Lust und Last eines Vollzeitesser

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Frank Bruni kämpfte sein Leben lang mit Freßsucht und Übergewicht. Dann wurde er Restaurantkritiker der New York Times. Heute hat er Idealgewicht
(Spiegel Online)

Frank Bruni wird immer noch manchmal von den Dämonen heimgesucht, die ihn schon sein Leben lang plagen. So, wie in der vergangenen Woche, als er sich um ein Uhr früh dabei erwischte, wie er sich einen riesigen Topf Fusilli kochte. Doch kurz bevor er ein Glas Pesto darauf goss, Parmesan darüber hobelte und unmittelbar vor dem Schlafengehen die klebrige Kalorienbombe in sich hinein schlang, fing er sich. Er schüttete die Pasta in die Toilette und ging erleichtert ins Bett, erleichtert, einem Rückfall in schlimme Zeiten um ein Haar entgangen zu sein.

Noch vor zehn Jahren hatte der 45-Jahre alte, dunkelhaarige Italo-New Yorker nicht diese Alarmglocke im Hinterkopf, die losging, bevor er sich einer nächtlichen Fressorgie hingab. Damals arbeitete Bruni als Politik-Redakteur der New York Times in Washington, ein Job, bei dem er manchmal 16 Stunden am Tag unter Strom stand. Gegen halb zwölf am Abend kam er damals gewöhnlich in seine leere Junggesellenwohnung nach Hause und dann ging es los: Schweinefleisch Lo Mein und Spare Ribs vom Chinesen nebenan, dann eine Pizza von Dominos obendrauf. Hinterher dann in den Seven-Eleven Laden an der Ecke, der rund um die Uhr geöffnet hatte und der Schokoeiskrem im Halbliter-Eimer verkaufte. 130 Kilo wog Bruni damals und auf Fotos aus jener Zeit sieht er aus wie ein Hefekloß. „Ich habe mich vor mir selbst geekelt", sagt er im Interview mit Spiegel Online.

Heute wiegt Bruni ideale 85 Kilo bei einer Körpergröße einem Meter 80. Er wirkt sportlich, man sieht ihm an, dass er jeden Tag ins Fitness-Studio geht. Die muskulösen Schultern verjüngen sich zur Taille hin zu einem V und wenn er sein charmantes, knabenhaftes Lächeln aufsetzt, treten unter seinen rosigen Backen deutlich sichtbar seine Wangenknochen hervor. Und all das, obwohl Bruni in den letzten Jahren von Berufs wegen gegessen hat. Bruni war zwischen 2004 und dem 1. September diesen Jahres der oberste Restaurantkritiker der Times- ein „full time eater", ein Vollzeitesser - wie er sagt.

Einer, der das Essen zum Beruf macht und dabei 50 Kilo abnimmt, das mag wie ein Paradox klingen. Für Frank Bruni war es das jedoch ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Der Posten als wichtigster Gaumen von New York zwang Bruni dazu, jeden Bissen, der ihm über die Lippen kam, bis in die letzte Nuance wahrzunehmen und zu analysieren. Er musste erkennen, ob der Seeigel-Capucchino schaumig genug ist und er musste die Trüffelbutter unter der Rebhuhnhaut herausschmecken, denn davon hingen Karrieren und Schicksale ab: „Ich musste meine Obsession mit dem Essen von der Quantität auf die Qualität verlegen."

Der Job als Manhattans leitender Feinschmecker war allerdings nur so etwas wie Brunis Reifeprüfung in der neu gelernten Kunst der sinnlichen Selbstbeschränkung. Seine Entdeckungsreise in das Land des guten Geschmacks, die er in seiner gerade erschienenen Memoire „Born Round" – rund geboren – beschreibt, hatte schon zwei Jahre zuvor begonnen. Bruni entdeckte das Genießen, als die Times ihn 2002 von Washington nach Rom versetzte. Von Anfang an hatte er gehofft, den Neubeginn in Italien dazu nutzen können, endlich die ewigen Zyklen von radikaler Gewichtszunahme und -Abnahme zu durchbrechen, die er durchlaufen hatte, seit er ein Teenager war. Nie mehr wollte er Radikaldiäten durchmachen, denen doch nur umso maßlosere Futterphasen folgten. Und auch die verzweifelten Versuche, mit Amphetaminen und Anti-Depressiva seinen Appetit in den Griff zu kriegen und die qualvollen bulimischen Episoden, die ihn seit dem College immer wieder überkamen, hatte er satt. Rom sollte die Erlösung bringen, den Start in ein Leben im Lot.

Die ewige Stadt hielt, was sie versprach. Und das nicht nur, weil Bruni dort einen deutlich weniger stressigen Job sowie eine neue Liebschaft fand. Schon nach kurzer Zeit in Italien offenbarte sich dem Korrespondenten das Geheimnis einer dauerhaft schlanken Linie. Es war überraschend trivial: „Der simple Grund, warum Italiener im Durschnitt dünner sind, als Amerikaner, ist schlicht und einfach, dass sie weniger essen", beschreibt Bruni in seinem Buch seine große Erkenntnis nach wenigen Wochen intensiven Studiums der mediterranen Esskultur.

