New Yorks Kleiderkammer kämpft ums Überleben

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Der legendäre Fashion District von Manhattan war einst der Stolz der Stadt und das Zentrum der Modewelt. Heute ist er vom Aussterben bedroht
(Frankfurter Rundschau)

Es ist voll heute im Laden von Gary Babb und das, obwohl draußen der New Yorker Winter mit überfrierendem Schnee den Verkehr beinahe zum Erliegen gebracht hat und die Menschen durch knöcheltiefe Eiswasserpfützen den Broadway hinunter stapfen müssen. Die Stadt ist gespenstisch still, doch zwischen Garys Regalwänden drängen sich die Kunden trotz des harschen Wetters Schulter an Schulter, lassen die Fingerspitzen über die Stoffrollen gleiten, die dort aufgestapelt sind, schneiden sich kleine Fetzen ab und halten sie dann am Fenster ins Tageslicht, um die Farben zu prüfen.

Die Fashion Week in New York steht bevor, keine zehn Tage sind es mehr, bis im Lincoln Center die ersten Revuen mit den Frühjahrskollektionen über den Laufsteg gehen. Die Designer der großen Labels arbeiten hektisch an letzten Änderungen und da haben Geschäfte wie das von Gary, ein alteingesessener Stoffhändler an der 40ten Straße, Konjunktur. Jemand von Calvin Klein war heute schon hier, jemand von Oscar de la Renta und jemand von Marc Jacobs auch, berichtet Gary stolz.

Früher ging es hier im Garment District, dem alten Stammbezirk der Textilbranche, noch jeden Tag so zu. Damals, vor 30 Jahren, als Gary ein junger Mann war, im Laden seines Vaters Stoffrollen geschleppt hat und der Distrikt noch viermal so groß war, wie heute; damals, als es hier noch große Nähereien gab, die für die Modehäuser an der Seventh Avenue die komplette Linie gefertigt haben und als von morgens bis Abends Schneidergehilfen Anzüge auf großen Kleiderständern über die 39te und die 40te Straße geschoben haben.

Heute hingegen ist der Garment District dabei zu verschwinden. Nur während der Modewoche machen die wenigen verbleibenden Stoff-, Knopf- und Saumhändler hier noch ein gutes Geschäft, ansonsten kämpfen sie um das Überleben. „Ich liebe dieses Business über alles", sagt Gary, ein kleiner korpulenter Jude mit einem dichten Zottelbart. „Mein Vater hat es gemacht, mein Großvater hat es gemacht. Aber es wird immer frustrierender."

Der Abstieg der New Yorker Kleiderkammer, dem letzten verbleibenden Handwerksbezirk der Stadt, so erinnert sich Gary, begann etwa Anfang der 90er Jahre. Damals fingen die Mode-Designer an, ihre Produktion immer mehr in die Billiglohnländer Ostasiens zu verlagern. Die großen Lofts im Garment-District, in denen seit den 30er Jahren in Serie genäht wurde, verschwanden nach und nach. Heute kündet nur noch das Denkmal für den anonymen „Garment Worker" an der Seventh Avenue, eine Bronzestatue eines Nähers, davon, dass einst der Großteil der Kleider für die gesamte USA hier gemacht wurden.

Mit dem Verschwinden der Nähereien aus dem Viertel begann eine Abwärtsspirale für den Garment District. Immer mehr der Zulieferer für die Nähereien mussten schließen, Kaufleute wie Gary und eine Handvoll anderen an der 39ten und 40ten sind die letzten Überlebenden. Die Stadtregierung hatte einst einen bestimmten Anteil an Mietfläche für die Textilindustrie reserviert. Ohne die großen Schneidereien und die Stoffgroßhändler konnten die Vermieter diese Fläche aber nicht mehr mit Kunden aus der Branche füllen. So war die Stadt dazu gezwungen, die Nutzungsbindung aufzuheben.

Das weckte Begehrlichkeiten, zumal ab Mitte der 90er Jahre in Manhattan die Immobilienpreise anfingen zu explodieren. Immer mehr der Lofts wurden in Luxuswohnungen umgewandelt. Immer mehr schicke Restaurants nisteten sich in den Räumlichkeiten ein, in denen vorher Knöpfe und Borten verkauft wurden.

Doch trotz allem das Viertel ist trotz allem noch nicht völlig durchsaniert. Zwischen die letzten Stoffläden mischen sich Elektronik-Discounter, Pornoläden und herunter gekommene Pubs. Deshalb würde die Stadt gerne die letzten verbleibenden Tuch-händler und –Verarbeiter los werden. So könnten Investoren angelockt, der Schmuddel vertrieben und der Kiez aufpoliert werden. Doch die Branche wehrt sich, eine Gruppe New Yorker Modeschöpfer hat eine Organisation zur Rettung des Garment Districts gegründet. Schon aus Prinzip lassen diese Designer weiterhin ausschließlich vor Ort schneidern. „New York kann unmöglich beanspruchen, eine Modezentrum der Welt zu sein und gleichzeitig keine ernst zu nehmende Produktion mehr vor Ort haben", sagte die malayisch-amerikanische Designerin Yeohlee Teng, die eine der treibenden Kräfte hinter der Organisation ist.

Für Teng und ihre Kollegen geht es um mehr, als nur um den Widerstand gegen die grassierende Gentrifizierung oder um New York als Modestandort. Es geht für sie um eine gesellschaftliche Dynamik, die weit über die Bekleidungsbranche hinaus weist. „Wir müssen uns überlegen, wo wir als Kultur hin wollen?", sagt Teng. Mit der Einheit von Entwurf und Produktion, von Geschäft und Handwerk geht für diese Modeschöpfer etwas Wesentliches verloren.

Gary Babb hat derweil wesentlich konkretere Sorgen. Seine Ladenmiete wird von Jahr zu Jahr teurer, er hat immer größere Probleme, seine Angestellten zu bezahlen. Die Angebote, die er immer wieder bekommt, ihm seinen Laden ab zu kaufen, klingen für ihn immer verlockender – auch wenn es ein Familienbetrieb in dritter Generation ist.

Aber was würde Gary dann machen? „Ich habe keine Ahnung", sagt er und zuckt mit den Schultern. Ein Leben ohne den Garment District, wo er schon als kleiner Junge Stoffe geschnitten hat, ist für ihn einfach nicht vorstellbar. Vielleicht wartet er deshalb doch noch ein wenig mit dem Verkauf. Noch kommen ja ein paar Leute, um Stoffe zu laufen. Noch ist der Garment District ja nicht tot.

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