Der Close-Up Künstler

  • Schoeller
Einst hat er in seiner Heimatstadt Frankfurt gekellnert. Heute rückt er Stars wie Meryl Streep, George Clooney oder Robert de Niro auf die Pelle – und die fühlen sich noch geehrt. Ein Besuch beim Fotografen Martin Schoeller in New York.
(Frankfurter Rundschau, Foto by Wowe)

Eigentlich will Martin Schöller schon längst Feierabend machen, doch der Tag nimmt kein Ende. Die Abendrushhour draußen auf der Hudson Street ist vorbei und die Abendsonne färbt den Himmel über Manhattan jetzt in ein absurd schönes Gemisch aus Lila und Orange. Aber in Schöllers Studio in einem alten Kontorhaus im Stadtteil TriBeca, keinen Kilometer vom Ground Zero entfernt, herrscht noch Hochbetrieb.

Erst am Vormittag ist der Frankfurter Fotograf, der seit 18 Jahren hier lebt, von einer Reportagereise an der mexikanischen Grenze zurückkommen. Fieberhaft drucken seine Assistenten jetzt Abzüge aus – Nachtbilder von Flüchtlingen zumeist, die sich durch die Wüste nach Kalifornien stehlen, auf der Flucht vor dem Drogenkrieg und der Armut südlich des Rio Grande. Morgen früh soll Schöller seinen Redakteuren beim New Yorker, dem, wie er findet, „besten Magazin der Welt" eine Auswahl vorlegen. Mittags hat er dann einen Shoot mit der schrillen Nachwuchs Pop-Sensation Katy Perry. Und für den Tag danach will noch eine Sitzung mit Kunst-Mega-Star Jeff Koons organisiert werden.

Zu sagen, Schöller sei gut im Geschäft wäre ein Understatement. Die amerikanischen Magazine laufen ihm nur so hinterher – Vanity Fair, Rolling Stone, GQ, Esquire – alle wollen Schöller. Es gibt kaum einen US-Prominenten mehr, der nicht vor seiner Linse gesessen hat: Von Jack Nickolson bis Clint Eastwood, von Angelina Jolie bis George Clooney, von Quentin Tarantino bis Barack Obama. Schöller kriegt sie alle. Am plastischsten illustriert seinen Status in der Fotowelt jedoch die Tatsache, dass er Haus-Fotograf beim New Yorker ist, jenem Magazin, dass seit 85 Jahren literarisch und künstlerisch den Geschmack der kulturellen Elite der USA bildet. Sein Vorgänger dort war der große Richard Avedon, der die moderne Portraitfotografie geprägt hat wie kaum ein anderer und der mit unzähligen Ausstellungen in den großen Museen der Welt gewürdigt wurde.

Insofern ist es eigentlich nicht überraschend, dass Schöller seinen Besuch erst einmal ein wenig warten lässt. Schöller geht bei den Großen der Welt Ein und Aus und wird von den mächtigsten Redaktionen der USA hofiert. Einer wie er muss sich nicht für einen deutschen Reporter hetzen.

Der steht etwas verloren im Vorzimmer herum, umgeben von Schöllers Lieblingsköpfen. Clint Eastwood starrt da von der Wand der schmucken Altbauetage herunter, Obama ist da, Brad Pitt und auch Russell Crowe – allesamt aus unnachgiebiger Nähe in einem gleißenden, unschmeichelhaften Licht aufgenommen. Schöller selbst sieht derweil im Hinterzimmer Abzüge durch, kritzelt mit einem Filzstift Bemerkungen darauf, führt Telefongespräche, gibt den Assistenten Anweisungen für den nächsten Tag. „Bin gleich da", ruft er zwischendurch kurz durch die halboffene Tür.

Doch ein Typ mit Allüren, so stellt sich heraus, als er endlich fertig, ist er eigentlich ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Mit seinen filzigen Rastalocken und seinem etwas lumpigen, verschwitzten T-Shirt wirkt er trotz seiner 42 Jahre eher wie ein Student, als wie ein Großmeister seines Fachs. Und als er von einem seiner Assistenten ein Six-Pack Bier holen lässt und mit noch immer unverkennbarer Frankfurter Tonfärbung zu plaudern beginnt, entsteht eine Vetrautheit, als säße man in einer Kneipe im Nordend zusammen und nicht in einer Loft im Nachbarhaus von Robert DeNiro.