Als bei einem Diplomaten-Dinner das Rindercarpacchio gereicht wurde, erinnert sich Bruni, wollte er zunächst vier oder fünf Streifen haben - bis er sah, dass seine Nachbarn nur je eines nahmen. Als die Fettucchine mit Sahnepilzen kamen, war er anfangs enttäuscht, dass seine Portion kaum größer war, als ein Tennisball. Und als das Lammkarree servierte wurde, staunte er, dass die anderen Gäste sich nur je ein winziges Kotelett geben ließen. „Es war eine wirkliche Ausbildung für mich", sagt Bruni. „Ich verstand plötzlich, dass Genuss etwas anderes ist, als ein zweiter oder dritter Nachschlag." Genuss in Italien war ein ausgedehntes Mahl mit einem eigenen Rhythmus und vor allem mit einer sorgfältig komponierten Vielfalt an Geschmackserlebnissen.

Für Frank Bruni war die alteuropäische Slow Food- Kultur eine umso größere Offenbarung, weil sie seinen tiefsten Überzeugungen widersprach. In seinem Elternhaus, einer italo-amerikanischen Großfamilie in einem mittelständischen Wohnvorort von New York, war es oberstes Gesetz gewesen, dass nie jemand hungern muss. „Es musste immer von allem so viel auf dem Tisch stehen, dass selbst, wenn alle Gäste sich dazu entschlossen, nur eine einzelne Beilage zu essen, mehr als genug davon da war." Im Rückblick ist für Bruni der Ursprung dieses Ethos' vollkommen klar: Seine Großeltern waren süditalienische Bauern, die nach Amerika ausgewandert waren, um Armut und Hunger zu entkommen. Die Familie nicht ordentlich ernähren zu können, war für sie das Schlimmste – ein soziales Stigma, das es unter allen Umständen zu vermeiden galt.

Bei Frank Bruni kam zu der Maßlosigkeit jedoch noch eine andere, tiefer liegende Komponente hinzu. Von klein auf war Frankie noch viel unersättlicher, als seine Geschwister und der Rest der Familie. Im Alter von 18 Monaten erschreckte er seine Mutter, als er zwei Hamburger hintereinander verdrückte, und als er den dritten nicht bekam, erbrach er sich aus Protest. Seine Beziehung zum Essen war von Anfang an ebenso kompliziert wie intensiv. „Ich glaube, ich war ein Baby-Bulimiker", sagt er heute, wohlwissend, dass es eine solche Diagnose eigentlich nicht gibt.

„Für mich hatte Essen immer mit Liebe zu tun", führt Bruni seine Theorie aus. Und für diese neuronale Fehlschaltung macht Bruni seine italienische Großmutter verantwortlich, die er dennoch ausführlich und zutiefst verehrend in seinem Buch würdigt. An jedes ihrer Rezepte kann er sich noch präzise erinnern: Die Muschelspaghetti und die Calzone, die Cannoli, Manicotti und Boncconcini und vor allem, die frittierten Teigstreifen, die nie auszugehen schienen und die Oma Bruni einfach „Frits" nannte. „Sie abzulehnen, war unmöglich. Es wäre egoistisch gewesen. Es hätte bedeutet, ihr die Ausdrucksform zu verweigern, die sie am besten beherrschte. Es wäre so gewesen, als würden wir uns abwenden, wenn sie versucht, uns zu küssen."

Bruni hat nie versucht, die beiden Vorstellungen von Zuneigung und Essen in seinem Gehirn zu entkoppeln – so, wie es Therapeuten vielleicht getan hätten. „Ich habe mir von der Psychologen-Zunft wegen meines Buches einiges anhören müssen", sagt er deshalb auch. Seine magische Selbstheilung ist ihnen suspekt. Bruni hat im Sinne der klassischen Sucht-Therapie seine Obsession lediglich verlagert: Heute holt er sich dieses wohlige, zufriedene Gefühl, dass eine Mahlzeit bei ihm verursacht, nicht mehr durch drei Hamburger oder eine riesige Schüssel mit Käse überbackener Maccaroni, sondern durch Happen von hawaiianischen Garnelen-Rouladen oder Ente mit Lavendelhonig-Glasur, die ihm die besten Köche New Yorks servieren und die er sich langsam auf der Zunge zergehen lässt. „Ich wache morgens schon auf und freue mich darauf, was ich essen werde", gesteht er.

Die Strategie der Suchtverlagerung -oder besser, Suchtverfeinerung - ist für Bruni aufgegangen. In seinen fünf Jahren als Kritiker hat er nicht ein Pfund zugenommen und sich zudem eine erstklassige Reputation geschaffen. „Es war eine absurde Ironie", erinnert er sich er an den Tag in Rom, als das Telefon klingelte und er den Posten des Restaurantkritikers angeboten bekam. Aber er habe die Berufung schließlich als eine Art Herausforderung angesehen. Jetzt kann der preisgekrönte Journalist beruhigt in ein neues Ressort wechseln – er hat die Prüfung bestanden.

Vor Rückfällen gefeit fühlt er sich freilich beileibe nicht. „Der Mechanismus wird wohl nie ganz weg gehen", sagt er zu der Episode in der vergangenen Woche, als ihn wieder einmal Nächtens der Pasta-Teufel ritt. „Aber ich habe ja gelernt, mich zu stoppen. Für den Moment jedenfalls."

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