"Ich bin Mensch geblieben"

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Martin Greenfield ist der Schneider der Wahl der amerikanischen Prominenz.

Und er hat die Shoa überlebt

Jüdische Allgemeine, 26.02.2105

Martin Greenfield hat seine Geschichte schon Hunderte von Male erzählt, sogar ein Buch ist im vergangenen Jahr daraus gemacht worden. Und doch ist er es nicht müde, insbesondere, wenn er einen Deutschen in seinem Büro in Brooklyn zu Gast hat. Und insbesondere jetzt, da der Anti-Semitismus in Europa wieder aufflammt. „Die jungen Leute müssen das wissen“, sagt er.

Greenfield sitzt hinter seinem Schreibtisch in der Schneiderei-Fabrik, in der er 1947 als Laufbursche angefangen hat und die er seit 45 Jahren leitet, adrett in einen Dreiteiler mit rosafarbenem Hemd und einem lilafarbenen Anstecktuch gekleidet. Die Wand hinter ihm ist voller gerahmter Bilder seiner prominentesten Kunden von Hollywood Stars wie Paul Newman über Ex-Außenminister Colin Powell bis hin zu Barack Obama. Das kostbarste Foto im Raum steht jedoch in einem Messingrahmen vor ihm auf  dem Schreibtisch.

Das sepiafarbene Bild wurde 1936 im tschechischen Ort Pavlovo aufgenommen. Es zeigt eine glückliche Kleinfamilie – den acht Jahre alten Martin, der damals noch auf Maximilian Grünfeld hörte, in einer Pepita Jacke mit Schlips, seine beiden Eltern Joseph und Tzyvia, ein gut aussehendes junges Paar, seine beiden Schwestern Simcha und Rivka. Noch nicht dabei war sein kleiner Bruder Sruel Baer, der erst zwei Jahre später auf die Welt kam.

Niemand auf dem Foto außer ihm überlebte den Holocaust, die gesamte Familie von Martin Greenfield starb in Auschwitz. Auch sein kleiner Bruder, der ihm während der Deportation nicht von der Seite gewichen war und den er zum letzten Mal sah, als er von Mengele persönlich zusammen mit seiner Mutter aussortiert wurde. In die linke Schlange, die geradewegs in die Gaskammer führte, wie Greenfield später erfuhr.

Wenn Greenfield das Bild in die Hand nimmt, dann werden seine Gesichtszüge steinern. Er hat keine Tränen und auch keinen Hass in sich, nur eine Fassungslosigkeit und eine tiefe Abscheu, über das, was mit ihm und seiner Familie und mit den Juden Europas passiert ist. „Das letzte mal, als ich meinen Vater gesehen habe“, sagt er, „hat er gesagt ich soll nicht um ihn weinen. Stattdessen soll ich ihn ehren, in dem ich lebe und glücklich werde.“

Das hat Greenfield nach Kräften getan. Er gilt als einer der besten Herrenschneider der Welt, seine Maßanzüge sind bei der Politik in Washington ebenso beliebt, wie bei der Hollywood Prominenz. Die Fabrik im noch immer rauen Industriebezirk East Williamsburg beschäftigt 120 Menschen, seine beiden Söhne leiten heute die Geschäfte. Greenfield hat sechs Enkelkinder, er hat ein erfülltes, erfolgreiches Leben gelebt.

So hat der 86-Jährige auch, wenn er nicht an Auschwitz denkt, ein strahlendes, beinahe knabenhaftes Lächeln. Man erkennt noch immer den kleinen Jungen von dem Foto aus Pavlovo, auch wenn die Haare mittlerweile weiß geworden sind, und das Gehör nicht mehr ganz so gut funktioniert wie früher. Noch immer schwebt er leichtfüßig in seinen glänzenden Lackschuhen über den knarzenden alten Fabrikboden, schaut den Nähern über die Schulter, überprüft Knopflöcher, bügelt selbst Falten, wenn es sein muss. Sechs Tage die Woche, jahrein, jahraus.

Martin Greenfields idyllische Kindheit in den Karpaten endete abrupt im April 1944. Es war der zweite Tag des Pessach-Festes, Greenfield erinnert sich daran noch genau. Eine Stunde hatten die Grünfelds Zeit, das Nötigste zusammen zu packen, bevor die deutschen und ungarischen Truppen die Juden des Dorfes auf die Straße trieben und sie sechs Kilometer zum nächsten Bahnhof marschieren ließen.

