Ich war ein Möchtegern-Hippie

  • Egan
Pulitzerpreis-Tärgerin Jennifer Egan im Interview
(Berliner Zeitung, Foto: Pieter van Hattem)

Was bedeutete der Pulitzer Preis für Sie?

Praktisch gesehen, dass ich viel mehr Leser erreichen kann. Das darf man nicht unterschätzen. Wir leben in einer Welt, in der Branding sehr wichtig ist und der Pulitzer ist eine Marke, die jeder erkennt. Wenn man mit einer solchen Marke in Verbindung gebracht wird, ändert das sofort Deinen Status. Aber verändert es wirklich Dein Leben? Ich glaube nicht. Man müsste vorher schon ein komische Leben geführt haben, wenn das alles verändern würde.

Wie ernst nehmen Sie es denn als Würdigung Ihrer Kunst?

Nun, ich war selbst schon bei großen Preisen in der Jury und ich weiß, dass es sich die Juroren gewöhnlich nicht leicht machen, wirklich das beste Buch zu finden. Andererseits darf man es natürlich nicht allzu ernst nehmen. Denn am Ende ist es eben doch nur eine Handvoll Leute, die eine Entscheidung treffen. Es hat auch viel mit Glück zu tun. Lesen hat mit Chemie zu tun und warum ein bestimmtes Buch bestimmte Leute anspricht bleibt meistens ein Rätsel. Ich bin oft unglaublich frustriert, wenn ich ein Buch liebe und meine Freunde können nichts damit anfangen. Es gibt da kein objektives Richtig oder Falsch.

Jedes Ihrer Bücher war bisher komplett anders. Wir das weiterhin so sein, obwohl Sie jetzt mit „Goon Squad" so großen Erfolge gehabt haben?

Wenn ich jetzt einfach versuchen würde, die Formel von Goon Squad zu reproduzieren, hätte ich nach meinen eigenen Maßstäben versagt. Es ist aber tatsächlich eine Herausforderung. Es schleicht sich ein wenig Angst ein, dass ich nie wieder etwas schreiben werde, was so gut ist, wied „Goon Squad". Ich habe beim Schreiben immer ein wenig das Gefühl, als würde mir jemand über die Schulter schauen und sagen, „Du hast den Pulitzer gewonnen? Das kann nicht Dein ernst sein."

Woran arbeiten Sie denn gerade?

Es ist ein historischer Roman. Ich möchte aber nicht so viel darüber reden. Ich habe das Gefühl ich rede im Moment mehr, als dass ich schreibe. Ich kann aber darüber sprechen, dass ich ein Zwischenprojekt gemacht habe, eine Kurzgeschichte oder Novelle, die im Juni im New Yorker erscheint. Darin geht es um eine der Figuren aus der Goon Squad.

Reden wir über das Buch. Es ist ein sehr dystopisches, pessimistisches Buch.

Wie kommen Sie denn darauf?

Nun die meisten Charaktere finden sich plötzlich in einer Lebenssituation wieder, die sie sich nie gewünscht hatten und in der Sie kaum mehr Handlungsspielrau haben.

Das sehe ich nicht so. Ich finde die Hauptfiguren stehen am Ende alle gut da. Ich höre das oft mit der Dystopie aber ich verstehe das nicht. Die Charaktere haben Höhen und Tiefen aber das ist das ganze normale Leben. Man muss Kompromisse schließen im Leben und das mag niemand aber für mich ist das einfach nur ein Teil des Erwachsenwerdens. Na klar könnte ich sagen, ich wollte ein Rockstar sein und jetzt mich nur eine Schriftstellerin, die in Brooklyn lebt. Das hat aber doch nur mit der Perspektive zu tun, die man einnimmt.

Aber das Buch zeichnet doch ein sehr pessimistisches Bild der amerikanischen Kultur in den letzten 30 Jahren. Sie beklagen doch, dass es nichts mehr gibt, was nicht im Hinblick auf einen Markt produziert wird und dass wir alle als potenzielle Konsumenten von Verlaufsstrategen durchrationalisiert sind.

Es kann sein, dass einige der Charaktere in meinen Büchern so denken und fühlen. Das bedeutet aber nicht, dass es unbedingt auch meine Meinung ist. Es bedeutet sogar mit größter Wahrscheinlichkeit, dass es nicht meine Meinung ist. Benny im Goon Squad hat sicher sehr finstere Ansichten über Kommerzialisierung und deren Folgen für die Kunst. Das ist aber nicht unbedingt meine Meinung. Ich glaube ich mache mich sogar eher über solche Moralisiererei lustig. Was mich viel mehr interessiert, als einen bestimmten Standpunkt zu vertreten, ist, viele verschiedene Standpunkt miteinander ins Spiel zu bringen.

