Die Versöhnliche

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Gretl Bergmann war die jüdische Alibi-Athletin für Hitlers Mannschaft bei den Spielen von 1936. Seit 1937 lebt die heute 95 Jährige in New York
(Frankfurter Rundschau)

Margaret Lambert hat nie begriffen, warum man so viel Aufhebens um sie macht. Damals nicht, vor mittlerweile 75 Jahren, und heute erst recht nicht. „Ich finde das alles ein wenig albern", sagt die großgewachsene, sowohl körperlich als auch geistig unglaublich agile 95-Jährige noch bevor der Besucher richtig über die Türschwelle getreten ist. „Ich fand mich noch nie so bedeutend. Ich habe doch nichts anderes gemacht, als ein bisschen Sport zu treiben und wollte nie mehr, als damit meinen Spaß zu haben."

Der Sport, das war für Gretl Bergmann, wie Mrs. Lambert damals, Anfang der 30er Jahre, als junges Mädchen aus der schwäbischen Kleinstadt Laupheim bei Ulm hieß, ein Hort der unschuldigen Freude. „Es war mir das Allerliebste", sagt sie, während sie sich auf dem Sofa ihres Vorstadt-Häuschens im kleinbürgerlichen New Yorker Viertel Queens niederlässt, „viel lieber als die Schule." Gelaufen ist sie damals und gesprungen, hat Fußball und Tennis gespielt und ist geschwommen und konnte gar nicht genug von all dem bekommen. Und etwas Schöneres als die Kameradschaft unter Sportlern habe sie in ihrem späteren Leben nie mehr erlebt.

Doch ein jüdisches Mädchen und schon gar ein so talentiertes wie Gretl Bergmann ließ man in Adolf Hitlers Deutschland nicht einfach so nach Herzenslust laufen und springen und schwimmen. Noch bevor sie 23 war, wurde Bergmann zum Spielball der Weltpolitik, zur Marionette in Goebbels Propaganda-Theater um die Olympischen Spiele von 1936. Und das Theater reißt bis heute nicht ab. Seit der Spielfilm „Berlin ‚36", der ihre Geschichte erzählt, in der Planung ist, stehen in der grünen Avon Street, zehn Fußminuten von der Endstation der New Yorker U-Bahn-Linie F entfernt, die Reporter Schlange.

Aber auch wenn sie das alles etwas befremdlich findet und es sie anstrengt – „ich bin immerhin 95" erinnert sie kokett, wohl wissend, dass man das bei ihrer auffälligen Fitness sehr leicht vergisst – erzählt sie jedem, der es hören möchte, geduldig noch einmal aus ihrer Sicht die Geschichte, die Kaspar Heidelbach mit Karoline Herfurth in der Hauptrolle 73 Jahre später zum Leinwanddrama gemacht hat.

Bis 1933, erinnert sich die Tochter eines mittelständischen jüdischen Fabrikanten, habe es in Laupheim praktisch keinen offenen Anti-Semitismus gegeben. Ein einziges Mal habe ein gleichaltriger Junge etwas Böses zu ihr gesagt. Zehn sei sie damals gewesen, sagt sie und sie habe ihn kurzerhand verprügelt. „Danach habe ich mir nie mehr etwas anhören müssen", kichert sie.

Nach der Machtergreifung kam jedoch prompt der Rauswurf aus ihrem Sportverein. Da war Gretl Bergmann schon deutsche Spitze in der Leichtathletik, der Hochsprung war ihre Spezialdisziplin. Sie bewarb sich bei der „Hochschule für Leibeserziehung" in Berlin, erinnert sie sich und wenn sie den Namen der Akademie ausspricht verfällt sie prompt in einen tief schwäbischen Tonfall. Und das, obwohl sie seit 75 Jahren nicht mehr deutsch gesprochen hat. Aus Prinzip.

Sie solle warten bis das alles vorüber zieht, mit den Nazis, riet man ihr damals, doch sie ahnte, dass das nicht so rasch passieren würde. Also bewarb sie sich an einer Sportakademie in England. Ihr „englisches Abenteuer", wie sie die Zeit heute nennt, dauerte jedoch nicht lange. Im Frühjahr 1934 stand ihr Vater vor der Tür. Man habe ihm gesagt, sie müsse nach Hause kommen, sonst passiere etwas. „Ich habe sofort meine Sachen gepackt, ich hatte ja keine Wahl."

Gretel Bergmann sollte eine von drei Alibi-Jüdinnen in der deutschen Olympiamannschaft sein, zusammen mit den „Halbjuden" Helene Mayer und Rudi Ball. Ihre Berufung in die „Kernmannschaft", sollte den Boykott der USA verhindern. Den Handel zwischen den Nazis und den Amerikanern fädelte der damalige IOC Präsident Avery Brundage ein, derselbe, der 1972 in München nach dem Attentat auf die israelischen Sportler verkündete, „The Games must go on." Einen „abscheulichen Menschen", nennt Gretl Bergmann Brundage heute noch immer.

