Museum als Gesamtkunstwerk

Die Barnes Foundation in Philadelphia

Sie wirkte reichlich verloren, die Gruppe von älteren Damen, die in ihren Shorts und Joggingschuhen nicht so aussahen, als seien sie Stammgäste in Kunstmuseen. Ein Tour-Bus, der ihnen die Sehenswürdigkeiten von Philadelphia vorführen sollte, hatte sie hier in der Barnes Foundation, der neuesten Attraktion der Stadt, abgeladen und jetzt versuchten sie verzweifelt sich aus den engen Räumen, durch die sie sich schoben, einen Reim zu machen.

Doch weder das nervöse Herumtippen auf dem i-pod, der ihnen als elektronischer Führer mitgegeben wurde, schien zu helfen, noch die in den Räumen ausgelegten, spärlichen Kataloge. Niemand wollte Ihnen erklären, warum etwa hier ein El Greco zwischen einem Cezanne und einem Renoir hingen, ergänzt durch einen Van Gogh, einen Lucas Cranach sowie eine Kleidertruhe aus dem ländlichen Pennsylvania des 18. Jahrhunderts. Oder warum dort eine Renoir-Landschaft unter einen Modigliani Akt arrangiert wurde, flankiert von Heiligenbildern aus dem Neu Mexiko des 18. Jahrhunderts.

Den tieferen Sinn dieser Arrangements, so will es die strenge Verfügung des Stiftungs-Gründers Alfred Barnes, soll sich der Betrachter alleine erschließen – ohne kunsthistorische Anleitung, die es erlaubt Werke oder Räume schnell in einer geistigen Schublade abzulegen. Wenn der Besucher sich nicht die Mühe macht, sich über den formalen und inhaltlichen Zusammenhang der Bilder und Gegenstände selbst Gedanken zu machen, dann wird er aus der Barnes Foundation außer einer leichten Verstörung nichts mitnehmen können.

Doch es sind gerade diese idiosynkratischen „Ensembles" des 1951 verstorbenen Pharma-Industriellen und Kunst-Sammlers Albert Barnes, die das neue Haus im Museumsdistrikt von Philadelphia zu einem der „großen amerikanischen Museen" macht, wie die mit Superlativen ansonsten eher geizende New York Times lobte.

Sicher, Barnes hat die vielleicht bedeutendste Kollektion an impressionistischer und früh-moderner Kunst der Welt angehäuft, darunter 181 Renoirs, 69 Cezannes, 46 Picassos und 59 Matisses. Doch Barnes war alles andere, als ein typisch amerikanischer Räuberbaron, dem es nur darum zu tun war, europäische Kunstschätze in seine protzige Villa zu schleppen, um damit seinen Geschmack zu demonstrieren und sein Investment-Porfolio zu diversifizieren. Im Gegenteil, Barnes ließ die Sammlung nie bewerten. Dass sie heute geschätzte 25 Milliarden wert ist, hätte ihn nicht interessiert. Vielmehr wollte Barnes die Bilder haben, um mit ihnen seine spezielle, speziell amerikanische Kunst-Theorie in die Praxis umzusetzen.

Barnes, der als Arbeitersohn in Philadelphia aufwuchs und sein Vermögen mit dem Patent für ein Antibiotikum machte, war eng mit dem amerikanischen Philosophen John Dewey befreundet und zutiefst von seinem Werk beeinflusst. Seine eigene kunsttheoretische Abhandlung „The Art in Painting" war eine Art Fortschreibung von Deweys ästhetischer Theorie, die dieser 1932 in einer Vorlesungsreihe in Harvard entwickelt hatte.

Die Theorie war in vielerlei Hinsicht die pragmatische, amerikanische Antwort auf den europäischen Idealismus. Im Mittelpunkt stand nicht das Werk und irgendwelche transzendentalen Wesenheiten, die es transportiert, sondern die Rezeption. „Kunst als Erfahrung", Titel von Deweys ästhetischem Hauptwerk, war Programm. Kunst ist nicht laut Dewey, sie entsteht - in Vorwegnahme der Rezeptionsästhetik – im Dialog mit dem Betrachter.

