Der älteste Teenager der Welt

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Iris Apfel war längst im Rentenalter, als die Modewelt sie entdeckte. Mit 90 schwelgt sie noch immer in verwegenen Kombinationen und rebelliert gegen jeden Modezwang
(Berliner Zeitung)

Iris Apfel ist beschäftigt in diesen Tagen, zwei Mal hat sie den Termin am Samstagvormittag verschieben müssen, weil ihr etwas dazwischen gekommen ist. Und auch jetzt ist sie noch am Telefon.

 

„Das Baby kommt gleich", witzelt deshalb ihr Mann Carl, mit 91 ein ganzes Jahr älter als seine Frau, während er den Gast in den Salon des Apartments an der vornehmen Park Avenue bittet. Der Raum ist eine Mischung aus Flohmarkt und Völkerkunde-Museum, auf dem Boudoir steht eine Sammlung indianischer Figuren, die Stehlampen mit Schirmen aus Brokat und Seide sind kaum zu zählen und mit den Sesseln, jeder ein Einzelstück, könnte man eine komplette Design-Ausstellung bestreiten.

Und dann kommt Iris. Stil-Ikone, New Yorker Society-Lady seit 60 Jahren, „ältester Teenager der Welt", wie sie sagt. Sie sieht blendend aus in ihren engen Jeans, ihrem Samtblazer mit dunklen Paisleys und ihrem schweren Indianerschmuck am schlanken Hals und an den zierlichen Handgelenken. Die tiefblauen Augen haben unter den riesigen, eulenhaften Brillengläsern – ihrem Markenzeichen – nichts von ihrem Glanz verloren.

„Es ist ja alles soooo verrückt", entschuldigt sich Apfel während sie sich in einen Korbsessel mit bunt bestickten Kissen sinken lässt. „90 Jahre alt und so viele neue Sachen." Reporter, Filmkameras, jede Woche den Flug ins Fernsehstudio nach Florida um ihre Sendung aufzunehmen, Präsentationen ihrer Schmuck- und Parfümkollektionen – Apfel hat einen volleren Terminkalender als Heidi Klum.

Dabei hat sie bis vor knapp sieben Jahren ein relativ ruhiges Dasein geführt. Das Geschäft als Innenausstatterin der Oberen Zehntausend, das sie ein Leben lang mit ihrem Mann geführt hatte, war schon seit 13 Jahren verkauft, das charmante ältere Paar vertrieb sich die Zeit mit Reisen und mit dem Besuch von Events der New Yorker Gesellschaft, wo ihr Auftritt immer ein Hit war. Vor allem aber genossen sie jedoch die feineren Dinge des Lebens – gutes Essen, Kunst, Konzerte.

Doch dann klopfte eines Tages Harold Korda bei ihr an, Direktor der Modeabteilung des Metropolitan Museums und ein Freund der Familie. Korda bereitete eine Ausstellung über Accessoires vor und da Iris Apfel dafür bekannt war, mit einem Tuch oder einem Armreif ein Wühltisch-Kleid galareif machen zu können bat er sie um Rat.

Als die beiden dann begannen Iris Apfels Kleiderschrank zu durchwühlen gab es jedoch kein Halten mehr. Korda konnte nicht genug von ihrer Garderobe bekommen und entschloss sich, ihr alleine eine Ausstellung zu widmen. Keine Verneigung vor einem berühmten Designer wie Alexander McQueen oder Gianni Versace sondern alleine vor der Sensibilität einer einzigen Privatperson.

Es war ein Wagnis, ein Experiment, doch die Show war ein Hit. Die Kritiker überschlugen sich vor Lob, die Leute strömten in Massen in die Galerien um die gewagten, witzigen und immer originellen Kombinationen zu bewundern, die sich Apfel über die Jahrzehnte alleine zu ihrem eigenen Vergnügen ausgedacht hatte. Iris wurde über Nacht ein Star, eine Kultfigur.

„Ich muss wohl irgendwie einen Nerv getroffen haben", sagt sie heute lapidar, in ihrem breiten New Yorker Dialekt. Es ist die reine Koketterie, Apfel tut so, als könne sie beim besten Willen nicht verstehen, was irgendwer an ihr interessant finden könne. Das, was andere als ihre „Kollektion" bezeichnen, nennt sie einfach nur ihre Rumpelkammer. „Ich hab' das doch alles nur aus Spaß gekauft und zusammengestellt." Dass andere daraus einen Kult gemacht haben, dass es Modeexperten gibt, die ihre Kombinationen aus den verschiedensten Ländern und Epochen studieren, findet sie einfach nur kurios.

Harold Korda ist unterdessen nicht im Geringsten überrascht, dass Iris Apfel dermaßen eingeschlagen hat: „Es gibt in der amerikanischen Psyche eine Neigung dazu, Konventionen zu missachten und Regeln zu brechen" sagt er. Die Art und Weise wie Iris einen Stella Forest Pelz mit einem afrikanischen Wandbehang kombiniert oder ein Bill Blass Jacket mit einem indianischen Tanzrock ist typisch für den verschlagenen Witz und die ununterdrückbare Bravoura des amerikanischen Stils in seiner fantasievollsten Ausprägung." Für Korda ist Apfels verspielter und wonnevoller Eklektizismus nicht weniger, als ein Beleg für die schöpferische Kraft des amerikanischen Individuums.

