Last Exit Coney Island

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Coney Island, der "Himmel der einfachen Leute", ist die letzte Bastion der Prol-Kultur in New York
(taz)

Unter dem Boardwalk türmt sich der Sand, gespickt mit Papptellern, Bierbüchsen und vereinzelten Flecken von Dünengras. Ein Zaun sorgt seit einiger Zeit dafür, dass der legendäre New Yorker Strand von Coney Island hier Halt macht und nicht mehr in die Strassen des äußersten New Yorker Stadtbezirks hinausweht. Aber der Zaun sorgt auch dafür, dass es unter dem Boardwalk heute nicht mehr so zugeht, wie vor vierzig Jahren, als die Rockabilly-Truppe „The Drifters" ihren berühmten Sommerhit über den Boardwalk schrieb.

Zu Tausenden suchten damals junge Pärchen auf den zwei Meilen zwischen Coney Island und Manhattan Beach unter den Brettern Schutz vor der Sonne sowie ein klein wenig Privatsphäre, krochen unter eine Decke und ließen zum Geruch von Hot Dogs und Fritten und zum Klackern der Fußabsätze über ihnen ihrer jugendlichen Lust freien Lauf. „Under the Boardwalk – Out of the Sun – Under the Boardwalk – we'll be having some fun – Under the Boardwalk - People walking above – Under the Boardwalk - we'll be making love ..." Unter dem Boardwalk fand damals das frivole Treiben von Coney Island seinen sommerlichen Höhepunkt und mancher New Yorker Teenager die Liebe für's Leben. Heute verirren sich hingegen höchstens noch streunende Hunde und Obdachlose unter die Bretter.

Bill Pinkney starb als letztes Mitglied der „Original Drifters" am 4. Juli 2007, 81jährig, in einem Hotelzimmer in Daytona Beach in Florida, weit weg von New York. Das Coney Island der 50er Jahre, das er 1964 besang, war da schon lange tot. 1966 brannte der letzte der ursprünglich drei großen Vergnügungsparks von Coney Island, der „Steeplechase" nieder. Der Brand war der Beginn des Abstiegs von Coney Island zu jenem armseligen Überrest seiner eigenen glamourösen Vergangenheit, der es heute ist. Damals, in den kurzen 20 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als es Amerika insgesamt und speziell New York so gut ging wie nie, kamen im Juli und August am Wochenende die Menschen zu Millionen mit der U-Bahn aus dem siedenden und stickigen Manhattan, um hier am Atlantik, der damals einzigen Klimaanlage der Stadt, Linderung und Ablenkung zu finden: Eine Achterbahnfahrt, ein Hot Dog, ein Bier, ein Eis, ein Ritt auf der mechanischen Pferderennbahn, ein Besuch bei der bärtigen Dame und beim Schwertschlucker in der Freak-Show, ein Flirt in einer der vielen Tanzhallen. Und wenn man Glück hatte, ein Stelldichein unter den Brettern.

Heute ist der damals meilenlange und vor Lebendigkeit überschäumende Amüsierstreifen entlang des Boardwalk auf gerade einmal 400 Meter zusammengeschrumpft. Da ist im Westen an der 17ten Strasse die vernagelte Ruine des ehemals vornehmen Child's Restaurant, an deren löchriger Fassade früher prachtvolle bunte Terra Cotta-Ornamente vergessen vor sich hin bröseln; dann kommt die Reihe von einem knappen Dutzend baufälliger Backsteinbuden, deren rührend dilettantische, von Hand gemalte Schilder Bier, Eis, Fritten und frische Muscheln anpreisen. Dahinter das alte Riesenrad und die beängstigend knarzende, 80 Jahre alte Cyclone-Achterbahn; dazwischen viel Brachland mit Graffiti- und Efeu - übersäten Mauerresten. Auf einem der leeren Grundstücke hat die Stadt ihre Reparatur-bedürftigen Schulbusse geparkt.

