Die gute Freundin am Küchentisch

Susan Miller hat in den USA einen neuen Astrologie-Boom ausgelöst

Berliner Zeitung, 25.8.2015

 

 

 

Susan Miller und der Portier im Carlyle sind alte Bekannte, Millers Auftritt hier, im Foyer des altehrwürdigen Hotels auf der Upper East Side Manhattans, ist ein fest eingespieltes Ritual. „Der selbe Tisch wie immer Frau Miller?“, sagt der ältere schwarze Mann, der einen weißen Frack und weiße Handschuhe trägt. „Aber ja Charles“, erwidert die zierliche Frau, deren Alter unmöglich zu schätzen ist. Dann lässt sie sich in einer Ecke des dunklen Caferaums auf einem Bett elaboriert bestickter Sitzkissen nieder und bestellt ihren Nachmittagstee.

Miller lebt schon ihr ganzes Leben lang auf der Upper East Side,  dem Biotop der oberen Zehntausend New Yorks, seit vor 150 Jahren die ersten Villen an der Fifth Avenue gebaut wurden. Sie liebt die  etwas angestaubte Eleganz hier im Carlyle, wo John F. Kennedy eine Suite für seine New York Aufenthalte gemietet hatte, wo Truman Capote regelmäßig lunchte und in dessen Bar Woody Allen bis heute mit seiner Dixie Combo Klarinette spielt. „Wenn ich Milliardärin wäre, dann würde ich alle meine Freunde hier unterbringen“, sagt Susan Miller.

Die Teenachmittage im Carlyle sind eines der wenigen Vergnügen, die Miller sich gönnt. Es sind kleine Lichtblicke in einem ansonsten gnadenlosen Arbeitsalltag. Bis zu 18 Stunden am Tag sitzt Miller an ihrem Computer und schreibt, nicht selten bis in die Morgenstunden. „Ich wundere mich dann, warum auf einmal die Sonne aufgeht.“

Die schier grenzenlose Energie, die Miller als einen der wichtigsten Gründe für ihren Erfolg nennt, ist unübersehbar – obwohl sie kaum 1,60 groß ist, sicher nicht mehr als 55 Kilo wiegt und wegen einer Erkrankung in der Kindheit beim Laufen ein Bein nach sich zieht. Miller redet ohne Punkt und Komma, assoziiert frei vor sich hin und strahlt dabei mit ihrem breiten, kindlichen Lächeln eine unbändige Lebensfreude aus.

Die überschäumende Kraft braucht die kleine Frau allerdings auch, um ihr ausuferndes Astrologie-Imperium am Laufen zu halten. Da ist ihr monatliches Online Horoskop „Astrology Zone“ mit mehr als sechs Millionen Lesern, das sie mit satten Texten von rund 3000 Wörtern pro Sternzeichen füllt. Dann sind da ihre zahlreichen Kolumnen für Frauen- und Modemagazine auf der ganzen Welt, „Vogue Japan, Vogue China, Amica Italien, Claudia Brasilien, Tempo Türkei, Grazia Paris, Moda Spanien, W Korea“, zählt sie auf. Ferner kommt ihre Online TV Show hinzu und irgendwie findet sie auch noch Zeit dafür, Bücher zu schreiben.

Susan Miller ist die ungekrönte Queen der Astrologie. Die Elite der Mode- und Entertainment-Welt zahlt bereitwillig das Premium Abo ihrer Website. Große und kleine Lebensentscheidungen zwischen der Upper East Side und Beverly Hills, zwischen Paris und Tokyo richten sich nach ihren Sterndeutungen.

Agenten berühmter Schauspieler rufen sie an und fragen, an welchem Tag sie bestimmte Verträge unterschreiben sollen. Jennifer Aniston hat ihren Hochzeitstermin nach Susan Millers Horoskop ausgerichtet, damit’s mit dem Neuen auch bestimmt klappt. Die Stylistin von Rihanna hat jüngst Susan Millers Tochter gebeten, bei ihrer Mutter anzufragen, welchen Mantel sie denn für ihre Chefin kaufen soll. Und im neuesten Peter Bogdanovich Film insistiert die Hauptfigur, dass ihr Vorsprechen für eine Broadway Rolle an einem bestimmten Tag statt findet, weil die Sternkonstellation laut Miller da besonders vorteilhaft ist.