Iris Apfel ist eine Moderebellin – sie ist die Lady Gaga ihrer Epoche. Bei der Zusammenstellung ihrer Garderobe kennt sie nur eine einzige Regel: Es muss ihr Spaß machen. „Ich bin beim Einkaufen eine hoffnungslose Romantikerin", sagt sie. „Es muss etwas in mir auslösen, ich brauche eine körperliche Reaktion." Ansonsten interessiere es sie nicht.

Solche Reaktionen hatte sie vor allem auf den vielen Reisen, die sie mit ihrem Mann unternahm, als die beiden um die Welt jetteten, um für die Polster, die Teppiche und die Vorhänge ihrer Kunden neue Stoffe zu finden. Es konnte ein Armreif auf einem Markt in Bhutan sein oder eine goldbesetzte Jacke in einem marokkanischen Souk. Es konnte ein Halstuch auf einem Markt in Venedig sein oder eine Navajo Decke in Neu Mexiko. Oder aber auch ein Pullover im Ausverkauf im Discount-Laden Loehmanns am Broadway.

Was bei ihr jedoch nie etwas auslöste, war ein Chanelkostüm. „Warum soll ich Tausende von Dollar dafür ausgeben um so auszusehen wie alle anderen", sagt sie in ihrer staubtrockenen New Yorker Art. Ende der Diskussion.

Ein Look von der Stange, selbst wenn es Chanel ist, ist für Iris Apfel der Feind jeglichen Stils. Mode ist für sie eine Zelebration des Individuellen, der einzigartigen Persönlichkeit. „Der größte Fehler, den eine Frau machen kann", sagt sie, „ist es in den Spiegel zu schauen und sich nicht wieder zu erkennen." Doch Individualität kann man nicht kaufen: „Es ist harte Arbeit", sagt sie. „Man muss sich genau fragen, was einem gefällt und was nicht." Aber keinen Stil zu entwickeln, bedeutet für Iris Apfel, nicht gelebt zu haben. Es ist schlicht keine Option.

Wenn Apfel beispielsweise an die heutige Alltagsmode denkt, dann überkommt sie die reine Abscheu. „Ich habe das Gefühl, dass das mit dem Zwanglosen etwas zu weit getrieben wird." Im Sommer etwa mag sie gar nicht mehr auf die Fifth Avenue gehen, wo man in den 50er und 60er Jahren die elegantesten Damen der Welt beobachten konnte. Wenn sie dort heute fette Touristen in kurzen Hosen und Badeschlappen sehe, „dann wird mir übel. Dagegen sollte es ein Gesetz geben." Zu ihrer Zeit hätte man sich niemals getraut, so auf die Straße zu gehen.

Wenn Iris Apfel so redet, dann wird klar, warum sie ein Star ist. Sie traut sich, eine dezidierte Meinung zu haben. Sie weiß genau, was sie mag und was sie nicht mag. Und sie ermutigt Frauen aller Altersklassen sich auch ein Urteil zuzutrauen.

Immer wieder, erzählt Apfel, kämen Frauen auf sie zu, um ihr zu sagen, wie dankbar sie ihr sind. Dankbar, dass sie sie vom Diktat der Modehefte befreit hat, vom Zwang, dem Look der Saison zu entsprechen. Iris Apfel macht ihnen Mut, auf sich selbst zu hören, Mut auch einmal Fehler zu machen: „Die Modepolizei wird einen ja nicht gleich ins Gefängnis stecken." Und vor allem den Mut zur Lust am Kostüm und an der Fantasie, am Ausprobieren und am Verkleiden.

Darüber woher sie selbst diese Lust hat, kann sie selbst natürlich auch nur spekulieren. Von der Mutter, die eine Modeboutique hatte oder dem Vater, der gehobene Wohnquartiere im New York der 30er Jahre mit Spiegeln und Fensterglas ausstatte? Wer weiß das schon so genau.

Fest steht, dass der Drang und der Spaß daran schon früh da waren. So erinnert sich Iris Apfel mit Wonne an die Zeit während des zweiten Weltkrieges, als sie gemeinsam mit einer Freundin die Wohnungen eines Apartmenthauses an der Park Avenue, hier gleich um die Ecke, ausstattete. „Wir haben uns für jedes Apartment einen bestimmten Bewohner-Typ ausgedacht – den Playboy, die Mätresse, den Hollywood Produzenten auf Besuch. Dann sind wir rausgegangen und haben die Wohnung bis ins letzte Detail für diesen Typ dekoriert.

Das war nicht leicht während des Krieges, um Stoffe und Möbel zu finden mussten sie tagelang auf Flohmärkten und Müllhalden herum stöbern. Aber Iris Apfel hat nie in ihrem Leben so viel Spaß gehabt. Und im Grunde hat sie niemals aufgehört genau das zu tun, was sie damals tat. Eine Figur erfinden und dann aus allerlei Fundsachen ein Outfit für sie zusammen zu basteln.

Es ist spät geworden und Iris Apfel wird unruhig. Sie hat noch eine Aufgabe zu lösen an diesem Nachmittag. Am nächsten Tag muss sie zu einer Gala in Florida fliegen und weil sie nicht mehr so gut zu Fuß ist und sich mit dem Rollstuhl durch den Flughafen schieben lässt, muss sie ihre ganze Abendgarderobe in ein kleines Handgepäck hinein bringen.

Apfel wird dieses Problem zweifelsohne brilliant lösen. Und sie wird zweifelsohne wieder einmal hinreißend aussehen.

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