Der alte Mann und die Paradiesvögel

  • Cunningham
Bill Cunningham fotografiert seit 40 Jahren in New York Street Fashion
(Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau)

An der Ecke 57te Straße und 5th Avenue, da, wo der Manhattaner Fußgängerverkehr am hektischsten und dichtesten ist, steht ein schmaler kleiner Mann in einer blauen Handwerkerjacke. Er tippelt hin und her, schaut nach links, schaut nach rechts, stellt sich auf die Zehenspitzen um weiter die Fifth Avenue hinunter blicken zu können, so wie jemand, der ungeduldig auf ein Rendezvous wartet.

Doch Bill Cunningham wartet auf niemanden. Manchmal steht er stundenlang nur so da und späht und lässt den Passantenstrom an sich vorbei ziehen. So lange, bis er etwas sieht, was seine Aufmerksamkeit gefangen nimmt. Dann zückt er seine Kamera, springt selbstvergessen auf die Straße und belästigt sein Subjekt mit unbarmherziger Beharrlichkeit.  

Was er genau sucht, das kann Bill Cunningham vorher nie sagen, das weiß er erst, wenn er es gefunden. „Ich suche nach Schönheit“, sagt er immer, wenn er danach gefragt wird, was er eigentlich macht.  Die Schönheit kann auf den Straßen New Yorks allerdings die verschiedensten Formen annehmen. Es kann die Art sein, wie eine Frau über eine Pfütze springt. Es  kann ein Pret a Porter Kostüm von Oscar de La Renta sein, das besonders lässig von den Schultern hängt. Es kann ein junger Hip Hoper sein, dessen Jeans fast in den Kniekehlen hängen. Manchmal kann es sogar ein Müllsack sein, den eine Dame in einem Sturzregen über ihr Kostüm gestülpt hat.

Bill Cunningham steht jetzt schon seit seit 33 Jahren beinahe jeden Tag an der Ecke 57th und 5th. Seit 1978 fotografiert er für die New York Times Mode. Aber für Cunningham war Mode immer mehr als nur die Inszenierungen der Laufstege. Die fotografiert er zwar auch, aber er interessiert sich vor allem für die Mode der Straße. Er will nicht nur wissen, was sich ein Designer ausgedacht hat, er muss wissen, wie es getragen und kombiniert wird und wie es aussieht, wenn damit zur U-Bahn gehastet wird.

Cunningham glaubt fest daran, dass nur der die Mode wirklich versteht, der überall hingeht – zu den Laufstegen, zu den Parties und vor allem auf die Straße. Und das tut Cunningham. Unermüdlich. Trotz seiner mittlerweile 83 Jahre. Tagsüber steht er hier an der Fifth oder fährt mit seinem alten klapprigen Fahrrad durch Manhattan, immer auf der Jagd nach etwas, das ihm ins Auge springt, „nach irgendeinem wundervollen Paradiesvogel“, wie er sagt.  Abends zieht er sich seinen schwarzen Anzug an und besucht die großen gesellschaftlichen Ereignisse der Stadt, die Wohltätigkeitsbälle, die Theaterpremieren, die Vernissagen. Und im Sommer fliegt er zu den Modewochen nach Mailand und Paris, „um das Auge zu schulen“, wie er sagt.

Dort sitzt er dann am Rand der Laufstege mit seiner alten Kleinbild-Kamera, nicht am Ende, wo sich die Meute der Kollegen mit ihrem modernen Equipment und den langen Linsen versammelt haben. Er schießt die Models, wie die Frauen auf der Straße, im Vorbeigehen, damit er die Linien der Kleider sieht, damit er sieht wie sie fallen und fließen. Wenn ihm nichts gefällt, lässt er die Kamera liegen, es kommt vor, dass er während einer gesamten Schau nicht ein einziges Bild macht.  