Nach dem kommenden Wochenende wird es wohl auch mit diesen Überresten des alten Coney Island zu Ende sein. Der 3. September ist der offizielle Schluß der Badesaison, und niemand hier in Coney Island weiß im Moment, wie und ob es im kommenden Jahr weiter geht. Fest steht nur, daß Joe Sitt, ein Damenkonfektions-Milliardär und Immobilienmogul sämt-liche Grundstücke am Boardwalk entlang aufgekauft hat und für seine Milliarden-Investition mit Sicherheit eine satte Rendite erwartet. Sicher ist auch, dass eine solche Rendite mit der Pacht etwa der spelunkigen Ruby's Bar, dem Cha-Cha's oder der Spielautomaten-Arkaden im Astroland-Rummelplatz, dem kümmerlichen Erben von Luna-Park, Dreamland und Steeplechase, gewiß nicht zu realisieren sein wird. Von Hotelburgen, Luxus-Wohnungen und einem 24-Stunden, 12-Monate-Entertainment Komplex im Las Vegas-Stil wird deshalb gemunkelt.

Der Wandel in Coney Island ist überfällig, das weiß man am Boardwalk schon lange. Frank Gluska, seit 26 Jahren Barkeeper im Ruby's, nimmt es deshalb gelassen. „Weißt Du, es ist wie mit Deiner Großmutter", sagt er, während er am vorletzten Sonntagnachmittag der Saison im finsteren Schankraum für die zumeist älteren Trinker, die hier in das grelle Licht vom Meer her hinausblinzeln, die Hausmarke „Ruby's Amber" zapft. „Sie ist alt und gebrechlich, und Du weißt, daß sie es nicht mehr lange macht. Es tut weh', aber man ist darauf vorbereitet." Dann wischt der pausbackige Mann mit dem schweren Brooklyner Akzent den modrigen Tresen ab und richtet eines der Hunderten von vergilbten Fotos vom alten Coney Island, die an die Wand hinter der Theke gepinnt sind. Aus der Jukebox tönt eine Schnulze von Tony Bennett. Der Laden verströmt das nostalgische Flair eines New York, das es schon lange nicht mehr gibt.

Weil es dieses New York hier und nur hier noch gibt, wird die Debatte um die Zukunft der paar Hundert Meter Boardwalk zwischen dem Skelett des alten stillgelegten Fallschrim-Sprungturms – einer der großen Attraktionen der alten Tage – und dem New Yorker Aquarium so leidenschaftlich geführt. Es geht um weit mehr, als nur um ein paar Buden und einen Strandabschnitt für arme Leute. Es geht um das letzte Reservat eines New York, dem mit der Luxussanierung noch des letzten Winkels der Stadt und mit der obszönen Verteuerung des Lebens in den vergangenen 20 Jahren gnadenlos der Garaus gemacht worden ist. „Coney Island ist die letzte Zuflucht der einfachen Leute", sagt der Coney Island-Historiker und Buchautor Charles Denson, der hier aufgewachsen ist. Und die einfachen Leute sind die, um die es laut Denson und seinen Gesinnungsgenossen nicht nur in Coney Island, sondern in ganz Amerika gehen sollte; um jene „müden, armen, gedrängten Massen, jenen elenden Abschaum, der von fernen Küsten" hier angespült wurde, wie es in jenem berühmten Gedicht von Emma Lazarus heißt, mit dem an der Freiheitsstatue seit Gene-rationen die Einwanderer begrüßt werden. Sie sind Coney Island, sie sind New York, sie sind Amerika, nicht die amorphe, gut verdienende und überwiegend weiße Mittelschicht, die zunehmend alles an sich reißt.

Coney Island ist die letzte Bastion der Prol-Kultur dieser gedrängten Massen, einer Kultur, die man vor 20 Jahren noch überall in der Stadt finden konnte – in den irischen und italienischen Arbeiterkneipen, am Times Square oder rund um den Port Authority-Busbahnhof, an der Lower East Side oder in den Tanzschuppen von Harlem. Sie ist lärmend, frech, halbseiden, schlagfertig und clever, ebenso hartgesotten wie letztlich liebenswürdig und vor allem eines – multikulturell. „Das ist der verdammte Schmelztiegel hier", sagt Jorge, ein Latino-Bademeister mit gestähltem Oberkörper und Surfer-Mähne, während er nur 100 Meter von Ruby's entfernt auf seinem Hochsitz hockt und aufmerksam die spielenden Kinder im flachen Wasser beobachtet. „Du hast hier die puerto-ricanischen Familien, da drüben die Schwarzen, die mexikanischen Fischer da oben am Pier, da hinten die Russen und dazwi-schen die Hipster aus dem Village. Jeder ist hier."

