Auf der Flucht vor dem Muff

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Zu Besuch bei Ute Lemper
(Frankfurter Rundschau, Foto: Wowe)

Ute Lemper fühlt sich nicht mehr so richtig zuhause in ihrer Muttersprache, immer wieder ringt sie nach den deutschen Vokabeln und rutscht dann ins Amerikanische, wenn sie ihr nicht einfallen.

 „Man kann hier ein sehr residentielles Leben führen", sagt sie während sie es sich auf dem Sofa ihres Penthouses auf der New Yorker Upper West Side kuschelig macht. Sie hat sich nicht zurecht gemacht für den Besuch, die Fältchen um die Augen nicht übertüncht, trägt Jeans, ein Baumwollhemd und hat sich bequem auf einen Fuß gesetzt. Was Lemper natürlich meint ist häuslich.

„Aber wenn man will kann man natürlich auch an den Vibrations der Stadt teilnehmen", fährt sie fort. „Vibrations" spricht sie englisch aus. „Weibraischons." Dabei blinzelt sie aus ihrem Fenster hinaus über die Manhattaner Skyline, die sich dort in die klare Herbstluft zackt. In der silbernen Krone des Chrysler Building ganz links spiegelt sich die Sonne, rechts ragen die Antennen der New York Times und des Conde Nast Hochhauses in den Himmel, dazwischen sind die spitzen Wassertürme auf den Apartmenthäusern wie abschussbereite Raketen aufgereiht. Von weit unten gibt das gedämpfte Taxihupen eine entfernte Ahnung von der nervösen Energie der Stadt.

Man kann es Ute Lemper nicht verdenken, dass es ihr schwer fällt, einfach mal so ins Deutsche umzuschalten. Sie lebt seit 14 Jahren in New York, vorher war sie in London und Paris. Sie hat ihre Familie hier, ihr Mann und ihre vier Kinder sind Amerikaner. Nach Deutschland kommt die Chanteuse nur noch, wenn sie dort gastiert.

So, wie seit vergangenen Samstag, als sie in Baden Baden ihre „Lost Tango-Tour" startete - eine Hommage an den argentinischen Tango mit dem Original-Sextett vom Meister des Tango Novo Astor Piazzolla, „die vielleicht letzte Gelegenheit, diese Veteranen zusammen zu bringen", wie sie sagt. Am nächsten Dienstag steht der Admiralspalast auf dem Programm, der Termin auf der Deutschland-Reise, auf den Ute Lemper sich am meisten freut. „Berlin ist neben New York meine absolute Lieblingsstadt", sagt sie und das klingt nicht geschmeichelt. „Wenn ich keine Kinder hätte, würde ich mir in Berlin eine Wohnung kaufen und mindestens die Hälfte des Jahres dort leben."

Berlin ist allerdings für Lemper der einzige deutsche Ort, an dem zu wohnen sie sich noch vorstellen könnte. Ansonsten hat die Münsteranerin zu ihrem Heimatland ein eher schwieriges Verhältnis.

Das merkt man etwa, wenn sie über ihr neu geborenes Kind spricht, den kleinen Jonas, der gerade einmal einen Monat alt ist und der Mama auf ihrer Tournee begleitet. Lempers Mutterschaft mit 48 hat in Deutschland Schlagzeilen gemacht, wochenlang diskutierte das Boulevard darüber, ob man das in diesem Alter noch darf.

Das war wieder einmal so eine Zeit, in der Lemper froh war in New York zu sein. „Ich bin schockiert, dass die Deutschen schockiert sind", sagt sie. In New York sei das ganz normal, dass Frauen erst einmal Karriere machen und sich eine sichere Existenz schaffen und dann erst Mutter werden.

Da war er wieder, der deutsche Kleingeist, die deutsche Provinzialität, vor der Lemper auf der Flucht ist, seit sie mit 17 aus ihrer Heimatstadt Münster fort zog. „Ich war unheimlich froh aus dieser ganzen hemmenden und beengenden Welt heraus zu kommen", gibt sie zu. Diese kleinbürgerliche Welt, in der Samstags Sportschau geschaut wurde, man Sonntags in die Kirche ging und es genaue Regeln gab, was sich gehört und was nicht.

So, wie eben das Kinderkriegen jenseits eines bestimmten Alters. Es ärgert sie unheimlich, dass das in Deutschland derartige Wellen geschlagen hat; dass man sie dort als Künstlerin praktisch nicht mehr wahr nimmt, seit sie vor beinahe 20 Jahren ins Ausland gegangen ist, sich nun aber mit Genuss in ihrem Privatleben wühlt.

Doch sie lässt sich den Zorn nicht anmerken. Sie bleibt kontrolliert, unterkühlt, so wie man sie auch auf der Bühne kennt. Ganz der Vamp, ganz die Marlene-Inkarnation, die ihr Publikum polarisiert, seit sie auf der Bühne steht. „Ich fühle mich nicht älter als vor 15 Jahren", sagt sie lakonisch und will damit das Thema dann auch abgeschlossen haben. Hier oben über den Dächern von Manhattan, braucht sie sich vor niemandem zu rechtfertigen. Schon gar nicht vor den deutschen Klatschspalten.