Doch Millers Klientel ist nicht nur die Prominenz. Es dauert keine halbe Stunde nachdem Susan Miller sich in ihrer Ecke im Carlyle nieder gelassen hat, bis die ersten Fans sie bedrängen. „Sind Sie DIE Susan Miller“, sagt eine blondierte junge Frau mit einem starken osteuropäischen Akzent. Als Miller höflich bejaht, beginnt die Dame einen aufgeregten Monolog darüber, wie sie jede Zeile von Miller liest, wie sie jede Lebensentscheidung von ihren Horoskopen abhängig macht und damit auch ihre gesamte Familie missioniert, einschließlich ihrer alten Mutter in Rumänien.

Miller hört sich das geduldig an und ist natürlich auch ein wenig geschmeichelt. Nur von den Vermarktungstipps der Anhängerin, sie solle sich auf eine exklusivere Kundschaft konzentrieren, will sie nichts hören. „Nein nein, ich möchte für jeden da sein“, sagt sie, „ich will die gute Freundin an Deinem Küchentisch sein, die Dir sagt, dass alles gut wird.“

Damit trifft Susan Miller möglicherweise den Kern ihres Erfolges, den Kern der Astrologie-Rennaissance  im Internetzeitalter, für den sie steht.  Horoskope geben das Gefühl von Orientierung, eine Matrix der Verlässlichkeit in einer Welt der Unvorhersehbarkeiten und des ständigen Wandels. Und in der Privatheit des Internetkonsums kann man sich ohne jegliches soziale Stigma dem Glauben an die Sterne hingeben.

Susan Miller selbst glaubt natürlich ganz fest an die Kraft der Konstellationen. Als sie etwa sechs Jahre alt war, erzählt sie gerne, habe ihre Mutter, eine leidenschaftliche Hobbyastrologin, ihr vorausgesagt, dass sie einmal schreiben werde. Und dass ihr im Alter von 40 eine wunderbare neue Technologie zum Erfolg verhelfen werde.

So kam es dann auch. Susan Miller begann im Jahr 1995 ihren Astrologie-Blog Astrology Zone. Es war eine Freizeitbeschäftigung neben ihrem Hauptjob als Foto Agentin, gerade einmal 1000 Dollar pro Monat brachte der Blog. Dabei blieb es auch, bis zum Beginn der 2000er Jahre der Verkehr auf ihrer Seite zu explodieren begann. Es folgte ein Vertrag mit Apple, eine erfolgreiche App, die Bücher, die Fernsehauftritte. Der Agenten-Job fiel rasch unter den Tisch.

Der Erfolg von Miller fiel mit einer Wiedergeburt der Astrologie zusammen, über die in den letzten Jahren lange Artikel in US-Lifestyle-Publikationen zu lesen waren. Beinahe alle sind sich einig, dass ein spezielles kulturelles Gebräu zu dem Wiederaufleben der okkulten Kunst geführt hat. Dabei hat neben dem Aufkommen der sozialen Medien der 11. September und die Verunsicherung, die damit einher ging, eine gewaltige Rolle gespielt.

Miller lag mit ihrem Blog genau im Trend. Doch ihr Erfolg wurzelt auch an der fast unheimlichen Genauigkeit, die man ihr nachsagt. Fans schwärmen von Millers hellseherischen Fähigkeiten. Sie sagt auf die Stunde genau voraus, wann die Sterne für berufliches oder privates Glück günstig stehen. Sie findet verlorene Eheringe wieder, in dem sie in die Sterne blickt und sie hat den Erfolg von Steve Jobs prophezeit, als Apple noch am Boden lag.

