steht. „Sie haben keine Ahnung was wir durchgemacht haben. Wir haben ein Post-Sklaverei Syndrom, wir sind tief traumatisiert. Man kann nach 400 Jahren nicht erwarten, dass wir von einem Tag auf den nächsten normal funktionieren. Wir haben nicht einmal seit 40 Jahren volle Bürgerrechte."

Immerhin siegt bei Noel, nachdem er sich Luft gemacht hat, schließlich die Höflichkeit und die Hoffnung, dass ein Journalist ihm doch noch irgendwie nützlich sein kann, und er bringt mich hinüber zur „Association des Senegalese d'Amerique." In das Ladenbüro hinein geht er jedoch nicht – der Kontakt mit den Männern, die hier um einen Tisch herum sitzen und ein mit gebrachtes Mittagessen aus einem der Lokale an der 116ten zu sich nehmen, wird sorgsam vermieden. Ein tiefschwarzer Mann in modischem Dress mit Pariser Touch steht auf, als ich eintrete, stellt sich freundlich als Mr.Abdoulaye Thiam vor und bittet mich zu einem Tee in einem Sessel vor dem Laden.

Bei dem Thema schwarzamerikanischer Vorurteile gegen Afrikaner verliert Thiam allerdings rasch seine höfliche Zurückhaltung. „Letztens hat mich eine alte afro-amerikanische Frau angesprochen", erzählt der sehr jung wirkende 50-Jährige, der seit 23 Jahren in den USA lebt und als Bauingenieur arbeitet. „Sie meinte, meine Großeltern hätten ihre Großeltern an die Weissen verkauft. Sie meinte, wir hätten keine Ahnung, was Sklaverei bedeutet. So etwas begegnet einem hier ständig. Das ist derart hahnebüchen. Die schwarzen Amerikaner sind so verblendet von irgendwelchem Mist, den sie hier eingetrichtert bekommen. Einmal tun sie so als wären wir alle Affen aus dem Dschungel. Ein anderes mal verklären sie Leute wie Mugabe, der ein brutaler Diktator ist, nur weil er schwarz ist. Die Amerikaner wissen nichts von Afrika. Sie haben das große Problem, dass sie überhaupt nicht mehr wissen, wer sie sind."

Und weil sie in ihrer Identität so verunsichert sind, darin ist sich Thiam mit Debra Dickerson einig, bauschen sie ihre Rasse auf. Damit, glaubt Thiam, schaden sie sich jedoch selbst. „Es geht hier viel zu viel um das Schwarzsein. Sie verstecken sich dahinter. Sie verwenden es als Ausrede. Dabei haben wir es als Neuankömmlinge hier viel schwerer, viele von uns können kein Englisch, wir haben keine Arbeitserlaubnis. Und doch geht es vielen von uns gut. Ich habe hier studiert, obwohl ich schwarz bin und habe ein erfolgreiches Unternehmen. Das Rassenproblem wird von den Schwarzen schlimmer gemacht, als es ist."

Zehn Häuserblocks nördlich von der 116ten Strasse, der Hauptstrasse des afrikanischen Harlem, zieht sich quer durch Manhattan vom Harlem River bis zum Hudson die 125te Strasse, die Hauptsrasse des afro-amerikanischen Harlem. Das alte Hotel Teresa, in dem einst Malcolm X sein Büro hatte, dräut wie eine Festung über der Strasse. Aus den Boom Boxes der fliegenden CD Verkäufer dröhnt lauter Hip-Hop. Ein Geschäft mit den aktuellsten Basketball-Sneakers reiht sich an das andere, Strassenhändler bieten Biografien und Schriften der Bürgerrechtler Malcolm X und Martin Luther King an. Dazwischen mischen sich auf dem Bürgersteig, unauffällig und doch unübersehbar, Tische, an denen westafrikanische Männer in gebatikten Boubou-Gewändern Duftessenzen anbieten. In kleinen Läden neben den zahllosen Buden für frittierte Hühnchen im Südstaatenstil drehen afrikanische Frauen kunstvoll Braids – jene oft mit Perlen dekorierten, eng an den Kopf geflochtenen Zöpfe, mit denen sich schwarzamerikanische Mädchen gerne herausputzen. Auch hier, im Zentrum des schwarzen Amerika, ist die afrikanische Präsenz nicht zu übersehen.

An der Ecke zum Adam Clayton Powell Boulevard überragt ein monströser klassisch moderner Büroturm aus von Autoabgasen verrustem Waschbeton die 125te. Im achten Stock des Verwaltungsgebäudes sitzt Bill Perkins, der Abgeordnete für den Bezirk West-Harlem im New Yorker Staatsparlament. Perkins ist hier im Viertel aufgewachsen und war 25 Jahre lang Stadtverordneter für die Gegend. Wenn man Perkins auf die Afrikaner anspricht, dann glüht er, anders als viele seiner Wähler, vor Begeisterung. Perkins ist der lebende Beweis für die These, die Thiam mir gegenüber geäußert hat, dass die Vorbehalte der Afroamerikaner gegenüber den Afrikanern sich mit zunehmendem Bildungsgrad verlieren. Besonders beeindruckt ist Perkins von dem Unternehmergeist der Afrikaner. Er wisse noch, sagt er, wie vor knapp 30 Jahren die ersten an der 116ten Strasse aufgetaucht seien; wie sie mit wilden Taxis erstmals einen Fuhrbetrieb für Harlem eingerichtet hätten, das von der weißen New Yorker Taxindustrie notorisch geschnitten wurde, wie ihre Frauen in den Wohnungen die traditionellen afrikanischen Gerichte für ihre Männer gekocht und daraus über die Zeit florierende Restaurants gemacht hätten; und vor allem, wie sie die 116te Strasse von einer herunter gekommenen, durch Drogenhandel und Prostitution geprägten Sündenmeile in eine der attraktivsten und interessantesten Streifen der ganzen Stadt verwandelt hätten.

Barack Obama hält Perkins auch für einen hervorragenden Kandidaten. Allerdings nicht unbedingt, weil er Schwarzer ist und die schwarze Sache vertritt. Wie viele aufgeklärte Menschen in den USA sieht Perkins in Barack Obama einen Mann, der die alten Gräben überwinden, die alten Themen begraben und die amerikanische Gesellschaft auf ein neues, einigendes Fundament stellen kann. Es ist ein schöner Traum. Ein Traum, der zerplatzt, sobald man sich wieder dem Gewimmel der 125ten Strasse überlässt. Am Abgang zur U-Bahn Station steht ein Mann mit einer islamischen Kopfbedeckung und einem Imambart und predigt die Lehre der militanten afroamerikanischen Befreiungsorganisation Nation of Islam. „Das ist der Teufel. Der weisse Mann ist der Teufel", zeigt er auf mich, als ich in den U-Bahn Schacht hinabsteige. Mit ihm zu diskutieren wäre sicher aussichtslos. So aussichtslos vermutlich, wie es für die Menschen an der 116ten Strasse ist, ihre Nachbarn davon zu überzeugen, dass sie nicht aus dem Dchungel kommen und nicht auf Bäumen leben.

Go to top