Schöller ist bedingungslos offen. Und so erscheint die Tatsache, dass er den Gast hat warten lassen schnell in einem ganz anderen Licht. Die Einladung, mitten in den Arbeitsalltag hinein zu platzen war eher ein Zeichen von Vertrauen als von Geringschätzung. Zu letzterer hat Martin Schöller nämlich nicht das geringste Talent.

Ein wenig war es freilich auch Einfühlungsvermögen für die Arbeit des anderen. Denn schließlich ist Menschen zu portraitieren sein Geschäft. Und das letzte, was man will, wenn man eine Person darstellt, ist es, eine sorgfältig durchkomponierte Fassade präsentiert zu bekommen – egal ob man mit der Kamera arbeitet oder mit Sprache. Erst wenn man einen Blick hinter die Kulisse bekommt, wird es interessant.

Wenn Martin Schöller von Foto Shootings erzählt, bei denen die Agenten und die Berater seiner Subjekte alles kontrollieren wollen – Makeup, Gesichtsausdruck, Hintergrund, Kostüm – dann kann er sich richtig gehend in Rage reden. Leider, sagt er, begegnet ihm das in seinem Gewerbe nur allzu oft. „Es gibt heute so viele Fotos, die völlig austauschbar sind", sagt er. „Bei den meisten Sachen, die man in Magazinen sieht, ist es doch völlig egal, ob das Angelie Jolie ist oder sonst irgendwer." Die Besonderheit der Person, auch nur der geringste Hinweis darauf, was sie ausmacht, verschwindet hinter der Schminke.

Diese Inszenierung zu Durchbrechen, das ist für Schöller die Herausforderung an der Portraitfotografie. „Ich suche nach dem Augenblick, an dem jemand etwas von sich preis gibt", sagt er. „Der Moment, wo die Person sich nicht selbst darstellt."

Bei seinem mittlerweile berühmt gewordenen Portrait von Barack Obama, glaubt er, sei ihm das besonders gut gelungen. Das Bild entstand 2004, Obama hatte mit seiner Rede beim demokratischen Wahlkonvent gerade erst die nationale politische Bühne betreten. Die Präsidentschaft lag noch in weiter Ferne, Obama kandidierte gerade erstmals für einen Senatorenposten .

Schöller hatte eine Stunde Zeit mit Obama – heute ein Ding der Unmöglichkeit. Er habe in Obamas kargem Büro in Chicago gesessen und geschossen wie ein Verrückter, erinnert sich Schöller, Hunderte von Male drückte er auf den Auslöser. Nach vielen Tagen und Nächten in der Dunkelkammer fand er dann eine einzige Aufnahme, die ihm gut gefiel.

„Es war ein perfekter Moment" erinnert er sich. Wie immer mit seinen Subjekten hatte Schöller Obama in eine engagierte Diskussion verstrickt, damit dieser möglichst vergisst, dass er fotografiert wird. An einem Punkt des Gesprächs hatte Obama dann gerade aufgehört über eine Bemerkung von Schöller zu lachen. Auf diesen Punkt, einen Bruchteil einer Sekunde, hatte Schöller gewartet: „Es ist dieser Augenblick, an dem Leute sich noch nicht entschieden haben, wie sie schauen wollen, der mich fasziniert." Der Gesichtsausdruck, der in solchen flüchtigen Momenten entsteht ist extrem schwer einzuordnen: „Manche sagen, er lächelt, manche sagen, er schaut grimmig. Und für beides kann man Anzeichen finden, wenn man will. Das ist das, was mir so gut an dem Foto gefällt."