Aber ihr Buch dreht sich um die Musikindustrie und wie sie sich entwickelt und sie beschreiben die Entwicklung von der genuinen Subkultur des Punk hin zur heutigen Beliebigkeit, wo alles nur noch ein Produkt ist.

Sicher, aber ich versuche mich doch vor irgendeiner Bewertung zu hüten. Wenn sich in der Kultur etwas tut, dann macht mich das neugierig. Aber wenn ich einfach nur denken würde, etwas ist schlecht würde ich keine Literatur darüber schreiben, dann würde ich einen Artikel schreiben. Didaktische Literatur interessiert mich nicht. Natürlich hat die Musikindustrie absurde Züge, vielleicht auch gefährliche. Aber unter dem Strich sind das für mich in erster Linie Menschen, die ihren Job machen. Nehmen wir das Kapitel in dem Dolly den Job als PR Berater für einen Diktator annimmt. Man könnte sagen – das ist aber fürchterlich. Aber dann würde man nicht begreifen, worum es geht. Es ist eine Satire.

Das Buch ist also kein Kommentar zur gegenwärtigen amerikanischen Kultur?

Es hat natürlich seine ernste Seite. Eine unserer problematischeren Erfindungen ist sicherlich unsere Fixierung auf Bilder und auf Bildkultur und unsere Besessenheit damit, Identitäten zu erzeugen, die nur aus der Oberfläche bestehen. Das hat mit dem amerikanischen Versprechen zu tun, sich immer wieder neu erfinden und alte Identitäten abwerfen zu können. Das interessiert mich sehr, aber ich will mehr, als nur ein plattes Statement dazu abzugeben. Das wäre zu leblos und zu wenig verspielt.

Wenn es nicht in erster Linie um Kommerzialisierung geht, was hat sie dann vor allem an der Musikindustrie gereizt?

Goon Squad ist eine sehr direkte Antwort auf Proust und bei Proust spielt Musik eine riesige Rolle, sowohl als Organisationsprinzip, als auch als Handlungselement. Außerdem hat mein Buch ja auch sehr viel mit Zeit zu tun und Zeit und Musik sind untrennbar miteinander verwoben. Heute mehr denn je, denn heute hat jeder seine Playlist und seine Songs. Man kann sich durch sein Leben und seine Erinnerungen bewegen, indem man einfach nur den Song wechselt. Zu guter Letzt wollte ich als Journalist immer etwas über die Musikbranche schreiben, habe es aber nie geschafft einen Auftrag für einen Artikel darüber zu bekommen.

Und das haben Sie jetzt nachgeholt.

Ja, ich finde es ungeheuer faszinierend, wie die Branche mit dem Übergang ins digitale Zeitalter dabei ist, in sich zusammen zu fallen. Das ist eine dramatische Situation. Das alte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr, es ist praktisch nicht mehr möglich Alben zu machen. Ein wenig wollte ich mit Goon Squad auch eine Art Konzeptalbum machen.

Goon Squad sind also eine Reihe von Tracks, die auch unabhängig voneinander stehen könnten.

Ich hatte ursprünglich die Idee das Buch chronologisch rückwärts zu schreiben, genau anders herum wie Proust. Das hat aber nicht wirklich funktioniert. Es hat sich heraus gestellt, dass ich Chronologie völlig fahren lassen muss. Stattdessen ist die Neugier die treibende Kraft für den Erzählfluss geworden. Chronologisch springt das Buch scheinbar wild hin und her und die einzelnen Kapitel können sehr gut auch alleine stehen. Dennoch hat der Leser immer wieder diese Aha-Momente, in denen plötzlich seine Neugier befriedigt wird.

Der Goon Squad dreht sich um eine Gruppe von Leuten, die sich als Jugendliche Ende der 70er Jahre in San Francisco in der Punk Subkultur kennen lernen. Waren Sie auch Teil dieser Subkultur?