Bergmann ging nach Stuttgart und bereitete sich dort artig auf Olympia vor, wohlwissend, dass es zu einem Start ja doch nie kommen würde. „Eine jüdisches Mädchen vor 100,000 Zuschauern, womöglich eine Siegerehrung, bei der Hitler mir hätte gratulieren müssen? Das wäre nie passiert – „That wouldn't fly" - sagt sie in jener besonderen, ihr eigenen Mischung aus New Yorker Dialekt und schwäbischer Intonation. Fortan lebte sie in ständiger Sorge darum, wie die Nazis sie wohl stoppen würden. „Ich habe mit dem Schlimmsten gerechnet."

Es ging schließlich glimpflich ab. Am 16. Juli 1936 bekam Gretl Bergmann einen Brief aus Berlin, dass ihre Leistungen eine Nominierung für die olympischen Wettbewerbe nicht rechtfertigen würden. Und das, obwohl sie den letzten Wettbewerb mit einem Vorsprung von 20 Zentimetern vor der Zweitplazierten gewonnen hatte. Einen Tag zuvor, am 15. Juli, hatten die US-Athleten in New York den Dampfer nach Deutschland bestiegen.

Von den Spielen selbst bekam Gretl Bergmann nichts mehr mit. Sie weiß nicht einmal mehr genau, wo sie sich während der Zeit aufgehalten hat. „Ich glaube, ich bin nach Baden Baden gefahren. Ich wollte nur weg von allem." Ihr geliebter Sport, von den Nazis so übel missbraucht, war ihr egal, sie wollte nur noch eines – raus aus Deutschland. Kurz darauf war sie unterwegs nach New York.

Ihr großer Bruder war bereits dort und nahm sie in Empfang. 1939 schafften es auch ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder. Ihr Vater hatte es geschafft „irgendeinem dummen Nazi", wie sie sagt, seinen Reisepass abzuluchsen. Vater Bergmann schloss sein Haus mit dem gesamten Besitz ab, drehte sich auf dem Absatz herum und saß wenige Tage später in einem Flieger nach London. „Wie er das geschafft hat, einen Flieger zu bekommen, hat er nie verraten." Seine internationalen Verbindungen als Industrieller werden dabei zweifelsohne geholfen haben, ebenso wie bei seiner Rettung aus Dachau. Sechs Wochen war er dort im KZ und als er nach Hause kam, erinnert sich Margaret Lambert, habe er nur noch 40 Kilo gewogen. Einen deutschen Arzt, der ihn behandelt, fand er trotzdem nicht. Lambert ist sich sicher, dass ihr Vater deshalb bereits mit 66 Jahren starb.

Trotz allem, was sie hat mitmachen müssen in ihrem bewegten Leben, ist Margaret Lambert eigentlich nicht verbittert. Sie kann herzhaft lachen und unter ihrer trockenen New Yorker Art liegt eine gehörige Portion Wärme. Wenn sie über die Konzentrationslager spricht, dann versteinert aber ihr sonst so lebendiges Minenspiel. „Mein Mann", sagt sie und zeigt in den Wintergarten, wo ihr 98 Jahre alter, kränkelnder Gatte in eine Decke gehüllt vor dem Fernseher liegt und Baseballübertragungen anschaut, „hat bis heute noch jede Nacht Albträume."

Bruno Lambert war auch Leichtathlet, er hat seine spätere Frau noch in Deutschland bei einem Trainingslager kennen gelernt. 1938 gelang auch ihm die Ausreise nach New York. Er war jedoch der einzige seiner Familie, der entkommen konnte. Alle anderen starben in den Lagern, 30 Menschen, „manche nicht älter als zehn Jahre", sagt Margaret Lambert und dabei wird ihr Blick bohrend und starr. Auch das ist ein Grund, warum ihr der ganze Trubel um ihre Person so absurd vorkommt. „Wissen Sie, diese ganze Olympiageschichte – das war doch gar nichts", sagt sie. Nicht jedenfalls im Vergleich zu dem, was damals so vielen anderen widerfuhr.

Der Holocaust war es viel mehr als ihr eigenes, wie sie noch immer findet, unbedeutendes Schicksal, der in ihr einen tief sitzenden Zorn gesät hat, einen Zorn, den sie ihr Leben lang nie so recht los wurde. Ein Zorn der sich zunächst nur gegen die Nazis richtete, lange Zeit auch gegen alles Deutsche. Er ist der Grund warum Margaret Lambert sich mehr als 60 Jahre lang, bis 1999, weigerte, nach Deutschland zu reisen und warum sie bis heute noch nicht wieder Deutsch spricht. Aber ihr Zorn machte dort nicht halt. Jede Form der Diskriminierung machte sie Zeit ihres Lebens wütend und das ist bis heute so.