Dieser Moment, der nicht ganz passt, der sich sowohl der Kontrolle durch den Fotografen entzieht als auch der Kontrolle durch das Subjekt – das ist es, was Martin Schöller an der Fotografie interessiert. Der französische Philosoph Roland Barthes hat diesen Moment in seinem berühmten Aufsatz über die Fotografie einmal das „Punctum" genannt – ein bestimmtes Etwas im Foto, das man nicht richtig einordnen kann, das verstört und an dem die Aufmerksamkeit deshalb hängen bleibt. Für Barthes war dieses Punctum, das, was die Fotografie von anderen Medien wie der Malerie oder dem Film abhebt. Es ist das, was die Fotografie so ehrlich macht, wie sonst kein anderes Medium sein kann wenn es gelingt, das, was an einem Foto nicht lügt und was das Subjekt über Raum und Zeit hinweg ganz direkt mit dem Betrachter zu verbinden vermag.

Martin Schöller jagt dieses „Punctum", diese flüchtige Ehrlichkeit in der Fotografie mit leidenschaftlicher Besessenheit. Dabei ist er sich völlig darüber im Klaren, dass er im Grunde permanent die Quadratur des Kreises anstrebt. „Die Fotografie ist an sich ein oberflächliches Medium", sagt er. „Man entscheidet sich für eine 150tel Sekunde aus dem Leben eines Menschen. Wie ehrlich kann das denn sein? Wieviel kann das denn wirklich über die Person aussagen?"

Schöller probiert trotzdem immer wieder, den Leuten mit der Linse unter die Haut zu fahren. Und er glaubt, dafür eine Formel gefunden zu haben. Schöllers Markenzeichen sind seine „Close Ups", frontal geschossene Portraits, in denen das Gesicht den ganzen Rahmen ausfüllt. Man sieht keinen Hintergrund, keine Kleidung, kaum Frisur. Nur das Gesicht, die verschiedenen Hauttöne, die Unebenheiten, die Fältchen, die Mitesser. Und hoffentlich eine subtile Unregelmäßigkeit im Minenspiel, eine Regung, die nicht ganz passt.

Bei manchen Sitzungen passiert das einfach nicht, da schaut sich Schöller nachher Hunderte von Kontaktabzügen an und findet nichts Interessantes. So, wie bei dem zweiten und dritten Treffen mit Obama, von denen er völlig enttäuscht war.

Manchmal wird es ihm hingegen leicht gemacht. So wie mit Donald Rumsfeld, dem Verteidigungsminister von George Bush. Die Geschichte seiner Session mit Rumsfeld, ist eine von Schöllers Lieblingsgeschichten, er erzählt sie gerne, weil sie so schön zeigt, worauf es ihm bei seiner Arbeit ankommt. „Als Rumsfeld mich mit meinen Rastalocken herein kommen sah, sagte er sofort, ‚ich weiß, dass Sie aus dem gegnerischen Lager kommen und versuchen wollen, mich böse aussehen zu lassen." Deshalb gelobte Rumsfeld die ganze Sitzung über strahlend zu lächeln. Das war für Schöller ein gefundenes Fressen. „Ich weiß, dass kein Mensch 10 Minuten lang lächeln kann. Ich musste nur warten." Das Resultat ist eines von Schöllers liebsten Arbeiten.

Manchmal hilft Schöller auch nach und platziert die Überrsachung selbst. Wie bei Angelina Jolie. Bei der Vorbereitung auf die Sitzung mit Jolie war Schöller auf eine Episode gestoßen, in der Jolie sich während der Dreharbeiten zu einem Action-Film die Nase gebrochen hatte. So wollte er diese „wunderschöne Frau", wie er sagt, fotografieren. Mit blutiger Nase. Also fragte er sie, ob sie sich Filmblut aus der Nase laufen lassen würde. Aus der Nase entgegnete Jolie, ginge nicht, das würde zu sehr nach Kokaingenuss aussehen. Aber in den Mund würde sie das Blut nehmen. Die Agentin Jolies, die möglicherweise Einwände hätte haben können, war gerade auf die Toilette gegangen, Schöller holte das Maskenblut aus seiner Fototasche und drückte ab.