Dabei behauptet sie, dass das alles keine Kunst sei, sondern reine Mathematik. Und um zu demonstrieren, dass sie keine übernatürlichen Fähigkeiten besitzt, klappt sie ihren Laptop auf. Es erscheint eine Astrologie Software auf dem Bildschirm, Miller fragt nach meinen Daten und tippt sie ein. So profan hatte ich mir das dann doch nicht vorgestellt.

Kurz darauf erscheinen meine Konstellationen und Miller stößt einen kleinen Freudenschrei auf. „Du weißt gar nicht, wie viel Glück Du hast“, sagt sie und packt fest meinen Unterarm. Die nächsten sechs Wochen, behauptet Miller, würden mir so viele Chancen bieten, wie schon lange nicht mehr, weil Jupiter sich vom Löwen zur Jungfrau bewegt.

Das ist natürlich schön zu hören. Ebenfalls die anderen Schmeicheleien, die sie aus ihrer Computersterndeutung ableitet. Ich sei ein origineller Geist, arbeite gut mit anderen Menschen zusammen und würde ganz bestimmt berühmt werden. Mein zuhause sei zwar schwierig gewesen, deutelt sie noch und legt dabei die Stirn in Sorgenfalten. Aber nach der Kindheit sei alles besser geworden.

Natürlich möchte ich jetzt wissen, was ich mit all dieser Information anfangen soll. „Weißt Du“, sagt sie in dem vertraulichen Ton der guten Freundin am Küchentisch, die sie sein möchte, „ich kann Dir sagen, wo Türen ein Stück weit aufgehen. Deine Aufgabe ist es jetzt, sie ganz aufzustoßen.“

Das erzeugt ein wohliges Gefühl im Bauch. Susan Miller ist eine gütige große Schwester, die Dich an die Hand nimmt und gleichzeitig das Vertrauen hat, dass Du Deinen Weg schon machst. Und so wird klar, warum ihre sechs Millionen Netzfans begierig auf den ersten des Monats warten, um von Miller zu hören, warum sie mit jedem Tag Verspätung  unruhiger werden und warum sich eine Lawine von Zorn auf Susan Miller ergoss, als sie aus gesundheitlichen Gründen im vergangenen Jahr einen Monat aussetzen musste. Die Leser fühlten sich im Stich gelassen wie ein Kind, das in einem Einkaufszentrum seine Mutter nicht mehr finden kann.

Doch Susan Miller ist nicht nur gütige Mentorin, sie ist auch knallharte Geschäftsfrau. Immer weder versucht sie das Gespräch darauf zu lenken, dass ihre App nun auf der Apple Watch läuft, die sie natürlich für das Interview angelegt hat. Ihr Vertragspartner Apple kann mit ihr zufrieden sein.

Überraschend ist das nicht, Miller hat einen Business Abschluss von der New York University.  Und als alleinerziehende Mutter zweier Töchter in Manhattan musste die Tochter eines Lebensmittel-Händlers immer sehen wo sie bleibt. Und sie muss es immer noch. „Ich komme gut zurecht“, sagt sie. „Aber ich wälze mich nicht in Dollarnoten.“

 Die Teestunde im Carlyle geht zu Ende, Charles deckt die Tische ab und beginnt den Raum auf die Dinnerzeit vorzubereiten. Susan Miller wirkt so, als könne sie gut noch ein paar Stunden hier verplaudern, noch eine Runde Teesandwiches verdrücken, die auf einem beeindruckenden Tischständer präsentiert werden. Doch es ist Zeit für Miller zu ihren Kolumnen zurück zu kehren, zu ihren Lesern rund um die Welt, die begierig auf ihre Worte warten.

Bevor Miller ins Taxi auf der Madison Avenue steigt möchte sie noch wissen, ob ich denn Redakteure von Frauen- und Modezeitschriften in Deutschland kenne, zu gerne würde sie auch für Deutschland eine Kolumne verfassen. Dann drückt sie mir ganz fest die Hand schaut mir mit einem herzlichen Lächeln direkt in die Augen und erinnert mich daran, aus den nächsten Wochen das Beste zu machen. 

 

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