Manchmal ist er jedoch auch der einzige, der den Apparat ans Auge hebt. Und deshalb kann es die Modewelt am nächsten Tag gar nicht erwarten, die Times mit dem Bilderbogen von Bill Cunningham in die Finger zu bekommen. „Er hat ein untrügliches Gespür dafür, was funktioniert, was ein Trend werden könnte“, sagt Harold Koda, der Direktor des renommierten Costume Institute am Metropolitan Museum über Cunningham.

Bill Cunningham ist ein Kauz, ein Außenseiter selbst in der exaltierten Modewelt. Es kommt nicht selten vor, dass Türsteher dem alten Mann, der mit seiner blauen Arbeiterjacke aussieht wie ein besserer Stadtstreicher, den Zugang zu den Modenschauen verweigern. Und doch verehrt man ihn in dieser Welt. „Für jeden, der weiß, wofür Bill steht, ist es eine Ehre von ihm fotografiert zu werden“, sagt Anna Wintour. „Schlimm ist nur, wenn er einen ignoriert. Das ist der Tod.“

Doch darüber kann sich die Wintour nicht beklagen. Cunningham schießt sie, seit sie 19 ist – während sie die 5th Avenue auf und ab flaniert, auf Galas und Parties, auf Modeschauen. Es ist ein Kompliment an ihren Geschmack und das weiß sie auch. Cunningham gilt als der Mann mit dem untrüglichen Instinkt für Linie, für Farbe, für Schnitt, für Kontur. Einen Instinkt, den er sich vor allem auf den Straßen New Yorks geholt hat.

Dabei war Cunningham ursprünglich gar kein Mann der Bilder. Nach seinem Militärdienst in den 50er Jahren, der ihn nach Frankreich führte, lebte der Studienabbrecher als Bohemien und Tausendsassa in New York. Er entwarf Hüte und er schrieb für den Chicago Tribune und für Women’s Wear Daily über Mode. Bis ihm eines Tages sein Freund, der englische Fotograf David Montgomery, eine Kleinbildkamera schenkte, eine Olympus für 39 Dollar. „Benutze sie wie einen Kuli, um Notizen zu machen“, sagte Montgomery.

Cunningham nahm sich den Rat zu Herzen und zog los und seither kann er nicht mehr davon lassen.  „Es war ein perfekter Moment damals“, sagt Harold Korda. „In den frühen 60er Jahren begannen die Leute in New York überhaupt zum ersten Mal sich im Alltag interessant zu kleiden. Das was wir heute als Street Fashion bezeichnen, gab es vorher nicht.“ Und Bill Cunningham war von Anfang an dabei, als sich noch kein anderer für die Straße interessierte und es den Begriff Pret a Porter noch nicht gab.

Cunningham fotografierte die Rocker und die Hippies, die Nachtclub-Szene und die Avantgardekünstler, die Prostituierten am Times Square und die Society Ladies. Er fotografierte Andy Warhol und Grace Jones,  Liz Taylor und die Ramones und Tausende von namenlosen Schönheiten, wenn sie sich nur interessant anzogen.

Es war wie ein Rausch, Tag und Nacht war er unterwegs und daran hat sich bis heute nichts geändert. Seine Kolumne in der Times wurde zum Kult und das Magazin „Details“, das ihm pro Ausgabe  bis zu 100 Seiten zur Verfügung stellte, wurde zur ikonischen Publikation der 80er Jahre.

Cunningham war ausgezogen, um Kleider zu fotografieren. Mehr und mehr entwickelte er sich jedoch ganz unfreiwillig auch zum Kulturanthropologen und zum Chronisten. „Er hat das Leben dieser Stadt dokumentiert. Er hat aufgezeichnet, was uns als New Yorker ausmacht“, sagt Harold Koda.

Bei all dem blieb Bill Cunningham selbst jedoch immer anonym, er war der unbekannteste Prominente von New York. Wie ein Gespenst tauchte er mit seinem Fahrrad auf, fotografierte und verschwand wieder und niemand wusste wohin. Selbst die Menschen, die eng mit ihm zusammen arbeiteten, hatten keine Ahnung, wo er lebte und was er trieb, wenn er nach Hause ging.