Die Fahrt in einem Viehwagon ging nur 20 Kilometer in die nächste größere Stadt Mukacevo. Dort hatten die Nazis ein Ghetto eingerichtet. Es war eine Zwischenstation, ein Vorhof zur Hölle und selbst dem erst 15 Jahre alten Max begann dort zu dämmern, was der Familie blühte. Er erinnert sich daran, wie die Nazis seinen geliebten Großvater Abraham, einen gläubigen Mann und Hebräischlehrer, am Boden fest hielten und ihm den Bart abschnitten und wie er vor Wut und Hilflosigkeit fast explodierte.

Nur Wochen später sitzt die Familie auf einem der letzten Transporte nach Auschwitz. Martin Greenfield erinnert sich an die kleine Hand seines erst fünf Jahre alten Bruders, die sich während der ganzen Fahrt fest an seine klammert. Er erinnert sich, wie sich die Familie in dem Wagon aneinander fest hält, um sich zu wärmen. Und er erinnert sich an den strahlend blauen Himmel bei der Ankunft in Auschwitz. „Ich dachte, an so einem Tag kann nichts Schlimmes passieren.“

Dann ging alles ganz schnell. Mengele sortierte sofort  die Mutter und die Schwestern aus. Martin und sein Vater waren kräftig und wurden zum Arbeiten auserkoren. Sruel Baer sollte auch zuerst verschont werden, doch die Mutter wollte ihn nicht los lassen, sie wusste ja nicht, dass es in die Gaskammer geht. Mengele zuckte nonchalant mit den Schultern, als ihm das Bitten und Betteln zu anstrengend wurde und ließ der Mutter ihren Willen. Es war das letzte Mal, dass Martin Greenfield seine Familie sah.

 Martin Greenfields Sohn Jay, dessen Schreibtisch auf der anderen Seite des großen, etwas chaotischen Raumes steht, wird etwas ungeduldig, er hat das alles schon Tausend Mal gehört. „Papa, Du erzählst ja Deine ganze Lebensgeschichte“, wirft er ein. Doch Greenfield lässt sich nicht beirren. Anstatt inne zu halten öffnet er den Manschettenknopf seines Hemdes mit dem Siegel der Stadt New York, „ein Geschenk vom Bürgermeister“, sagt er stolz. Dann krempelt er den Ärmel hoch un zeigt seine Tätöwierung.

Die Häftlings-Nummer A4406 ist kaum mehr zu erkennen. Die Tinte ist zwischen den Hautschichten verlaufen. Sie ist heute mehr ein Schatten, als eine wirkliche Markierung, eine vage Spur, die dennoch noch immer die Kraft hat, Dämonen zu wecken.

Greenfield hält sich in Auschwitz an den Rat seines Vaters sich immer nützlich zu machen. Er arbeitet in der Wäscherei, er sortiert die Habseligkeiten der neu Angekommenen. Er transportiert Leichen, er mauert. Seine robuste Konstitution lässt ihn  Hunger, Kälte und grassierenden Krankheiten trotzen.

Er hält bis zum Januar 1945 durch, als die Rote Armee vor den Toren von Auschwitz steht und das Lager evakuiert wird. Die geschwächten, verhungerten Überlebenden werden zusammen getrieben und in Marsch gesetzt, in Richtung Gleiwitz, 60 Kilometer von Auschwitz entfernt.

Von den 10,000  die in Auschwitz loslaufen überleben 500. Nur mit Lumpen und Holzschuhen bekleidet, treibt die SS die Häftlinge im Laufschritt durch den knietiefen Schnee. Wer zurück fällt wird sofort erschossen. Martin Greenfield stiehlt mit dem Mut der Verzweiflung Proviant aus dem Tornister eines SS Mannes und verbuddelt sich im Schnee, um nicht erwischt zu werden. Und irgendwie kommt er mit letzter Kraft in Gleiwitz an.

Die letzten Monate des Krieges verbringt Martin im KZ Buchenwald, als Arbeitssklave in einer nahe gelegenen Munitionsfabrik. Kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner, muss er im nahe gelegenen Weimar helfen, Bombentrümmer zu beseitigen. Er entdeckt zwei Hasen, die in ihrem Käfig den Angriff überlebt haben und bringt sie der Herrin des zerbombten Hauses. Doch statt ihm zu danken, zeit sie ihn bei der Gestapo an. Er hatte eine der Karotten der Hasen gegessen.

