Der Hampelmann

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Ashrita Furman aus New York ist der Weltrekordler im Weltrekorde-Halten
(Berliner Zeitung)

Ashrita Furman wirkt abgehetzt, als er fast eine halbe Stunde zu spät zum verabredeten Treffpunkt in das kleine Restaurant am Parsons Boulevard, tief im New Yorker Bezirk Queens, kommt. „Es wächst mir im Moment alles ein wenig über den Kopf", entschuldigt er sich überschwänglich, während er sich in die rote Kunstlederbank sinken lässt, tief durchatmet und sich einen Tee bestellt.

Furman hat derzeit einen dicht gedrängten Terminkalender. In der kommenden Woche hat er einen Termin in London, den er vorbereiten muss. Es ist der „Guinness Tag der Weltrekorde" und der 1,90 Meter große, durchtrainierte New Yorker hat den Veranstaltern versprochen, einen Beitrag zu leisten. Er will mit den schwersten Schuhen aller Zeiten 10 Meter weit laufen. 80 Kilo wird er an jedem Fuß haben. Doch das ist nur ein Nebenprojekt. Gleichzeitig trainiert Furman für den Geschwindigkeitsrekord im Hickelkasten, er übt dafür, einen Marathon nicht zu laufen, sondern zu hüpfen und er will eine neue Marke im Unterwasserfahrradfahren setzen. Zwischendurch muss er sich noch um seinen Reformkostladen hier in Queens kümmern, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdient.

Furman ist der Weltrekordhalter im Weltrekordhalten. 120 Marken hält er inne. Und den Titel als Rekordhalter der Rekordhalter zu verteidigen ist ein anstrengendes Geschäft. Immer wieder werden seine Rekorde gebrochen, dann muss er sie sich zurückholen. Gleichzeitig gilt es, sich ständig neue Aufgaben auszudenken, sie anzumelden, beglaubigte Zeugen zu finden, einen Termin anzuberaumen. Etwa einmal pro Woche bricht er einen Rekord, „manchmal artet das richtig gehend in Stress aus", klagt er.

Dabei sollte das Rekorde brechen für Ashrita ursprünglich genau das Gegenteil von Stress sein. Ashrita, der bürgerlich mit Vornamen Ken heißt und als jüdischer Junge in Queens aufgewachsen ist, ist Schüler des indischen Gurus Sri Chimnoy. Über seinen Lehrer Chimnoy hat er das Rekorde-Brechen als eine Form der Meditation entdeckt, als Weg zur „Selbst Transzendenz", wie er gerne sagt, „als Weg zu Gott".

Der kleine Ken Furman war ein klassischer Nerd, verkopft, unsportlich, ein wenig verklemmt, wie er sagt. Im Sport fiel er in der Schule stets durch, „ich konnte nicht eine einzige Runde um die Bahn laufen, ohne über meine Füße zu fallen", sagt er. Doch dann sah er mit 15 an einem Laternenpfahl auf der Hillside Avenue einen Flugzettel, auf dem Chimnoy für seine Lehren warb und zu Meditationskreisen einlud. Er rief an, traf sich mit Chimnoy und ab diesem Tag änderte sich sein Leben.

Chimnoy ermutigte den unsportlichen Jungen, sich zu einem Fahrradrennen über 24 Stunden anzumelden. Und nicht nur das, er trug Furman auf, mindestens 600 Kilometer zurück zu legen. „Ich dachte, ich würde dabei sterben", sagt Ashrita. Doch er überlebte: „Ich tat während des Fahrens alles, was mein Lehrer mir beigebracht hatte – Mantras sprechen, Atemübung, Visualisierung von Energien. So gelangte ich in einen transzendentalen Zustand, einen Zustand in dem man sich grenzenlos fühlt und in dem man alles schaffen kann, was man sich in den Kopf setzt." 640 Kilometer fuhr Ashrita, völlig ohne Training.

Eine Obsession war geboren. Furman steckte sich sofort ein neues Ziel – den Dauerrekord mit dem Hüpfstock. 27,000 Mal sprang er mit dem Stock kreuz und quer durch den Central Park. Und als er das geschafft hatte, brach er den Rekord im Hampelmann-Machen. 33,000 Mal hüpfte er auf der Stelle.

Natürlich hätte Furman ebenso gut wie normale Menschen Marathon laufen können oder Triathlons bestreiten, um zur Erleuchtung qua Selbstüberwindung zu finden. Doch das wäre ihm zu langweilig. „Die Sachen, die ich mache, sind völlig albern und absurd", weiß er. Und genau so soll es auch sein: „Ich muss mich dabei fühlen wie ein Siebenjähriger. Das ist das Ziel."

Nachdem er seinen Tee getrunken hat und der Stress von ihm abgefallen ist, kommt er dann auch zum Vorschein, der kleine Junge im 56-Jahre alten Mann. Ashrita strahlt über beide Ohren, als er sich an manche seiner Taten erinnert, wie etwa seinen Hüpf-Rennen in der Mongolei gegen ein Yak in einem Kartoffelsack; oder wie er mit einer Milchflasche auf dem Kopf 130 Kilometer weit gelaufen ist; oder wie er in einer Stunde 1330 Purzelbäume geschlagen hat; oder, wie er in Kolumbien eine Briefmarke in siebeneinhalb Minuten 100 Meter weit über den Boden geblasen hat, während er ein Faultier unter dem linken Arm hielt.

Es ist eine Stunde vergangen, Furman wird unruhig, als er auf die Uhr schaut. Er hat noch einen Termin im örtlichen Schwimmbad, um sein Unterwasserrad auszuprobieren. Später steht eine Generalprobe für den Hickelkreisrekord an. Der soll Ende der Woche fallen, das Guinness Komittee ist schon bestellt. Es wird der 313te Rekord, den Ashrita seit 1979 gebrochen hat. Und derzeit sieht alles danach aus, dass noch mindestens 300 weitere hinzukommen.

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