Nicht so sehr. Der Kontext, den ich beschreibe, ist sehr akkurat, so viel kann ich verraten. Ich habe damals in San Francisco gelebt, die Schule der Figure ist stark meiner High School nachempfunden und ich habe auch viel Zeit in dem Punk-Club zugebracht, der auch im Buch eine große Rolle spielt. Aber ich war nicht so sehr ein Punk, wie diese Kids, ich war mehr ein Möchtegern-Hippie. Ich habe viel 60er Jahre Musik gehört. Ich habe es immer sehr bedauert, dass ich die 60er Jahre verpasst habe. Ich meine, ich habe Punk gemocht aber nicht so, wie ich die „Who" geliebt habe. Was mich an Punk interessiert hat, war eher, dass es eine derart radikale Ablehnung von allem war, was mir heilig ist. So konnte ich mir einbilden, dass es vielleicht doch nicht so schlimm ist, dass ich das Alles verpasst habe.

Sie haben also zwischen allen Stühlen gesessen. Zu spät für die 60er Jahre und nicht wirklich dazu bereit, sich mit ganzem Herzen in den Nihilismus des Punk hinein zu stürzen.

Ich hätte das nie über mich bringen können, mich da mit Haut und Haaren hinein zu stürzen. Ich habe wohl einen Instinkt zur Vorsicht, für den ich mich damals gehasst habe. Aber im Nachhinein bin ich dafür dankbar. Es war die Zeit kurz bevor AIDS entdeckt wurde, es gab damals viele Leute die infiziert waren. Die Punks haben alle gefixt, wenn ich mit denen damals Nadeln geteilt hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Man musste außerdem eine sehr dominante Persönlichkeit haben um die Punk – Attitüde wirklich durchzuziehen. Das hat mir gefehlt. Aber es hat mich damals sehr geärgert, dass ich es nicht über mich gebracht habe, mehr dazu zu gehören.

Ist es eine Grunderfahrung für Sie, nirgends richtig dazu zu gehören?

Ja, das war schon immer so. Der einzige Ort, von dem ich das Gefühl habe, wirklich hinzugehören, ist mein Familienleben.

Die Biografien der Goon Squad Figuren sind allesamt schwierig und verworren. Ist das Buch auch ein Buch über die Gefahren, die es bedeutet sich dem Nihilismus hinzugeben und über die Schwierigkeiten, sich davon jemals wieder zu erholen?

Das war eine meiner größten Befürchtungen bei dem Buch, dass es als Warnung vor einer unmoralischen Lebensweise verstanden wird. Ich kann mir nur vorstellen, wie Newt Gingrich das Buch lesen würde. In meiner Erfahrung waren es aber nur die Leute, die von vorne herein psychische Probleme gehabt haben, die sich von diesen extremen Zeiten nicht erholt haben.

Man kann also nicht das kulturelle Umfeld, in dem man groß geworden ist, dafür verantwortlich machen, was man aus seinem Leben macht oder auch nicht.

Auf keinen Fall. Ich glaube fest an die Verantwortung des Einzelnen.

Das ist interessant, dass sie das sagen. In ihrem Buch gibt es die Figur Dolly, die ohne ihr eigenes Zutun dazu gezwungen ist, für einen Diktator PR Arbeit zu machen. Trotzdem ist sie letztlich eine sympathische Figur.

Ich denke, das entscheidende an Dolly ist, dass sie eine Tochter hat und dass sie alles machen würde, um ihre Tochter zu unterstützen und zu unterhalten. Ich glaube, das ist etwas, womit sich jede Frau identifizieren kann. Ich würde auch alles tun, um meine Kinder zu füttern.

Können Sie sich vorstellen, PR zu machen, um Ihre Familie zu ernähren?

Ich kann mir alles vorstellen. Es ist ein echtes Problem für mich. Meine Fantasie funktioniert so, dass ich mir alles vorstellen kann. Es ist schwer für mich, mich davor zurück zu halten, in das Leben anderer Leute einzutauchen und mir vorzustellen, wie es wäre in ihren Schuhen zu stecken. Aber das ist eine merkwürdige Art zu leben. Ich muss dem aktiv wiederstehen. Natürlich würd es mir schwer fallen, wenn ich PR mache, mich wirklich dafür zu begeistern, was ich tue.

Die Figuren in ihrem Roman ringen beinahe alle damit, dass sie dazu gezwungen sind, etwas zu tun, was sie nicht wirklich interessiert.

Es ist ein unglaublicher Luxus, das zu tun, was einen interessiert. Nicht einmal das berühmte eine Prozent in Amerika interessiert sich wirklich dafür, was sie tun. Im Gegenteil, sie versuchen nur, viel Geld zu verdienen. Ein Job zu machen, für den man sich begeistert ist der heilige Graal. Aber ich denke jeder würde das vorziehen, wenn er die Wahl hat.

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