Solche Tricks hat Schöller nicht zuletzt bei Annie Leibovitz gelernt, der New Yorker Star-Fotografin, der er drei Jahre lang assistiert hat, gleich nachdem er aus Frankfurt nach New York kam. Leibovitz war die Meisterin des großen inszenierten Tableaux , bei dem sie Prominente in verschwenderische barocke Szenarien stellte. Zehntausende von Dollar gab sie für die Sitzungen aus, für Kostümbildner, Stylisten, Maskenbildner und Assistenten. Bis sie vor zwei Jahren Bankrott anmelden musste.

An sich sind diese Tableaux das Gegenteil von Schöllers reduzierten Portraits, mit denen er schon während seiner Lehrzeit in Berlin experimentierte. Und doch ist Schöller damals mit dem erklärten Ziel nach New York gekommen, für Leibovitz zu arbeiten. „Ich hatte damals schon für Fotografen in Deutschland gearbeitet und habe mir gesagt- wenn Du noch eine Assistenz machst, dann soll es schon bei jemand richtig Tollem sein."

Also setzte er sich in einen Flieger, schlupfte zur Untermiete bei jemandem unter, den er beim Kellnern im Frankfurter Tat-Cafe kennen gelernt hatte und begann Leibovitz mit Bewerbungsunterlagen und Anrufen zu bombardieren. So lange, bis sie ihn eines Tages einlud. Die als launische Diva berüchtigte Leibovitz hatte gerade einen Assistenten gefeuert und suchte dringend Ersatz.

Aufwendige Tableaux mit Prominenten, wie er das bei Leibovitz gelernt hat, fotografiert Schöller heute immer noch. „Ich muss ja von etwas leben", sagt er lakonisch. Mit den harten, manchmal beinahe abstoßenden Close-Ups alleine kann er sich nicht finanzieren. Wobei auch seine fotografierten Gemälde ein wenig mehr Biss haben, als die von Leibovitz. So steckte er etwa den oft als verrückt abgestempelten Quentin Tarantino, berüchtigt für die extreme Gewalt in seinen Filmen, in eine Zwangsjacke und ließ weiße Friedentauben um ihn kreisen. Oder er ließ den Snowboard Olympiasieger und Millionen-Verdiener Shaun White in einem pinkfarbenen Anzug auf der Wall Street Skateboard fahren.

Die Bilder haben immer einen schrägen Witz und immer erzählt dieser Witz etwas über die Person. Lieber als diese inszenierte Überraschung ist Schöller aber immer noch, wenn sie einfach passiert. Deshalb versucht er auch bei diesen großen Produktionen stets, seine Subjekte noch zu einem Close-Up zu bewegen.

Als Martin Schöller vor rund 20 Jahren anfing Menschen zu fotografieren, war es sein Ziel „einen Katalog von Gesichtern" anzulegen, so, wie seine Vorbilder Bernd und Hilla Becher einst eine Art Katalog industrieller Bauformen geschaffen hatten. Mittlerweile ist Schöllers Katalog ziemlich vollständig. Nur zwei Gesichter, die er unbedingt gerne dabei hätte, fehlen ihm noch: Nelson Mandela und Fidel Castro. „Aber das sieht leider immer schlechter aus", seufzt er.

Realistischer, als dass er die beiden großen alten Männer der Weltpolitik noch vor die Linse bekommt, ist, dass er sich einen anderen offenen Wunsch erfüllt. Vor zwei Jahren war Schöller im Auftrag von National Geographic drei Wochen lang in Tansania und hat dort den Stamm der Hazda fotografiert. Es war an sich ein Traum für jemanden, der sein Leben dem Studium des menschlichen Antlitzes gewidmet hat. Doch Schöller war mit dem Ergebnis unzufrieden. „Ich hab da nicht so gut abgeschnitten", glaubt er, obwohl die Bilder für den unbedarften Betrachter ausgesprochen faszinierend sind. Der kostbare Moment, in dem kurz das Wesen der Leute aufblitzt, den meint er in Tansania einfach nicht gefunden zu haben. Jedenfalls nicht oft genug.

„Man müsste da ein Jahr lang hinfahren, um wirklich gute Fotos zu machen", glaubt er. Ein Jahr für eine 150tel Sekunde. Für Martin Schöller eine Rechnung die aufgeht.

Fotos by Wowe

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