Ute Lempers Penthouse ist ein unprätentiöser Raum, beinahe enttäuschend in der Beliebigkeit seiner Ausstattung. Das Mobiliar - ein Sofa, ein paar Sessel, ein kleiner Esstisch, wirkt zusammen gewürfelt. Die Bilder an der Wand sind passenderweise vom Flohmarkt - naturalistische Farbetüden von Kunststudenten. In der Ecke steht ein kleines Elektroklavier, überall liegen Noten herum. Repräsentativ ist hier nur der Blick über Manhattan. Ansonsten wird hier vor allem gearbeitet.

Die Bude über New York ist Ute Lempers Refugium, hierher zieht sie sich vier bis fünf Stunden pro Tag aus dem Trubel des Familienlebens zurück, um zu komponieren, zu arrangieren und zu proben. Es liegt direkt über der Familienwohnung, wo eine Nanny auf das Baby aufpasst.

Während der Geschäftszeiten ist das Separee für den Rest der Familie Off-Limits. Selbst Ehemann Todd Turkisher muss klopfen, als er mit einem Karton vom Supermarkt kommt und ein paar frische Sachen in den kleinen Kühlschrank räumt.

Wenn sie nach ein paar Stunden hier oben fertig ist, dann ist Ute Lemper aber ganz für die Familie da. Es wird gemeinsam gekocht und gegessen und über alles gesprochen, was die Familie bewegt. Die College-Bewerbung des ältesten Sohns Max, die Teenager-Probleme seiner Schwester Stella, das letzte Fußballspiel des sechs Jahre alten Julian. Wie in einer ganz normalen Familie eben.

Oder zumindest einer normalen modernen New Yorker Patchwork Familie. Die beiden älteren Kinder stammen aus Lempers erster Ehe mit dem Komiker David Tabatsky, der hier um die Ecke wohnt. Der Vater von Julian und Jonas ist Turkisher, ein Schlagzeuger und Musikproduzent, den Ute Lemper vor zehn jahren im Studio kennen gelernt hat und der immer wieder auch mit ihr zusammen arbeitet.

Wenn man Ute Lemper glauben darf, achten die beiden streng darauf, sich die Familien-Pflichten gleichmäßig zu teilen, nachdem Lempers erste Ehe nicht zuletzt deshalb in die Brüche ging, weil ihre Karriere alles überschattete. Ute Lemper bringt die Kinder morgens in die Schule, sie kocht, sie kümmert sich um Hausaufgaben. Wie eine ganz normale berufstätige Mutter.

Die Turkisher-Lemper Familie ist ein New Yorker Künstler Idylll, Lemper nennt es ihre „Bubble", ihre kleine heile Welt auf der Upper West Side. Sie ist glücklich hier, das merkt man ihr an und doch hat es auch einen abschätzigen Unterton, wenn sie „Bubble" sagt. Das Behütete, Abgeschottete an diesem Leben, auch wenn es nicht annähernd so konventionell ist, wie ihre Kindheit in Münster - damit tut sie sich immer noch schwer.

Ute Lemper blühte auf, nachdem sie Münster entkommen war. Mit 20 bekam sie in Wien eine Rolle in Cats, darauf folgte ein Engagement dem nächsten. Paris, Berlin, London, Köln, Frankfurt. Lemper war eine Vagabundin geworden und hatte doch ein zuhause gefunden – die Bühnen Europas. Sie lebte aus dem Koffer und sang und tanzte und spielte und war glücklich.

Man liebte sie, die teutonische Blonde mit dem melancholischen Blick und der rauchigen Stimme, die so sehr an Marlene Dietrich erinnerte. In Paris bekam sie für die Rolle der Sally Bowles in „Cabaret" den Moliere-Preis verliehen. Nur in Deutschland wollte man sich nicht so richtig für sie erwärmen. Ausgerechnet für ihre Rolle als „Lola" im Blauen Engel unter Peter Zadek wurde sie verrissen. Boshafte Kritiker bezeichneten sie als „Tingeltangel Schnurre", dass sie die Dietrich geben wollte, wurde ihr als Anmaßung ausgelegt.

Da kam ihr das Engagement am Broadway als Velma Kelly im Musical „Chicago" 1988 gerade recht. Lemper blieb in New York und ließ das miesepetrige muffige Deutschland hinter sich.

Nur in Berlin hatte sie noch einen Koffer, in der Stadt, in der sie in den 80er Jahren „unglaubliche Erlebnisse" hatte, die beste Zeit ihres Lebens, wie sie heute schwärmt. Sie spielte damals am Theater des Westens den Peter Pan, ging so oft sie nur konnte an die Schaubühne um Peter Stein, Luc Bondy und Robert Wilson zu sehen, tauchte in die raue Subkultur des damaligen Westberlin ein.