Dahinter steckte ein zutiefst demokratischer Impuls. Das Werk und das Künstler-Genie wurden von ihrem Podest geholt, die scharfe Trennung von Alltagserfahrung und ästhetischer Erfahrung wurde aufgehoben. Ebenso die Trennlinie zwischen „hoher" Kunst und etwa dem Schaffen von Gebrauchsgegenständen. So hängen in der Barnes-Sammlung Scharniere von pennsylvanischen Schmieden gleichberechtigt neben Picasso.

Das Ziel der ästhetischen Erfahrung in der pragmatischen Theorie war dann auch nicht die Kontemplation von Abstraktionen sondern die gemeinsame Erfahrung des menschlichen Schöpferdrangs. Kurz – das Ziel war die Gemeinschaft auf Grundlage der universellen Humanität. Eine amerikanische Utopie.

Der gerade entstehende Impressionismus, der den Prozess der Umsetzung von Sinneseindrücken in Bilder thematisiert, war für Barnes die ideale Kunstform, um dieses Ziel zu erreichen. Und so reiste er unermüdlich nach Frankreich um die besten Werke in seine Villa in Merion, einem Vorort von Philadelphia, zu schleppen. Dort entstanden dann die Ensembles, die jetzt in der neuen Barnes-Foundation in der Innenstadt rekonstruiert wurden.

Das Haus in Merion, rund sechs Kilometer von den Touristenattraktionen der Stadt entfernt, war ein Gesamtkunstwerk, in dem der Betrachter dazu gezwungen wurde, nicht einzelne Werke zu studieren, sondern über das Wesen der Kunst nach zu denken. Barnes hatte die Villa vom Architekten Paul Cret um die Sammlung herum bauen lassen und in seinem Nachlass hatte er streng verfügt, dass auch nicht ein einziger Gegenstand jemals verrückt wird. Leihgaben waren tabu, der Verkauf auch nur eines Bildes an ein Museum ohnehin. Museen dienten in Barnes Weltanschauung nur dazu, die Kunst wieder aus der Alltagserfahrung heraus zu reißen, in die sie eingebettet gehört.

Dass seine Sammlung nun doch zu einem Museum an der Touristenmeile von Philadelphia geworden ist, ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Gezerres zwischen den Barnes-Treuhändern und den Politikern der Stadt. Die Intrigen und Machenschaften waren bizarr genug, um daraus einen Dokumentarfilm zu drehen. Sie zu rekonstruieren würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Fest zu halten ist jedoch, dass die Eröffnung der neuen Barnes Foundation von den Puristen mit großer Skepsis erwartet wurde. Auch, wenn die Ensembles originalgetreu rekonstruiert wurden – würde es möglich sein, den Geist von Merion in eine große kommerzielle Kunsteinrichtung zu transportieren? Oder würde sich Albert Barnes mit Grauen abwenden, wenn er sein neues Haus betritt?

Die Antwort ist eindeutig Jein. Die New Yorker Architekten Tod Williams und Billie Tsien haben es mit ihrer zurückhaltenden Bauweise, den leichten Materialien und vor allem mit hochmoderner Lichttechnik ausgezeichnet fertig gebracht, zumindest die Bedingungen für eine intime Begegnung mit dem Universum von Albert Barnes zu schaffen.

Die dicht gedrängten Touristenmassen, die Barnes ein Gräuel gewesen wären, lassen sich unter den neu gegebenen Umständen jedoch wohl nicht vermeiden. Dennoch muss diese gänzlich originelle und wundersame Einrichtung für den kunstinteressierten Amerika-Reisenden in Zukunft wohl ganz oben auf der Liste stehen.

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