Richard Press, seinem Assistenten bei der New York Times, ließ diese Frage keine Ruhe. Schon bald, nachdem er angefangen hatte, Cunninghams Filmrollen ins Labor zu bringen und sich dem Geduldsspiel der Bildauswahl für die Zeitung mit Cunningham zu unterziehen, nahm er sich vor, einen Film über diesen besonderen Mann zu drehen.

Es dauerte sieben Jahre, bis Cunningham Press an sich heran ließ und selbst dann gab er seine Privatsphäre nur millimeterweise preis. „Cunningham war immer kurz davor, das Projekt wieder abzubrechen und uns zum Teufel zu jagen“, erzählt Press bei einem Kaffee im New Yorker Meatpacking District. „Der Film stand bis zum Schluss immer auf der Kippe.“   

Auf den ersten Blick war das, was Press entdeckte enttäuschend. Cunningham hat kein Privatleben. Er lebt alleine in einer winzigen Künstlerwohnung. Das Bad ist auf dem Flur, eine Küche gibt es nicht, dafür ist jeder Zentimeter mit Aktenschränken vollgestellt. Negative und Abzüge aus einem halben Jahrhundert. Seine Garderobe hängt auf Bügeln an den Griffen der Schränke, irgendwo ist eine kleine Matratze dazwischen gequetscht.

Cunningham ist nicht verheiratet, hat  noch nie eine „romantische Beziehung“ gehabt, wie er in einem beklemmenden Interview dem Filmemacher gesteht. Er geht nicht aus, er kauft nicht ein, er braucht nur den blauen Arbeitskittel auf seinen Schultern, seine Kamera, sein Fahrrad und ab und zu ein Sandwich und einen Kaffee aus dem Schnellrestaurant nebenan; und die Kirche, die er jeden Sonntag besucht, nachdem er sechs Tage lang an seiner Seite für die Wochenendausgabe gebastelt hat.

Das klingt zunächst nach einer furchtbar traurigen und einsamen Existenz. Doch Press fand in dieser scheinbaren Tristesse einen ungeheuren Reichtum. Bill Cunningham, das spricht aus jeder Szene des faszinierenden Films, ist ein zutiefst glücklicher Mensch.  

So erleben wir in einem Ausschnitt Cunningham auf einem Empfang des französischen Kultusministers. Er schlängelt sich wie immer durch die Menge, plaudert ein wenig mit den Leuten, knipst diesen und jenen. Erst spät erfahren wir, dass dieser Empfang ihm gilt, dass er für seine Verdienste um die Mode einen Orden verliehen bekommt.

In seiner Dankesrede stottert Cunningham zuerst herum,  springt abrupt und etwas wirr zwischen Französisch und Englisch hin und her. Doch dann fällt ihm ein, was er wirklich sagen möchte, war er schon immer sagen wollte. „Derjenige, der Schönheit sucht, wird sie auch finden“, sagt Cunningham und ihm laufen dabei die Tränen aus den Augenwinkeln.

In diesem Moment begreift man Cunningham und es steigt einem unweigerlich selbst das Wasser in die Augen. Bill Cunningham hat eine höhere Daseinsstufe erreicht, als wir Normalsterblichen. Er hat sein Dasein in Dienst eines Ideals gestellt. Er ist ein Hohepriester der Schönheit, ein Hohepriester in einer Müllarbeiterjacke.

„Er ist frei“, sagt Richard Press zum Ende unseres Gesprächs man spürt dabei, wie gerne er auch so wäre wie Bill Cunningham. Tag für Tag auf der Suche nach Schönheit auf einem alten Fahrrad durch die Straßen Manhattans zu ziehen, so lange, bis die Sonne im Hudson versinkt, ohne Sorge um Geld, Status, Erfolg, Anerkennung, all die Dinge, mit denen andere sich täglich mühen. Was für ein Leben.

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