Berlin und New York sind für sie die einzigen Städte der Welt, in denen sie sich zu leben vorstellen kann. „New York ist die berlinste Stadt außerhalb von Berlin", sagt sie dazu, warum sie New York zu ihrer Heimat gemacht hat. Das klingt dann so, als sei New York für sie die beste zweite Wahl, wenn sie schon nicht in Berlin sein kann. Und ein wenig ist das auch so. „Wir sind halt hier hängen geblieben", sagt sie. Die Kinder hatten sich während dem Broadway Run der Lemper an die Schule in New York gewöhnt, ihr damaliger Mann war froh, wieder zuhause zu sein. Man hatte einen lebendigen Freundeskreis und so warf die Familie am Hudson den Anker.

Aber Ute Lemper stellte auch sicher, dass sie ihr Berlin in New York nicht missen muss. Sie brachte es mit - in Form der Lieder und Texte von Weill und Brecht und dem Berlin der 20er Jahre, das ihre Kunst evoziert. Noch bevor sie am Broadway auftrat, stand Ute Lemper 1986 auf der Bühne des Lincoln Center, nur einen Steinwurf von ihrer heutigen Wohnung entfernt und sang Weill, der hier in New York im Exil 1950 gestorben war. Es war etwas völlig Neues für das New Yorker Publikum aber man war begeistert. Lemper und Weill trafen einen Nerv in dieser Stadt, man verstand hier Berlin.

So begann die Liebesaffäre zwischen Lemper und New York, die in Wirklichkeit eine Dreiecksbeziehung ist. Lange bevor die Hipster von Brooklyn die Berliner Club-Szene entdeckten, entdeckte New York das Lemper-Berlin, das dekadente, melancholische, romantische, brodelnde Weimar-Berlin. „Ich fühle mich hier ein wenig als Repräsentantin dieser Zeit und als Botschafterin von Berlin", sagt Lemper. „Ich will den Leuten hier von dem Weg erzählen, den unser Land durch gemacht hat."

Deshalb singt sie auch in New York immer wieder das Weill Repertoire. Gleich wenn sie aus Deutschland zurück kommt ist sie in der Carnegie Hall mit einem Weill und Eisler-Liederabend gebucht.

Aber sie singt das Repertoire nicht nur in großen Sälen, wie in der Carnegie Hall. Sie singt es auch auf kleinen Bühnen wie dem Joe's Pub im Village oder dem Cafe Sabarsky, wo nicht einmal ein Dutzend Tische hinein passen. Die Aufführungen sind immer ausverkauft, die Lemper hat in New York ihr Stammpublikum.

Lemper liebt diese kleinen Stegreif Performances fast noch mehr als die großen Shows. Sie sind für sie ein Ausbrechen aus ihrer „Bubble", eine regelmäßige Medizin gegen die familiäre Klaustrophobie. Ein Eintauchen in die „Vibrations" der Stadt unter ihrem Penthouse.

So hat sie im vergangenen Jahr hat sie im Joe's Pub einen Liederabend aufgeführt, bei dem sie Texte des amerikanischen Suffpoeten Charles Bukowski vertonte. Wie die Piaf, die Lemper auch gerne singt, war Bukowski eine Katastrophe von einer Existenz, der aber das Talent hatte, sein Scheitern am Leben in Worte zu fassen.

Genau die gleiche Qualität wie bei Piaf und Bukowski findet Lemper auch im Tango - jene Wahrhaftigkeit und Gebrochenheit, die sie einst aus dem beklemmenden Münster nach Berlin gezogen hat, die sie an New York liebt und die für sie das Leben selbst bedeuten. Deshalb hat sie sich, wie sie sagt, auch „wie eine Besessene" in das Werk von Piazzolla gestürzt. Sie hat Spanisch studiert, sie ist nach Buenos Aires geflogen, hat dort gespielt, hat sich auf der Straße und von den Musikern die komplizierten Metaphern in Piazzollas Texten erklären lassen und die argentinische Seele in sich aufgesogen. „Jedes dieser Lieder" sagt sie, „ist wie ein Otto Dix Gemälde. Da geht es nicht nur um romantische Liebe sondern vor allem auch um die Unmöglichkeit, glücklich zu sein."

Mit diesem Programm kommt sie nun nach Berlin – die Glückliche, die vom Unglück fasziniert ist, die behütete Tochter, der immer nach dem Leben gedürstet hat. Es ist für sie so etwas wie ein Heimkommen, wenn es das für eine Heimatlose wie Lemper denn gibt.

„Berlin", sagt sie, sei heute für sie „die engagierte, politische, kreative Hauptstadt Europas." Eine glückliche Stadt also. Aber Berlin sei für sie auch ein Ort von Abrissen und Neubauten, von verlorenen und wieder gewonnen Identitäten, ein Ort von „violenten" Umbrüchen, wie sie denglischt. Kurz, ein Ort, in dem sich Ute Lemper selbst wieder erkennt.

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