Zwei Wochen später ist das Martyrium von Martin Greenfield und den anderen Insassen von Buchenwald vorbei. Die US Armee marschiert in Weimar ein. General Eisenhower besichtigt persönlich das Lager und schüttelt Martin die Hand.

Martin steckt der Vorfall mit der Karotte jedoch noch im Mark. Es ist, als ob sich sein ganzer Zorn über die Shoah und über den Verlust seiner Familie auf diese Frau projiziert. Er schnappt sich eine von der SS konfiszierte Maschinenpistole und fährt zu dem Haus. Doch als er die Frau mit ihrem Baby auf dem Arm sieht, bringt er es nicht über sich, abzudrücken. „Ich habe an meinen Großvater gedacht, der mir beigebracht hat, nicht zu töten, gleich, was man Dir angetan hat.“ Dafür ist er heute dankbar. „Ich bin Mensch geblieben. Trotz allem.“

Die nächsten zwei Jahre irrt Martin Greenfield durch Europa, immer noch in der Hoffnung seinen Vater wieder zu finden. Er arbeitet als Lastwagenfahrer, der Flüchtlinge, die nach Palästina auswandern wollten, über die italienische Grenze bringt. Und er heuert bei der tschechischen Armee an, obwohl alle Schlachten geschlagen sind. „Ich wollte zumindest zeigen, dass ich kampfbereit bin.“ Wo immer er hinkommt, fragt er, ob irgendjemand etwas von seinem Vater gehört hat.

In einem Flüchtlingslager in Budapest erhält er dann im Sommer 1946 die Gewissheit, dass sein Vater es nicht geschafft hat. Ein alter Bekannter aus Povlovo, den er trifft, bezeugt, dass Martins Vater eine Woche vor der Befreiung in Buchenwald erschossen wurde, nur ein paar Hundert Meter von Martins Baracke entfernt. Er war mit einer Maurerarbeit nicht rechtzeitig fertig geworden.

Die Nachricht ist nieder schmetternd. Aber sie befreit Martin auch, er kann nun ein neues Leben anfangen, so wie sein Vater es ihm aufgetragen hatte. Als sich die Gelegenheit ergibt schifft er in Bremerhaven in Richtung New York ein.

Amerika ist von Anfang an gut zu Martin Greenfield, die neue Welt heißt ihn mit offenen Armen willkommen. Er bekommt über entfernte Verwandte einen Job in Brooklyn, verlebt aufregende Junggesellenjahre in New York und arbeitet sich schnell in der Firma hoch. Bald wird er als Schneider nach Hollywood geflogen, um Anzüge für Filmstars zu schneidern. Schon Mitte der 50er Jahre wird ihm die Verantwortung übertragen, die Anzüge für Präsident Eisenhower zu nähenn, dem er in Buchenwald die Hand geschüttelt hatte. „Ich habe mich mächtig ins Zeug gelegt“, sagt er, „schließlich hatte ich diesem Mann mein Leben zu verdanken.“

Ende der 60er Jahre bekam er dann die Gelegenheit den Betrieb zu übernehmen. Sein größtes Glück im Leben, sagt Martin Greenfield, sei es jedoch gewesen, eine eigene Familie zu gründen. „Als Jay 1958 zur Welt kam“, sagt er, habe ich zum ersten Mal geweint.“ Der so lange verdrängte Schmerz über den Verlust seiner Familie, über den er bis dahin nicht einmal mit seiner Frau gesprochen hatte,  brach sich endlich Bahn, als er sein eigenes Kind an die Brust drückte.

Es ist Mittagszeit in der Greenfield Fabrik in Brooklyn, die Schneider sind zum Lunch in das Viertel ausgeschwärmt, die Werkstatt ist leer. Martin Greenfield streift durch die alte Halle, die ein wenig nach Staub und Moder und Schweiß riecht. Er streift mit der Hand über einen Stapel Stoffrollen im Regal, prüft einen Kleiderständer mit fertigen Anzügen, zupft die Ärmel an einem halbfertigen Jackett zurecht, das über ein Mannequin gespannt ist. Martin Greenfield wirkt zufrieden, hier in seinem Reich, in seinem Leben, das er sich geschaffen hat, hier in Brooklyn, eine halbe Welt und fast ein ganzes Leben von Auschwitz entfernt.

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