Doch es geht die Angst um in Coney Island, daß diese Kultur nun auch noch von hier verdrängt wird – zugunsten derselben keuschen, keimfreien und faden Konsumkultur, die sich überall breit macht: Markenboutiquen, Starbuck's und Fast-Food-Ketten statt fliegender Hot Dog-Händler, illegaler Bratfischverkäufer und Ruby's, sowie vielleicht ein Coney Island-Themenpark, ein seelenloses Abziehbild des einstigen Originals an gleicher Stelle. Einige hier geben sich noch kämpferisch, wie etwa die dicke Terry mit dem grell rosaroten Lip-penstift und der farblich dazu passenden Mütze, die am Anfang vom Boardwalk Muscheln und Fritten verkauft: „Ich bin im April wieder hier, darauf kannst Du Deinen Arsch wetten", sagt sie. „Wir überlassen Coney Island nicht den Reichen." Andere haben hingegen resigniert, wie Angi, bei der gleich hinter Ruby's Kinder für einen Dollar Plastikenten aus einem künstlichen Teich fischen und dabei Teddybären gewinnen können. „Ich mache gerade meinen Führerschein, um Schulbusse fahren zu dürfen. Ich habe nach 14 Jahren genug", sagt sie. „Mir tut es nur um die Leute leid, die sich hier amüsieren können, ohne daß sie nachher pleite sind. Wo sollen die denn in Zukunft hin?"

Am Ende des hölzernen Stegs, der in Höhe des alten Steeplechase-Parks bald 200 Meter weit ins Meer ragt, haben sich wie jeden Tag die Fischer versammelt. Wie seit nunmehr über 30 Jahren steht Jose, ein sechzig Jahre alter Mexikaner neben dem noch etwas älteren Mann, den sie hier alle nur „Papi" nennen. Papi hat tiefbraune ledrige Gesichtszüge und eine jüdische Jarmulke auf dem Hinterkopf. „Ich gehe nirgendwo anders mehr hin zum Fischen", sagt Jose. „Wenn die hier dicht machen, bleibe ich zuhause." „Ach - bislang ist doch alles nur Gerede", erwidert Papi. „Bevor nichts passiert ist, mache ich mir auch keine Gedanken. Ausserdem – der Strand ist groß. Wenn ich hier nicht mehr fischen kann, gehe ich eben da rüber", sagt er und zeigt auf einen großen Fels, der etwa einen Kilometer weiter in Richtung Westen ins Meer ragt. Zusammen werden Papi und Jose allerdings wohl nicht mehr so wie seit Jahrzehnten angeln können, wenn der Pier abgerissen wird und der Strand den zahlenden Hotelgästen vorbehalten bleibt.

An der Surf Avenue, die parallel zum Boardwalk hinter dem Strand verläuft, sitzt derweil Dick Zigun, der inoffzielle Bürgermeister von Coney Island auf einem Hocker vor seinem Theater. Der gelernte Regisseur betreibt hier seit 30 Jahren eine „Sideshow" – ein Kuriositäten-kabinett mit Nagel- und Feuerschluckern und Kontortionisten, wie sie in der Frühzeit von Coney Island, in den 20er Jahren, Mode waren. Ihm kann niemand vorwerfen, daß ihm nichts am alten Coney Island liegt aber gegenüber dem, was jetzt bevorsteht, hat der bärtige Mitfünfziger mit der Nickelbrille und den großflächig tätowierten Armen kapituliert. „Es hat keinen Sinn, gegen den Kapitalismus anzukämpfen", sagt er philosophisch. Jeder müsse jetzt sehen, wo er bleibt. Er selbst, das steht allerdings fest, bleibt hier – gerade hat er das Haus gekauft, daß seine Sideshow und sein Coney Island-Museum beherbergt. Das Coney Island der Aussenseiter und der Inkommensurablen wird also wenigstens hier weiter leben ; als das, was es ohnehin schon längst ist, als Freak Show.

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