Wenn sie etwa über die Rassendiskriminierung in den USA spricht, kann sie sich noch immer in Rage reden. „Sie können sich nicht vorstellen, wie enttäuscht ich war, als ich das hier mitbekommen habe", sagt sie. „Ich dachte, ich wäre in das Land der Freiheit gekommen." Auch diese Freiheit, das musste sie erfahren, hat jedoch ihre Grenzen und das ist für sie der Grund, warum sie zwar glücklich ist, in Amerika zu leben, sich aber bis heute nicht von ganzem Herzen als Amerikanerin fühlen kann.

Es sei für sie ein immenser Schock gewesen, sagt sie, als sie erfahren habe, dass Jesse Owens zuhause in bestimmten Restaurants keinen Tisch bekam und in bestimmten Hotels nicht übernachten durfte. Jener Jesse Owens, jener Held von Berlin, der das getan hatte, was ihr verwehrt geblieben war, nämlich Hitler zu blamieren und vor der ganzen Welt die absurde These von der arischen Überlegenheit zu widerlegen. „Es war so wundervoll, was er gemacht hat. Ich konnte das einfach nicht begreifen, dass man ihn zuhause so behandelt."

Ihre Erfahrung mit den Nazis hat Gretl Bergmann zu einer feurigen Kämpferin gegen jegliches Vorurteil gemacht, gegen jede Form der Stereotypisierung. Wenn sie beispielsweise Juden begegnet, die sich über Schwarze erheben, was in den USA nicht selten passiert, dann geht ihr der Kamm hoch. „Haben die Leute denn nichts gelernt?", kann sie sich, immer noch erhitzen. „Solchen Menschen möchte ich am liebsten an die Gurgel gehen."

Natürlich hat sie auch verstanden, dass ihr pauschaler Zorn gegen alles Deutsche, den sie jahrzehntelang gepflegt hat, ebenfalls in die Kategorie der Pauschalurteile gehört, die der Ursprung aller Übel sind. Sie hat deshalb schwer gerungen mit diesem Hass auf die Deutschen, der sie so viele Jahre lang beseelt hat. Erst heute, mit fast 100 Jahren auf dem Buckel, glaubt sie, ihn endlich überwunden zu haben. „Man ist doch kein guter Mensch, wenn man so viel Hass in sich trägt."

Angefangen habe ihr Heilungsprozess vor beinahe 30Jahren, als sie einen Brief vom Vorsitzenden ihres ehemaligen Sportvereins in Laupheim bekam. „Er hat sich bei mir entschuldigt. Er hat geschrieben, dass Deutschland mir etwas schuldet." In diesem Augenblick habe ihr Bild der Deutschen als der personifizierten Bösen, erstmals angefangen zu bröckeln. Es entsponn sich ein reger Briefwechsel der schließlich in eine Freundschaft mündete.

Bis sie es geschafft habe, das Bild des bösen Deutschen vollends abzulegen, dauerte es freilich noch. Als Margaret Lambert 1999 zum ersten Mal nach Deutschland flog, um eine verspätete Ehrung entgegen zu nehmen, gibt sie zu, habe sie zunächst irre Ängste gehabt. „Ich habe mir immer wieder sagen müssen, dass ich die neue Generation nicht für das verantwortlich machen darf, was ihre Väter getan haben." Und so gingen ganz langsam bei ihr die Türen auf.

Heute glaubt sie, mit Deutschland und den Deutschen versöhnt zu sein und das nicht zuletzt durch den Film. Die Filmcrew war bei ihr, der Regisseur, die Hauptdarstellerin, die sie ganz „entzückend" findet sowie zahlreiche deutsche Reporter. Durch alle diese Menschen habe sie ein ganz anderes, ein neues Deutschland kennen gelernt. „Sie haben mir alle immer wieder gesagt, wie leid ihnen das alles tut. Ich habe dadurch erfahren, dass die jungen Deutschen ein Gewissen haben. Und das hat mir gut getan."

Um zu beschreiben, wie es ihr heute geht mit ihrer Geschichte, wie sie heute auf ihr Leben zurück schaut, erzählt sie eine Geschichte. Der jüdisch-amerikanische Läufer Marty Glickmann, ein langjähriger Freund von Margaret, war damals 1936 im letzten Moment aus der amerikanischen 4 mal 100 Meter Staffel ausgeschlossen worden. Dahinter steckte eindeutig ein Kuschen vor Hitler sowie ein latenter Antisemitismus innerhalb der amerikanischen Olympiamannschaft - derselbe Antisemitismus, der die US-Delegation nach Gretl Bergmanns Ausschluss daran hinderte die Hitler-Spiele doch noch zu boykottieren, auch wenn die Schiffsreise schon gebucht war. Viele Jahre später sei Glickmann, der 2001 starb, nach Berlin in das Olympiastadion gereist und habe dort so laut er konnte alle Schimpfwörter in die leeren Ränge geschmettert, die ihm einfielen. Als er endlich erschöpft war, musste er anfangen laut zu lachen. So wie damals in Berlin fühlt sich heute auch Margaret Lambert. Sie hat genug geschimpft. Der Rest ist Leichtigkeit.

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